Karl Barths Andacht für Mittwoch nach Ostern: „Alles, was wir irgendwo gehört und gelesen haben von seiner Güte und Treue, bezieht sich auf dieses Schreien.“

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Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für Mittwoch nach Ostern:

Mittwoch nach Ostern

Wir schrien zu dem Herrn, dem Gott unserer Väter; und der Herr erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not. 5. Mose 26, 7

Es war dunkel um uns und in uns geworden, die Welt leer und unser Herz öde. Die gewohnten Antworten, die wir uns zu geben versuchten und die andere uns gaben, waren uns verleidet, und wir fanden keine besseren. Unsere Sünde stand gegen uns auf, nicht bloß das Wort «Sünde», sondern das Wirkliche, was damit gemeint ist: Wir waren abgesondert. Wir hatten keinen Gott mehr. Wir konnten nicht mehr zu ihm reden als zu unserem eigenen gegenwärtigen Gott. Wir konnten nur noch zu ihm schreien als zu dem «Gott unserer Väter», zu dem Herrn, von dem wir irgendwo gehört und gelesen hatten, daß er der Herr sei voller Wahrheit, Gnade und Hilfe. Wir sahen nichts von dem allen, wir sahen nur, daß andere, die vor uns waren, das alles gesehen haben wollten. Wir redeten nicht mit ihm. Es war kein ordentliches Beten. Es war wirklich nur ein Schreien wie das eines verlassenen Kindleins. Und indem wir ganz ohne Erfahrung, ohne Glauben, ohne Gefühl, ganz gottlos schrien zu dem Gott unserer Väter, da hatte er uns schon erhört. Da war er schon bei uns. Da war es schon sonnenklar, daß unsere Väter sich nichts eingebildet hatten bei dem, was sie gesehen haben wollten, daß er eben nicht bloß der Gott unserer Väter, der Gott anderer Menschen, alter, längst vergangener Zeiten ist. Gott sah uns: gerade uns heurige Menschen mit allem Drum und Dran, was uns heutige Menschen von den Menschen früherer Zeiten unterscheidet. Indem Gott uns ansah, auch uns ansah, waren wir schon erhört, war seine Wahrheit, Gnade und Hilfe zur Stelle, genau so, wie wir es irgendwo gehört und gelesen hatten. Was sah er, indem er uns ansah? Nun, gewiß nichts anderes als unser Elend, unsere Angst und Not. Es war nur unsere Gottlosigkeit, was da vor seinen Augen ausgebreitet lag. Aber eben vor seinen Augen, von ihm angesehen, von ihm und bei ihm aufgehoben, eröffnet und zugedeckt vor dem Licht seines Angesichts. Wir erkannten: Wir haben nichts anderes vor ihm auszubreiten. Auch unsere Väter hatten nichts anderes vor ihm auszubreiten. Auch sie haben wohl nur geschrien. Aber eben indem sie schrien und nur noch schreien konnten, wurden sie erhört. Alles, was wir irgendwo gehört und gelesen haben von seiner Güte und Treue, bezieht sich auf dieses Schreien. Alle Stimmen aller, die erlöst wurden, klingen zusammen, sagen gleichzeitig das Eine: «Christus ist für uns gestorben, da wir noch Sünder waren» [Röm. 5, 8]. Was können wir Besseres verlangen, als daß wir in diesen Chor einstimmen dürfen?

Vater im Himmel! Laß es uns nur in aller eigenen Bedrängnis keinen Augenblick vergessen, was uns gesagt ist von altersher: Du bist der Gott alles Trostes. Indem wir fragen, zweifeln, irren, indem wir noch toben als Deine Feinde und nicht aus noch ein wissen, hast Du Dein Wort schon wahr gemacht. Wir danken Dir und preisen Dich darum, daß Du heute der Gott Deiner Elenden bist. Amen.

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