„Kein Leben muss erst durch besondere Qualitäten und Leistungen den Nachweis seines Rechts auf Leben erbringen.“ Ulrich Eibach über das Leben

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Was Ulrich Eibach 2002 im Evangelischen Soziallexikon zur Bestimmung des Lebens geschrieben, ist immer noch lesenswert:

Leben hat seinen ermöglichen­den und tragenden Grund nicht in sich selbst, ist Ge­schöpf. Anfang und Ende des Lebens sind Fügungen, die dem Erleben und Han­deln des Ge­schöpfs entzogen sind. Auch der Mensch verdankt sein Leben anderen, und zwar letztlich nicht den Eltern (diese sind nach der theologischen Tradition nur causae secundae), sondern Gott, dem Schöpfer (causa prima). „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreatu­ren“ (M. Luther, Kleiner Katechismus). Auch der Mensch ist hinsichtlich sei­nes Seins und Wer­dens nicht nur am Anfang, sondern das ganze Leben hindurch von der Gabe des Le­ben schaf­fenden Geistes Gottes abhängig (Gen 2,7; Ps 104,29f. u.ö.). Die Zuwendung Gottes ist die alles Leben schaffende und er­haltende Seinsbeziehung, die Vorrang hat vor all dem, was Gott durch die dem Menschen ermöglichte Frei­heit zum Handeln wirklich werden lässt. Das Ange­wiesensein auf die Zuwendung und Liehe anderer, Gottes und der Mitmen­schen, ist die fun­damentale, Selbstsein ermöglichende und begrenzende Grund­struktur des Lebens. Indem der Mensch diese Abhängigkeit bejaht, versteht er sich als endliches Geschöpf, zu des­sen begrenzten Lebenskräften die Fähigkeit zu Leistung und Glück, aber auch zu Ent­sagung, Lei­den und Annah­me des Todes gehört. Gelingendes Leben ist nicht mit un­gebro­chener Ge­sundheit zu verwechseln. Nicht der Tod als Grenze des Lebens ist ein Übel, sondern das Lei­den unter der Leben gewaltsam zerrütten­den Macht des Todes (Röm 8,19ff). Leben ist dem Menschen nicht nur von Gott vorgegeben, sondern auch zur Gestaltung aufgegeben. Er kann den Sinn seines Lebens zwar nicht „machen“, sich ihm als Angebot oder Herausforde­rung aber öffnen oder ihn verfehlen, und er kann an Sinnlosigkeit leiden (Suizid). Nach christ­licher Sicht gelingt das Leben nur, wenn der Mensch nicht auf seine Selbstverwirklichung ausgerichtet bleibt (Mk 8,35), sondern sich im Glauben auf Gott hin und in der Liebe zum Nächs­ten öffnet. Leben verwirklicht sich im Mit- und Füreinander (M. Bu­ber), aus und in Bezie­hungen der Liebe. Irdisches Leben ist be­stimmt, teilzuhaben am ewi­gen Leben Gottes, das nicht erst nach dem Tod beginnt, sondern das irdische Leben qualifi­ziert als von Gott bejah­tes, geliebtes und daher im Tod nicht vergehen­des Leben (Joh 11,15; 17,3), zu­gleich aber das irdische Leben als ein „vorletztes Gut“ (D. Bonhoef­fer) erweist. Die Be­sonderheit mensch­lichen Lebens besteht darin, dass Gott den Menschen zu seinem Partner, zum Hören und zur Antwort auf sein Wort geschaffen hat. Er ist bestimmt und befähigt, Ver­antwortung für sein eigenes Leben, das seiner Mitmenschen, der Mitkreatur und die Umwelt zu überneh­men (Gottebenbildlichkeit).

Nach dem Grundgesetz (Art. 2,2 GG) hat jeder Mensch „das Recht auf Leben und körperliche Un­versehrtheit“. Es wird heute vor allem in Frage gestellt, wenn die spezifischen Signaturen des Menschenlebens, die es von tierischem Leben unterscheiden, noch nicht (Schwanger­schaftsab­bruch), nicht mehr oder nie (Hirngeschädigte u.a.) empirisch feststellbar sind. Um­stritten ist, was zu schützen ist, das Leben oder bestimmte empirisch feststellbare Eigenschaf­ten des Lebens (Selbst­bewusstsein, Freiheit u.a.), an deren Vorhandensein em­piristisch-positivistische Philosophen (J. Locke, P. Singer u.a.) das Prädikat Person und eine entspre­chende Men­schenwürde binden. Zu schützen sind dann diese empirischen Qualitäten des Lebens. Die Personwürde ist keine unempirische transzendente Größe mehr. Sie kann durch Krankheit und Be­hinderung verloren gehen oder gar nicht entwickelt sein. Derarti­gem angeblich „lebensunwer­ten“ Leben wird der Wert ei­nes zu schützenden Rechtsguts abge­sprochen, insbe­sondere wenn es für andere und die Gesellschaft zur dauernden Last wird (Euthanasie, Pflege).

Aus christlicher Sicht hat menschliches Leben sein Lebensrecht dadurch, dass es ist, von Gott gewollt und zur Gotteben­bildlichkeit geschaffen ist, die erst im Reich Gottes vollendet wird. Diese in Gottes Handeln begründete, realiter noch zukünftige und transzendente Menschen­würde ist schon jetzt als Kontinuum bleibend und jedem Moment des biologischen Lebens zugesprochen, so dass sie weder durch Krankheit noch durch moralisches Versagen in Verlust geraten kann. Die Prädikate Würde und Person sind nicht nur bestimmten neurophy­siologi­schen, geistiges Leben ermöglichenden Hirnleistungen, sondern dem biologischen Lebens­träger als Ganz­heit zugesprochen. Sie können selbst den frühen Lebensstadien nicht abgespro­chen werden, auch wenn im Falle von Konflikten zwischen Leben die Differenzierungsgrade von Leben ethisch bedeut­sam werden dürfen (Schwangerschaftsabbruch). Kein Leben muss erst durch besondere Qualitäten und Leistungen den Nachweis seines Rechts auf Leben erbringen. Person ist der Mensch durch das, was Gott an ihm und für ihn tut, zur empirisch fassbaren Persönlichkeit (Person) wird er durch sein eigenes oder das Handeln anderer (Erzie­hung u.a.). Auch hin­ter der zer­rütteten Persönlichkeit haben wir die von Gott gewollte und geliebte Person zu achten und sie entspre­chend ihrer Würde und Hilfebedürftigkeit zu behan­deln, unabhängig vom Nutzen bzw. Schaden für andere.

Insofern biologisches Leben soziales und geistiges Leben erst ermöglicht, ist es der immer zu schüt­zende „Basiswert“. Deshalb konkretisiert sich nach dem Grundgesetz die Achtung der Würde (Art. 1,1) im Recht auf Leben und kör­perliche Unversehrtheit und im Verbot der Be­nachteili­gung Behinderter (Art. 2,2 u. 3). „Lebensunwert“ ist christ­lich gesehen kein denk­barer Begriff (K. Barth).

Hier der vollständige Artikel als pdf.

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