Eduard Thurneysen, Erwägungen zur Seelsorge am Menschen von heute (1969): „Denn das letzte Wort Gottes ist immer Sieg und Auferstehung.“

Erwägungen zur Seelsorge am Menschen von heute

Von Eduard Thurneysen

Von was reden wir, wenn wir von Seelsorge sprechen? Es sei mir jede begriffliche Definition erlassen. Ich habe sie an anderer Stelle mehrfach gegeben[1]. Ich möchte sie nicht wiederholen, sondern von ihrer Anwen­dung handeln. Es wird dabei von selber deutlich werden, um was es in der Seelsorge geht. Sie ist als solche primär Aktion, und erst im Rück­blick darauf wird sie auch zur Theorie. Schlicht, aber erschöpfend aus­gedrückt ist sie Umgang mit dem Menschen, und zwar mit einem be­stimmten einzelnen in seiner Zeit und Welt lebenden, also mit einem je heutigen Menschen.

Dieser Umgang steht allerdings unter einer bestimmten Vorausset­zung. Diese bezieht sich sowohl auf den jeweiligen Seelsorger wie auf den Adressaten, an den er sich richtet. Der Seelsorger muß an sich selber Seelsorge erfahren haben als Glied einer Gemeinde, die unter dem Namen Jesus Christus steht. Er muß aber keineswegs ein Kleriker sein. Im Gegenteil, Klerikalisierung in irgendeinem Sinne kann Seelsorge geradezu verderben. Das erfährt jeder, der als „Herr Pfarrer“ auf den Plan tritt. Man nimmt seinen Zuspruch nicht ganz ernst, weil er ihn als eine von ihm berufsmäßig erwartete Pflichtübung ausübt. Ein Pfarrer oder Gemeinde­ältester ist selbstverständlich zur Seelsorge berufen, aber nicht anders als irgendein Gemein­deglied. In der pluralistischen Mas­sengesellschaft von heute sind wir angewiesen auf den Seelsorgedienst aller Glieder einer Gemeinde. Seelsorge tut ihr Werk durch Aufsuchen und Begleiten von Menschen, die mit den Fragen ihres Daseins nicht fertig werden, weil sie in einer Entfremdung leben, Gott und von daher auch sich selber und ihren Mitmenschen gegen­über. Um die Durch­brechung dieser Entfremdung geht es in der Seelsorge. Der Seelsorger versucht es, im Umgang mit einem Nächsten diesen in den Umgang zu führen, in welchem Gott immer schon mit allen Menschen steht. Gott ist der menschennahe Gott. Aber wo ist er zu finden? Die traditionelle Antwort lautet: in seinem Wort in der Heiligen Schrift. Diese Antwort [213] ist gewiß richtig. Aber gerade die Heilige Schrift verweist uns auf allen ihren Blättern auf das lebensgeschichtliche Dasein, in welchem wir uns immer schon vorfinden. Hier in unserm alltäglichen Leben will Gott uns begegnen, um sich an uns als unser Vater und Erlöser zu erweisen. Deshalb ist Gott selber in Jesus Christus in unser menschliches Dasein eingegangen, um uns zu suchen, damit wir uns von ihm finden lassen. Um dieses Suchen Gottes nach den von ihm wegverlorenen und ver­irrten Menschen geht es in der Seelsorge Jesu selber. Er tritt zu allen Mühseligen und Beladenen, läßt sich verwickeln in ihr armes Dasein mit all seiner Schuld und Not und ruft sie zu sich (Matth. 11,28). Er redet ihre Sprache, um sie zu erquicken mit dem Heil seines kommen­den Reiches. So erzählt er, wie ein Mann seinen Acker umgräbt und darin unvermutet einen Schatz entdeckt. Oder wie eine Frau ihre Kam­mer kehrt und dabei den verlorenen Groschen findet, der ihr Nahrung und Hilfe bedeutet. So über­raschend und doch so nah und verständlich geht es zu, wenn Gottes Reich vor den Menschen aufgeht als das uner­hört Neue, das ihr ganzes Leben verwandelt. Und wie einfach wird es mit dem Beten. Jesus redet von einem Vater, der mit den Seinen zu Tische sitzt. Eines der Kinder verlangt nach Brot, und der Vater gibt ihm Brot und keinen Stein. Um wieviel mehr, sagt Jesus, wird der Vater im Himmel seinen Heiligen Geist, und das ist seine ganze Nähe und Gegenwart, geben denen, die ihn bitten (Luk. 11,11-13). Wie werden da die vielen Worte, welche die Frommen gleich den Heiden machen, wenn sie beten, weggewischt! Wie lebens­fern und armselig geht es doch immer wieder in unserer kirchlichen Seelsorge zu. Unsere Theologen reden heute großartig von einem neuen „Sprachgeschehen“, das sich ereignen müsse. In der Tat, darum ginge es. Aber es müßte schon das biblische Sprachgeschehen selber sein, das in großer Profanität als jenes von Bonhoeffer geforderte „areligiöse“, aber gerade so zum wirklich rückhaltlos von Gott und seinem Tun an uns sprechenden Reden würde. Es ginge dann auch unsern Zeitgenossen auf wie ein Licht in der Nacht, daß sie ganz unmittelbar zu Gott gehören. „Ihr Menschen seid Gottes!“, so hat es der jüngere Blumhardt seinen Zu­hö­rern zugerufen. Er war einer der großen Seelsorger um die letzte Jahrhundertwende. Die Fach­theologie hat ihn kaum beachtet, den Kir­chenleuten war er verdächtig, aber von zahllosen seiner Zeitgenossen, auch ganz unkirchlichen, ist er gehört und verstanden worden. Ich selber habe noch als Schüler und Student Gespräche mit ihm führen dürfen, die mir zum Leitbild echter Seelsorge geworden sind. [214]

Mit dem bisher über Seelsorge Gesagten soll die Bedeutung der Predigt im sonntäglichen Gottesdienst keineswegs herabgesetzt werden. Die Erneuerung der Kirche, um die es heute ganz gewiß geht, ist damit nicht zu erreichen, daß man das Gewicht ausschließlich auf die Seite der Seelsorge verschiebt. Predigt muß weiter ergehen, aber sie wird ihrer­seits seelsor­gerlich ins Leben hineingreifen müssen und damit auch zur eigentlichen Seelsorgearbeit hin­führen. Man hat erkannt, daß es in der Diasporasituation, in welcher die Kirche in der säkula­ren Welt von heute steht, mehr als je auf Begegnung und Dialog und also auf Seel­sorge innerhalb und außerhalb der Gemeinde ankommt, während die Bedeutung der Sonntagspre­digt mehr und mehr absinkt, weil sie als bloßer Monolog des Mannes auf der Kanzel gewertet wird. Man über­sieht dabei, daß auch der seelsorgerliche Dialog nur dann möglich wird, wenn eine Verkündigung dahintersteht, ohne welche Begegnung und Dialog aller Substanz verlustig gehen und in Unverbindlichem stecken bleiben könnten.

Wir stellen daher als weitere Erwägung eine Überlegung über die Botschaft an, welche hinter Predigt und Seelsorge stehen muß. Es ist das Evangelium von dem in Jesus Christus nahe her­beigekommenen Reich Gottes. Sie schließt in sich die Aufdeckung der Verlorenheit der Welt, aber zugleich und in einem unser aller Errettung im Angebot der Gnade Gottes. Dieses Ange­bot erfolgt in der Gestalt von der machtvoll über uns kommenden Heilstat Gottes. Gott selber eilt seiner Menschen­welt zu Hilfe in der Sendung seines Sohnes. Durch sein Wort und seine Taten wird das Leben der Menschen aller Zeiten und Räume universal verändert und neu be­stimmt. Die Menschheit wird zur Buße gerufen. Sie geht einem letzten Gericht, aber in diesem Gericht der alles ver­wandelnden Gnade Gottes entgegen. Darum gilt: Kein Mensch, dessen Dasein nicht trotz aller Verderbnis, trotz allem Todesgeschick, unter dem er steht, im Lichte dieser Verheißung einer endgültigen Erlösung aller Kreatur gesehen werden dürfte und müßte. Seelsorge sieht darum in jedem Menschen, mit dem sie es zu tun bekommt, auch wenn er noch nichts von Gott weiß, prospektiv ein Kind Gottes. Diese Voraussicht gründet nicht in einer dem Menschen als solchem innewohnenden Fähig­keit und Möglichkeit, in eigener Kraft dem Gefängnis seines sündigen Daseins zu entrinnen. Seine Errettung steht als eminent reale Bestim­mung von Gott her über der ganzen Menschenwelt. Sie ist das große Vonvornherein, „das Realissimum der für Alle und an Allen gesche­henen göttlichen Heilstat“ (Karl Barth in K. D. IV/3). Das ist keine [215] jener metaphysischen Aussagen, deren wir heute so müde geworden sind, sondern diese Heilstat ist als geschichtliche Wirklichkeit erschienen im menschlichen Leben Jesu Christi mit allem, was es impliziert an irdischem Geschehen und göttlichem Hintergrund. Jesus Christus ist ja nicht nur eine mehr oder weniger deutlich er­kennbare Gestalt der Ver­gangenheit, sondern er ist der Gesendete Gottes, der sich in seinen im Heiligen Geist ergehenden Worten und Taten als der von den Toten erweckte lebendige Retter und Heiland aller Menschen erwiesen hat und fort und fort erweist und dereinst in sei­ner letzten Parusie vor allen Geschlechtern der Erde offenbar werden wird.

So lautet die Botschaft, so das Angebot Gottes, das als Evangelium aller Welt ausgerichtet werden will. Nun wird aber heute darüber ge­klagt, daß dieses Angebot auf wenig Nachfrage stoße. Und in der Tat sind unsere Gottesdienste weithin entleert. Woran liegt das? Sicher nicht am Angebot Gottes selber. Aber könnte es nicht daran liegen, daß die Gemeinde von heute wenig oder keine Vollmacht mehr hat, Gottes Wort lebendig zu hören und auszulegen, ob­wohl sie fieberhaft und mit Recht nach neuen Formen des Gottesdienstes sucht. Das Schlag­wort von „Angebot ohne Nachfrage“ ist darum nicht so sehr eine Anklage gegen den Men­schen von heute, der die Kirche links liegen läßt, als vielmehr eine solche an die Kirche sel­ber, der es offenbar an lebenerweckender Verkündigung gebricht. Ist das Grund dafür, daß heute jene Bewegung auf den Plan tritt, welche die Kirche mit der Parole „Kein anderes Evan­gelium!“ zu neuem Leben erwecken will? Wir können uns dieser Bewegung nicht anschlie­ßen. Sie ist repressiv ausgerichtet. Sie gräbt wohl die Kanäle ihrer Bekenntnisformeln, ohne sie doch mit dem lebendig strömenden Wasser einer neuen Verkündigung füllen zu kön­nen. Heute geht es um Progression, um einen Vorstoß zu einer von den Quellen des Wortes Gottes her sich erneuernden Gemeinde. Also gewiß „kein anderes Evangelium“, aber das Evangeli­um ganz anders ausge­richtet, darauf steht unsere Hoffnung.

Werfen wir von da aus einen Blick auf die Theologie von heute. Sie arbeitet an solch einem Vorstoß, aber setzt sie ihn an der rechten Stelle an? Wir denken an die sogenannte “Theologie der Existenz“. Sie erhebt den Anspruch eines neuen Erhebens der Glaubensbotschaft aus den biblischen Texten. Sie setzt an beim Problem der Sprache. Die Sprache von heute entspreche, so wird uns da gesagt, in keiner Weise mehr der Sprache der biblischen Zeugen. Das hänge zusammen mit einer Diffe­renz der Weltbilder. Das Weltbild der Moderne sei durch einen tiefen [216] Graben getrennt vom mythischen Weltbild der Antike. Also muß alles Mythische im biblischen Denken und Reden weggestrichen und die biblische Sprache übersetzt werden in die Sprache von heute. Wir haben mit der modernen Denkweise und Sprache, wird uns wei­ter versichert, eine Freiheit gewonnen veralteten Überlieferungen und Dogmen ge­genüber. Es erwächst ein neues Selbstverständnis, das der Selbstent­fremdung unseres Lebens ein Ende setzt. Wir treten wie neugeboren an unser Dasein heran. So wird uns verheißen von den Ver­tretern der neuen Theologie. Ich erläutere, was da gemeint sein möchte, an dem modernen Bühnenstück „Biografie“ von Max Frisch. Es bietet, wenn man so sagen will, einen Fall säku­larer Seelsorge dar. Es wird nämlich dargestellt, wie ein Mensch von heute sein Dasein neu beginnen möchte. Das Leben, das er bisher durchlebt hat, ist eine Art erster Entwurf, zu dem sein neues Leben die Reinschrift bedeutet. Der Held des Stückes will zwar nicht die Welt, aber er will seine eigene Biographie verwan­deln. Ist das nicht eine säkulare Parallele zur pietistischen Seelsorge­lehre, aber auch eine Parallele zur Erlangung jenes neuen Selbstver­ständnisses und der Existenzerhellung, wie sie die neue Theologie ver­spricht?

Solch eine Veränderung des eigenen, individuellen Lebens ist gewiß nichts Geringes. Aber im biblischen Zeugnis beider Testamente geht es nicht nur darum, sondern es geht um etwas ganz anderes, dem allem gegenüber völlig Neues. Es wird dort nicht nur ein neues Weltbild, son­dern es wird eine völlig neue, das ganze Dasein verwandelnde Dimension erschlossen, die Dimension des lebendigen Gottes, die alle alten und neuen Weltbilder sprengt. Aber ist es nicht das, wonach wir verlangen? Wir schauen aus nicht nur nach einer Anpassung der bibli­schen Vorstellungen von Gott, Welt und Mensch an unsere heutigen Begriffe, wobei wir ja doch in den Strukturen der alten Welt gefangen bleiben würden. Sondern wir schauen aus nach einem Ausbruch aus den Fesseln aller Strukturen und Institutionen dieser Welt und ihrer Ge­sellschaft, in denen wir gefangen liegen. Ein Exodus gleich dem, den das Volk Gottes nach dem Bericht des Alten Testamentes aus Ägypten vollziehen konnte, müßte auch uns ge­schenkt werden. Dazu bedarf es aber eines Eingriffes von außen und von oben, jener neuen Tat Gottes, wie sie in der Botschaft Jesu vom kommenden Reiche verheißen ist. Daß die neue Theologie der Existenz uns an dieser Stelle im Stiche läßt, weil uns in ihren existential ge­nannten Auslegungen der biblischen Texte der Anruf des lebendigen Gottes in seinem Worte doch wieder [217] nicht erreicht, das ist bei allen unaufgebbaren Ergebnissen ihrer wissen­schaftlichen Forschung ihre Grenze.

Aber nun gibt es heute noch jene andere Theologie, die „Theologie der Hoffnung“, die in ihrer letzten Konsequenz zu einer „Theologie der Revolution“ wird. Sie zielt allerdings auf die Erneuerung der Struk­turen und damit auf eine Verwandlung der ganzen Gesellschaft von heute. Sie fordert eine Auslegung der biblischen Texte, die über alle bloße Existenzerhellung hinausgeht und jene vom Menschen von heute ersehnte Umwandlung aller Dinge auf Erden ins Blickfeld bekommt. Sie ruft darum ausdrücklich nach einer politischen Hermeneutik der Bibel, einem Reden von Gott, das der großen Erneuerung der Welt, die von ihm her kommt, gerecht wird. Sie erwartet den Aufbau jener neuen „säkularen Stadt“, von der der Amerikaner Harvey Cox in seinem Buch “The secular city” so wunderlich träumt.

Diese ganze Theologie hat darin recht, daß sie die Weltsituation von heute mit ihrem Viet­namkrieg, der Negerfrage, dem Welthunger, der Massenverelendung in der Dritten Welt und der ständig drohenden Atomkriegsgefahr ernst nimmt[2]. Wir würden dieser Theologie zustim­men können, wenn nicht auch sie von einer schwerwiegenden Verkür­zung der biblischen Botschaft bedroht wäre. Wohl redet sie eindringlich vom kommenden Reiche Gottes. Aber wir vermissen die Eindeutigkeit, in welcher nach dem Neuen Testament Gott selber und allein es ist, der im Kommen seines Reiches sich dem Strom menschlichen Unrechtes und Leides auf Erden entgegenwirft. Es ist seine eigene, einmalige Tat, in der er vom Himmel her die neue Stadt auf Erden errichten will und in der Sendung seines Sohnes zu errichten schon begonnen hat, um sie in dessen endgültiger Wiederkunft zu vollenden. Unser Werk ist es, ihn darum zu bitten und anzurufen. Unsere ganze Hoffnung richtet sich allein auf ihn und seine alle Morgen neue Gnade und Treue. Solches unser Warten, Harren und Hoffen auf seinen Aufbruch und Einbruch in unsere vor ihm vergehende Zeit und Welt wird ganz gewiß immer wieder auch, ein freilich unzulängliches, menschliches Tun zur Folge haben, mit welchem wir, so gut es uns gegeben ist, uns auch unsererseits dem irdischen Unrecht und Leid ent­gegensetzen. Aber es bleibt dabei: nicht wir bauen das Reich der Gerechtigkeit, des Friedens und der [218] Liebe, Gott allein baut es. Und unser menschliches Tun dabei, und wäre es noch so revolutionär, wird nie mehr sein als eine zwar gebotene, aber gänzlich unzulängliche Ent­spre­chung und Antwort auf das große Tun unseres zu uns kommenden Gottes. Wir warten damit auf ihn und eilen ihm entgegen. Von solchem eschatologischen Warten und Eilen hat schon der ältere Blumhardt in Bad Boll zuversichtlich, eindringlich und freudig gesprochen. Gott ist es, der Macht und Gewalt hat, alles neu zu machen. Dies müßte A und O einer „Theo­logie der Hoffnung“ sein, die ihren Namen zu Recht trägt. Nun aber geschieht es, daß die Kir­che in ihrem Denken, Reden und Verkündigen die Botschaft vom kommen­den Reich immer wieder uminterpretiert in einen innergeschichtlichen Prozeß, der wohl von Gott ein­geleitet, aber unter Mitwirkung des Menschen in Gang gesetzt wird, und dessen Ziel ein von uns auf­zu­richtendes neues irdisches Dasein ist, eben jene technisch vollkommen durchstruk­turierte „Stadt ohne Gott“. Wo bleibt da das alleinige freie Handeln Gottes, der in Kreuz und Aufer­stehung seines Sohnes den alten, verdrehten, sündigen Menschen, der seit der Steinzeit bis heute der immer gleiche friedlose Gewalttäter geblieben ist, beiseite schafft und den neuen Menschen auf den Plan führt, jenen Menschen, den er „wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung auf das unverwelkliche Erbe, das in den Himmeln aufbehalten wird“? Solche rätsel­haft großen Worte (1.Petr. 1,3-5) reden jene eindeutige Sprache des bibli­schen Zeugnisses, die wir in der Theologie der Revolution vermissen. Überraschend und unbegreiflich wird durch die Epiphanie Jesu unsere irdische Zeit zu jener letzten Zeit, die heute schon, für die Augen des Glaubens sichtbar, erfüllt ist von dem Glanze, der mit dem kommen­den neuen Tag Gottes aller Nacht ein Ende bereitet.

Schon jetzt leben wir im „Warteraum der Zukunft“ (H. Cox), die Gott heraufführt. Sie deckt die Misere der menschlichen Lebensnot radikaler auf als alle unsere Revolutionsprogramme. Aber sie bringt auch das Lebensrecht ausnahmslos jedes Menschen an den Tag. Die im Warte­raum der Zukunft auf das Reich Hoffenden sind es, an die sich die Bergpredigt richtet[3]. Diese Hoffenden ruft Jesus auf zur zweiten Bitte des Unser Vaters und zu allem menschenmögli­chen Streit gegen das, was dem kommenden Reiche entgegensteht. Vielleicht werden sie da­bei wirklich auch in revolutionäre Bewegungen verwickelt und dabei [219] vor das Problem der Gewalt gestellt. Aber es sei nicht übersehen, daß es auch jenen völlig neuen gewaltlosen Widerstand gegen das Unrecht gibt. Auch der gewaltlose Widerstand ist revolutionär. Man denke an Martin Luther King! Aber er ist ein Widerstand von ungleich viel verheißungsvolle­rer Art als jeder gewaltsame Aufstand. Denn er ent­spricht trotz menschlicher Schwachheit der neuen Gerechtigkeit des Reiches Gottes. Er ist keine bloße Zuschauerei, sondern erfordert gan­zen Einsatz. Aber seine Träger bedenken, daß der Griff nach der Gewalt im Worte Jesu keine Verheißung hat. „Ihr wisset, daß die Fürsten der Völker sie knechten und die Großen über sie Gewalt üben. Unter euch soll es nicht also sein!“ (Matth. 20,25). „Gewalttäter kön­nen das Himmelreich nicht an sich reißen“ (Matth. 11,12). Denn: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“ (Matth. 26,52).

Mit all diesen Erwägungen haben wir das Feld menschlichen Tuns betreten. Damit stehen wir aber wieder vor der Aufgabe der Seelsorge. Sie hat den Auftrag, die konkreten Situationen menschlichen Handelns, in die wir von Gottes kommendem Reich gestellt werden, zu beden­ken und zu Entscheidungen zu rufen. Seelsorge, wo und wie sie auch ge­schehe, sieht den Menschen als Sünder, welcher der Vergebung bedarf. Dieser der Vergebung und Neugeburt bedürftige Mensch sind wir alle. Wir leben in der Vermassung der Völkerwelt. Ein großes Seufzen steigt aus ihr auf. Und immer ist das Eine, Gleiche gemeint, wo Menschen, bewegt von ihrer Lebensnot, streiten, weinen, klagen. Immer klarer tritt der eine Zug, die eine Rich­tung, der eine Sinn allen Suchens und Fragens hervor. Das, was uns fehlt, ist genau das, was die Bibel als Evangelium vom kommenden Reich beschreibt. Wir haben heute mehr als je ein tiefes Mißtrauen in uns gegen bloße Gedanken, Ideologien und Programme, und wären es die schönsten. Sie helfen uns nicht. Was uns hilft, ist nicht nur ein neuer Lebensentwurf, wie ihn die Philoso­phen aufstellen, heißen sie nun Heidegger oder Bloch oder Marcuse.Eine neue Kraft müßte über uns kommen, eine Kraft der Errettung für alle Menschen, wie sie das Evan­gelium verheißt. Warum wird es uns nicht angeboten? Warum wird es nicht ausgerufen so, daß wir es wirk­lich hören und verstehen können? Warum stehen wir, frage ich jetzt konkret, auch in unsern Kirchen wie vor einer Mauer, die durchbrochen werden müßte? Wir wissen doch, daß sie schon durchbrochen ist in Jesus Christus. Warum wird dieser sein Durchbruch nicht sichtbar und greif­bar für uns? Wir kennen doch seine Botschaft von der Vergebung aller [220] Sünden, von der Heilung aller Gebrechen, von der Errettung aus allem Verderben, selbst dem Verderben des Todes, von der uns verheißenen Gotteskindschaft und Brüderlich­keit aller Menschen! Aber wie ohn­mächtig ist die Rede davon unter uns. Sie müßte nicht ohnmächtig bleiben. Denn Christus ist auferstanden. Und sein Wort will durch Gottes Geist lebendig und kräftig werden an uns. Hören wir es doch recht, wagen wir es damit! Die Welt wartet auf das Evangelium. Gehen wir hin zu den Strömen lebendigen Wassers, gehen wir hin zu dem Einen, der uns sagt: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“

Was heißt das? Das heißt nichts anderes, als daß die Verkündigung des Wortes Gottes in Pre­digt und Seelsorge wieder neu ergehen muß. Und nun sei das Wort Seelsorge unterstrichen. Denn die Verkündigung durch die Predigt an alle muß zum Anruf an den einzelnen führen. Unzählige einzelne warten darauf, nur darauf. Ich rede aus Erfahrung. Jahrelang war ich Pfar­rer auf dem Dorfe, dann in einer Vorortge­meinde und endlich in einer Stadt. Im Umgang mit den Menschen, denen ich begegnete und bis heute begegne, wurde und wird mir immer neu der Wunsch entgegengetragen: Wir wollen Seelsorge, Aussprache je eines einzelnen oder einer Gruppe mit einem Seelsorger, der uns ver­steht. Auch Studenten verlangten in beson­derer Dringlichkeit Unter­weisung in der Seelsorge, ja, Seelsorge an ihnen selber.

Aber das Verlangen nach Seelsorge kommt noch von ganz anderer Seite, nämlich von den Ärzten. Ein Beispiel: Der Internist und Psych­iater Victor v. Weizsäcker gibt in seinen klini­schen Vorlesungen („Fälle und Probleme“) den Fall eines Mannes wieder, der an einer Sexual­neurose leidet, die von somatischen Störungen begleitet ist. Weizsäcker bringt die Neurose zur Heilung, und damit verschwinden auch die körperlichen Symptome. Der Patient kann entlassen werden. Aber Weizsäcker fügt ausdrücklich bei: „Wenn wir diesem Manne über die medizinische Behandlung hinaus nicht eine innere, seelsorgerliche Neu­aufrichtung seines Lebens zuteil werden lassen, so bleiben wir ihm das Beste schuldig.“ Und der bekannte Psychiater C. G. Jung erklärt in einem Vortrag vor Pfarrern: „Eines weiß ich, daß der allge­meine Gei­steszustand des Europäers ungefähr überall einen bedenklichen Mangel an Gleich­gewicht aufweist. Wir leben in einer Epoche von Ratlosigkeit, Nervosität und Verwirrung größten Ausmaßes. Unter meinen Patien­ten findet sich eine große Zahl solcher, die mich aufgesucht haben, nicht etwa weil sie nur an einer Neurose leiden, sondern weil sie in ihrem Leben keinen Sinn finden.“ In diesem Zusammenhang sagt Jung: „Das [221] Problem der Heilung ist ein religiöses Problem.“ Es handelt sich also bei der Not der Menschen von heute nicht nur um eine medizinisch-psychiatrische Frage. Es geht um die Botschaft des Glaubens. Jetzt kann uns deutlich werden, was Seelsorge ist. Sie unterscheidet sich von aller bloßen Psy­chologie und Psychiatrie. Denn sie hat einen eige­nen Auftrag. Die beiden Bereiche von Psy­chologie und Psychiatrie sind nicht zu verachten. Im Gegenteil, Seelsorge bedient sich ihrer zum Ver­ständnis des Menschen. Man muß den Menschen kennenlernen, um ihn in der rechten Weise anzureden. Denken wir an den Arzt. Er muß nicht nur um die Heilmittel wis­sen, son­dern ein guter Diagnostiker sein. Was nützen alle therapeutischen Kenntnisse, wenn die Dia­gnose falsch ist. Was hilft dem Seelsorger seine Bibelkenntnis und sein guter Wille, wenn er den Mann und die Frau nicht versteht, mit denen er ins Gespräch kommen will. In der Erar­beitung solcher Menschenkennt­nis kann die Psychologie große Dienste leisten. Und zur Psy­chologie kommt hinzu die Soziologie, das heißt die Erkenntnis der gesellschaft­lichen Wirk­lichkeit, in welcher der einzelne durch sein Herkommen und seinen Beruf zu leben hat. Diese Wissenschaften helfen sozusagen das Spielfeld des Lebens zu ebnen. Aber das Spiel selber, das nun beginnen muß, ist dem gegenüber etwas Besonderes und Eigenes.

Hier greift echte Seelsorge ein. Wir haben einen Aufbruch zu voll­ziehen aus aller Gefangen­schaft unseres Lebens. Da ist es mit psycho­logischen und soziologischen Mitteln nicht getan. Wir bedürfen des Glaubens an Gottes Hilfe. Er schafft die Gewißheit, daß wir nie allein gelas­sen sind, sondern rechnen dürfen mit den Kräften des kommenden Reiches. „Gott wäre nicht Gott, wenn die vom Menschen verschuldete Ungerechtigkeit und Unordnung seiner indivi­du­ellen und sozialen Existenz, wenn die Herrschaft der gottlosen Mächte und Gewalten und das Leid, das die Menschen sich unter dieser Herrschaft antun und selber erleiden müssen, an ihm nicht ihre Grenze hätten“ (Karl Barth in einer seiner letzten noch ungedruckten Vorlesungen). Nach diesem Gott und seiner Herrschaft strecken wir uns aus, wenn wir beten: „Dein Reich komme“. Da wird mitten im dunkeln Bereich der vergehenden Welt die Herrschaft Gottes erkannt und bekannt. Da eröffnet sich ein Ausblick in einer neuen Richtung. Gott wird ange­rufen um die Ge­rechtigkeit und den Frieden seines Reiches. Schon ist es nicht mehr ferne, sondern, wie Jesus selber sagt, „nahe herbeigekommen“, ja, in solchem Herbeikommen ist es schon Gegenwart. Es ist unsere Zukunft [222] im Heute. „Siehe, es ist mitten unter euch!“ sagt Jesus ausdrücklich (Luk. 17,21).

So kommt es zu konkreter Seelsorge, die sich zu Gottes Herrschaft bekennt und sie hineinar­beitet in unser Leben gleich jenem Sauerteig, den ein Weib nahm und vermengte ihn unter drei Scheffel Mehl, bis daß es ganz durchsäuert ward, „ganz durchsäuert“, sagt Jesus aus­drücklich (Matth. 13,13). Jetzt muß der Herr Pfarrer oder wer es sei dem leiden­den Menschen nicht mehr jene Trostspritzen verabreichen, die ihn doch nicht aus seinem Elend herausholen. Sondern wir dürfen in unsrer Seelsorge den wahren Trost für Leben und Sterben darbieten. Jetzt ereignet sich die Enthüllung dessen, was Jesus das höchste Gebot heißt, das Gebot der unsagbaren Liebe zu Gott und dem Nächsten. In Jesus ist es erfüllt, und Seelsorge leitet an zu ein paar ersten Schritten mensch­licher Nachfolge auf dem Weg dieses Gebotes. Jetzt dürfen wir Kranke und Sterbende besuchen und ihnen sagen, daß sie ihrem Gott am Her­zen liegen und daß er ihnen zu Hilfe eilt. Nicht einmal ein Kind ver­mag man zu trösten in seinem Kum­mer, wenn man es nicht sieht als Kind des Vaters, dem das Himmelreich gehört. Jetzt vermag man standzuhalten auch in der Wirrnis des gesellschaftlichen und politi­schen Lebens. Jetzt kann man sogar daran denken, Strukturen zu ver­ändern, und zwar nicht die himmlische, aber eine irdische Stadt zu bauen, die nicht mehr eine „Stadt ohne Gott“ ist, sondern eine Stadt auf Erden, in der wir warten auf die uns verheißene himmlische Stadt. Jetzt kann sogar der Politi­ker sein schweres Werk tun, weil er im Hof­fen auf Gott die innere Ruhe und Sicherheit ge­schenkt bekommt, aus der heraus ein vernunftgemäßer politischer Gottesdienst möglich wird. Jetzt kann man zwischen irdischem Recht und Unrecht konkrete Ent­scheidungen treffen und also in aller Vorläufigkeit richtige Schritte tun. Jetzt wird eine neue Zuversicht erweckt, jene Zuversicht, die damit rechnet, daß schon heute, und zwar von Tag zu Tag, regiert wird nicht nur in den großen Zentren der Hauptstädte, sondern es wird regiert, wie der jüngere Blum­hardt einmal sagt, vom Himmel her, aber auf Erden. Nicht daß die Schrecken des Weltgesche­hens aufhören; die hören erst auf mit dem Ende dieser Welt, aber wir singen und sagen jetzt, wie es Luther in seinem Liede ausspricht: „Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt, tut er uns doch nichts, das macht, er ist gericht’, ein Wörtlein kann ihn fällen.“ Solches Glauben und Wissen und davon konkret Zeugnis geben in Rat und Tat, das heißt und ist wahre Seel­sorge. Alle denkbaren menschlichen Verhaltungsweisen sind im Hori-[223]zont solcher Seelsorge neu zu ordnen, alle psychologischen und gesell­schaftlichen Probleme, von der Schwermut, die uns befallen mag, von der Zerrüttung unserer Ehen und der sexuellen Not bis zum revolutio­nären Umschwung, müssen uns nicht mehr erschrecken. Ich wüßte keine einzige menschliche Aufgabe, kein ethisches Problem, die von solch echter Seelsorge her nicht aufgenommen und einer Antwort entgegen­geführt werden könnten.

Noch ein paar Feststellungen. Erstens: Es geht die Rede unter uns um, Gott sei tot. Unsinn! Gott ist nicht tot. Aber er ist für uns zum unbekannten Gott geworden. Und darum wimmelt die Welt heute von göttergleichen Mächten und Gewalten. Der von Gott entfremdete Mensch erklärt sich als souverän, autonom und mündig. Er meint, sein Leben in eigener Regie führen zu können. Das ist seine Entfremdung. In Wirklichkeit verliert er alle seine Freiheit und wird zum Knecht seiner Süchte und Leidenschaften, die ihn überwältigen und verskla­ven. Er baut ein ganzes Pantheon von Ideologien und Ismen auf, denen er hörig wird. Der Mammonismus ist der heute Mächtigste dieser Is­men, und in der politischen und gesellschaftlichen Zone reift immer neu der Absolutismus heran, dem Staaten und Völker verfallen. Wir kennen das! Und sind nicht auch Wissenschaft und Technik zu Gott­heiten geworden, denen wir riesenhafte Opfer darbringen. Denken wir nur an die Atomwissenschaft. Der Abhängigkeit des Menschen von die­sen falschen Göttern begegnen wir immer wieder in der Seelsorge. Aber schon die Propheten des alten Bundes haben darum gewußt und haben das Volk Gottes zum Widerstand dagegen aufgerufen. Und Jesus als der Erfüller der prophetischen Verheißung ruft mit Voll­macht den Seinen zu: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matth. 6,24). Wie eine schlichte Tatsache stellt er es fest: Ihr könnt es nicht mehr! Warum? Weil die Herrschaft Gottes im Anbruch ist. Leider können wir es immer noch nur zu gut, weil wir seine Botschaft vom kommenden Reich immer wieder nicht recht hören. Aber es bleibt dabei: Jesus treibt die Dämonen aus, und durch ihn ist die Welt entgöttert worden. Darum hat der Liedvers recht: „Die falschen Götter macht zu Spott, der Herr ist Gott, der Herr ist Gott!“ Das bedeutet aber ein Aufgebot, das nicht nur an die Pfarrer ergeht, sondern an jedes einzelne Glied der Gemein­de. Mann für Mann und Frau für Frau müssen die Augen aufgehen für den Sieg Gottes über die Mächte und Gewalten. [224]

Ein Zweites: Es geht in der Sicht des Evangeliums immer um den Menschen als einzelnen. Gott neigt sich ihm zu als sein Vater, und der Mensch darf sich verstehen als sein Kind und seine Mitmenschen als seine Nächsten, weil auch sie gleich ihm von Gott geliebt sind. Darum ist Seelsorge immer Seelsorge an je einem einzelnen. Im Grunde verhält es sich auch bei der öffentlichen Predigt der Kirche nicht anders. Wenn in der Verkündigung vor vielen nicht die einzelnen getroffen werden, so ist sie ein Leerlauf. Indem aber die einzelnen getroffen wer­den, ent­steht unter den Zuhörern ein geheimnisvolles Miteinander. Es entsteht Gemeinde.

Aber nun redet man heute von Seelsorge an der Gesellschaft. Es gehe um eine Befreiung aus allen Bereichen, Bindungen und Struktu­ren, in denen der einzelne gefangen liegt. Keine Frage, darum geht es! Wir haben jenes Schreien der Unterdrückten und Geknechteten gehört, das aufsteigt aus allen Kontinenten. Aber gerade der Weg zu solcher Befreiung geht überall und immer über den einzelnen. Die Wandlung der Strukturen wird immer angeregt und initi­iert durch einzelne, die vom Rufe Gottes getroffen den Weg bahnen zu einer neuen, gerechten Gestaltung des Lebens. Beispielhaft ist das Tagebuch des Amerikaners John Woolman (1720-1772). Ihm ist als einfachem Handlungsgehil­fen beim Ausstellen einer Urkunde über den Verkauf eines Sklaven aufgegangen, daß es mit aller Sklaverei ein Ende haben müsse. Die in ihm erweckte Unruhe in dieser Sache machte ihn zum Kämpfer für die Sklavenbefreiung. Auch schon das Tagebuch von George Fox (1621-1691), der die Quäkerbewegung, welcher auch Woolman angehörte, ins Leben rief, zeigte die Bedeutung des einzelnen, der viele ge­winnt, die, um einen Ausdruck von H. Thielicke zu gebrauchen, die ganze Gesell­schaft „un­terwandern“ und damit eine neue Ordnung entwickeln[4]. Beidemal ging es nicht um pro­gram­matische Aufstellungen, sondern um die Bekehrung von einzelnen, die ihre Zeitge­nossen erweckten und die Umwandlung gesellschaftlicher Verhältnisse vorantrieben.

Man kann die Macht echter Seelsorge am einzelnen nicht hoch genug einschätzen. Wir den­ken hier an die Seelsorge Jesu. Er hat sich immer den einzelnen zugewendet. Er hat den be­stimmten, ihm konkret be­gegnenden Blinden, Lahmen, Aussätzigen geheilt. Massenheilun­gen [225] sind von ihm nicht berichtet, auch wenn sich die einzelnen in Massen um ihn dräng­ten. Auch Sünden hat er diesem und jenem einzelnen ver­geben, also etwa der Frau, die von den jüdischen Seelsorgern vor ihn geschleppt wurde (Joh. 8,1-11), oder jenen Folterknechten, die ihn kreuzigten, und für die er noch in letzter Stunde vom Vater im Himmel Vergebung erfleht hat. Auch in seiner öffentlichen Verkündigung sucht und trifft er die einzelnen und entzieht sich dem Massenauflauf derer, die in ihm den messianischen Revolutionär gefunden zu haben glauben, der sie von der unerträglichen Römerherrschaft befreie. Gerade das hat er nicht ge­tan. Seine Revolution, wenn man das Wort auf ihn anwenden will, vollzog sich in einer ganz andern Tiefe, nämlich am Kreuz und in der Auferstehung. Wir dürfen nie verges­sen, daß wir von diesem alles umstürzenden und erneuernden Geschehen herkom­men und es zur Sprache bringen dürfen und sollen. So geht Jesus weiter und weiter als der Lebendige auch durch die Welt von heute und sorgt dafür, daß die erneuernde Kraft seiner Worte und Taten das Dunkel dieser Welt weiter und weiter erhellt und auflöst. Sie sind es, die uns dazu antreiben, Gott um Kraft zu bitten, an die Stelle von Unrecht Recht und an die Stelle von Gewalt Frieden zu setzen.

Und ein Drittes: Seelsorge muß immer auch zur Fürsorge werden. „Man will in einem Men­schen den Glauben erwecken, aber dieser Seelsorgeworten abspeisen. Man muß ihn mit tat­kräftiger, wenn es sein muß mit revolutionärer Liebe bewegen. Es muß jene Liebe sein, die der Hoffnung auf die Liebe Gottes entspringt und entspricht und also den ganzen Menschen umfaßt. Wo Gott ist, da ist Liebe[5]. Ich möchte noch einmal Victor v. Weizsäcker anführen. Er sagt einmal: „Man will in einem Menschen den Glauben erwecken, aber dieser Mensch hat Hunger. Hunger ist eine eminent leibliche, aber eine nicht minder seelische Angelegenheit. Auch und gerade im Zustand des Hun­gers geht es also um die Ganzheit des Menschen. Somit muß der dem Hungernden Helfende ganz gewiß um die seelische Seite des Hungers wissen. Er wird aber dabei nicht stehenbleiben, den Hungernden mit Worten zu trösten, sondern er wird um die Stillung seines Hungers besorgt sein. Das Gleichnis des Samariters steht nicht umsonst im Evangelium. Es hat nicht nur individuell-diakonische Bedeutung, son-[226]dern es weitet sich aus zur revolutionär-gesellschaftlichen Sprengkraft.“ Es geht heute um die Stillung des Welthungers.

Und ein Viertes: Jesus gebietet uns, wie wir gehört haben, um das Kommen des Reiches zu bitten. Wir bauen das Reich Gottes nicht, aber wer verstanden hat, daß Gott es ist, der uns im Kommen seines Rei­ches zu Hilfe eilt, im Kleinen wie im Großen, der kann nicht anders, als ihn anrufen. Beten, und im Besondern die Fürbitte, läßt unsere Hoffnung auf Gott erst zur realen und konkreten, zur durchschlagen­den Hoffnung werden. Betend trauen wir es Gott zu, daß er, er allein, die ganze Finsternis, die durch unsere Entfremdung von ihm in der Welt herrscht, auslöschen kann und wird.

Ich schließe, indem ich etwas Persönliches sage. Ich bekenne, daß ich Angst habe vor jedem seelsorgerlichen Gespräch, weil ich nicht weiß, ob ich dem Menschen, der jetzt bei mir ein­tritt, in rechter Weise begeg­nen kann. Es muß jedesmal das Wunder des Heiligen Geistes gesche­hen, in welchem Jesus Christus in der Zwischenzeit, in der wir leben, als der Lebendige bei uns vertreten ist. Ich habe das einmal in einer Begegnung mit Frank Buchman, dem Be­gründer der Gruppenbewe­gung, ausgesprochen. Buchman sagte mir darauf, ich sei offenbar noch kein rechter Seelsorger. Aber ich denke, daß gerade diese Angst das Zeichen rechter Seelsorge ist. Denn Angst treibt zum Rufe nach Gott. Man bittet ihn in ganz bestimmten Augenblicken dringend und ein­fältig darum, daß er uns erleuchten und kräftigen wolle, damit wir andern durch ihn zum Helfer werden können. Wir sollen Widerstand leisten in der Seel­sorge gegen alle Fluchtgedanken und alle Verzweif­lung, aber auch Ergebung, und zwar Ergebung nicht in den Lauf der Welt und ihre Schicksale, sondern in den Willen Gottes, der geschieht auf Erden wie im Himmel.

Das Gebet ist die Tat solchen Widerstandes und solcher Ergebung, und dieses Gebet wird erhört, auch wenn für menschliche Augen alles im Dunkel bleiben sollte. Denn das letzte Wort Gottes ist immer Sieg und Auferstehung.

Vortrag gehalten im Oktober 1969 in Hamburg.


[1] Zuletzt in meinem Buch „Seelsorge im Vollzug“, Zürich 1968.
[2] Vgl. dazu J. Moltmann, Theologie der Hoffnung; E. Feil / R. Weth (Hg.), Dis­kussion zur Theologie der Revo­lution, beide bei Chr. Kaiser, München, endlich das eben erwähnte etwas oberflächliche, aber wirksame Buch von Harvey Cox mit dem deutschen Titel „Stadt ohne Gott?“.
[3] Vgl. dazu meine Studie über die Bergpredigt in: Theologische Existenz heute, Neue Folge, Heft 105.
[4] Vgl. H. Thielicke, Theologische Ethik II, S. 550ff. Vgl. auch seine Abhandlung mit dem Titel „Können sich Strukturen bekehren?“ in: Christentum und Gesellschaft, Ringvorlesung der Theol. Fakultät Hamburg.
[5] Dieser Satz darf trotz Tolstoj nicht umgedreht und als allgemein moralischer Satz verstanden werden. Denn er ist christologisch begründet, und Jesus darf nicht verschluckt werden von dem bißchen Nächstenliebe, das wir auch ohne ihn aufzubringen vermögen.

Quelle: Eduard Thurneysen, Das Wort Gottes und die Kirche. Aufsätze und Vorträge (= Theol. Bücherei Bd. 44), München: Chr. Kaiser, 1971, S. 212-226.

Hier der Text als pdf.

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