Joseph Wittig, Von der Mächtigkeit des Wortes: „Es kann in der vernünftigen Welt kaum ein Wort ohne bestimmte Absicht gesprochen werden; aber die Absicht darf es nicht beherrschen wollen.“

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Image by Gerd Altmann from Pixabay

Von der Mächtigkeit des Wortes

Von Joseph Wittig

Ein Gelehrter beginnt seine Abhandlung über das Wort mit einer seltsamen Abwehrgeste. Man sieht ordentlich, wie er seine Hand gegen etwas erhebt! Also beginnt er: „Das Wort ist zunächst ein ganz neutrales und harmloses Ding; aber die Phantasie des Menschen erfüllt es mit einer Mächtigkeit, stärker noch als die einzelnen Buchstaben des Alphabets.”

Nun weiß ja heute außerhalb der Gelehrtenkreise in unserem Lande fast niemand mehr von der Zauberkraft, die, wie es hier heißt, von der Phantasie der Menschen den einzelnen Buch­staben des Alphabets beigelegt worden ist, sodaß der angegebene Maßstab für die von der Phantasie erdachte Mächtigkeit des Wortes gar nicht zur Hand ist. Wohl kennt und glaubt das katholische Volk noch machtvolle Zeichen und Namen, nicht aber den Zauber einzelner Buchstaben, und auch die Talismane der modernen Menschen haben mit dem Alphabet wenig mehr zu tun. Aber der Gelehrte, der solches schreibt, erinnert daran, um sich gegen jeden Gedanken an eine wirkliche, innerwesentliche Mächtigkeit des Wortes zu wehren, und er denkt nicht daran, daß jede Wehr das Dasein der Macht bejaht.

In Wahrheit behandelt heute die Welt das Wort wirklich als ein „zunächst ganz neutrales und harmloses Ding” und sieht es nur mächtig werden von der Macht jener, die es gebrauchen, obwohl diese ihre Macht meist der Mächtigkeit ihres Wortes verdanken. Nur wer in die Lage kommt, einmal dem Worte selber gegenüberzustehen, spürt etwas oder handelt wenigstens so, als ob er den Eindruck irgend einer Mächtigkeit leugnen oder entfernen müßte, und er bildet in seinem Widerstande entweder das Dogma von der absoluten Neutralität und Harmlosigkeit des Wortes aus oder er gibt dem Eindruck nach. Dann geschieht es, daß er zunächst in eine Beglückung hineingerät, in der jede Erkenntnis kommt. Und diese Beglückung geht über in die Ehrfurcht, die er fortan vor jedem Worte hat. Es ist der Anfang eines Weges, an dessen Ende, erweckt von wundersamer Schau, die Aussage steht: „Der Urgrund der Welt ist das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Und alles, was geschaffen worden ist, ist durch das Wort geschaffen, und ohne das Wort kann nichts geschaffen werden.”

Man hält es für selbstverständlich, daß diese Aussage, wofern man sie nicht überhaupt für eine philosophiegeschichtliche Wunderlichkeit hält, nur von dem sogenannten Worte Gottes gilt, und von diesem auch nur in der Einschränkung auf das fleischgewordene Wort, auf die zweite Person in der Gottheit, die durch solche Aussage an die Spitze der philosophischen Kosmogonie gesetzt werde. Das tägliche Wort der Menschen hält man weit fern von dem Lichte, das etwa in jener Aussage aufleuchten könnte.

Um so mehr überrascht war ich, als ich einmal in einem kleinen Grafschafter Gebirgsdorfe mit dem Schulzen über die Schönheit seines Dorfes und über die geistige und sittliche Hal­tung der Dorfleute sprach. Es war Sonntagnachmittags; wir gingen auf halber Höhe des Ber­ges und übersahen das ganze Dorf. Die Dorfleute nahmen sich die Feierstunden wahr und umschritten ihre Felder, die kurz vor der Reife standen. Da sagte der Schultze auf einmal: „Das hat alles unser Schulmeister mit seinem lieben Wort gemacht!”

Ich fragte dagegen: „Meinen Sie, daß er die Kinder in der Schule so gut unterrichtet? Er er­zieht ja wohl schon die dritte Generation!”

„Ja in der Schule macht er natürlich den Anfang, aber er spricht ja auch mit uns Großen. Ich kann es nicht genauer sagen, aber es ist hier allgemeine Meinung.”

Weiter war aus dem Schulzen nichts herauszubringen. Ich hatte ja auch genug gehört. Ich hatte die Aussage gehört: „Alles ist durch das Wort gemacht worden”, nicht aus einer ver­gangenen, uns nicht mehr recht verständlichen philosophiegeschichtlichen Epoche, sondern aus einem gegenwärtigen lebendigen Bauernmunde.

Und auch diese Aussage wurde wieder ein schöpferisches Wort. Ich war selber berufen, der Welt mit meinem Worte zu dienen, und konnte seither kaum ein Wort sagen, ohne daran zu denken, daß ohne das Wort nichts geschaffen ist.

Damals war mir der Schulmeister des Dorfes persönlich noch unbekannt. Aber wenn einmal ein Wort zwischen zwei Menschen hin und hergeht, findet es auch einen Weg, sie zusammen­zuführen. Der Sohn des Schulmeisters wurde in meinem Heimatdorfe Kaplan, und ich be­freundete mich während meiner Ferien mit ihm, und bald war ich einmal Gast in seinem Elternhause. Ich erzählte ihm von dem starken geistigen Leben der Universitätsstadt. Da ließ der Schulmeister, der mit lebhaftester Anteilnahme zuhörte, die Äußerung fallen: „Ach unser­einer hat halt bloß das armselige tägliche Wort!” Ich darauf: „Ja, aber der Einfluß Ihres Wor­tes soll auch im ganzen Dorfe zu spüren sein!” Da hielt er mir – ich wußte nicht, wie mir ge­schah! – die Hand vor den Mund und sagte: „Bereden Sie es nicht! Berufen Sie es nicht! Ich weiß, daß man so spricht, aber seitdem man so spricht, ist es schier nicht mehr wahr! Das Wort ist schöpferisch, es kann aber auch – zerstörerisch sein!”

Das war wie eine Beschwörung, und ich muß in Erinnerung daran an die Abwehrgeste des Gelehrten denken, der da schrieb: „Das Wort ist zunächst ein ganz neutrales und harmloses Ding, dem erst durch die Phantasie der Menschen eine Mächtigkeit zugeschrieben wird”. Solche Beschwörung, ein Glück oder einen Erfolg oder irgend ein Gut nicht zu bereden oder, wie man sagt, zu berufen, gilt als eine alte, abergläubische Gewohnheit der Leute in unseren Bergen – und nicht nur in unseren Bergen. Hier aber entsprang sie unmittelbar der Erfahrung eines klug beobachtenden Mannes, der keinen Anstand nahm, sein Amt aufzugeben, als er merken mußte, daß sein Wort nicht mehr mächtig war. Es ist in meiner Heimat Gesetz, daß man sich sowohl vor selbstrühmerischen Aussprüchen wie auch vor besonders lobender Erhebung leiblicher oder geistiger Güter eines anderen hütet, bei deren Verlust dann leicht gesagt wird: „Der oder jener hat mir’s beredet!” Ich selber mag da nicht von Aberglauben reden. Zu deutlich sprechen die Erfahrungen. Lieber gebe ich das wissenschaftliche Dogma von der absoluten Neutralität und Harmlosigkeit des Wortes auf.

Als jene Beschwörung getan war, schien jede Gefährlichkeit des Wortes und auch jede von­seiten der Bescheidenheit kommende Hemmung beseitigt und wir konnten alle aufgeführten Fragen ruhig besprechen. Ob der Lehrer von der eigentümlichen Mächtigkeit seines Wortes schon immer gewußt habe und ob er etwas sagen könne, wie diese Mächtigkeit geworden sei? Er habe jahrelang von der Ohnmächtigkeit seines Wortes gewußt und sei in diesen Jahren an seinem Beruf ganz verzweifelt. Er sei vom Seminar gekommen mit der ganzen Zielstrebigkeit der Pädagogik. Jedes Wort, das er sprach, habe er überlegt und jede Absicht klar durchdacht. Er könne mir noch seine schriftlichen Ausarbeitungen zeigen, nicht nur seines schulischen Wortes, sondern auch vieler Unterredungen mit den Dorfleuten. Alle diese zweckstrebigen Bemühungen haben schier zu einem Zusammenbruch seiner Gesundheit und auch seines Familienlebens geführt.

„Ich mußte mich”, so erzählte er, „gänzlich umkehren lassen. Das Entscheidende war die Erzählung eines alten Freundes, der früher ein ziemlicher Liederjan war und dann auf einmal ein sehr ordentliches Leben führte. Der hatte ein merkwürdiges Erlebnis mit dem Worte gehabt. Als er einmal von Amts wegen eine Predigt anhören mußte, lachte und spottete er über die sichtlich wohl vorbereitete Rede, über den sorglich geglätteten Stil, über die klug ausgedachten Beweise, über die eingearbeitete Herzenswärme, die alle den Zweck hatten, die versammelten, in Christo geliebten Zuhörer für die göttliche Wahrheit und den rechten Weg zu gewinnen. Auf einmal stockte der Prediger. Es war offenbar, daß er den Faden verloren hatte. Alle Augen richteten sich auf ihn, auch die des Spötters auf der Orgelbank. Da sprach der Prediger: ‚Jetzt wollen wir zum zweiten Teil übergehen!’ Aber auch der zweite Teil war seinem Gedächtnis entfahren. Er mußte, tief gedemütigt, die Kanzel verlassen. Nach der Beendigung des Gottesdienstes kam der junge Kantor zu ihm und sprach: ‚Ich will jetzt zum zweiten Teil meines Lebens übergehen!’ An diesem Sonntag begann das ordentliche Leben meines Freundes.”

Der alte Schulmeister hielt inne, als wisse er nicht mehr, warum er mir diese Geschichte erzählt hatte, die ich übrigens schon einmal als Anekdote gehört zu haben glaubte. In Wahr­heit war er versunken in die Mächtigkeit des Wortes: „Jetzt wollen wir zum zweiten Teil übergehen”, das im Manuskript des Predigers nur eine rein technische Funktion hatte, in Wirklichkeit aber selbst eine wirksame Predigt geworden war. „Seitdem”, begann der alte Lehrer wieder zu reden, „habe ich mehr Vertrauen auf das Wort als auf die Absicht, in der es gesprochen wird. Es kann in der vernünftigen Welt freilich kaum ein Wort ohne bestimmte Absicht gesprochen werden; aber die Absicht darf es nicht beherrschen wollen; sie muß es als freies Geschöpf in die Welt schicken, wo es das wirkt, was ein anderer will – ich darf zu Ihnen wohl sagen: was Gott will, das große, allmächtige und allein wahrhaft Wirkende. Seitdem ist, wie gesagt, das eingetreten, was man jetzt durch das Gerede über die Mächtigkeit meines Wortes verdirbt.”

Wir wußten nun von manchem Wort zu erzählen, das weit über seine ursprüngliche Absicht hinaus und ganz unabhängig von dieser gewirkt, z. B. von dem „Tolle, lege!”, dem Ruf eines sonst nicht mehr bekannten antiken Kinderspiels, der den großen afrikanischen Rhetor und Philosophen Augustinus in dem Sinne: „Nimm und lies!” veranlaßte, die Heilige Schrift aufzuschlagen und jene Stelle zu lesen, die sein Leben umkehrte; das später wiederum viel als buchhändlerische Reklame dienen mußte, während seine ursprüngliche Bedeutung wahr­scheinlich lautete: „Hebe auf und sammle” – nämlich die spielerisch verstreuten Steine!

Solche Exempel können freilich den Eindruck hervorrufen, daß es sich um Einmaligkeiten, Zufälligkeiten, Kuriositäten handle. Daß das große Wort, groß entweder durch seine offen­sichtliche Wahrheit und sein überraschendes Gepräge, oder groß auch von der Größe der Menschen, die es gesprochen, der Religionsstifter, der Klassiker, der führenden Politiker, – daß solches Wort bald losgelöst von Mund und Feder seines Autors meist unter dem Namen des Zitates eine selbständige Existenz gewinnen und eine heimliche oder unheimliche Wirk­samkeit im ganzen Lande, manchmal in der ganzen Welt, ausübt, das weiß man ja. Das tägliche Wort sieht man aber fast nur im unmittelbaren Dienste seiner Absicht. Es hat, im Unterschied von jeder anderen Art des Wortes, eine schnelle Wirksamkeit. Der Meister spricht es in der Werkstatt, und schon wird es von den Gesellen und Lehrlingen verwirklicht.

Aber wie oft hört man die Rede: „Das habe ich ohne Absicht gesagt!” Da handelt es sich immer um ein durchgegangenes Wort, um ein selbständig gewordenes Wort, das nach der Meinung des Sprechers seinen Sinn verkehrt oder zum Staunen des Sprechers einen größeren Sinn angenommen hat. Der Sprecher hat keine Gewalt mehr darüber; er muß es weiter wirken lassen; er kann sich salvieren, er kann Berichtigungen veranlassen, aber das Wort wirkt weiter in dem Sinne, den er nicht gewollt hat oder den zu ersinnen er selber zu klein war. Das Wort ist in die Gewalt der guten oder bösen Geister gekommen oder in die Gewalt Gottes zurückge­fallen, der guten Geister, wenn diese dem Sprecher nahe waren, der bösen – wehe dem Spre­cher, wenn es in die Gewalt der bösen Geister fällt!

Ich will keine Theorien aufstellen. Wenn ich die Welt, die sich mir aus dem Wort, aus eige­nem oder fremdem, aufgebaut hat, wenn ich also mein Leben mit all seinen Umständen auf die Wirksamkeit des täglichen Wortes hin prüfe, so erkenne ich wohl, daß das redlich über­legte und mit reinem und gutem Herzen ausgesprochene tägliche Wort viel rechte Archi­tektur geleistet hat. Ich bin freilich ein Mensch, dem die Gabe raffinierter Überlegung und kluger Planung nie gegeben ward; ich habe keine Erfahrung mit dem fein berechneten Wort; ich rede aus Not oder aus Lust; ich habe das Vertrauen, daß mein Wort immer seinen Ort findet. Aber meine Worte wirkten meist weiter, als ich sie gezielt hatte, und in dieser Weite wirkten sie anders, als ich die Absicht hatte; anstelle der Absicht trat die Dankbarkeit gegen den, der meine Worte weiter wirken ließ; manchmal war dies ein guter Mensch, manchmal vielleicht der Herrgott selber; manchmal bin ich soweit bescheiden, daß ich sage: Ich habe kein Ver­dienst daran, und manchmal kommt eine große Freude über mich, und ich muß denken: Es ist doch mein Wort! Da aber mein Leben fast immer anders gegangen ist, als ich gewollt und beabsichtigt, so muß wohl mein tägliches Wort, in dem es Stunde für Stunde weiterschritt, zwar gewirkt haben, aber oft anders, als ich beabsichtigt hatte. Ich bitte, dem täglichen Wort zuzuerkennen, daß es nur eine kleine Strecke Weges unser ist, und daß wir es dann entlassen müssen in das von nahem kleine, von weitem große Werk des Lebens, oder – in der religiösen Sprache – daß wir es dem Herrgott befehlen müssen.

Hier der Text als pdf.

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