Hans Joachim Iwands Predigt über Psalm 98,1-3 am Sonntag Kantate: „Singet dem Herrn ein neues Lied! Sprecht nicht von dem, was andere Zeiten und andere Geschlechter zu Gottes Lobpreis gesungen haben; sondern tut selbst den Mund auf und bekennt frei und offen, was euch der Herr getan hat!“

Hans Joachim Iwand
Hans Joachim Iwand (1899-1960)

Predigt über Psalm 98,1-3 „Cantate – Singt!“

Von Hans Joachim Iwand

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er siegt mit seiner Rechten und mit sei­nem heiligen Arm. Der Herr läßt sein Heil verkündigen, vor den Völkern läßt er sein Heil offenbaren. Er gedenkt an seine Gnade und Wahrheit. Aller Welt Enden sehen das Heil unsers Gottes.

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Der Sonntag Cantate galt uns ehedem als der Singesonntag. Es wurde dann vom christlichen Lied gepredigt, wohl auch von der großen Bedeu­tung des Liedes für die Frömmigkeit, viel­leicht auch von dem großen Schatz und dem reichen Trost, den uns unser kirchliches Lieder­buch in seinen Gesängen aufbewahrt hat. Aber heute will es mir scheinen, als ob uns der Ruf des Psalmisten in eine andere Richtung wiese; als ob wir allen Grund hätten, ganz wörtlich zu nehmen, was da steht: Singet dem Herrn ein neues Lied! Sprecht nicht von dem, was andere Zeiten und andere Ge­schlechter zu Gottes Lobpreis gesungen haben; sondern tut selbst den Mund auf und bekennt frei und offen, was euch der Herr getan hat! Denn Singen bedeutet hier, wie Luther einmal sagt, »nicht nur das Tönen und laute Schreien, sondern auch jede Art von Predigt und öffentliches Be­kenntnis, wodurch vor der Welt frei gerühmt wird Gottes Werk, Rat, Gna­de, Hilfe, Trost, Sieg und Heil.« In diesem Sinne ist es uns heute aufgetra­gen: Singt! Bekennt frei und öffentlich, was Gott an euch, was er an der evangelischen Kirche Deutschlands getan hat. Es schien aus mit uns zu sein, aber Gott hat es nicht zugelassen. Sie schien tot zu sein, aber Gott hat die Kirche zu Leben und Kraft erweckt, sehr zum Schrecken für alle, die sie ausplündern und berauben wollten. Wo sind die Bischöfe hinge­kommen, die eben noch so mächtig und angesehen herrschten? Wo sind sie alle geblieben, die seine, des lebendigen Herrn Gemeinde fesseln und binden und dahingeben wollten? Ist uns nicht wider­fahren, wie es im Liede heißt: »Was fragt ihr nach dem Dräuen der Feind und ihrer Tück, der Herr wird sie zerstreuen in einem Augenblick«? Ist uns das nicht von Gott her widerfahren?

Aber nun müssen wir mit großem Schrecken wahrnehmen, daß uns zwar von Gott her eine solche wunderbare Errettung widerfahren ist, daß [45] ihm aber von uns her das nicht wider­fährt, worauf er nun Anspruch hat: jenes Singen und öffentlich freie Bekennen, zu dem wir hier aufgerufen werden. Es geht jetzt ein Gerede durch unsere Gemeinden, das lautet etwa so: Nun ist alles wieder gut, nun müßt ihr auch still sein und wieder an eure Arbeit gehen. Dem entgegen befiehlt uns Gott hier gerade: Singet, ruft es allerorten aus, macht es kund, daß mei­ne Hand mit euch gewesen ist. Es ist etwas richtig an jenem Gerede. Es ist an der Zeit, daß es etwas stiller werden sollte bei uns mit dem Tuscheln und hoffärtigen Reden von den Schlech­tigkeiten unserer Gegner. Aber davon sollten wir überhaupt als rechte Christenleute, die aus der Gnade Gottes leben, nicht so viel herma­chen. Wer nur die Fehler seiner Gegner besingt, der singt schlechte Lieder. Aber wir sollen ja ein ganz anderes Lied anstimmen: ein Lied von der Macht und Gewalt unseres Gottes; ein Lied davon, daß wir hier auf Erden nicht allein und nicht vergessen sind; ein Lied davon, daß es besser und am Ende auch praktischer ist, sich auf Gottes Arm zu verlassen und seine Rechte zu fassen, als sich an irgend eines Menschen Arm zu hängen oder von solchem sterblichen, hinfälligen Fleisch seine Zuversicht und sein Ver­trauen abhängig zu machen.

Davon sollen wir singen. Ja, ich möchte fast sagen, heute hängt alles davon ab, ob wir den Mut haben, dieses neue Lied von Gottes Trost und Hilfe so laut und vernehmlich anzustim­men, daß alle Welt davon zu hören bekommt; nicht nur die, die solches Singen tröstet und fröhlich macht; sondern auch die, die es erbost, die finsteren Mächte, die es niemals gern haben, wenn Gott mit seiner Kraft und seinem Licht auf den Plan tritt; die es aber noch viel weniger gern haben, wenn dann die Geretteten und Ge­borgenen ein Siegeslied, ja wohl gar ein Spottlied anstimmen. Aber Gott hat das gern und ihm zu Ehren soll es darum gesagt und gesungen sein. Denn wenn wir jetzt schweigen würden – so schweigen, wie sehr, sehr viele unter unseren Freunden heute schweigen, und wie sie auch uns still zu sein und zu schweigen raten -, dann würden wir wohl vor aller Welt als die jämmerlichsten Wichte da stehen, die es gibt. In der Not schreien wir, beu­gen wir unsere Knie, rufen Gott um Hilfe, halten einen Bitt­gottesdienst nach dem anderen – aber wenn die Not weicht, weichen auch wir von un­serem Gott; beginnen wieder zu tändeln und zu leben wie zuvor – und bedenken nicht, daß es sehr wenig ist, was Gott von uns verlangt; daß wir ihm aber das Wenige nicht vorenthalten sollen.

Der Gott, der uns in unserer Not und Angst beigestanden hat – und es waren schon sehr bittere Nöte und furchtbare Schrecknisse, durch die Gott seine bekennenden Gemeinden hindurchge­leitet hat – Gott fragt uns heu­te, ob wir nun auch tun wollen, was er geboten hat. Denn so heißt es: »Rufe [46] mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.« Mehr nicht! Das ist alles, was von uns verlangt wird. Dieses schlichte und billige Dankopfer – aber gerade das fällt uns anscheinend besonders schwer.

Was bieten wir Gott alles an, wenn er uns dies Singen, dies »öffentliche Bekenntnis« seiner Wunder vor aller Welt erlassen möchte. Wir sagen: es kommt jetzt auf Kirchenzucht an, auf Bibellesen, auf christliche Bruder­schaft, auf Schulung in christlicher Lehre, auf guten Wandel, auf Gemein­deaufbau. Das ist alles sehr gut und schön und richtig, und das wird auch alles einmal kommen. Aber heute kommt es auf etwas viel Einfacheres an: Heute kommt es wirk­lich aufs Singen an. Heute kommt es wirklich darauf an, daß die Bekennende Kirche nicht in die Stille geht und nicht zu einer stummen bekennenden Kirche wird – das ist ja doch nur noch ein Witz! –, sondern daß wir frei und offen sagen, wer uns beigestanden hat; an wem es liegt, daß sie uns weder mit List noch mit Gewalt beikommen werden; daß das allein an Gott liegt.

Denn er siegt mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. Warum redet denn die Schrift so eigenartig von diesem Sieg Gottes? Warum sagt sie nicht einfach: Gott siegt, Gott setzt sich durch? Warum stoßen wir an solchen Stellen immer wieder auf Worte, wie wir sie hier auch finden: mit seiner Rechten, mit seinem heiligen Arm. Die Schrift redet darum so, weil die Menschen aller Zeiten meinen, Gott brauche unseren menschlichen Arm, um zu siegen. Gott sei an sich hilflos, wenn wir uns ihm nicht zur Verfügung stellen. Darum heißt es hier: Er siegt mit seiner Rechten und mit seinem Arm, Gott bedarf zu diesem Siege seiner Sache keiner Bundes­genossen. Er ist nicht darauf angewiesen, daß ihm irgendein Mächtiger der Erde sei­nen Arm leiht. Denn Gott führt selbst zum Ziele, was er sich vor­genommen hat.

Hier scheidet sich der rechte Glaube von dem bloßen Scheinglauben. Der rechte Glaube weiß, daß Gott allein helfen kann, daß es keine größere Sicherheit und Zuversicht gibt als da, wo wir uns an nichts anderes mehr halten als an seine Rechte und seinen heiligen Arm. Darum ist es eine sehr törichte und aus dem Unglauben geborene Rede, wenn man meint, Gottes Sache würde dadurch gut stehen, wenn ihr irgend eine weltliche Macht ihren Arm leiht. Gerade da, wo Gott nicht mehr allein als Helfer und För­derer seiner Sache angerufen wird, ist diese Sache in schlimmster Gefahr. Denn Gott will entweder all unser Vertrauen haben oder ganz aus dem Spiele bleiben.

Das ist darum jener schreckliche Scheinglaube, der weder auf Erden noch im Himmel angese­hen ist, der sich bei Gott und bei den Menschen [47] eines Rückhaltes versehen möchte, der nicht glauben kann, daß Gott allein der ganzen Welt gegenüber siegt, triumphiert, das Feld behauptet. Aber dieser falsche Glaube, der gern Gott und die Welt, Gott und die Menschen, Gott und den Mammon, Gott und den Zeitgeist für sich in Rechnung stel­len möchte, hat einen tiefen und schrecklichen Grund. So muß nämlich jeder Mensch denken, der nicht wirklich verstanden hat, daß ihm nur dann geholfen werden kann, wenn Gott allein ihm hilft; ihm in seiner eigenen, großen, letzten Not. So muß darum jeder denken, der überhaupt noch nicht die wahre Hilfe des wahren Gottes erfahren hat. Denn wo es darum geht, aus einem sterblichen, sündigen, widerspenstigen, zweifelnden und ver­zweifelnden Menschen, aus solch einem Wesen, wie wir alle es sind, einen Menschen zu machen, der vor Gott bestehen kann, der vor seinem eigenen Gewissen bestehen kann, an dem der Tod und die Sünde und wohl auch der Teufel ihren Schrecken verloren haben, da kann kein Mensch einem ande­ren wirklich heraus­helfen. Da ist die Macht der Mächtigsten erbärmlich gering und der Stolz der Höchsten ein nutzloses Ding, da muß in der Tat Gott mit seiner Rechten eingreifen und uns auf seinen Arm, auf seine Schulter nehmen.

In solcher Not lehrt Gott die Menschen, ihn allein anzurufen, alles von ihm zu erwarten, nicht hierhin und dahin zu laufen, dem oder jenem ein Klagelied vorzusingen, das oder jenes Mittel zum Betäuben oder zum Ver­gessen anzuwenden, sondern die Rechte zu fassen, die Gott nach uns aus­streckt, und seine Hand zu ergreifen, mit der er uns herauszieht. Das heißt dann Glau­ben: Sehend werden für die Gebrechlichkeit und Ohnmacht al­ler, aber wirklich aller mensch­lichen Hilfe und eben darum Augen bekom­men für den Sieg der göttlichen Hilfe. Wir wissen, wer zur Rechten Gottes sitzt. Wir wissen, wer das Werkzeug und der Arm ist, mit dem Gott die Welt, die verlorene, gottvergessene, tote Welt heimholte, an sich zieht, ret­tet und nicht läßt. Wir wissen, daß dieser Sieg Gottes in Jesus Christus beschlossen liegt, der uns errettet hat »von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels«.

Und darum ist das unser Triumph- und Lobgesang, daß wir aller Welt künden müssen, daß Gott in keinem anderen Wesen zu suchen und zu ver­ehren ist als allein in ihm, in Jesus Chri­stus, dem Gekreuzigten. Keine Fra­ge, daß das die vielen Scheingötter der Welt nicht leiden wollen, daß sie nämlich als machtlos entlarvt und als ungefährlich hingestellt werden. Kein Wunder, daß jene Scheingläubigen meinen, wir nehmen ihnen das Heiligste, ihre Reli­gion, ihren Glauben, weil wir sie nämlich von ihrem eingebildeten zu dem wahren lebendigen Gott weisen. Aber das gerade soll geschehen: die Götzen sollen entlarvt, der Scheinglaube soll beschämt werden; es soll offenbar werden, daß es keinen anderen Gott gibt und nie gegeben hat und nie geben wird als den Gott, der der Vater Jesu Christi ist. Christus, das ist seine Hand, mit der er uns hält; Christus ist Gottes Rechte, mit der er die Welt regiert; Christus ist Gottes Sieg, den er endgültig da­vongetragen hat über alle Mächte des Himmels und der Erde, da er ihn auferweckt hat von den Toten. Seither geht dieses Siegeslied Gottes durch die Welt, und wir kennen es alle, es ist das Evangelium. Das ist die Kunde vom Sieg Gottes. Und es ist die höchste und seligste Stunde im Leben eines Menschen, er sei wer er sei, wenn er diese Kunde hört und begreift und glaubt. Wem das widerfährt, der hat nicht umsonst gelebt, der kann Leben und Glück und alle Güter preisgeben, wenn es gilt dies eine zu bezeugen und festzuhalten: daß Gott gesiegt hat in Jesus Christus und wir durch Glauben daran teilhaben.

Jetzt begreifen wir auch, warum diese Kunde in der Welt freie Bahn ha­ben muß: Der Herr läßt sein Heil verkündigen, vor den Völkern läßt er sein Heil offenbaren.

Gehalten nach 1945.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Pre­digtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 44-48.

Hier die Predigt als pdf.

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