„Wir haben es satt zu leben und wünschen uns selber den Tod“ – Martin Luthers Gebet für einen lebensmüden Menschen

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Gebet für einen lebensmüden Menschen

Ach lieber Herr und Gott,
unser Vater,
dies elende Leben ist so voller Jammer,
Unglück und Unsicherheit,
so voller Untreue und Bosheit,
dass wir es satt haben.
Wir wün­schen uns den Tod herbei.

So werden unsere Herzen immer wieder von Ungeduld
und Lebensüberdruss angefochten.
Wir haben es satt zu leben
und wünschen uns selber den Tod,
nur damit wir nichts mehr zu leiden
oder auszustehen brauchen.

Aber du, lieber Vater, kennst unsere Schwäche.
Darum verleihe uns Geduld in allem Leiden.
Lass uns auch die Mühsal dieses Lebens gern ertragen.
Geleite uns sicher durch Übel und Bosheit.

Wenn es dann einmal soweit ist,
dann nimm uns gnädig aus dieser Welt.
Lass uns vor dem Tod nicht erschrecken oder verzagen.
In festem Glauben befehlen wir unsere Seele in deine Hände.

Quelle: Gebete Martin Luthers. Eine Gebetshilfe, hrsg. von Hans-Joachim Kandler, Bielefeld: Luther-Verlag,, 2. A., 1983, S. 46.

Hier das Gebet als pdf.

Hier die Originalfassung:

653 [880] In Überdruß deß Lebens.
Ach Lieber HERR GOTT Vatter, es ist doch dieses eilende Leben so voll Jammers, Unglücks und Unsicherheit, so voll Untrew und Boßheit, daß wir billich1 deß Lebens müd und deß Tods begierig seyn solten, wie dann offtmals unsere Hertzen von Ungedult und deß Lebens Überdruß angefochten werden, Das uns verdreust zu leben und wir uns selber den Tod wünschen, nur damit wir nichts leyden noch außstehen dörffen2. Aber, du lieber Vatter, kennest unser Schwachheit; darumb verleyhe uns Gedult in allem Leyden, laß uns die Müheseligkeit dises Lebens gerne tragen und hilff uns durch solch manigfaltig Übel und Boßheit sicher fahren unnd, wann die Zeit kompt, gib uns ein gnädigs Stündlein3 und seeligen Abschied auß diesem ,Jammerthal‘4, daß wir für dem Tod nicht erschrecken noch verzagen, sonder mit festem Glauben unsere Seele in deine Hände befehlen.
Aus: Eine einfältige Weise zu beten (zur 7. Bitte) (1535) = WA Bd. 38, S. 362, 21-24. 24-29.
1) zu Recht. 2) zu … brauchen. 3) Sterbestunde. 4) Vgl. Ps. 84, 7.

Quelle: Frieder Schulz (Hrsg.), Die Gebete Luthers: Edition, Bibliographie und Wirkungsgeschichte, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Mohn, 1976, Nr. 653, S. 327.

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