Karl Barths Andacht für den Samstag vor Misericordias Domini: „Dass es für die Verheißung der Herrlichkeit, die Gott den Seinen gibt, gar keinen anderen Grund gibt als die Augen Gottes, die nicht bloß wie unsere Augen sehen, was da ist, sondern schaffen, was nicht da ist.“

Wilhelm Groß - Jesaja 6. Trost in der göttlichen Verheißung
Wilhelm Groß – Trost in der göttlichen Verheißung (Jesaja)

Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für den Samstag vor Misericordias Domini:

Samstag vor Misericordias Domini

Weil du so wert bist vor meinen Augen geachtet, mußt du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb. Jes. 43, 4

Bedenken wir. Diese strahlenden Worte sind zu einem Volk gesagt, über dessen Verderbnis und Gericht derselbe Prophet Worte findet, wie sie schärfer nie über ein Volk gefallen sind. Und das zu einer Zeit, da dies Volk heimatlos, machtlos, ehrlos am Boden lag wie vielleicht auch noch nie und nie wieder ein Volk. Mitten in Todesschatten hinein sind diese Worte gesagt. Und nun sollen sie auch uns angehen? Können sie uns angehen? Sind wir nicht vielleicht viel zu gute Menschen, und geht es uns nicht vielleicht viel zu gut, als daß diese Worte uns treffen könnten, wie sie gemeint sind? Aber sie könnten auch die Verirrten und Erniedrigten auf unseren Straßen und die Armen in den Zuchthäusern und die Schwerkranken in den Kliniken, sie könnten auch den verfehltesten oder betrübtesten Menschen unter uns noch immer verfehlen. Denn das Volk, das von ihrem Glanz getroffen wird, ist das Volk, das alle Hoffnung außer der Hoffnung auf Gott fahren gelassen hat, um in dieser Hoffnung ganz zu leben. Es wohnt in einer Tiefe, die immer noch tiefer ist als das, was wir als die Tiefen des Lebens schaudernd zu kennen meinen. Wissen wir, daß wir dahin gehören? Wir können und wollen nicht antworten. Gott allein weiß, wer unter den Reichen und Armen, den Gerechten und Ungerechten dieser Welt wirklich dorthin gehört, wirklich dieses Volkes Glied ist. Aber diesem Volk ist gesagt, ist es auch heute gesagt: Du mußt herrlich sein, und ich habe dich lieb. Warum? Ja warum? Nur darum, «weil du so wen bist vor meinen Augen geachtet». Verstehen wir, was das heißt? Daß es für die Verheißung der Herrlichkeit, die Gott den Seinen gibt, gar keinen anderen Grund gibt als die Augen Gottes, die nicht bloß wie unsere Augen sehen, was da ist, sondern schaffen, was nicht da ist. Daß wir darin unseren Trost und Ruhm finden, alles gegen uns, nichts für uns zu haben — nichts für uns als die Augen Gottes, die das Unwerte wert machen in königlicher Freiheit und Güte. Wir würden dann, wenn wir das verstünden, in der Wahrheit stehen. Und wir würden dann im Lichte wandeln.

Herr, unser Gott! Während Dich die Engel loben im Schmuck ihres Gehorsams, den sie nie brachen, und in ihrer Seligkeit, die nie gestört war, haben wir nur unsere Schande und unsere Not vor Dir auszubreiten. Aber du hast uns über alle Engel erhöht, indem Du Mensch geworden bist und Dich unserer Schande und Not angenommen hast. So lobpreisen wir Dich und flehen: Bleibe bei uns mit dem Wunder Deiner Gnade, heute und bis an der Welt Ende! Amen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s