„Wenn wir das Leben des einzelnen fordern um des Lebens des Ganzen willen, dann werden wir zu dem Glauben aufrufen: Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ Martin Niemöller in „Der Friede Gottes als die Kraft des wehrhaften Mannes“ von 1935

Duerer_-_Ritter,_Tod_und_Teufel (Mittel)
Ritter, Tod und Teufel (Kupferstich von Albrecht Dürer, 1513)

In seiner jüngst erschienenen Biografie „Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition“ schreibt Benjamin Ziemann zu Recht, dass Martin Niemöller im Kirchenkampf der dreißiger Jahre in seiner nationalprotestantischen Grundhaltung noch weitgehend ungebrochen war (S. 272). Er verweist dazu auf dessen Vortrag „Der Friede Gottes als die Kraft des wehrhaften Mannes“ auf der Evangelischen Woche in Hannover Ende August 1935. Dieser Vortrag wurde 1957 in der Zeitschrift „Evangelische Verantwortung“ des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU in Auszügen wiederveröffentlicht, als der Streit um Wiederbewaffnung, Atomwaffen und Wehrpflicht in der Evangelischen Kirche heftig geführt wurde und Martin Niemöller selbst einen konsequenten Pazifismus vertrat:

Der Friede Gottes als die Kraft des wehrhaften Mannes

Wir kennen Männer in der deutschen Geschichte, auf die das deutsche Volk immer stolz sein wird, und in denen es immer beste deutsche Art verkörpert finden wird, Männer, die im Grun­de ihres Herzens und Wesens glaubende Chri­sten waren, ohne daß sie das gehindert hätte, wehrhafte Männer zu sein. Zu ihnen gehört vor allen anderen unser deutscher Reformator D. Luther, wenn er auch selbst kein Kriegsmann von Beruf war. Und um nur noch zwei Namen, die wir alle kennen, danebenzustellen, deren Träger große Soldaten, d. h. im Vollsinne Ver­körperungen des wehrhaften Mannes gewesen sind, und die ihren christlichen Glauben in ausgesprochenem Widerspruch gegen den Geist ihrer Zeit nicht nur festgehalten, sondern gelebt haben: der alte Zieten im Zeitalter Voltaires und der alte Hindenburg in unserem Zeit­alter. Für beide ist ihr Christenglaube nicht nur eine veraltete Weltanschauung gewesen, wie ihre Zeit das glauben machen wollte, sondern die gestaltende und tragende Kraft ihres Man­neslebens. Doch am Ende möchte das ein Irrtum gewesen sein, eine jener nicht seltenen Selbsttäuschungen über unser eigenes Wesen; vielleicht war es doch nur ein Zufall, daß gera­de diese beiden Christen festgestanden haben, wo um sie her und unter ihnen alles wank­te? — Jedenfalls müssen wir über diese einzelnen Beispiele hinaus zu einer grundsätzlichen Betrach­tung kommen.

Die Frage ist uns gestellt, ob ein Christ ein wehrhafter Mann und ein wehrhafter Mann ein Christ sein könne! In dieser Frage liegt bereits beschlossen, daß Wehrhaftigkeit mehr be­deutet als den Besitz der Waffe und die Fähigkeit, sie sachgemäß zu gebrauchen. Ein noch so gut ausgerüstetes, noch so gut ausgebildetes, noch so gut erzogenes Heer bedeutet noch keine Garantie dafür, daß sich die Truppe „gut schlägt“. Wir kennen aus der Geschichte mannig­fache Beispiele dafür, daß sich völlig überraschend Im Augenblick, wo es ernst wurde, eine innere Schwäche und Brüchigkeit offenbarte, die zur Katastrophe führte, daß es einfach an einer letzten inneren Kraft fehlte, die den vollen Einsatz nun auch in der Tat gewagt und bis zum letzten Ende bewährt hätte. Und wir tun schon recht daran, wenn wir zur Wehrhaft­machung unserer Nation auch und vor allem die Bemühungen rechnen, die die geistige Wie­deraufrüstung betreiben, die die Liebe zu Volk und Land, den Willen zum Opfer und zur Hingabe und die Entschlossenheit, das Wohl des Ganzen über das Glück des einzelnen zu stellen, wecken und stärken wollen. Und gerade bei diesem Bemühen stoßen wir auf die Fra­ge, ob hier nicht der christliche Glaube ein schweres und dauerndes Hemmnis sei. — Denn wenn wir den Geist der Wehrhaftigkeit schaffen und in die Seelen pflanzen wollen, dann müssen wir die Menschen dafür begeistern; wenn wir die Liebe zu Volk und Land wecken und so stark machen wollen, daß wirklich höchste Opfer gebracht werden können, dann werden wir naturgemäß diese Güter als höchste und letzte Werte hinstellen; wenn wir das Leben des einzelnen fordern um des Lebens des Ganzen willen, dann werden wir zu dem Glauben aufrufen: Du bist nichts, dein Volk ist alles! Wie aber soll der Christ damit zurecht­kommen, dem doch Vaterland und Volk, wenn er seinen Christenglauben ehrlich meint, keine wahrhaft letzten Werte sein können, weil er seine tiefsten Wurzeln und sein höchstes Ziel in einer anderen Welt hat, und weil der Geist, der ihn regiert, nicht aus dieser Welt stammt und nicht der Geist unseres Blutes und unseres Volkes ist. Wir sagen dazu zunächst: Jawohl, es ist so! Wir sind nicht in der Lage, uns an einer Begeisterung zu beteiligen, die um den Preis zu­stande kommt, daß wir uns kopfüber in eine unbedingte Diesseitigkeit hineinstürzen, um darin entweder obenzubleiben oder unterzugehen; wir glauben gewiß nicht, daß das Leben der Güter höchstes sei; wir glauben aber auch nicht, daß Volk und Vaterland in dem Sinne alles seien, daß dann nicht allein unsere Aufgabe, sondern auch unsere Kraft und unsere Hoffnung beschlossen lägen. Ja, wir warnen sogar davor, weil wir die Wahrheit des Prophetenwortes kennen, daß das Menschenherz ein trotziges und verzagtes Ding ist, das sich heute als König vorkommt und morgen als Bettler, das sich eben noch für einen starken Helden hielt, um sich im nächsten Augenblick als ein kümmerlicher Wurm zu fühlen. Wir haben zuviel Begeiste­rung, ehrliche und starke Begeisterung kennengelernt, um zu meinen, daß sie als Quelle der Kraft auch da noch ausreiche, wo unsere Hoffnung am Ende ist; und wir wissen auch davon zu reden, daß die letzte Kraftreserve, die wir aus uns herausholen können, jener erbitterte Widerstandswille, der mit zusammengebissenen Zähnen selbst in völlig hoffnungsloser Lage noch eine Weile kämpfend aushält, bis die letzte Patrone verschossen ist, nicht vor der end­lichen Verzweiflung bewahrt.

Wir wissen aber nicht nur dies, sondern auch, daß das Wort von dem trotzigen und verzagten Menschenherzen kein letztes und abschließendes Wort ist. Es ist nur so lange das Ende unse­rer Weisheit und Kraft, als wir unsere Kraft in uns selber suchen und mit unserer Hoffnung an diese sichtbare Welt gewiesen bleiben. Damit sind wir allerdings einer innersten Unsicherheit und Friedlosigkeit ausgeliefert, die hin und her treibt zwischen Furcht und Hoffnung, Mut und Verzagtheit. — Das Bild des wehrhaften Mannes aber sollte wahrlich anders aussehen, als es sich uns so darstellt; es sollte nicht die Züge unseres bald trotzigen, bald verzagten Herzens widerspiegeln, sondern erkennen lassen, daß wir als wehrhafte Männer dort, wo wir die Waffe tragen und führen, in einem Amte stehen, das Gott dem Staate und durch ihn uns gegeben und anbefohlen hat; und dann müßte es sich ja wohl auch in diesem Amt erweisen, daß „ein Mensch Gottes sei vollkommen zu allem guten Werk geschickt“. Ich denke an Dürers Stich „Ritter, Tod und Teufel“; da haben wir den christlichen Kriegsmann vor uns und wissen: hier ist die Kraft des wehrhaften Mannes vollendet zum Ausdruck gekommen; hier baut das männ­liche Herz nicht auf den eigenen Heldenmut, und darum ist es auch nicht in Gefahr, daran zu verzagen; und hier schaut die Hoffnung nicht auf die Gunst oder Ungunst der Lage, und da­rum wird sie auch nicht aus Erfolg oder Mißerfolg leben oder sterben; hier wirkt eine andere Kraft, denn hier ist Friede, innerster Friede und letzte Gewißheit. „Die Gottlosen aber haben keinen Frieden, spricht der Herr!“ — Das ist ja die frohe Botschaft, von der wir als Christen leben, daß wir um Jesu Christi willen Vergebung der Sünden haben, daß damit der hoffnungs­lose Kampf unseres Lebens zum Ende gekommen ist, der Kampf des Geschöpfes gegen den Schöpfer, der Kampf des Menschen gegen Gott.

Hier der vollständige Text aus Evangelische Verantwortung als pdf.

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