Iwands „Gürtel“-Predigt über Jeremia 13,1-11 von 1936: „Das ist kein Gott, der hinterherkommt, der sein Ja und Amen sagt zu dem, was nun einmal geschehen ist, son­dern sein Wort kommt vorher“

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Predigt über Jeremia 13,1-11 (Der Gürtel)

Von Hans Joachim Iwand

«So spricht der Herr zu mir: Gehe hin und kaufe dir einen leinenen Gürtel und gürte damit deine Lenden und mache ihn nicht naß. Und ich kaufte einen Gürtel nach dem Befehl des Herrn und gürtete ihn um meine Lenden. Da geschah des Herrn Wort zum andernmal zu mir und sprach: Nimm den Gürtel, den du gekauft und um deine Lenden gegürtet hast, und mache dich auf und gehe hin an den Euphrat und verstecke ihn daselbst in einen Steinritz. Ich ging hin und versteckte ihn am Euphrat, wie mir der Herr geboten hatte. Nach langer Zeit aber sprach der Herr zu mir: Mache dich auf und gehe hin an den Euphrat und hole den Gürtel wieder, den ich dich hieß daselbst verstecken. Ich ging hin an den Euphrat und grub auf und nahm den Gürtel von dem Ort, dahin ich ihn versteckt hatte; und siehe, der Gürtel war ver­dor­ben, daß er nichts mehr taugte. Da geschah des Herrn Wort zu mir und sprach: So spricht der Herr: Eben also will ich auch verderben die große Hoffart Judas und Jerusalems. Das böse Volk, das meine Worte nicht hören will, sondern gehen hin nach Gutdünken ihres Her­zens und folgen anderen Göttern, daß sie ihnen dienen und sie anbeten: sie sollen werden wie der Gürtel, der nichts mehr taugt. Denn gleichwie ein Mann den Gürtel um seine Lenden bindet, also habe ich, spricht der Herr, das ganze Haus Israel und das ganze Haus Juda um mich gegürtet, daß sie mein Volk sein sollten, mir zu einem Namen, zu Lob und Ehren; aber sie wollen nicht hören.» (Jeremia 13,1-11)

Wenn wir diese Geschichte, die sich in grauer Vorzeit abge­spielt hat, lesen, dann ist uns sofort eins klar: Die Sache, um die es bei diesem schauerlich-ernsten Spiel mit dem Gürtel geht, ken­nen wir alle; diese Sache ist nicht an die Zeitumstände gebunden, die da­mals vorlagen, an die unmittelbar bevorstehende Katastrophe des jüdischen Volkes, die in diesem Gleichnis ihre un­heimlichen Schatten vorauswirft; sie ist nicht gebunden an die Priester, die damals ihr Volk verführten, nicht an jenes Volk, das damals zu allen anderen Göttern und Götzen hilfesuchend lief und rief, aber seinen Heiland und Erlöser nicht hören, ihm nicht glauben wollte — die Sache könnte in der Tat ebensogut heute, ebensogut in unserer Mitte spie­len. Denn dieses Spiel mit dem Gürtel, das der Prophet in Gottes Auftrag ausführen muß, bringt ja nur eins zum Ausdruck: was mit dem Menschen, was mit einem Volk geschieht, wenn es seinen Herrn verläßt. Was gebrochene Treue bedeutet! Gott will es um seiner Ehre willen nicht hinnehmen, daß ihm der Mensch die Treue bricht. Es geht hier nach dem Satz: Gott läßt sich nicht spotten, was der Mensch säet, das muß er ernten!

Darum könnte dieses Spiel die geheimnisvolle und doch sehr be­redte Darstellung des Geset­zes sein, das über unser aller Geschichte, das über dem Leben aller Menschen steht: denn bei Gott bleiben oder Gott verlassen, Gott die Treue halten oder an Götzen zuschanden werden — dieses Entweder-Oder ist schließlich die Lebensfrage je­des Menschen, jedes Volkes und jeder Zeit. Nur eins kommt hier hinzu. Es kann sein, daß die Gottesfrage in diesem letzten Ernst verborgen bleibt, nicht deutlich wird, wie eng unsere Lebens­und Todesfragen damit verfloch­ten sind; es kann sein, daß uns noch niemand so direkt darauf angesprochen hat, wie das hier mit dem Hause Israel und Juda geschieht. Denn hier wird nicht ins Allge­meine geredet, hier wird nicht nur ein Spiel vorgeführt und dem Zuschauer die Deutung überlassen, sondern hier wird auch gesagt, wem das Spiel gilt. Der Prophet sagt es mit unmißverständlicher Deutlich­keit: Ihr seid damit gemeint. Und er nennt die Stände, die dafür verantwortlich sind, er nennt die Sünden, die vorliegen, er wirft sich seinem Volk entgegen, als könne er, der letzte Warner, sie zurückreißen von dem Wege, auf dem sie ins Verderben treiben.

Und das, kurz bevor Gott tatsächlich den Rest des jüdischen Volkes ergriff und davonführte, genau dahin, wohin der Prophet seinen Gürtel legen mußte, an den Euphrat, ins Exil. Und in jenem Exil ist dann dieses Volk verdorben und zermürbt worden, so daß ihm niemand mehr ansehen kann, daß es einst das auserwählte, das Lieblingsvolk Gottes war. Als ein Beispiel von dem Ernst und der furchtbaren Treffsicherheit des göttlichen Gerichtes sehen wir bis heu­te die Fetzen des Gürtels, mit dem sich Gott einst gürten wollte. So ernst war dieses Spiel ge­meint; so unzweideutig, so unabwend­bar wirklich war das alles, was der Prophet mit jenem Gürtel dar­stellen mußte.

Und noch eine andere Frage bricht in uns auf, wenn wir rück­blickend dies alles nacherleben: Warum hat das damals niemand be­griffen? Unmißverständlicher konnte man ja nicht reden, als es hier geschieht. Wer das nicht versteht, der will nicht verstehen. Da trifft das Wort und das Spiel auf eine harte Stirn und ein verstocktes Herz. Und trotzdem zwingt Gott den Prophe­ten zu sagen, was nie­mand hören will? Warum denn das? Wußte Gott nicht im voraus, daß hier alles Warnen umsonst war, alles Rufen ohne Widerhall bleiben mußte? Warum denn dann noch dieses ganze furchtbare Le­ben eines Mannes, der das Unmögliche versuchen muß und doch nicht möglich machen kann? Warum so ein Leben? Die Schrift gibt auf diese Warum-Frage, die wir ja auch bei anderen Männern der Bibel stellen könnten, immer dieselbe Antwort: Damit die, die es angeht, unentschuldbar sind. Damit sie, wenn ihnen das Schicksal die Augen öffnen wird, nicht Gott, sondern sich selbst anklagen. Damit sie nicht ihren Herrn, sondern ihr Herz beschuldigen. Damit sie — wenn das Gericht über sie kommt — nicht noch die Lästerung zum Ungehorsam hinzufügen, sondern stille werden und erkennen, daß Gott der Herr ist. Darum stellt Gott ihnen den Propheten auf den Weg, darum mutet er ihm diese furchtbare Aufgabe, dieses mensch­lich gesehen verfehlte, hoffnungslose, zwischen Gott und seinem Volk zerriebene Leben zu. Darum braucht er ihn mit seiner ganzen Existenz, verwehrt ihm alle Freuden, zerstört seine Freundschaften, läßt ihm keine Ruhe, braucht ihn wie ein Signal, stellt ihn hin wie eine Mauer, die er dem Volke entgegensetzt und über die sie doch alle hinwegstürmen, die Priester, die Vornehmen, der gemeine Mann, alle ohne Unterschied. Mögen sie untereinander noch so ver­schiedenen Geistes sein — in einem sind sie sich alle gleich: Jeremia hören sie nicht!

Es ist uns berichtet, wie das Echo auf die Warnungen des Jeremia lautete. «Kommt», so sagten sie, «laßt uns wider Jeremia ratschla­gen; denn die Priester können nicht irren im Gesetz, und die Weisen können nicht fehlen mit Raten, und die Propheten können nicht unrecht lehren. Kommt her, laßt uns ihn mit der Zunge totschlagen und nichts geben auf all seine Rede.» Das war der Erfolg, der Er­folg des Wortes Gottes. Wir Menschen sind ja gemeinhin stolz dar­auf, daß wir die Sprecher Gottes mit der Zunge totschlagen kön­nen. Als ob damit etwas gewonnen wäre: Als ob damit auch das Geschehen beseitigt wäre, von dem das Wort redet! Wir sind stolz, wenn wir recht behalten — Gott aber ist voll Trauer, wenn er recht behält wider alle seine Widersacher, wider die Priester, wider die Propheten, wider die Weisen und Unweisen, die an ihrer eigenen Rechthaberei zugrunde gehen. Eben noch freuten sie sich, daß sie Macht hatten, das Prophetenwort zu ersticken und ahnten nicht, daß sie selbst bald hinweggenommen würden, als seien sie nie ge­wesen. Vielleicht erschrecken wir ein wenig im Gedenken an jene Ereignisse, vielleicht gewöhnen wir uns ab, die Wahrheit bei den vielen, bei der Menge, bei denen zu suchen, die Gottes Wort nieder­schreien und doch nicht aufhalten können, was es kündet. Denn letztlich behält doch immer nur einer recht — Gott behält recht, ob­schon wir uns alle einreden, daß wir recht haben, obschon alles schreit: Still davon, es wird nicht geschehen, was Gott sagt, es wird geschehen, was wir sagen, was wir planen, wir meistern das Schick­sal — Gott? Hat er denn Hände, um ins Rad der Weltge­schichte zu greifen? Hat er denn Rosse und Wagen, um seinen Willen durchzusetzen? Wie soll Gott in die Geschichte eingreifen?

Gott in der Geschichte. — Das, was Jeremias hier seinem Volke vorspielen muß, ist Gott in der Geschichte, aber anders, als Ge­schichtsphilosophen und Heilspropheten von diesem Gott in der Geschichte träumen. Das ist kein Gott, der hinterherkommt, der sein Ja und Amen sagt zu dem, was nun einmal geschehen ist, son­dern sein Wort kommt vorher — und was danach kommt, das ist er selbst. So wie er sagt: «Ich will über dies Land bringen alle die Worte, die ich über sie geredet habe.» Das ist der Gott der Ge­schichte, der Gott, der handelt, weil man auf sein Wort nicht mehr hört, der Gott, der sich seine Ehre nimmt, weil man sie ihm nicht mehr läßt, der Gott, der nicht hinter dem herkommt, was wir tun, sondern der als der handeln­de, gewaltige, unwiderstehliche Gott hinter seinem Wort hergeht. Denn wenn er spricht, so geschiehts. Das ist der Gott der Geschichte, dem sein Name mehr gilt als alles, was auf Erden ist, der nicht leben läßt, was ihn nicht loben will. Wehe dem Volk, das sein Wort verachtet und darum dem stum­men, verhüllten, unnahbaren Gott in die Arme läuft! Wehe aber auch den Menschen, die sich Gott herausgreift, um ein solches vergebliches, nutzloses Halt am Wege zu sein: Ärgernis aller Frohgemu­ten, aller Selbstgewissen, ein Widerstand, der gegen den Strom steht, ein Hemmnis, das die ganze Wucht und die ganze Wut des Wider­spruchs einer Zeit, einer Menge, einer untergangsgeweihten Welt gegen Gott zu tragen hat! Wir können Gott nur bitten, er möge es gnädig mit uns wenden, daß wir solches nicht zu schmecken be­kom­men.

Und doch — wie gering, wie unbedeutend, wie vorläufig und nicht entscheidend ist alles das, was sich damals zwischen Jeremias und seinem, dem jüdischen Volke abgespielt hat. Denn was stand da auf dem Spiel? Das Volk, das Land, die Freiheit, das Leben — gewiß große Dinge; aber meinen wir, daß darum dem Propheten das Herz so schwer gewesen ist? Sehen wir nicht, daß dies Spiel mit dem Gürtel noch eine andere, ungleich ernstere Seite hat? Daß es nicht nur in der Zeit spielt, sondern daß hier zugleich der Gnaden­bund Gottes mit den Men­schen auf dem Spiel steht? Daß es um ein Verderben geht, das weit, weit über alles irdische Denken und Werten hinausreicht? Daß es um die Frage von Leben und Tod geht, die unter dem Vorzeichen der Ewigkeit steht? Ewiges Leben oder ewigen Tod! So lesen wir dies Stück. Wir, die wir anders erwählt sind als das Haus Juda und das Haus Israel. Wir, die wir Gottes Volk auf andere Weise geworden sind, als es einst die Ju­den wurden. Wir, die Heiden, die Gott als Wildlinge in seinen ed­len Weinstock eingepflanzt hat; wir, die wir uns Gottes Eigen­tum und Gottes Kinder und Gottes Volk und Gottes Erwählte nennen, nicht um Abraham und Mose willen, sondern um Christi willen. Wir, die wir in Christi Namen Gott unseren Vater nennen dürfen kraft des Heiligen Geistes, die wir uns seine Kirche, seine Gemeinde, sein Heiligtum auf Erden nennen dürfen.

Wollen wir nicht noch einmal hinschauen auf das so feierlich ernste Spiel des Propheten, aber eben nun in dieser Spannung ewi­ger Entscheidung, die nicht mehr im Vorhof, sondern im Aller­heiligsten spielt! Wollen wir nicht einmal die Szenerie vergessen, die hier aufgebaut ist, das Haus Juda, und das Haus Israel, und den Euphrat, und die ganze jüdische Geschichte, die da hinein­spielt! Es ist ja das nur wie ein gemalter Vorhang im Theater. — Erst wenn er hin­weggenommen ist, beginnt das wirkliche Spiel, das Spiel, das Gott selbst darstellt, Gott in seiner Güte und Gott in seinem Zorn, und das darum auch unser wahres, wirkliches, ewi­ges Schicksal darstellt, denn Gottes Güte — oder Gottes Zorn, das ist in ein paar Worten ausge­drückt unser ewiges Schicksal. Ent­weder Gott wird uns an sich nehmen wie jener Mann den Gürtel, rein, unbefleckt, fest und unentreißbar — oder er wird hingehen und uns an einen Ort legen, wo wir verderben müssen, auch wenn wir heute noch so stark und fest und rein und gut sind.

«Gleichwie ein Mann den Gürtel um seine Lenden bindet — so», sagt Gott, «habe ich euch an mich genommen.» Wie ein Mann seinen Gürtel. Und er setzt hinzu, was das bedeutet: «Daß sie mein Volk sein sollten, mir zu einem Namen, zu Lob und Ehren.» Das also heißt Jesus Christus, das heißt der Gnadenbund der Taufe, das heißt das Neue Testament in seinem Blute — daß wir sein Volk sein sollen. «Auf daß ich sein eigen sei und in seinem Reiche unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit» — haben wir das nicht als Kinder gelernt als unsere letzte, seligste Bestimmung? Jawohl, es ist in der Tat so. Gott will nicht allein sein, er will uns um sich haben, er will sich zieren mit uns, an uns will er sich einen Namen machen, aus unserem Munde sich Lob und Ehre bereiten. Es ist nicht an dem, wie man uns oft gesagt hat, daß Gott unser ist, weil wir ihn brauchen; nein, es ist viel wunder­barer und herrlicher: Gott braucht uns zur Verherrli­chung seines Namens. Das kann nur Gott. Nur er kann seine Ge­rechtigkeit verherrlichen an Sündern, nur er kann seine Leben-schaf­fende Kraft verherrlichen an Todgeweihten, nur er kann an uns, die wir irren und zweifeln, sich als die Wahrheit erweisen, die den­noch da ist, dennoch leuchtet, dennoch triumphiert. An Menschen, die gekennzeichnet sind durch Schwachheit, Irrtum, Sünde, Tod und Verdammnis, will sich Gott verherrlichen! Aus solchen Menschen will er sein Reich bauen. Was nichts ist, das hat Gott erwählt, daß er zunichte mache, was etwas ist.

Uns will das freilich nicht in den Sinn. Wir denken uns Gott ganz anders. Wir denken uns ihn als den Gerechten, der die Partei der Gerechten ergreift, als den Allwissenden, der auf der Sei­te der Weisen und Klugen steht, als den Unsterblichen, der sich in den Heroen der Weltge­schichte inkarniert. Wir denken uns Gott als Parteigänger alles dessen, was er selber ist. So wäre es auch, wenn Gott nichts anderes wäre als ein Menschengott, als eine Erfindung unseres Geistes und unserer Wünsche — wenn Gott nicht der leben­dige» gnädige, barmherzige, wirk­liche Gott wäre, dessen Wege nicht unsere Wege und dessen Gedanken nicht unsere Gedan­ken sind.

Mit diesem Gott allein haben wir es hier zu tun. Mit dem Gott, der uns in Jesus Christus zu seinem Eigentum gemacht hat, der sich herabneigt zu den Mühseligen und Beladenen, der das Verlas­sene sucht und heimholt, der nicht müde wird, nach uns zu rufen, um uns zu trauern, zu weinen, zu leiden. Denn er braucht uns. Er braucht uns, um sich an uns zu verherrlichen. Und wir sollen dar­um nichts anderes sein als solch ein Werkzeug und Mittel, die Herr­lichkeit Gottes darzutun vor aller Welt. Wundert uns das? Dient nicht die gesamte Schöpfung diesem Lobpreis? Die Welt mit ihrer Schönheit und ihrem Reichtum, die Himmel und die Meere, die Pflanzen und die Wunderwelt des Gesteins — was ist das anderes als der Lobpreis dessen, der dies alles aus dem Nichts zu Glanz und Licht und Wesen herausgerufen hat? Und wir? Sind wir Gott nicht auch solchen Lobpreis schuldig? Was haben wir, das wir nicht empfangen hät­ten? Unseren Glauben — wie könnten wir sa­gen «Ich glaube», wenn Gott uns nicht seinen Sohn geschenkt hätte, der uns den Glauben geweckt hat? Oder die Liebe — wenn Gott uns nicht zuerst geliebt hätte mit seiner Liebe, die alles trägt, alles hofft, alles glaubt? Oder die Geduld — ist nicht unsere Geduld nur ein schwacher Abglanz jener reichen, langmütigen, barmherzigen Geduld, mit der Gott uns allesamt trägt und erträgt? Und wenn sie das nicht ist, was ist sie dann wert? «Wie ein Mann den Gürtel um seine Lenden bindet» — so und nicht anders hat sich Gott unser angenommen, uns sich zu eigen gemacht, damit wir sein Schmuck sein sollen. Darum, weil Gott sich mit uns gürtet in seinem Kampf und Sieg, sind wir, was wir sind, «das auserwählte Ge­schlecht, das königliche Volk, das Volk seines Eigentums»; darum allein gilt die Forderung: «daß ihr verkündigen sollt die Tugenden dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunder­baren Licht». Alles, was wir sind und haben, soll auf Gott verwei­sen, soll ihn schmücken, ihn zieren und herrlich darstellen. Der Mensch, der wir sind, der gefallene, sündige, elende, sterbliche Mensch eine Zierde Gottes? Jawohl, gerade dieser Mensch Gottes Schmuck und Ruhm und Herrlichkeit!

Aber — es muß hier Raum bleiben für das große Aber der Heili­gen Schrift. «Aber ohne Glauben ists unmöglich, Gott zu gefallen.» Dies Aber ist auch hier nicht zu übersehen. Dies Aber ist vielmehr der letzte und tiefste Sinn des todernsten Spiels, das Jeremias vor­führen muß. «Aber sie wollen nicht hören.»

Das ist das Große und Herzbezwingende an der Gnade und Erwählung Gottes, daß er reich in seiner Güte und überströmend in seiner Liebe alles an eine einzige Bedingung hängt. Diese Be­dingung ist gleichsam die Klammer, mit der der Gürtel zusammen­gehalten wird. Wenn sie gelöst wird, ist alles aus, dann verfault der Gürtel und ist sein Schmuck gar bald dahin. Gott verlangt nur eines, daß wir ihn hören. Daß wir ihn hören allezeit, nicht nur, wenn es uns paßt, sondern auch, wenn es uns nicht paßt; nicht nur, wenn wir ihm nahe sind, sondern auch, wenn wir ihm ferne sind, damit alles, was wir sind, tun, denken, wollen, leiden, begehren, fürchten und lieben, unter seinem Wort stehe! Alles — oder nichts. Denn wenn dieser Faden, der Le­bensfaden des Glaubens, abreißt, wenn der Nagel, an dem alles aufgehängt ist, gelockert wird, dann ist damit auch alles aus. Hören können, hören und nicht ohne sein Ge­heiß handeln, hören wollen und darum Gott fragen, hören können und darum zu Gott beten — das trägt nun die Last einer ewigen Entscheidung. Solange wir hören, ihn hören und ihn hören wollen, solange er zu uns redet in Jesus Christus, seinem lebendigen Wort, sind wir um ihn gegürtet wie der Gürtel um die Hüften eines Mannes. Niemand wird uns von ihm reißen. Nichts kann dazwi­schen dringen, wenn uns Gehorsam an Gott bindet. Auch der Satan wird seine Kunst umsonst versuchen.

Aber wenn wir nicht hören? Wenn wir aus dem Hören abgleiten ins Tun oder ins Wissenwol­len oder ins Fühlen oder wohin immer sonst Verführung und Leichtsinn locken? Was es mit diesem Wenn und Aber auf sich hat, das zu sehen sind wir hier geladen. Hier sind wir am Ende mit unseren Worten. Jetzt ist es Zeit, daß das gleichnishafte Spiel, das der Prophet im höheren Auftrage vollzie­hen muß, noch einmal vor uns abrolle. Und wenn es uns gegeben wäre, wenn wir es in der Hand hätten — wir müßten jetzt etwas ganz anderes tun. Wir müßten hingehen und alle, die es angeht, einladen, daß sie kommen und das Spiel sehen, das Gott seinem Propheten aufgetragen hat. Wir müßten es ausrufen, damit sie es alle wissen: «Kommt, heute wird euch ein Spiel besonderer Art vorgeführt. Sein Name heißt: Der Gürtel. Gott selbst hat es erdacht. Er hat sich einen Mann gegriffen, der muß es vorführen. Und ihr alle seid geladen. Vor allem die Führer der Kirche, die Kirchen­fürsten und Geistlichen, die Theologen und Räte. Hier wird das euch bewegende und quälende Problem der Kirchenlei­tung auf eine sehr einfache, kindlich einfache Formel gebracht. Wohl euch und wohl uns, wenn ihr sie versteht.» Aber auch alle, die sich zu Got­tes Volk rechnen, sind geladen, alle, die durch den Gnadenbund der Taufe mit Gott verbunden und verflochten sind. Und nicht nur die, denen das heute noch eine ernsthafte und verbindliche Wirklichkeit ist, nicht nur die, die mit Ernst Christen sein wollen, sondern auch die anderen, die vielleicht schon lange, sehr lange Zeit nichts mehr mit Gott zu tun hatten, die sich daran gewöhnt haben, ohne ihn im Leben fertig zu werden, sich allein weiter zu helfen, allein ihren oft verschlungenen und gefährlichen Lebens­weg zu Ende zu gehen und die doch — auch wenn sie heute dar­über lächeln oder davon schweigen — in früheren Zeiten nicht so kalt, nicht so gleichgültig von der großen Wirklichkeit Gottes ge­dacht haben; vielleicht, daß sie den vergessenen Ernst dieser Tat­sache begreifen, wenn sie dieses Schauspiel sehen. Und auch die Mächtigen der Welt sollten wir nicht vergessen zu laden. Vielleicht, daß sie sich aus irgendeinem, sei es nun guten oder bösen Grunde mit den Dingen Gottes, mit der Stiftung seiner Heiligen Kirche be­fassen mußten. Auch ihnen werden die einfachen, klaren, für sich selbst redenden Gesetze des Handelns Got­tes einleuchten, die hier die Leute, die uns in den Zeitungen und Kirchenblättern über den Stand und den Weg der Kirche belehren und unterrichten; hier können sie erst einmal selbst Belehrung und Unterricht empfangen, wie Gott sich die Sache denkt, von der sie schreiben. Wohl ihnen, wenn sie etwas lernen! Es wird ein kurzes, wortloses Spiel sein, das sich vor den Augen all dieser Geladenen abspielen wird — ein Spiel, bei dem nur ein müder, zerschlage­ner, geplagter Mann auf die Bühne treten wird. Und er wird hingehen, sich einen Gürtel zu kaufen — den er rein und unbefleckt bewahren wird, sich damit zu gürten. Dann aber wird er hingehen und diesen Gürtel verber­gen in einer Steinritze an einem großen Strom. Warum er das tun muß, wird erst im zweiten Akt des Spiels deutlich werden. Wieder steht der Mann, den Gott herausgestellt hat, an dem großen Strom. Er sucht den Gürtel, den er hier verbergen mußte. Er gräbt ihn her­aus aus dem Schutt, nimmt ihn in seine Hände. Und siehe da, der Gürtel zerfällt, als er ihn anfaßt. Er ist verdorben, daß er nichts mehr taugt.

Dann aber wird der Mann aufhören mit seinem Spiel, wird sei­nen Mund auftun und das Wort reden, das er zu reden hat, einen Spruch Gottes, einen ihm aufgetragenen, das Ganze deuten­den und beschließenden Spruch: «Das böse Volk, das meine Worte nicht hö­ren will, sondern gehen hin nach Gutdünken ihres Herzens und fol­gen anderen Göttern, daß sie ihnen dienen und sie anbeten: Sie sollen werden wie der Gürtel, der nichts mehr taugt.»

Wir aber lassen uns gesagt sein, was der Hebräerbrief in die Worte faßt: «Sehet zu, liebe Brü­der, daß nicht jemand unter euch ein arges, ungläubiges Herz habe, das da abtrete von dem lebendi­gen Gott. Sondern ermahnet euch selbst alle Tage, solange es heute heißt, daß nicht jemand unter euch verstockt werde durch den Be­trug der Sünde. Denn wir sind Christi teilhaft geworden, so wir anders das angefangene Wesen bis ans Ende fest behalten.»

Im Februar 1936 auf der Freizeit der theol. Fachschaft der Universität Königsberg in Allen­stein gehalten. Zuerst abgedruckt in „Bekenntnispredigten“, Heft 14, 1936, S. 4-13.

Hier Iwands Predigt als pdf.

1 Kommentar

  1. Lernen wir aus dieser Predigt, dass Gleichgültigkeit auch heute ein tiefer Grund ist für das Chaos in dieser Welt. Gleichgültigkeit gegen Gott. Gleichgültigkeit gegen Mitmenschen.
    Möge Gott uns helfen aufzuwachen, denn auch Jesus spricht niemanden frei, der nicht TUT den Willen seines Vaters im Himmel. Trotz seines Todes kann er nach dieser Weltzeit sagen: Ich kenne dich nicht. Geh raus zu den Böcken!

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