Helmut Gollwitzers Predigt über Lukas 9,57-62: „Ihr, sagt Jesus, seid Pflüger im Reich Gottes, Eure Furche muß gerade und tief werden, die ihr aufpflügt in dem Volk, das euch hört.“

 

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Nachdem Martin Niemöller am 1. Juli 1937 verhaftet worden war, übernahm Helmut Gollwitzer dessen Predigtdienst in Berlin-Dahlem. Von ihm stammt folgende Predigt über Lukas 9,57-62, gehalten am 24. September 1939:

Und sie gingen in einen anderen Markt. Es begab sich aber, da sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wo du hin gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hin lege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: HERR, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein anderer sprach: HERR, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, daß ich einen Abschied mache mit denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.

Liebe Gemeinde!

Daß Jesus Menschen findet, die mit ihm gehen wollen, das ist schon etwas ganz Außeror­dentliches. Was muß dieser Mann, der da zu ihm sagt: »Ich will dir folgen, wo du hingehst« – was muß der an ihm gesehen haben, wie muß er hindurchgeschaut haben durch dieses Äußere von Niedrigkeit und Armseligkeit des heimatlosen Mannes Jesus! Wie muß er die eigentliche Kraft gesehen haben, wie hat er sich nicht nur dabei begnügt, Wunder und Heilungen entge­genzuneh­men und zu sehen, sondern wie hat er sich aufgerufen gefühlt, nicht nur zu nehmen, sondern mitzugehen! Was muß er für einen Reichtum bei diesem Menschen Jesus von Naza­reth entdeckt haben! Der Evangelist Matthäus berichtet, es sei ein Schriftgelehrter gewesen, der hier spricht. Dann ist es wohl noch erstaunlicher. Wie muß er eine Gottesfülle gemerkt haben – eine Nähe Gottes, wie er sie durch all sein theologi­sches Studium nie erreicht hat! Die höhnischen Blicke seiner Standesgenossen nicht achtend, nicht sehend auf alles, was er nun verlassen will, hat er sich aufgemacht, ging zu diesem Mann Jesus hin und sagte: »Ich will dir folgen, wo du hingehst.« Es sind seit diesem Mann viele gekommen, ganze Völker sind ge­kommen und haben ihn bei sich aufnehmen wollen – wahrlich, nicht nur gezwungen, sondern sehr angelockt, freiwillig, überwunden von einer Kraft, geworben von einem Reichtum, neben dem ihnen ihre alten Götter ärmlich vorkamen. So haben sie ihn aufgenommen; aber wollten sie auch mitgehen? In den Völkern hin und her gab es dann eine Kirche, und wie groß der Schaden und die Lauheit und der innere Tod der Kirche auch immer gewesen sein mögen, Gott sei Dank, daran hat es nie ganz gefehlt, daß in diesen Kirchen immer wieder einige Leute gewesen sind, hin und her in den Gemeinden, die ihn nicht nur aufgenommen, sondern zu ihm gesagt haben: »Ich will mitgehen.« Aber wollten sie auch mitgehen, wohin er geht? Nicht nur ein Stück weit, nicht nur mit der heimlichen Absicht, die wir ja so gut kennen aus unserem Herzen, ihn dann doch immer herüberzuziehen auf unsere eigenen Wege, sich ab und zu einen kleinen Abweg zu gestatten, wo es einem bequemer oder verlockender dünkte. Wirklich mit­gehen, wohin er will, ganz verzichten darauf, ihn unseren eigenen Wünschen dienstbar zu machen? In einer Zeit, in der wir alle mit so leidenschaftlichen Wünschen erfüllt sind, merken wir ja, was das bedeutet: ihm alles anheimzustellen, keinen eigenen Weg mehr zu wollen, son­dern ganz ihm zu sagen: »Ich will, was du willst, hingehen, wohin du willst auf allen Wegen und bis ans Ende.« Es war ja angekün­digt, was es für ein Weg sein würde; Jesus hat schon angekündigt, wo er enden würde. Erstaunlich, ungeheuer, daß ein Mensch kommt und sagt: Auf diesem Weg will ich mitgehen – daß ein Schriftgelehrter kommt und sagt: Wohin du willst, will ich mitgehen. Erstaunlich daß seit jenem Tage immer wieder Menschen alles Zurückhaltende durch­brochen und ihm erklärt haben: Ich will hingehen, wohin du willst. Und zu keinem anderen Zweck sind wir im Gottesdienst zusammen, als damit bei dem einen oder anderen von uns dieser Durchbruch erfolge, daß er nicht mehr sagt: »Ich will«, sondern: »Ich will, was du willst.« – Jesus selbst ist ganz zurückhaltend – das ist das zweite Erstaunliche bei dieser Geschichte, daß er nicht die Arme aufmacht und sagt: Endlich einer, der’s verstanden hat, endlich einer, der sich radikal preisgibt und hergibt; endlich einer, der sich selbst absagt und kommt und mit mir geht. Er zögert, er macht selbst bedenklich, macht alle Einwände, die etwa wohlmeinende Freunde diesem Schriftgelehrten hätten sagen können. Alles, wovor euch eure Freunde, Verwandten, Eltern, Lehrer warnen und bedenklich machen könnten, wenn ihr ihnen erklärt, daß ihr jetzt den Weg Gottes gehen wollt – all das nimmt Jesus auf und spricht es selbst aus und hält es den Menschen entgegen: »Weißt du auch, was du tust?« Uns zum Heil zögert er so. Der Apostel Paulus schreibt einmal an die Korinther: »Ich suche nicht das Eure, sondern euch« (2. Kor 12, 14). Jesus sucht nicht das Unsre, sondern uns. Die Selbst­sucht des Menschen zeigt sich darin ganz deutlich, daß man überall da, wo Menschen zu Bewegungen für irgendein Ziel gesammelt werden, das Unsrige sucht und nicht uns. Darum ist in der Welt die Zahl so hoch geachtet in den politischen und geistigen Bewegungen bis herein in die Kirche. Überall da, wo – auch in der Kirche – die Zahl hoch geachtet ist, sollen wir es sofort wissen: Da geht es um menschliches Wollen und nicht mehr um den Heiligen Geist. Denn der Heilige Geist will nie unsere Zahl, sondern er will uns. Was hilft es Jesus, wenn er all das Deinige bekommt und nicht dich? Was hilft es dir, wenn er alle anderen sein eigen nennt und nicht dich? Er will dich haben, weil er dir nur so helfen kann. Er heilt dich, um dein Herr zu werden, er muß aber auch dein Herr sein, wenn er dein Leben, wie er einen Vers vor diesem Text sagt, »erhalten« will, damit es nicht verlorengehen kann.

Darum, uns zum Heil, um uns zu bekommen und nicht nur das Unsrige, zögert er und verzich­tet auf alle Werbung. Deshalb ist das Evangelium eine unheimlich schroffe und ablehnende Sache. Dem Geheilten verbietet er, es weiterzusagen; seinen Vorläufer Johannes läßt er den Leuten, die zu ihm hinauskommen, ins Gesicht sagen »ihr Otterngezücht«; die Pharisäer und Schriftgelehrten, die frömmsten Leute, redet er auf gröbste Weise an; er umgibt sich mit lauter ver­rufenen Leuten, quartiert sich bei ihnen ein, ist gar nicht auf Verbindung mit den einfluß­reichen Kreisen des Volkes bedacht, sagt unerhört radikale Sachen, so daß selbst seine Jünger sich abwenden und erklären: »Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören« (Joh 6,60)? Er ruft Menschen heraus aus allen Zusammenhängen, als ginge es nur um ihn, und gibt gar keine Milderungen. So verachtet er alle Werbung; denn nur so kann der Ruf bis ins Innerste des Menschen vordringen. Jeder, der dann sein Missionar wird, muß es darum ebenso halten. Er darf bei den Menschen nie das Ihre suchen, sondern sie selbst, und darum muß er sie ohne Konzessionen, ohne irgendwelche Tricks, ohne Entgegenkommen zu einer Entscheidung rufen, die in ihrem innersten Selbst geschehen muß. Das ist gemeint, wenn es in den Gesang­buchliedern immer wieder heißt: »Es geht durchs Sterben nur.« Keine Lebensverneinung wird damit zum Ideal erhoben. Aber das ist gemeint, daß der Weg der Lebenshilfe Gottes, der Weg Gottes auf Erden zunächst der Weg eines großen Sterbens, das heißt eines großen Hergebens ist, und daß nur, wo sich ein Mensch in dieses Hergeben hineinziehen läßt, ihm von Jesus wirklich geholfen werden kann. Auch wenn wir im Kopfe Christen sind, sind wir ja im Her­zen oft genug und tief genug Heiden. Und unser Herz hält darum immer wieder Wege für falsch, von denen wir wissen müßten, daß es gerade die richtigen sind. Wo ein Weg, den wir im Gebot Gottes eingeschlagen haben, uns dahin führt, daß wir aus allen Sicherheiten heraus­kommen in die größte Unsicherheit, daß wir Opfer über Opfer bringen müssen, daß wir von den Leuten schief angesehen werden, daß uns die Gruben der Zuflucht und die wohlgebauten Nester zerstört werden – wo das geschieht, da sagt unser Herz oft genug: Jetzt weißt du, es war ein falscher Weg, es war nicht der Weg Gottes. Jesus sagt: Es könnte gerade der rechte Weg gewesen sein. Jesu Weg ist ein Weg heraus aus den Sicherungen unseres Daseins, aus den wohl­gebauten Nestern und Gruben in eine ganz gefährliche Freiheit.

Aber spürt doch – und der Schriftgelehrte hat es wohl in dem Augenblick auch gespürt was für ein Evangelium in dem Wort steckt. Wenn man Eltern zusieht, wie sie Zukunftspläne für ihre Söhne machen, wenn man Menschen zusieht, wie sie bei ihren Entscheidungen die Fra­gen der eigenen Sicherung in den Mittelpunkt stellen – Jesus steht auch dabei und sieht zu: »Und er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegte!« Wer mit ihm gehen will, der muß einen Weg mitgehen, der der Weg eines ganz großen Vertrauens ist. Das Evangelium ist eine Befreiung. Freiheit kann nur der haben, der sich so anvertraut. Ist es nicht einer der erschütterndsten Anblicke in diesen letzten Jahren gewesen, daß man es bei Menschen, die im Dienste Christi alt geworden sind, erlebt hat, wie sie in der Stunde der Entscheidung enthüllten, daß auf dem Altar schon lange nicht mehr der Name Jesu Christi stand, sondern die wohlerworbene Ehre, die Pensionsberechtigung, die äußere Ruhe des Menschen, der irgendwann auch einmal gesagt hatte: »Herr, ich will dir folgen, wo du hingehst.« Sein Leben lang hat er das verkündigt, aber in der Stunde der Entscheidung ist er nicht mitgegangen, sondern blieb in dem Nest und in der Grube seines Lebens und vergaß Jesus, der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte.

Dieses Wort, das Jesus dem Schriftgelehrten antwortet, ist vielleicht ein damals geläufiges Sprichwort gewesen, das vom Menschen über­haupt sprach. So sei der Mensch dran: Füchse haben Gruben, Vögel haben Nester, aber der Mensch hat keine Sicherheit. Indem Jesus es jetzt so auf sich bezieht, sagt er: Wie sich in mir Gott offenbart, so offenbart sich in mir auch die Wirklichkeit des Menschen: Er hat nur Scheinsicherheit, aber keine Sicherheit, und Zeiten des Krieges führen uns das vor Augen: Keine Sicherheit! Da nun ruft Jesus heraus aus dieser Scheinsicherheit. Er ist heimatlos, machtlos, hat keine großen Ehren zu vergeben. Irdische Führer können uns Macht versprechen, wenn wir ihnen folgen. Wenn wir das Leben für sie opfern, haben wir die Ehre bei den Menschen. Wer diesem heimatlosen göttlichen Führer folgt, muß damit rechnen, daß er auf Erden keinerlei Ehre bekommt und auch im Tode noch verlacht wird. Er muß die Wahrheit des menschlichen Wesens erkennen: Es ist gar nichts damit. Er muß sehen, unbeirrt, was für eine herrliche Sache ihm bei diesem heimatlosen, machtlosen Mann angeboten wird. Dann gibt es den Durchbruch, daß selbst das, was einen Menschen zurückhalten könnte, ihn nicht mehr zurückhält, daß er auf die Frage Jesu antwor­ten kann: »Ja, ich weiß, was ich tue; ich will dir nachfolgen, wo du hingehst.«

Darum schließt Jesus sofort an die Frage das Gebot an: »Folge mir nach!« und erklärt es sofort durch die Ausführung: »Laß die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes.« Er braucht hier auf Erden eine protestierende Schar, eine Schar von Menschen, die protestiert gegen den Respekt vor dem Tod, der die Erde beherrscht. Bei diesem Respekt vor dem Tod kommt alles heraus, was die Erde zur Stätte des Jammers macht, das Verbrechen und die Moral, der Haß und die Rache, der Pharisäismus und die Lieblosig­keit, sie alle sind begründet in dem großen Respekt vor dem Tod, den wir als das größte Übel fliehen und den wir zugleich als den großen Erben aller Dinge und den Herrn aller Herren anerkennen. Dies Todeswesen auf Erden ist der große Jammer Jesu. Er braucht Leute, die er da heraus­rufen kann, die sich wegrufen lassen von der großen Anerkennung, die wir der Herrschaft des Todes immer wieder bereiten. Seine Jünger, wir alle müssen einen unverwand­ten Glauben haben an die Macht und den Sieg des göttlichen Lebens über den Tod. Wer den nicht hat, der kann zwar die Zähne aufeinanderbeißen, er kann mutig sterben, aber er kann nichts überwinden. Er kann auf dieser Erde nicht das Reich Gottes verkündigen. Es mag Ent­rüstung entstehen, wo einer heute dem Tod den Respekt verweigert, Entrüstung, wie wenn ein Sohn seinen Vater nicht beerdigt; es mag von allen Seiten die Frage auf den Jünger zukom­men: »Du weißt anscheinend nicht, was alles passiert; wie könntest du sonst immer noch fröh­lich und zuversichtlich sein und so leichtnehmen, was da alles geschieht.« Ach, der Jünger kennt den Ernst des Todes besser als irgendeiner. Ihm zerreißt der Jammer der Welt das Herz. Aber er bricht durch – das heißt nachfolgen: er bricht durch – durch die Verzweiflung, er sagt dem Tod den Respekt auf, er weigert sich, ihn anzuerkennen, er verkündigt über der Welt das Leben Gottes. Er weiß, daß der Tod nicht das letzte Wort hat und keinen letzten Ernst mehr beanspruchen kann. »Kann uns doch kein Tod nicht töten.« »Lacht der finstern Erdenkluft, lacht des Todes und der Höllen!« Sehen wir das Evangelium in diesem scheinbar so harten Wort? Was ist das für eine Hilfe an all den vielen Gräbern dieser Tage, in den vielen Trauer­häusern, wenn da ein Mensch ist, der nicht mit Tränen und Klagen und finsterem Gesicht verkündigt, daß der Tod auf Erden herrscht, der nicht dem Tod das Recht einräumt, daß sich ihm alles beugen muß, sondern der unter Tränen, aber mit hellem und strahlendem Gesicht und also doch wieder mit Fröhlichkeit verkündigt, am Sarge verkündigt, daß Gottes Leben herrscht, daß der Tod den Stachel verloren hat. Dieses harte Wort enthält heute das ganze Evangelium für alle Trauernden, für Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, Bräute, Ehefrauen: »Laß die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes.«

Nach Frage und Gebot schließt Jesus mit einer Feststellung. Damit jeder den Durchbruch dieses Gebotes sieht, stellt er eine Unmöglichkeit fest. Er sieht in uns Menschen den großen Drang, Gottes Leben zu gewinnen, ohne die Welt aufzugeben, Gott ganz zu bekommen, uns selbst aber nur halb herzugeben; ein Jünger Christi zu sein und ein Liebhaber der Welt, nach beiden Seiten zu hinken. Er hört unser Aber in der ganzen Bereitwilligkeit der Erklärung: »Ich will dir nachfolgen, aber …« Er hört das Aber in unserem ganzen Christentum; wir können uns wohl kaum vorstellen, wie wenig uns Jesus glaubt, wie wenig er weithin unserem Glau­ben glaubt. Er hört ja den heimlichen Vorbehalt unseres Herzens: »Ich will dir nachfolgen, aber …« Ein sehr begrün­detes Aber vielleicht, sittlich ganz gerechtfertigt: »… aber laß mich heimgehen und Abschied nehmen; laß mich doch auch meine Familie etwas berücksichtigen!« Jesus streicht dieses Aber radikal durch. Merke es wohl: Keine Zeile der Bibel, kein Wort Jesu, bei dem unser Herz nicht ein Aber einzuwenden hat. »Gott ist Liebe – aber …«, sagen wir, wo so viel Schreckliches auf Erden geschieht. – »Sorget nicht!« »Aber …!«- »Liebet eure Feinde!« »Aber …!« sagt unser Herz deutlich genug. – »Selig sind, die da Leid tragen.« »Aber …« – »Fürchtet euch nicht!« »Aber …!« Sehr viele Aber! Und es möge jeder wissen: Wer zu Jesus Aber sagt, bekommt zunächst keine andere Antwort, als daß ihm dieses Aber radikal durchgestrichen wird. Auf ein solches Aber hin mildert Jesus seine Forderungen und Verhei­ßungen nicht ab, sondern sagt sie um so schärfer und verlangt von uns, daß wir wirklich zu­nächst einmal die Augen schließen und ganz blind hören und glauben und an­nehmen: Wenn er es sagt, dann muß es wohl so sein. »Gott ist Liebe!« »Aber …!« sagt unser Herz. »Nein«, sagt unser Glaube, »er sagt es, und so muß es wohl sein.« – »Sorget nicht!« »Gut, weil er es sagt, darum laßt uns nicht sorgen!« – »Fürchtet euch nicht!« »Aber …«, sagt unser Herz. »Nein«, sagt der Glaube, »weil er es sagt, ist also kein Anlaß zum Fürchten.« Und erst hinten­drein, erst allmählich und stückweise werden dann auch unsere Augen es sehen, wenn wir ge­glaubt, wenn wir blind gehört haben. Wir werden ein bißchen erfahren dürfen, daß wirklich alle berechtigten Anliegen, die in unseren Aber sich zu Worte gemeldet haben, Jesus längst vorausbedacht und gut auf­bewahrt hat, daß sie bei ihm in besten Händen sind. Er weiß, was er tut und sagt. Indem er uns unser Aber so durchstreicht, sagt er uns mit aller Bestimmtheit: Ich, mein Reich, mein göttliches Leben ist die eine köstliche Perle, die dir alles andere ersetzt. Zu­gleich aber sagt er damit auch: Ich allein bin der, der dir deine Familie, deine Freunde erst so geben kann, daß du um sie nicht mehr zu fürchten brauchst, so, daß du sie nicht mehr ver­lierst. »Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der ein Haus verläßt oder Eltern oder Brüder oder Weib oder Kinder um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfältig wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben« (Lk 18,29.30).

So geht es auch bei diesem Menschen mit seiner Familie. Ein Durchbruch muß erst erfolgen; darum schneidet ihm Jesus die Bitte, zurückkehren zu dürfen, radikal ab. Damit er überhaupt recht zu seiner Familie zurückkehren kann, muß er zuerst ganz ein Eigentum Christi gewor­den sein. Jesus sieht, wie in unseren Herzen die großen Gaben Gottes immer wieder große Gefahren werden. Daß wir eine Familie haben, daß wir in einem Volk stehen, das ist doch eine große Gabe, das ist doch eine große Milderung des tiefen Alleinseins, in dem ein Mensch über diese Erde geht. Jesus sieht, wie Familie und Volk für uns der Raum sind, in dem wir ihm zunächst nachfolgen sollen. Er gibt kein allgemeines Gebot, aus diesem Raum herauszu­gehen; es kommt vor, daß er einen Geheilten, der mit ihm gehen möchte, mit Nachdruck wieder in diesen Raum weist: »Gehe wieder heim und sage, wie große Dinge dir Gott getan hat« (Lk 8,39a). Er sieht daher, wie unsere Herzen aus Familie und Volk, die doch nur der Raum sind, immer wieder den Maßstab unseres Lebens machen, die Grenzen unserer Nach­folge, das oberste Gebot, das Ziel über alle Ziele. Darum muß er seine Jünger von alledem zunächst einmal loslösen, damit sie überhaupt wieder rechte Ordnung erkennen. Er nimmt Familie und Volk herunter vom Altar und stellt Namen und Gebot Gottes darauf, damit wir alle erst wieder einmal erkennen mögen, was für Familie und Volk in Wahrheit das Rechte und Gute ist.

Auch in diesem letzten Wort des Evangeliums sieht Jesus uns alle als Sklaven der Bindungen unseres Daseins. Er sieht das verkrampfte Sich-klammem an die irdischen Gaben Gottes; er sieht, wie sich unsere Seele an alle möglichen irdischen Mächte hängt, und er sieht, daß daraus, solange ein Mensch so unfrei ist, überhaupt nichts Rechtes werden kann. Wir wissen: Wo ein Mensch pflügt, da muß er voraus aufs Ziel sehen, auf das Ende des Ackers, und wenn er sich umwendet und zurückwinkt und an einen denkt, der hinter ihm am Ende des Ackers steht, dann wird die Furche krumm, und der Pflug gräbt nicht tief genug. Ihr, sagt Jesus, seid Pflüger im Reich Gottes, Eure Furche muß gerade und tief werden, die ihr aufpflügt in dem Volk, das euch hört. Darum, eben darum darf kein Mensch, dem die Verkündigung Christi aufgetragen ist, darf also kein Christ nach links oder nach rechts sehen oder sich umwenden. Darum ist das Volk, das wir pflügen sollen, nicht Maßstab. Grenze und Ziel, sondern Raum, darin die große Ackerarbeit des Evangeliums geschieht. Einfältige Herzen braucht es, deren Augen einfältig auf das Ziel gerichtet sind.

Dieses Evangelium haben wir vor anderthalb Jahren in Dahlem gehört, an jenem Abend, da ich der Gemeinde die Überführung Martin Niemöllers in das Konzentrationslager bekanntzu­geben hatte. Andert­halb Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Und wer aufgemerkt hat auf das, was uns gepredigt worden ist in diesen Jahren und was uns das Zeugnis unseres gefange­nen Bruders gesagt hat, der versteht heute vielleicht noch ein bißchen besser, was dieses Wort heißt. Gott reinigt uns den Blick, damit wir die Freiheit und Rücksichtslosigkeit sehen, in die das Evangelium einen Menschen versetzt, die Freiheit zum Dienst: Wer gerufen wird, der muß sofort folgen, und der muß ganz folgen, und der muß unbeirrt und einfältig folgen. Ihr Studenten, die ihr euch heute zu Beginn eures Semesters hier in diesem Haus zusammenge­funden habt, euch ganz besonders sei es gesagt. Wer heute studiert und sich vorbereitet, der möge diese wichtigste Vorbereitung nicht vergessen – sonst ist all sein Studium nutzlos. Und ihr Theologiestudenten, gerade euch ist gesagt: Nachfolge ist euch nicht leicht gemacht; das Beispiel unseres gefangenen Bruders zeigt es euch. Der Krieg fordert euch in besondere Ver­antwortung. Eure Vorbereitung auf die Verkündigung ist euch nicht leicht gemacht. Hoch­schulen, auf denen ihr euch zum Dienst eines rechten evangelischen Pfarrers rüsten könnt, sind kaum mehr vorhanden. Von den vier zur Zeit noch arbeitenden theologischen Fakultäten ist nun auch Leipzig geschlossen worden, Wien und Jena sind der Irrlehre anheimgefallen. Aber ihr habt nun doch den festen Willen, euch recht vorzubereiten. So hört, was Jesus sagt: Alles Studium ist sinnlos, wo ein Mensch nicht immer wieder diesen Ruf hört: zu folgen, ein­fältig, ganz und sofort. Wie kann ein Kind einem Manne folgen? Wie kann ein Toter hinter einem Lebendigen hergehen? Wie kann ein Verwundeter einem Gesunden nachfolgen? Indem der Gesunde, der Mann, der Lebendige ihn auf seine Arme nimmt. Wir bitten: Jesus, nimm uns in deine Arme und trage uns, damit wir dir folgen können. Denn wir wissen: Ohne dich können wir nichts tun. Amen.

Hier die Predigt als pdf.

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