Karl Barths Andacht für den Mittwoch in der Karwoche: „Wir möchten, dass der Herr nicht an uns vorübergehe? Dann können wir nichts Besseres tun, als uns gebeugten Hauptes in die Reihe jenes närrischen Volkes zu stellen.“

Daumier - Ecce homo
Honoré Daumier – Ecce Homo (1848-52)

Für das von Gerhard Jacobi initiierte Buchprojekt „Erhalt uns, Herr, bei Die­nem Wort! Evangelische Andachten für jeden Tag“, 1932 im Furche-Verlag in Berlin erschienen, steuerte Karl Barth die Texte von Palmsonntag bis zum Samstag vor Misericordias Domini bei, indem er die Herrnhuter Losungen vom 29. März bis 18. April 1931 auslegte. Hier die Andacht für den Mittwoch in der Karwoche:

Mittwoch in der Karwoche

Herr, habe ich Gnade gefunden vor Deinen Augen, so gehe nicht an Deinem Knecht vorüber. 1. Mose 18, 3

Der Landpfleger Pilatus war kein schlechter, und er war jedenfalls ein kluger Mann. Als man ihn drängte, Jesus Christus zu kreuzigen, da nahm er zuletzt Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten. Und dann und so überantwortete er ihn, daß er gekreuzigt würde. So denkt und so handelt, wer vor den Augen des Herrn keine Gnade gefunden hat. Nicht das zeigt seine Gnad­losigkeit, daß er Christus kreuzigen ließ. In unser aller Mitte und durch unser aller Verkehrt­heit ist Christus gekreuzigt. Und daß Christus als der unter uns und durch uns Gekreuzigte bei uns ist, das eben heißt, daß Gott mit uns ist, das ist das Evangelium, die mäch­tig sich offenbarende Gnade Gottes. Gott ist immer der, der gut macht, was wir gedachten böse zu machen. Aber das beweist böse Gnadlosigkeit: diesem gegenwär­tigen Gott gegenüber reine Hände haben und unschuldig sein wollen. An solchen Unschul­digen geht der Herr vorüber und läßt sie zurück in der äußersten Finsternis.

Das ganze Volk aber sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Es war ein verdrehtes, ein wahnsinniges Volk, das so sprach. Es rief sich das Gericht auf den eigenen Kopf, und das Gericht blieb nicht aus. Und doch sprach die Weisheit Gottes aus seinem und nicht aus des klugen Pilatus Mund. Nicht indem es das Böse wollte, aber indem Gott durch sein Böses das Gute wollte und tat. Wer nicht reine Hände haben, nicht unschuldig sein, wer vielmehr seine Schuld an der Kreuzigung Christi bekennen will, an dem geht der Herr nicht vorüber. Wir wissen wohl alle nicht viel besser als jenes Volk, was wir tun, es geschieht wohl mit nicht weniger Übermut und Lästerung, wenn wir diese unsere Schuld bekennen. Aber wenn Menschen Gnade finden vor Gottes Augen, dann handelt es sich weder um ihre Aufrichtigkeit noch um ihre Unaufrichtigkeit, sondern um seinen eigenen großen Namen. Christi Blut, das Blut des neuen Bundes, in dessen Verströmen Gott versöhnend an unsere Stelle tritt, dieses Blut muß kommen über uns und unsere Kinder. Wir möchten, daß der Herr nicht an uns vorübergehe? Dann können wir nichts Besseres tun, als uns gebeugten Hauptes in die Reihe jenes närrischen Volkes zu stellen.

Herr, wir sind erschrocken über uns selbst, daß wir Deiner so leicht und oft vergessen können. Bewahre uns doch vor der falschen Demut des Leichtsinns nicht minder wie vor dem Hochmut einer allzu menschlichen Gerechtigkeit. Sammle Du uns aus aller Zerstreutheit, daß wir aufs neue erkennen, daß bei Dir die Vergebung ist und bei keinem sonst. Amen.

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