Eugen Kogon, Das deutsche Volk und die Konzentrationslager (Der SS-Staat, 1946): „Der Protestantismus deut­scher Herkunft und deutscher Prägung, Ausbruch des individuellen Gewissens aus fester Form, hat diese Ten­denzen des Deutschtums noch wesentlich verstärkt. Denn er trennte das Gewissen, das er dem Schöpfer unmittelbar verbunden sah, auf den reli­giös-kirchlichen Raum es beschränkend, vom Machtgetriebe des irdischen Staates, der ihm verderbt, dem Bösen unterstellt und eigenen ihm inne­wohnenden Gesetzen der Schlechtigkeit hörig erschien. Je kraftvoller die Autorität, die ihn im Zaume hielt, umso besser daher und umso gott­wohlge­fälliger. Ein bedeutender Antrieb zum Absolutismus in Deutsch­land ging von dieser Anschau­ung aus. Er ließ die Kraft zur politischen Gemeinschaftsbildung erst recht verkümmern, und keine Intelligenzschicht, das nationale Gewissen verkörpernd, überwand den Widerstand zwi­schen dem deutschen Möglichkeitenreichtum und den unzulänglichen politischen Ausdrucks­formen. Denn der deutsche Geistesträger – bezeichnenderweise »Akademiker« genannt – hatte selbst kein reales Verhältnis zur Politik außer dem des Untertanen. Sein Reich war der Geist, das Denken und Dichten. Viele widerspruchsvolle Züge im deutschen Charakter und in der deutschen Geschichte werden durch diese Grundveranlagung erklär­lich.“

Das deutsche Volk und die Konzentrationslager (1946)

Von Eugen Kogon

Etwas Metaphysisches, das dem Verstand allein kaum mehr begreifbar ist, hat sich in den zwölf Rauhjahren des Dritten Reiches mit dem deut­schen Volke abgespielt. Aus dem baye­risch-österreichischen Innviertel, wo die Überlieferungen des wilden Heerbanns zwischen Weihnacht und Epi­phanie noch am lebendigsten sind, kam ein Mann, dem die Niedrigkeit in Form einer schwarzen Haartolle in die Stirn gestrichen und die Lächer­lichkeit unter die Nase gewachsen war, ein Mann mit dem stechenden Blick des Gezeichneten. Er trommelte, trom­mel­te über das Land hin – in einem Advent des Hasses sich selbst als Erlöser kündend, bis um die Zeit der Wende sein Sturm brausend sich erhob und Deutschland mitriss. Ob sie ängstlich am Boden kauerten in der Hoffnung, es werde ohne Scha­den über sie hinwegziehen, oder erhobenen Hauptes der nationalsoziali­stischen Streitkraft sich beigesellten, Parteigenossen, Wehrwirtschaftsführer, HJ-Bannerträger, Frauenschaftsleiterinnen, Blockwarte, Maiden, Sol­daten, Soldaten, deren Blitzkriege Europa zerschmetterten, – sie waren alle ge­bannt von ihm. Eingehüllt in ein gleißendes nationalistisches Blendwerk, jagte er sie in den apokalyptischen Feuer- und Bombenregen der jüngsten Tage. In den Abgrund der Not und der Verkommenheit gestürzt, erwachte schließlich der Rest inmitten von Trümmern und Leichen zur Dumpfheit eines neuen Bewusstseins. Was war geschehen? Wie war es geschehen? Es war nicht mög­lich! Das alles haben wir gar nicht gewusst!

Noch während es halbbetäubt um die erste Besinnung rang, stürzte ein Chor von anklagenden Stimmen des Abscheus und der Erbitterung über das deutsche Volk her. Es bekam nichts Anderes zu hören als den tausendfachen Schrei: Ihr, ihr allein seid schuld! Ihr Deutsche alle seid schuldig! Da verwirrte sich das Herz des Volkes, in vielen verhärtete es sich. Wegen des argen Geschreis um sie und wegen der eigenen Blindheit wollten sie vom Insichgehen nichts mehr hören. Die Stimme ihres Ge­wissens ist nicht wachgeworden.

Nach allem, was ich seit Kriegsende bis jetzt in Deutschland gesehen, vernommen, selber gehört und beobachtet habe, weiß der durchschnittliche Deutsche noch immer nichts davon, dass Gott uns in Menschengestalt zu erscheinen pflegt, in der Gestalt des »geringsten der Brüder und Schwe­stern«, um uns auf die erlösende Probe der einfachen Menschlichkeit zu stellen. Wir können Deutsche, Amerikaner, Engländer, Franzosen sein, aber vor dem höheren Forum nur so lange, als wir dabei nicht vergessen und nicht verlernen, zuallererst Menschen zu sein. Von einem Hitler ver­führt, hat das deutsche Volk die mannigfache mahnende Er­scheinung des Herrn nicht erkannt. Von den Stimmen der Staatsanwälte betäubt, er­kennt es ihn auch heute als Richter nicht. Aber hat Er denn nicht schwei­gend geprüft, gewogen und durch die Geschichte selbst ein Urteil ge­sprochen? Ich meine, das deutsche Volk sollte mit jener Objektivität, die es einst ausgezeichnet hat, lesen, was in den Prozessakten der Wahrheit als ermittelt und bezeugt geschrieben steht, und dann sich selber fragen: Wo sind wir hingera­ten? Wie war das möglich? Was können wir tun, um vor uns selbst und der Welt zu bestehen?

Die Konzentrationslager sind nur eines der grausigen Fakten, um die das deutsche Gewissen kreisen müsste. Gerade von ihnen will das Volk nichts mehr hören. Sollten wir nicht versu­chen, in alter, guter Art, gründ­lich, gerecht und verstehend, die Frage abzustecken, den Kern bloßzulegen und dann unser eigenes Urteil zu fällen – das Urteil des Richters, das schon ge­fällt ist? Vielleicht werden wir seinen tiefen Sinn für Deutschland und die erzieherische Ab­sicht der Geschichte begreifen.

Der Richter ist nicht identisch mit den Exekutoren des Urteils. Viele sagen heute in Deutsch­land: Woher nehmen die Alliierten das Recht, mo­ralisch über uns zu Gericht zu sitzen? Ist ihre Geschichte frei von Gewalt und Greueln? Haben sie ihre Weltreiche vielleicht mit Predig­ten, mit christlicher Güte und nach der evangelischen Verheißung erworben, dass die Fried­fertigen die Erde besitzen werden? Auf diese sittliche Frage hat die Bibel schon geantwortet, indem der Prophet den Gewalthaber Nabuchodonosor »Gottes Knecht« nennt, der von ihm gesandt sei, das israe­litische Volk durch Strafe aus der Verirrung herauszuführen. Wer sich in den innersten Bereich des eigenen Gewissens begibt, um nach Recht und Unrecht bei sich selbst zu fragen, interessiert sich nicht für die moralische Eignung derer, die ihn äußerlich in die Lage der Besinnung gebracht haben. Er macht aus der beschämenden Not buchstäblich eine Tugend. Die ande­ren sind ihm »Knechte Gottes«, ob gerecht oder ungerecht; er lässt ihnen den Triumph des Siegers, selbst wenn sie die gleichen oder ähnliche Wege betreten sollten, wie er selbst sie schuldhaft gegangen ist, und denkt nicht als Zöllner: »Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie jener Pharisäer da vorne!« Denn wenn dieser den Tempel nicht gerechtfertigt verlässt, dann jener in solcher Gesinnung ebenso wenig. Verborgene Überheb­lichkeit ist nicht besser als offen zur Schau getragene.

Nun sagen freilich andere in Deutschland, sehr kluge Leute, Nieder­lage oder Sieg sei über­haupt keine moralische Frage, sondern ein Ergebnis der Realpolitik, die alles oder zu wenig abwog, jede Möglichkeit oder nur die eine und andre nutzte und materiell genügend oder zu mangelhaft unterbaut war. Die so denken – und gegenwärtig noch gehindert sind, es in größe­rem Kreise auszusprechen –, gehören nicht alle zur Masse derer, die Hitler bloß deshalb ver­urteilen, weil er nicht gesiegt hat. Erfahrene, weit in der Welt gereiste Männer halten bußhafte Gesinnung einer mo­dernen Nation für ein gefährliches atavistisches Überbleibsel. Wenn die antiken Völker noch an die Kraft sühnender Reinigung glaubten, im heu­tigen Kampf der realen Interessen, der zäh, Stellung um Stellung geführt wird, sei sie entschieden hinderlich. Sittlichkeit ist denen, die so denken, nicht Voraussetzung einer idealeren Politik, sondern Mit­tel wie dieses und jenes. Mag der Einzelne in sich gehen – ein Volk müsse auf dem harten Boden der Tatsachen bleiben. Die Überlegung, die einen gewissen Schein der Berechtigung trägt, entspringt indes einem der zahlreichen falschen Gegensätze, durch die sich die seelisch allmählich dunkler und dunkler werdenden Jahrhunderte des zivilisatorischen Fortschritts auszeichnen. Denn Realpolitik, die mehr ist als die Abwandlung von Fehlern unserer Vorfah­ren und mehr als ein noch so kluger Opportunismus, gewinnt durch sittliche Läuterung erst ihre sichere Grundlage. Der deutsche Wehrkreis­befehlshaber in Frankreich oder im Osten, der zur Sühne eines zivilen Angriffs auf einige Wehrmachtsangehörige ein ganzes Dorf ausrotten oder anderswo Alleen von Galgen errichten ließ, gab sich dem Wahn hin, real­politisch zu handeln. In Wahrheit erwürgte er, indem er die Gesetze der Menschlichkeit strangulierte, das wohlverstandene deutsche Interesse: ex ossibus ultor – aus den Leichen der Geiseln erstanden die Rächer zu Tau­senden. Die beste Realpolitik kann auf die Dauer nur die sein, die alle Wer­te in Rechnung stellt, die höchsten zuerst, und ihnen gemäß handelt. Nützt es dem deutschen Volke, blutbeschmiert und selbstbeschmutzt in­mitten der zertrümmerten europäischen Arena unbesonnen zu verharren, in der es unter der Anführerschaft erklärter Verbrecher in ein Un­recht verflochten wurde, das über alle geschichtlichen Masse hinausgeht? Soll es hartnäckig spekulierend darauf warten, bis andere sich vielleicht finden werden, die schlecht genug sind, ihm ein neues Bündnis der Schandtaten anzutragen? Oder ist es nicht besser, die größte Nie­derlage seiner Ge­schichte zum Anlass zu nehmen, um in die eigenen verschütteten Tiefen hinabzusteigen, wo das Gold der hohen deutschen Qualitäten – jawohl: das Gold! – begraben liegt, den geschichtlichen und gesamtseelischen Wur­zeln der Schuld nachzuspüren und nach Generationen der Geduld ge­wandelt zur Erfüllung der wahren deutschen Aufgabe in Europa und der Welt, zur Leistung des Beitrags, der seinem gereinigten Wesen entspricht, hervorzu­treten?

Die Kräfte der Besinnung im Deutschtum zu wecken, war Aufgabe einer weitblickenden Realpolitik der Alliierten. Sie fasste sie in dem Pro­gramm der »Umerziehung« zusammen. Und sie wurde eingeleitet durch die These von der deutschen Kollektivschuld. Der Anklage-»Schock«, dass sie alle mitschuldig seien, sollte die Deutschen zur Kenntnis der wahren Ursachen ihrer Niederlage bringen. Man konnte schon ein Jahr nach der Verkündigung der These sagen, dass sie ihren Zweck verfehlt hat. Das spricht nicht so sehr gegen das deutsche Volk als gegen das angewandte pädagogische Mittel, da ja der praktische Wert eines politi­schen Instru­ments allemal von der Erreichung des gemeinten Zieles abhängt. Die »Schock«-Politik hat nicht die Kräfte des deutschen Gewissens geweckt, sondern die Kräfte der Abwehr gegen die Beschuldigung, für die national­sozialistischen Schandtaten in Bausch und Bogen mitverantwortlich zu sein. Das Ergebnis ist ein Fiasko.

Infolgedessen blieb auch die alliierte KL-Propaganda teilweise wir­kungslos. Sie sollte, als die Sieger Zahl, Art, Umfang und System der Konzentrationslager in Deutschland selbst erst kennengelernt hatten, der Erhärtung der Schuldthese dienen. Abermals falsch. Die grauenhaf­ten Tatsachen durften nicht in Zusammenhang mit dem Anwurf der Kollektiv­schuld, sie mussten unmittelbar auf das deutsche Gewissen wirken. Ehe sie noch den Bereich des tiefsten Rechts- und Menschlichkeitsempfindens, ja des Religiösen berühren konnte, wo der Deutsche der zwölf Jahre Hitler-Herrschaft und ihres seelischen Einflusses sich noch genug gegen die Einsicht, wie tief er in das Verhängnis verstrickt war, gesträubt hätte, wurde die KL-Propa­ganda schon abgelehnt, weil er merkte, dass er in die größere Schuld noch unentrinnbarer gestoßen werden sollte. Jeder von ihnen spürte, dass ihn ein höherer Richter nicht auf eine und dieselbe An­klagebank mit Verbrechern und Aktivisten der NSDAP gesetzt hätte – von den zahlreichen edlen und todesmutigen Kämpfern der inneren, im Ausland noch so unbe­kannten Opposition gegen das Regime ganz zu schweigen. Ein berechtigtes Gefühl von Mil­lionen wehrte sich gegen die Kollektivanklage, die einen gleichmacherischen Anschein hatte. Es brachte sie in der Selbstverteidigung auf die feinsten Ausfluchtunterscheidungen, so zum Beispiel die, dass moralische Schuld – gar als Voraussetzung einer juristischen! – immer an ein Individuum, das heißt an ein persönliches Gewissen gebunden sei, nie an ein Kollektivum, das nicht Person sein kann. (Als ob die Verwerfung des Wortes »Kollektivschuld«, das der moraltheoretischen Kritik nicht standhält, die Schuld selbst aufheben könnte, die eben die Anteilnahme jedes Einzelnen des nationalen »Kollek­tivs« gewesen wäre!) Hätte man der sehnsuchtsvollen Erwartung zumin­dest der guten Hälfte des deutschen Volkes, von den Alli­ierten endlich aus dem Terror des Nationalsozialismus, den sie allein nicht mehr ab­schütteln konnten, befreit zu werden, bis zu Höhen wahrer Begeisterung Lauf gelassen, dann wären auch die enthüllten Konzentrationslager zu Marksteinen der deutschen Selbstbesin­nung, eines tiefen Erschreckens über den Abgrund geworden, in den die Nation versunken war.

Diese Entwicklung ist heute, in einer dumpfen Atmosphäre des Grolls aufgrund verdrängter Gefühle, schwer blockiert. Die alliierte Propaganda musste die Ausrottung des Übels in den Seelen zum Ziel haben, damit eine Wiederkehr des Unheils für immer unmöglich und der see­lische Raum für ein erneuertes Deutschland inmitten Europas freigemacht wurde. Man kann ihr daher den Vorwurf nicht ersparen, dass sie die Aufklärungsarbeit, die sie leisten wollte, undifferenziert und ohne Berücksichtigung der be­sonderen deutschen Geistesart vorgenom­men hat. Ein Volk, das in luftkrieggeschlagenen Städten allüberall die verkohlten Reste seiner Frauen und Kinder gesehen hatte, konnte durch die massierten Haufen nackter Leichen, die ihm aus den letzten Zeiten der Konzentrationslager vor Augen geführt wurden, nicht erschüt­tert werden, und es war nur allzu leicht geneigt, hartgeworden die toten Fremden und Verfem­ten mitleids­loser anzusehen als das eigene im Phosphorregen und Granatsplitter­hagel getötete Fleisch und Blut. Ja manche gingen so weit, jene KL-Aufnahmen für Luft­kriegsbilder oder gar für gestellte Erzeugnisse einer einseitig zweckbestimmten Propaganda zu halten. Die unablässigen Greuelberichte des Rundfunks drehten sie einfach ab, nicht nur weil sie nicht fortwährend unterschiedslos und schwer beschuldigt werden wollten, sondern auch in Ableh­nung der ihnen aus Goebbels’ Zeiten gewohnten und verhassten Einhämmerei, von deren Propagandaschlagworten sie doch wussten, dass sie gelogen waren. (Wenn Be­standteile des Nationalsozialismus noch immer tief im deutschen Volke sitzen, so ganz gewiss nicht wegen der Suaden, die vom Reichspropagandaministerium ausgegangen waren, das auch andere, raf­finierte und wirklich eindringliche Methoden der Willensbildung und Mei­nungsmache, der Phantasievergiftung und Gefühlsverderbnis ge­kannt hat!)

Und dann kamen die befreiten KL-Leute selbst! Es war nicht der Zug der Millionen stummer Toter. Es waren auch nicht die Zehntausende gerade noch überlebender Ausländer des euro­päischen Westens, die nicht schleunig genug das Land hatten verlassen können, wo sie von Sklaven­haltern, Mördern, Barbaren und Idioten entwürdigt, gequält, gemartert und dezimiert worden waren. Was das deutsche Volk zu sehen und zu spüren bekam, waren jüdische und östliche, vor allem polnische »displaced persons«, heimatlose Verstreute, wie die offizielle alliierte Propaganda sie nannte, und jeweils in einer Gegend einzelne, Dutzende oder ein paar hundert Deutsche (im Ganzen waren es höchstens 30000). Die aus dem Osten nach Deutsch­land verschleppten Juden, Russen und Polen sahen nicht ein, warum sie noch weitere Monate in öden Lagern weiterhausen sollten. Dass sie dem deutschen Volke gegenüber nicht von den erhaben­sten Gefühlen beseelt waren, kann man hoffentlich begreifen: unter ihnen befanden sich Menschen, denen Deutsche buchstäblich die gesamte Ver­wandtschaft – ich kenne Fälle, wo es bis zu siebzig und mehr Angehörige waren – ausgerottet hatten. Geboten wurde ihnen außer Wochen zer­mürbenden Wartens und Dosen amerikanischer Konserven meistens nichts. Merkwürdig, dass es da Leute gibt, die nicht verstehen können, wie es zu der nachfolgenden Entwicklung kam. Verwahrloste und verbitterte An­gehörige der »Vereinten Nationen«, nun endlich wenigstens dem Bewusst­sein nach Sieger und einer Teilfreiheit zurückgegeben, trafen auf eine gleichfalls verbitterte, verfemte und verständnislose Bevölkerung, die sich fragte, wie sie dazu komme, zu allem übrigen Leid jetzt auch noch diese plündernde und rachenehmende «Landplage» über sich ergehen zu lassen. Es hätte allen psychologischen Erfahrungen wider­sprochen, wenn in einer solchen Situation das Licht der Humanität und des Christentums, das unentwegt in edlen Einzelnen leuchtete, der allgemeinen Herzens­finsternis Herr geworden wäre. Die meisten befreiten KL-Deutschen taten noch ein Übriges, um die letzten Flämmchen vorhandener Sympathie zum Erlöschen zu bringen. Eine tüchtige Minderheit ging still den neuen Weg – enttäuscht von dieser Art «besserer Welt», die im Entstehen begriffen sein sollte und für die sie gekämpft und gelitten hatten. Sie schweigen, arbeiten und warten. Die Mehr­heit hingegen hatte für das deutsche Volk nichts übrig als Klagen, Beschimpfungen und An­sprüche – am lautesten, wie immer, die, denen die Leiden nicht gerade ins Gesicht geschrie­ben standen. Ihr meist sehr eindeutiger Radikalismus, der oftmals glaubte, Methoden des Lagers auf diese andere Welt übertragen zu können, musste das Bild, das sie sonst boten, nur noch abstoßender machen. Es gab nie­manden, der nicht gesehen hätte, dass ihnen das sittliche Recht für den geltend gemachten Führungsanspruch fehlte.

So ist es also gekommen, dass ich Leuten begegnen konnte, die kalt­blütig meinten, es wäre wohl besser gewesen, wenn alle »Kazettler« zugrundegegangen wären! Und dass kein ver­nünftiger Mensch mehr in Deutschland ohne spontane Abwehrreaktion – gegen uns bleibt, wenn er den berüchtigten Klang «KZ» hört! Und dass zum seelischen Hindernis der inneren Erneuerung geworden ist, was der Anfang der Besinnung hätte sein können! Wo immer man in Deutschland heute, sei es in der Straßenbahn oder im Eisenbahnabteil oder im Warteraum des Zahnarztes oder sonstwo, von Kriegsgefangenen hört, denen es im Sommer 1945 in ein­zelnen Lagern teilweise schlecht ging, sodass die Sorge weit verbreitet war, es könnte durch­wegs und überall und dauernd ähnlich sein, da spricht das Herz in den Worten mit – empört oder mitleidsvoll. Berichte aus den Konzentrationslagern erwecken in der Regel höchstens Staunen oder un­gläubiges Kopfschütteln; sie werden kaum zu einer Sache des Verstandes, geschweige denn zum Gegenstand aufwühlenden Empfindens.

Der große Kredit, der für die gemeinsame Sache der deutschen Er­ziehung vorhanden gewesen wäre, ist durch die Schuld aller Beteiligten unausgenützt geblieben, ja zum Teil vertan wor­den. Da die Alliierten bis zum Ende des Jahres 1945 in Deutschland auch kaum ein Publika­tions­organ zugelassen haben, das klärend hätte eingreifen können, standen wir sehr bald vor einem wahren Komplex, der sich noch immer nicht ver­ringert hat. Unsere Aufgabe kann da­her nur darin bestehen, im Vertrauen auf die Kraft der Wahrheit die Unwissenheit zu besei­ti­gen und so dem Einzelnen diesseits wie jenseits der deutschen Grenzen die Voraussetzun­gen für die eigene Meinungsbildung und die persönliche Besinnung zu bie­ten, damit der notwen­dige Läuterungsprozess doch noch, wenn auch mühsam, in Gang gebracht wird. Vielleicht greift er dann mit nachhaltigerer Wir­kung in die eigentlichen Tiefen des nationalen Bewusst­seins.

Die Erkenntnis ist erschreckend, dass so viele Deutsche jetzt, da sie die Möglichkeit haben, die Tatsachen aus den Konzentrationslagern zu kennen, sie nicht anerkennen wollen, nur weil sie fürchten, ihr früheres Nicht­wissen könnte durch diese Aufklärung schuldhaft gemacht werden. Wir wollen in aller Ruhe Frage um Frage stellen, ohne vorhergefasste Ab­sichten, ohne Nebenzwecke und so leidenschaftslos, wie diese Sache es zulässt.

Was hat der Deutsche von den Konzentrationslagern gewusst? Außer der Existenz der Ein­richtung beinahe nichts, denn er weiß heute noch wenig. Das System, die Einzelheiten des Terrors streng geheimzuhalten und dadurch den Schrecken anonym, aber umso wirksamer zu machen, hat sich zweifellos bewährt. Viele Gestapobeamte kannten, wie ich gezeigt habe, das Innere der KL, in die sie ihre Gefangenen einwiesen, nicht; die allermeisten Häftlinge hatten vom eigentlichen Getriebe des Lagers und von vielen Einzelheiten der dort angewandten Methoden kaum eine Ah­nung. Wie hätte das deutsche Volk sie kennen sollen? Wer eingelie­fert wurde, stand einer ihm neuen, abgründigen Welt gegenüber. Das ist der beste Beweis für die allgewaltige Wirksamkeit des Prinzips der Geheim­haltung. Und dennoch! Kein Deutscher, der nicht gewusst hätte, dass es Konzentrationslager gab. Kein Deutscher, der sie für Sanato­rien gehalten hätte. Wenig Deutsche, die nicht einen Verwandten oder Bekannten im KL ge­habt oder zumindest gewusst hätten, dass der und jener in einem Lager war. Alle Deutschen, die Zeugen der vielfältigen antisemitischen Barbarei geworden, Millionen, die vor brennenden Synagogen und in den Straßenkot gedemütigten jüdischen Männern und Frauen gleichgültig, neugierig, empört oder schadenfroh gestanden haben. Viele Deutsche, die durch den ausländi­schen Rundfunk einiges über die KL erfahren haben. Mancher Deutsche, der mit Konzentra­tionären durch Außenkommandos in Berührung kam. Nicht wenige Deutsche, die auf Straßen und Bahn­höfen Elendszügen von Gefangenen begegnet sind. In einem am 9. No­vember 1941 an alle Staatspolizeileitstellen, an alle Befehlshaber, Kom­mandeure und Inspekteure der Sicherheitspolizei und des Sicherheits­dienstes sowie an alle Kommandanten der Konzentra­tionslager und den Inspekteur der KL ausgegebenen Rundschreiben des Chefs der Sipo und des SD heißt es: »Insbesondere ist festgestellt worden, dass bei Fußmärschen, zum Beispiel vom Bahnhof zum Lager, eine nicht unerhebliche Zahl von Gefangenen wegen Erschöpfung unterwegs tot oder halbtot zu­sammenbricht… Es ist nicht zu verhindern, dass die deutsche Bevölkerung von diesen Vorgängen Notiz nimmt.« Kaum ein Deutscher, dem nicht bekannt gewesen wäre, dass die Gefängnisse überfüllt waren und dass im Lande unentwegt hingerich­tet wurde. Tausende von Richtern und Polizeibeamten, Rechtsanwälten, Geistlichen und Für­sorgepersonen, die eine allgemeine Ahnung davon hatten, dass der Umfang der Dinge schlimm war. Viele Geschäftsleute, die mit der Lager-SS in Lieferbezie­hungen standen, Industrielle, die vom SS-Wirtschafts-Verwaltungs-Haupt­amt KL-Sklaven für ihre Werke anforderten, Angestellte von Arbeits­ämtern, die wussten, dass die Karteikarten der Gemelde­ten Vermerke über die politische Zuverlässigkeit trugen und dass große Unternehmen SS-Sklaven arbeiten ließen. Nicht wenige Zivilisten, die am Rande von Konzentrationslagern oder in ihnen selbst tätig waren. Medizinprofes­soren, die mit Himmlers Versuchsstationen, Kreis- und Anstaltsärzte, die mit den professionellen Mördern zusammenarbeiteten. Eine erhebliche Anzahl von Luftwaffenangehörigen, die zur SS kommandiert worden sind und etwas von den konkreten Zusammenhängen erfahren haben. Zahlreiche höhere Wehrmachts­offiziere, die über die Massenliquidierungen russischer Kriegsgefangener in den KL, außer­ordentlich viele deutsche Soldaten und Feldgendarmen, die über die entsetzlichen Greueltaten in Lagern, Ghettos, Städten und Dörfern des Ostens Bescheid gewusst haben.

Ist eine einzige dieser Feststellungen falsch?

Dann wollen wir in gleicher Ruhe und Sachlichkeit die weitere Frage stellen: Wie hat das deutsche Volk auf das Unrecht reagiert? Als Volk überhaupt nicht. Das ist eine bittere Wahr­heit. Man hat zur Erklärung des Versagens anführen wollen, dass Deutschland zu spät in der Geschichte seine Einheit erlangt habe; es sei ihm dadurch die Möglichkeit verschlossen ge­blieben, über gewöhnliches nationales Empfinden hinaus eine öffentliche Meinung von Rang zu entwickeln und für höhere Werte geschlossen auf­zutreten. Abgesehen von der Tatsache, dass es nationale Einheiten gibt, die im gleichen Jahrhundert, ja um dieselbe Zeit entstanden sind, ohne dass man sagen könnte, diese Völker hätten Unrecht so hingenommen wie die Deutschen, verwechselt jener Erklärungsversuch Ursache und Wirkung: die besondere Art des Deutschen ist es, die ihn so spät zur nationalen Einheit hat gelangen lassen, nicht die späte staatspolitische Konkretisie­rung, die seine Art erzeugt hätte. Während alle übrigen euro­päischen Volker – von einigen slawischen vielleicht abgesehen – ein festes, be­stimmtes Ver­hältnis zu der Wirklichkeit haben, in die sie gestellt sind oder die sich ihnen eröffnet, sodass sie ihren realpolitischen Weg in der Geschichte bald fanden und mit einer gewissen Konse­quenz, wenn auch mit wechselndem Erfolg gehen konnten, sind die Deutschen ein Volk der Möglichkeiten, nicht der Tatsachen. Schweifend im Reich der Phantasie, unerschöpflichen Plänen, vielen Empfindungen und Träumen hingegeben, sieht es in jeder Konkretisierung eine Beeinträchtigung des Hohen und Idealen. Wie es dem Irrglauben aus Glaubensüberfülle ver­fällt, so dann leicht einer realen Bindung, die gar nicht einmal aus ihm stammt. Ihr unterwirft es sich räsonierend-resignierend, am Ende zufrieden mit einer Philosophie des Besseren, oder es hält das brüchige Regiment, wenn andere Beweggründe und Umstände noch dazu verleiten, eine Zeitlang gar für die Verwirklichung des Anfangs der ersehnten Idealgemeinschaft, wü­tend womöglich in diese fremde Wirklichkeit verbissen, weil es ihm doch end­lich einmal gelingen müsse, politischen Erfolg zu haben »wie andere Völker«. Der Protestantismus deut­scher Herkunft und deutscher Prägung, Ausbruch des individuellen Gewissens aus fester Form, hat diese Ten­denzen des Deutschtums noch wesentlich verstärkt. Denn er trennte das Gewissen, das er dem Schöpfer unmittelbar verbunden sah, auf den reli­giös-kirchlichen Raum es beschränkend, vom Machtgetriebe des irdischen Staates, der ihm verderbt, dem Bösen unterstellt und eigenen ihm inne­wohnenden Gesetzen der Schlechtigkeit hörig erschien. Je kraftvoller die Autorität, die ihn im Zaume hielt, umso besser daher und umso gott­wohlge­fälliger. Ein bedeutender Antrieb zum Absolutismus in Deutsch­land ging von dieser Anschau­ung aus. Er ließ die Kraft zur politischen Gemeinschaftsbildung erst recht verkümmern, und keine Intelligenzschicht, das nationale Gewissen verkörpernd, überwand den Widerstand zwi­schen dem deutschen Möglichkeitenreichtum und den unzulänglichen politischen Ausdrucks­formen. Denn der deutsche Geistesträger – bezeichnenderweise »Akademiker« genannt – hatte selbst kein reales Verhältnis zur Politik außer dem des Untertanen. Sein Reich war der Geist, das Denken und Dichten. Viele widerspruchsvolle Züge im deutschen Charakter und in der deutschen Geschichte werden durch diese Grundveranlagung erklär­lich. Es ist nicht mög­lich, hier ausführlich darüber zu schreiben, obgleich es gerade jetzt, in diesem entscheidenden Abschnitt der Geschichte, wo es um die Selbsterkenntnis und die neue deutsche Stellung im europäischen Ganzen geht, notwendig wäre. Ein solches Volk konnte hohe Individua­litäten von überragendem Kulturrang hervorbringen, sie mussten aber, bei aller Wirkung wieder auf Einzelne, doch isoliert bleiben. Es konnte politisch debattieren, ohne je an den realen Kern der Politik heranzu­kommen. Es konnte rechtlich gesinnt sein und sich doch, als Volk, jeder auto­ritätsverkleideten Gewalt unterwerfen, sodass es den Terror schon fürchtete, ehe er überhaupt in Aktion trat. Es verherrlichte in vielen Gesängen die Freiheit, die es als volle politische Wirklichkeit des Einzelnen nie erlebt hat. Ich möchte beinahe sagen, dass es infolge seiner Verloren­heit an die Vielfalt der Möglichkeiten fast instinkthaft einen ausgleichen­den Halt in der Hingabe an die staatliche Autorität und in der Uniform das Gegenstück zum Multiformen seiner Seele suchte. Es hat niemals eine politisch prägende nationale Gemeinschaft hervorge­bracht, die ihrerseits das Volk durch Generationen geschützt und gehalten hätte. Das Fehlen dieser befruchtenden Wechselwirkung zwischen echter, inhaltserfüllter politischer Form und möglichkeitsreichem Individuum macht beim deut­schen Volk auch verständlich, warum es so tapfer und so feige zugleich ist. Angeborenes militaristisches Empfinden erklärt solches Dop­pelwesen nicht. Auch der Deutsche fürchtet, einzeln, den Tod, mag ihm das Knochen­gesicht durch allerlei nationale Mystik noch so verschönert werden. Sobald er sich aber in fester Gemeinschaft weiß, fürchtet er ihn nicht; denn er idealisiert die Gemeinschaft, wie immer sie ist, sofort und fühlt sich ihr durch «Pflicht» und «Ehre» verbunden. Selbst im kleinsten Stoß- und Spähtrupp oder als Einzelkämpfer bleibt er mutig, solange er das Kol­lektiv geistig und seelisch hinter sich weiß. Kaum soll er aber revolutionär – für das Recht etwa – aus den schüt­zenden Reihen der vorhandenen, der konkret gegebenen Gruppe heraustreten und, auf sich ganz allein gestellt, für einen hohen menschheitlichen Inhalt, selbst unter Verfemung, kämp­fen, scheut er zurück und duckt sich. Als Mensch individuell, ist er politisch ein Nichts, Ob­jekt und Massenbestandteil so sehr, dass ihm jede Surrogatpolitik das individuelle Recht und die individuelle Freiheit zer­schlagen kann, ja dass er noch, Parsifal und Faust in einem, mit­hilft, sich selbst in Ketten zu bringen, vertrauensvoll und sehnsüchtig wähnend, es sei die Freiheit, die ihm gebracht werde. Deutschland ist gegen den Terror des Nationalsozialismus nicht aufgestanden, weil es bis jetzt ein politisches Volk im Sinne des Wortes nicht gewesen ist. Alle zivilen Helden in Deutschland waren Ausnahmen und mussten Ausnahmen bleiben – Tau­sende unter achtzig Millionen.

Die Millionen einzelner Deutscher haben sich unter dem System der Diktatur entsprechend verhalten. Wenn man ihre hohen Eigenschaften: den Fleiß, die Sauberkeit, die Ordnungsliebe, die Pflichttreue, das Ehr­bewusstsein, die Objektivität und das rechtliche Empfinden, im Auge hat, dann kann man nur sagen: es war eine Tragödie sondergleichen. Wie hätte es aber unter den geschilderten Voraussetzungen anders sein können? Alles, was sie zu leisten vermochten, kam dem Regime zugute, auch wenn sie mit ihm nicht einverstanden waren (in manchem und vielem waren sie bei allem innerlichen Widerstand wohl einverstanden). Von den Kon­zentra­tionslagern wussten sie zu wenig. Sie hätten sie auch bei vollem Wissen nicht zu einer morali­schen Kernfrage gemacht, weil Freiheit und Recht als absolute Werte ihnen kein Zentralprob­lem waren. Das vor­handene Wissen vom Unrecht entflammte daher die Männer und Frauen nicht. Der Deutsche hat während der Diktatur sogar mannigfache Beweise dafür erbracht, dass er aus Angst und aus einer gewissen Unbehaglichkeit bereit war, sich täuschen zu lassen, dem Ernst der Sache aus dem Wege zu gehen und die dunkle Angelegenheit zu verdrängen. Viele machten sich – gedankenlos, aber bezeichnenderweise – das schändliche Naziwort »Konzert­lager« zu eigen, durch das der Schrecken verniedlicht wurde. Sie enthoben sich, aus den ange­deuteten Beweggründen, der Pflicht, den Vorgängen auf den Kern zu kommen, und verschlos­sen ganz bewusst ihre Augen jeder weiteren Kenntnis. Wissen hätte Verpflichtung gebracht, da­her war es doppelt gefährlich. Außerdem erschien es ihnen wohl nicht so ausgemacht, dass alle, die in Konzentrationslager geschickt wurden, zu Unrecht hineinkamen, wie? Prinzipiell, wenn man sich die Sache genau überlegte, immerhin – die Absonderung hatte bei dem und jenem vielleicht doch ihre Berechtigung… Fälle von Justizirrtümern ereigneten sich ja wohl dann und wann, aber dass der Staat, die anerkannte Autorität systematisch Unrecht tun könn­te, das war doch schwer anzunehmen. Möglicherweise handelte es sich da und dort um Über­treibungen oder bei dem, was man hörte, um einzelne Ausschreitungen. Im Ganzen – nein, so schlecht konnte eine deutsche Obrigkeit nicht sein, dass sie die reine Willkür, dazu mit einem System von Marterungen, betrieb. Noch gab es schließlich Richter im Lande! Das individuelle Rechtsempfinden des Deut­schen, der Autoritätstreue hörig, führte in der Tat zu der Denk­paradoxie des Morgensternschen Gedichtes vom Autounfall, den der als Opfer im Kranken­haus liegende Palmström sich selber logisch wegdisputiert, «weil», so schloss er messer­scharf, »nicht sein kann, was nicht sein darf«! Genau diesen Gedanken bringt eine sonst vor­zügliche, an vielen Stellen in erheb­liche Tiefen reichende Denkschrift der Leipziger Juris­ten­fakultät zum Ausdruck, wenn sie bei Erörterung »der Ursachen für die Möglichkeit des Hitler-Regimes in Deutschland« und der »Haltung der deutschen Intel­lektuellen zur national­sozialis­tischen Regierung« im Zusammenhang mit der Frage der Mitschuld an den deutschen Greuel­taten schreibt: »Wenn bei vielen die Behauptung Gehör fand, es handle sich nur um Feindpro­paganda, so beruhte das nicht so sehr auf politischer Gleichgültigkeit als vielmehr darauf, dass viele Deutsche einfach überzeugt waren, es sei un­möglich, dass es sich nicht nur um einzelne Ausschreitungen handle, wie sie bei einer Revolution in allen Ländern auftreten, sondern dass eine deutsche Regierung solche Terrormethoden zum System mache.« Ihre fast bedingungslo­se Autoritätsgläubigkeit machte die Deutschen allmählich geneigt, selbst in der Diktatur die Verhafteten, nicht die Verhaftenden als Verbrecher anzusehen. (Bis sie selbst verhaftet wur­den, dann war recht häufig des Entsetzens und des Jammerns kein Ende, und es dauerte bei diesen »braven, anständigen Deutschen« – die Hitler mit Vorliebe als solche ansprach – in der Regel ziemlich lange, bis sie den Glauben an die Gerechtigkeit »der Behörden« auch in ihrem individuellen Falle verloren hatten.) Welch ein Unterschied, wenn man als Polizeigefangener durch die Tschechoslowakei, um nur eines der anderen Länder zu nennen, oder durch Deutschland transportiert wurde! Dort Sympathie der Bevölkerung von allen Seiten, kleine Hilfen unter erheblicher Gefahr, hier ängstliche Scheu, Ablehnung oder Verachtung. In Wei­mar haben NSV-Schwestern Buchenwalder KL-Gefangenen, die nach einem Luftangriff im Februar 1945 Verschüttete ausgruben und Aufräumungsarbeiten leisteten, selbst einen Schluck Wasser verweigert. Das Städtische Krankenhaus lehnte es ab, schwerverwundete Häftlinge aus den dortigen Gustloff-Werken zur ersten Hilfe aufzunehmen. Noch im Spät­herbst 1945 hörte ein Bekannter von mir in der Bahn eine deutsche Rotkreuz-Schwester, die in Weimar tätig gewesen war, erzählen, wie sie veranlasst werden sollte, einige Zeit nach der Befreiung des Lagers Buchenwald sich dort kranken Gefangenen zu widmen. »Wie komme ich dazu«, meinte sie, »tuberkulöse Verbrecher zu pflegen!« Hat man vielleicht jemals gehört, dass in deutschen Kirchen von einem Bischof oder einem Superintendenten die versammelten Gemeinden zum »Gebet für die politischen Gefangenen« aufgefordert worden wäre?[1] Alle diese Schwächen, Fehler und Unterlassungen hingen mit der deutschen Autoritätssüchtigkeit, dem missbrauchten Rechts­bewusst­sein und dem allgemeinen Mangel an freiheitlichem Mut zusammen. Der Einzelne konnte und wollte mit Aussicht auf Wirkung und Erfolg nichts mehr tun, weil die anderen Einzelnen fehlten, die gleich gehandelt hätten. So wurden die höheren Pflichten der Menschlichkeit und der Bergpredigt, die jedem gegenüber gelten, der unser menschliches Antlitz trägt, allmäh­lich überdeckt von einem angstgeborenen und angst­beherrschten Oppor­tunismus.

Hier beginnen die nationalen Fehler individuelle Schuld zu werden. Was das deutsche Volk in langen Generationsreihen nicht hervorgebracht hat, kann ihm auch nicht moralisch zur Last gelegt werden. Wo die vielen Einzelnen hingegen dem Anruf ihres persönlichen Gewissens nicht Folge geleistet oder das Gewissen in sich getötet haben, und wäre es nur durch Gewöh­nung, da liegt in der Tat Schuld vor. Auch in der Politik, die von den Geboten der Sittlichkeit nicht frei ist. Der Geistliche, der nicht geholfen und die Gelegenheit nicht gesucht hat, wo er helfen konnte, ist schuldig. Der Richter, der nicht – wie so mancher seiner Kol­legen im Deutschland des Dritten Reiches – genau die Art und die Länge der zu verhängenden Frei­heitsstrafe abwog, um zu verhindern, dass der Verurteilte ein KL-Opfer der Gestapo wurde, ist schuldig. Das gleiche gilt vom Arzt, dem der unsittliche Parteiantrag gestellt war, zu steri­li­sieren oder unerwünschte Leute geistesschwach zu schreiben und sie so den bekannten Mordanstalten zu überantworten, vom Journalisten, vom Universitätsprofessor, vom Betriebs­führer, vom Staats- und Kommunal­beamten, vom Offizier, vom Arbeiter, vom Soldaten, von jedem. Mir ist von einem deutschen Polizisten erzählt worden, der im Osten wie so viele sei­ner Kollegen den Befehl bekommen hatte, bei Bevölkerungs-»liquidierungen« mitzuwirken. Als ihm ein blasses, zwölfjähriges jüdisches Mäd­chen, schon in der Leichengruppe stehend, flehend die Ärmchen entgegen­streckte und bat, er möge nicht schießen, senkte er die Pistole. Sein Offizier brüllte, er solle vorwärtsmachen, sonst werde er selbst die Kugel bekom­men. Da schoss er. Der Mann ist trübsinnig geworden, weil er das schmale Gesicht des niederbrechen­den Kindes nicht mehr vergessen konnte. Befehl? Zwang? Terror? Nein! Die Gebote des höchsten sittlichen Kodex kann kein Feldwebel und kein Blockwart, kein Minister und kein Feldherr, kein Himmler und kein Hitler über den Haufen kommandieren. Frage sich jeder, ob er nach diesem Maßstab, nicht nach dem wilden Grundsatz, Recht sei, was dem deutschen Volke nütze, oder gar was einem Parteiaktivisten passte, immer und unter allen Umständen seine Pflicht, die wahre Pflicht! getan hat. Und nehme sich nur keiner pharisäisch aus, kein Bischof und kein Pfarrer, kein großer und kein kleiner Politiker, kein Lehrer, kein Un­terneh­mer, kein Ingenieur, kein Arbeiter – niemand, weder Mann noch Frau! Haben wir wirklich alle, immer und überall, für Recht und Frei­heit unsere Pflicht getan? Wäre es geschehen, die Wandlung des deutschen Volkes brauchte nicht erst jetzt zu beginnen, sie hätte längst begon­nen – vor dem Kriege schon, während dieses entsetzlichen Krieges, zumindest aber am 20. Juli 1944. Unter den fünftausend Männern und Frauen aller Schichten, die damals verhaftet wurden, befanden sich wahre Märtyrer für die deutsche Zukunft. Sie gaben das große Beispiel sittlicher Kraft und persönlichen Mutes. Diese hohe Bedeutung ihrer Tat wird nicht herab­gemindert durch den echt deutschen Mangel an gleich großer politischer Klugheit, noch gar durch den Abenteurer- und Konjunkturisten-Anhang, den sie hatten; sie hat auch nichts zu tun mit den reaktionären Bestrebungen einiger von ihnen. Ihr Vorbild wird den Deutschen nicht verlorengehen, wenn sie nur einsehen lernen, dass Mann und Frau im Kampf um Freiheit und Recht – nicht des Kollektivs, sondern aller Einzelnen! – über berech­tigte und gar über unbe­rechtigte Bedenken hinweg zum höchsten Wagnis sich erheben müssen.

So rückblickend möge Deutschland sich selbst erkennen: seine edlen und seine entsetzlichen Züge, damit das entstellte, das verzerrte Antlitz wieder Gleichmaß gewinne. Es wird den Richter dann nicht mehr zu fürchten brauchen, weil es sich selber ehrlich beurteilt hat. Und wenn er die Frage erneut an Deutschland stellt: »Erkennt ihr mich jetzt?«, dann wird es in ihm den Erlöser sehen aus Irrtum, Verbrechen, Blutschuld, Schande und Not, den Erlöser zur Freiheit und Menschenwürde. Weit werden die Konzentrationslager dann hinter dem erneuer­ten Deutschland liegen – nur noch eine Mahnung aus den Zeiten der Finsternis dieses Drit­ten Reiches.

Quelle: Die Neue Rundschau, Jahrgang 56/57, Heft 4, Juli 1946, S. 383-400. Zuerst abge­druckt als eigenes Kapitel in: Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Kon­zentrationslager, München: Verlag Karl Alber, 1946, S. 331ff.


[1] Mittlerweile wird mir aus Heft 1 der Evangelischen Reihe der Schriftensammlung ›Das christliche Deutschland 1933-1945‹ (Verlag Herder, Freiburg i.Br.) bekannt, dass nach der Verhaftung Pfarrer Niemöllers in Gemeinden der Bekennenden Kirche für politische Gefangene in der Tat öffentlich gebetet worden ist.

Hier der Text als pdf.

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