Karl Barths Andacht für Samstag vor Quasimodogeniti: „Wieviel Fäulnis und Verwirrung in Kirche und Christenheit erklärt sich sehr einfach daraus: Wir drehen uns auch im Glauben oder in dem, was wir Glauben heißen, noch einmal um uns selbst.“

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Image by Gerd Altmann from Pixabay

Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für Samstag vor Quasimodogeniti:

Sonnabend vor Quasimodogeniti

Habe ich, Herr, Gnade vor Deinen Augen gefunden, so gehe der Herr mit uns! 2. Mose 34, 9

Wir wollen darauf achten, daß es nicht heißt: so gehe der Herr mit mir! Sondern: so gehe der Herr mit uns! Es ist ja Mose, der so gebetet hat, und Mose war gerade darin ein echter und rechter Mann Gottes, daß er sich in seinem Beten wie in seinem Arbeiten so ganz und gar mit dem von Gott auserwählten Volke zusammenschloß: daß das Ziel alles dessen, was wir von seinem Leben wissen, das große «Wir» war und nicht das große «Ich». Auch nicht und gerade nicht das große fromme Ich, das wohl gerne möchte, daß der Herr mit mir, mir, mir gehe, mich, mich, mich durch Zweifel, Anfechtung, Sünde, Tod hindurch in den Himmel bringe, und ganz vergißt, daß Gott nicht mich, sondern, wie der Heidelberger Katechismus sagt, eine «auserwählte Gemeinde versammelt, schützt und erhält und daß ich — erst jetzt ist von mir die Rede — derselben ein lebendiges Glied bin und ewig bleiben werde. Wir dürfen zählen darauf: Ist es wahr, daß ich Gnade vor Gottes Augen gefunden habe, dann kann ich nicht mit Ich, dann muß ich mit Wir weiterbeten. Ich bin Gottes Kind? Das ist eine Lüge. Wir sind Gottes Kinder. Wieviel geheime Gnadlosigkeit kommt darin unerbittlich an den Tag, wieviel Nicht-Erhörung scheinbar aufrichtiger Gebete hat darin ihren Grund, wieviel Fäulnis und Verwirrung in Kirche und Christenheit erklärt sich sehr einfach daraus: Wir drehen uns auch im Glauben oder in dem, was wir Glauben heißen, noch einmal um uns selbst. Wir machen aus der Gottseligkeit ein Gewerbe, dessen Ertrag wir ganz selbstverständlich für uns selbst bestimmt haben. Und das ist dann noch einmal und gefährlicher als zuvor die Sünde. Weiß ich, daß Christus für mich gestorben ist — wer muß dann sofort vor meinen Augen stehen? Lassen wir es uns nochmals durch Mose sagen: das «halsstarrige Volk» [Ex. 34, 9], dessen Glied ich bin, die mit mir getauften und berufenen anderen Sünder. Ich werde mit diesem halsstarrigen Volk zusammen oder ich werde gar nicht gerettet werden. Nur die Sünde ist eine Privatangelegenheit. Unter der Gnade geht der Herr mit uns. Haben wir nicht allen Anlaß, uns gerade unter diesem Gesichtspunkt noch einmal in die unterste Klasse der Schule Gottes versetzen zu lassen?

Vater im Himmel! Du hast uns Brüder und Schwestern gegeben. In ihrer Mitte und Reihe wohnt Deine Barmherzigkeit. Sie gefallen uns nicht immer. Und wir sind jeden Augenblick bereit, sie zu vergessen und unsere eigenen Wege zu gehen. Dann bist auch Du uns verloren. Halte uns beieinander, damit Du unser Heiland seist und bleibest. Amen.

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