Abraham Joshua Heschel – Das Gebet als Äußerung und Einfühlung von 1939: „Der Mensch weiß, dass das Wort auch unabhängig und außerhalb der Beziehung und Zugehörigkeit zu ihm da ist. Es ist für ihn ein Reales, ein für sich selbst Bestehendes.“

Heschel und King
Abraham Joshua Heschel and Martin Luther King auf dem Arlington Nationalfriedhof am 6. Februar 1968 (Fotografie: John C. Goodwin)

Nachdem Martin Buber Abraham Heschel 1937 als seinen Nachfolger an das Jüdische Lehrhaus in Frankfurt am Main berufen hatte, wurde dieser 1938 von der Gestapo verhaftet und als polnischstämmiger Jude ausgewiesen. In Polen kam er zunächst für mehrere Monate in ein Internierungslager. Nach der Freilassung wohnte Heschel bis Sommer 1939 in Warschau, wo lehrte er am Institut für Jüdische Studien Lehrte. Im Sommer 1939 emigrierte kurz vor der deutschen Invasion nach London, im März 1940 dann in die USA, so dass Heschel der Schoah entging. Sein wohl letzter auf Deutsch verfasster Artikel erschien 1939 in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums:

Das Gebet als Äußerung und Einfühlung

Von Abraham Heschel

In den Betrachtungen über das Gebet ist man gewohnt, vor allem auf den Betenden, seine innere Kraft und sein Erlebnis, und auf den Gebetstext, seinen Inhalt und seinen Stil, zu ach­ten. Das Beten selbst, der Akt des Betens, tritt dabei in den Schatten, und was im Halbdunkel davon sichtbar bleibt, ist sein Umriß; seine wesentlichen Züge bleiben dem Auge des For­schers entrückt. Hier soll im Mittelpunkt der Untersuchung das Beten selbst stehen.

Die beiden Gegebenheiten, der Betende und der Gebetstext, erscheinen oft in der wissen­schaftlichen Darstellung in einem losen Nebeneinander, atomisiert, ohne gegenseitigen Zu­sammenhang. Dies widerspricht dem wirklichen Tatbestand. Denn der Vorgang des Betens spielt sich zwischen diesen beiden ab. Was zwischen ihnen besteht, ist mehr als eine techni­sche Beziehung; das Wort ist für den betenden Menschen kein bloßes Gebrauchsmittel, son­dern ein realer Faktor in der Dynamik des Gebetsaktes. Eine Klärung von Art und Funktion der Beziehung zwischen Betendem und Gebetswort ist für ein rechtes Verständnis dessen, was Beten ist, unerläßlich.

Der Mensch lebt in seinem Alltag fern vom Gebet. Eine Wen­dung muß an ihm geschehen, damit er zu beten anfängt. Auf welche Weise wird er zum Betenden? Man ist in den wissen­schaftlichen Betrachtungen geneigt, gewissen psychischen Zuständen den An­trieb zuzu­schreiben. Es wird dabei übersehen, daß das alltägliche Gebet in einem viel stärkeren Grade einer anderen Kraftquelle entspringt. Man wird zu einem Betenden erst im Beten selbst und nur selten vorher. Am Wort wird der Mensch zum Betenden.

An den Beziehungen des Menschen zum Wort des Gebets lassen sich manche Merkmale und Eigentümlichkeiten erkennen, die für das Verständnis des Gebetsaktes von Wert sein können. Wie verhält sich der Mensch zum Wort des Gebets? Wie entsteht [563] die Beziehung zwi­schen ihnen und wie ist sie beschaffen? Was bedeutet das Wort für den Betenden?

Die Weisen des menschlichen Verhaltens zu einem Gegenstand können sehr verschieden sein, je nachdem, ob es sich um einen Men­schen oder um ein Tier, um eine Pflanze oder um ein Kunstwerk, um einen magischen Gegenstand oder um ein Werkzeug handelt.

Der für die Vorgänge des Lebens wachsame Mensch weiß nicht wenig um das Wesen des Wortes. Nirgends erscheint die Mächtig­keit des Geistes so elementar und auch dem primi­tiven Fassungs­vermögen so greifbar gegeben wie im Wort. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, das Gesamtbild des Wortes zu zeichnen oder die Vielfalt seiner Erscheinungen auch nur anzu­deuten, sondern lediglich einen der Züge hervorzuheben, die für die Gestalt bezeichnend sind, in der der Betende das Wort erblickt: Die Gegenständlichkeit des Wortes. Der Mensch weiß, daß das Wort auch unabhängig und außerhalb der Beziehung und Zugehörigkeit zu ihm da ist. Es ist für ihn ein Reales, ein für sich selbst Bestehendes. Ohne daß er sich über seinen Sinn­gehalt im Klaren ist, wird er der Kraft des Wortes inne. Diese mächtige Kraft, die jeder­mann im Versprechen, im Ehrenwort, im Eid oder im Gelübde kennenlernt, überragt die Kraft des menschlichen Bewußtseins und des menschlichen Willens. Beten ist zu einem großen Teil die Vergegenwärtigung eines Gelübdes des Menschen oder einer Verheißung Gottes. In dieser Gültigkeit, in dieser Mächtigkeit steht das Wort vor dem betenden Menschen.

Für gewöhnlich sind die Gewalten des Wortes gezähmt. Der Mensch muß sie erst entfesseln, damit sie aufbrechen und sich ver­nehmen lassen. Die Einstellung des Betenden ist auch von Anfang an keine passive. Der Gültigkeit und der schlummernden Mächtig­keit des Wortes stellt sich das Erlebnis des Betenden gegenüber. Der Charakter des Gebetsvorganges ist in einer wesentlichen Hin­sicht vom gegenseitigen Verhältnis zwischen Erlebnis und Wort abhängig. Hier wollen wir einen Typus dieses Verhältnisses be­schreiben.

Aus der Ferne vom Gebet wendet sich ein Mensch den Gebets-[564]worten zu. Das Erlebnis in ihm ist noch nicht erwacht und regt sich erst am Wort, das in seinem Reichtum, Schwung und Geheim­nis immer mehr zum Vorschein kommt. Auf dem Wege zum Wort, an seinem Abhang und Rücken reift dann das Gebet, läutert sich der Mensch zum Betenden. Der Be­wußtseinsinhalt und der Text des Gebets, die Bewegtheit im Menschen und die potentielle Energie des Wortes sind niemals kongruent. Die Spannung, die sich aus dem Mißverhältnis zwischen Erlebnis und Ausdruck ergibt, das Fehlen einer Kongruenz von Person und Wort, liegt wie ein Hindernis, wie ein Anstoß da, der Gegenkraft erregt.

Der Mensch steht vor den Worten des Gebets, er merkt, wie ihre innere Potenz die aktuelle Kraft seines Bewußtseins überragt, er weiß um ihren Sinngehalt, um den ausgedehnten Zug ihrer Be­deutungen, in die er eindringen möchte, um sie zu erfahren, um sie zu spüren, um ihrer als Ausdruck in ihm schlummernder Ah­nungen habhaft zu werden, um in ihre geheim­nisvolle Tiefe ein­zudringen. Der Weg in das Wort bahnt sich mühsam an, das Vor­dringen durch die Aneignung der sich darin bergenden Bedeutungen ist aufregend und versetzt den Menschen in heftige Bewegung. Durch das Erhaschen der Bedeutungen erwachen verschüt­tete Kenntnisse, längst vergessene Einsichten und Empfindungen. Aber dann, auf der Höhe des Wortes, glüht das innere Licht reiner, und die Stille läßt den Menschen die verklungene Stimme des Wissens, des Gewissens, der Seele und der Welt vernehmen. In der Ein­fühlung in das Gebetswort, im Zusammenprall mit dem Gegenstande Wort, ist das Wort der Meister und der Mensch der Emp­fänger.

Der Betende ergreift nicht auf einmal Besitz vom Wort. Das Beten spielt sich ab als allmähli­ches, von Wort zu Wort, von Ge­danke zu Gedanke und von Empfindung zu Empfindung vor­tretendes Tun. Es vollendet sich nicht im Nu, es bewegt sich nicht auf gerader Ebene, sondern drängt vor durch Tiefen und Höhen, durch Um- und Nebenwege.

Die eigenartige Aktion der intensiven Einfühlung in das Wort fehlt in der gewöhnlichen Mit­teilung. Wenn es auch vorkommt, [565] daß jemand sich in Worte steigert und sich an ihnen berauscht, so ist das in der Regel unwillkürlich. Die Gegenständlichkeit des Ge­spro­chenen nimmt der Mensch niemals in solcher Plastik und mit solchem Ernst wahr wie im Gebet.

Das Ansetzen bei den Worten im Gebet wirkt sich anders aus als das Ansetzen beim eigenen Ich, bei eigenen Erlebnissen und Empfindungen. Es ist fruchtbarer und heilvoller, vom Objek­tiv-Geistigen auszugehen. Man erfährt neuen Antrieb und wird zu Stellungnahmen, zu einem Reagieren auf Inhalte angeleitet, denen man vorher nicht nahegekommen war, man gewinnt an Gehalt und an Horizont.

Dagegen kann das Ausgangnehmen vom Subjektiven, von der eigenen Innerlichkeit leicht zur Selbstbespiegelung, zur Ver­strickung in das Selbst führen.

Die Begriffe, die das Göttliche andeuten, übertreffen den Umfang des menschlichen Bewußt­seins. Die Worte, die um Ihn künden, überragen die Kraft der Seele, und sie fordern eine Reinheit, die der Gesinnung kaum gegeben ist. Ihn zu nennen, ist ein Wagnis und eine Über­steigerung des Bewußtseins. Es heißt fast außer sich geraten, wenn man auf Ihn hinweisen will. Jeder Betende weiß, ein wie ernstes Tun das Sprechen ist, denn das Wort ist kein Werk­zeug, sondern das Ebenbild des Gegenstandes, dessen Namen es ist. Im Beten kommt es daher zuweilen zu einem Zusammenprall mit dem Wort. Es geht dann zu, wie wenn jemand ah­nungslos auf einen Knopf drückt und ein riesiges Räderwerk von allen Seiten sich stürmisch und überraschend in Bewegung setzt.

Diese Spannung kann zu einer Quelle des Antriebs werden. An ihr kann die Beziehung an Kraft und das Wissen an Ahnung gewinnen.

Wenn das Gefäß eines Wortes zu eng ist für das überquellende Gefühl, überläßt sich der Be­tende dem Ton, der unmittelbarsten Form der Äußerung. Die Woge des Tones trägt das Wort zu einer Ferne hin, wohin das Wort aus eigener Kraft nie gelangen würde. Das Erlebnis wird unmittelbar, wo es nicht mehr mitteilbar ist.

In keiner anderen Form der Äußerung erfährt der Mensch so [566] häufig das Mißverhältnis zwischen dem Ausdrucksverlangen und den Ausdrucksmitteln wie im Gebet. Die Unange­messenheit der verfügbaren Ausdrucksmittel erscheint so greifbar, so tragisch, daß man es als Gnade empfindet, in der Richtung umkehren zu können: sich den gegebenen Worten zu über­lassen, sich von ihnen abhängig zu machen und aus ihren Quellen zu zehren. Es ist kein Ersatz und keine Untreue zu sich selbst. Denn das Wort ist keine Äußerlich­keit, die man nachzuah­men, sondern eine Urkraft, die man sich anzueignen hat, und die Erzeugung der Empfindung durch das Wort ist nicht weniger elementar als die Erzeugung des Ausdruckes durch die Em­pfindung.

Was das Wort nicht mehr hergeben kann, leistet der Mensch durch die Fülle seiner Ohnmacht. Je tiefer die Not, in die man durch diese Ohnmacht versetzt wird, desto mehr offenbart sich der Mensch in seiner Wesentlichkeit und wird selbst Ausdruck. Beten ist mehr als Mitteilung, und der Mensch ist mehr als das Wort.

Entscheidend bleibt das Verhältnis des Bewußtseins zum Ge­sprochenen. Der Stufen sind mehrere: die leidenschaftslose Be­jahung des Inhalts, die innere Bezeugung seiner Wahrheit, die strebende Neigung nach seiner Erfüllung, die erregende Vergegen­wärtigung seiner Fol­gen, die kontemplative Bewunderung seiner Bedeutung bis zur Inhärenz der Person im Sinn­gehalt.

Echtes Beten ist also kein Reden, sondern ein Geschehen. Es ist dann so, daß der Mensch durch sein Wissen nicht erfaßt, was mit ihm vorgeht. Der Beginn liegt diesseits, das Ziel aber jenseits des Mittelbaren und Unmittelbaren. Das Ziel mag nicht stets zu erlangen sein, aber der Ort, wo Beten sich zuzutragen pflegt, ist der Grenze der Sphären nahe. Die Wege dorthin sind in den Ge­betsworten angezeigt und überliefert, die Angaben über das Ziel, seinen Be­reich und seine Beschaffenheit, sind weder recht be­schreibbar, noch wäre ihre Mitteilung eine Hilfe.

Nicht als Gebrauch des Wortes als einer menschlichen Äuße­rung, sondern als Feier des Wortes als einer heiligen Gegebenheit vollzieht sich der kultische Dienst des Betens, die Awoda des [567] Herzens. Vor dem Antlitz Gottes schämt der Mensch sich, Erleb­nisse, Empfindungen aufzubringen; diese Hemmung überwindet er nur selten. Was er am ehesten vermag, ist, die Substanz des Wortes mit aufgerüttelter Aufmerksamkeit und Ausrichtung auf­zufangen und mit Zittern darzubringen. Die Kraft, die aus den Worten strömt, vereinigt sich mit der elementaren Kraft, die aus dem Gedächtnis steigt. Die Einsichten in die Wege des Lebens, die Erfahrungen mit der Wirklichkeit Gottes in der Welt, setzen sich um in Gebet. Das Ich mit seinen Erlebnissen ist unentbehr­lich, aber ohne die Hilfe des Wortes ohnmächtig. Die Objekti­vierung des Subjekts, das Ausgehen von einem geistigen Gehalt, die Überwindung des allzu Persönlichen, die Ahnung der Möglich­keit, seine Bedürfnisse in Gott münden zu lassen, Ihn meinen: das ist Gebet. Denn Beten heißt letztlich Gott verstehen, die um ihn kündenden Worte verstehen.

Im Beten vollzieht sich häufig eine Steigerung seelischer Zu­stände. Ein Gedanke wird zu einem Wunsch, ein Wunsch zu einem Verlangen, ein Verlangen zu einer Forderung, eine For­derung zu einer Erwartung, eine Erwartung zu einer Vision. Diese Stufen stellen Grade der persönlichen Einstellung und zugleich der ob­jektiven Wirklichkeit dar.

Beten heißt, an ein Wort fassen, an den Endpunkt einer Schnur, die gleichsam zu Gott führt. Je größer die Kraft, um so höher ist der Aufstieg an dem Wort. Beten heißt aber auch, daß der Widerhall des Wortes wie ein Senkblei in die Tiefe der Person fällt. Je reiner die Bereitschaft, um so tiefer dringt das Wort.

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Jg. 83 (1939), H. 1 (Januar 1939), S. 562-567.

Hier Heschels Text als pdf.

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