Eugen Kogon, Das deutsche Volk und die Konzentrationslager (Der SS-Staat, 1946): „Der Protestantismus deut­scher Herkunft und deutscher Prägung, Ausbruch des individuellen Gewissens aus fester Form, hat diese Ten­denzen des Deutschtums noch wesentlich verstärkt. Denn er trennte das Gewissen, das er dem Schöpfer unmittelbar verbunden sah, auf den reli­giös-kirchlichen Raum es beschränkend, vom Machtgetriebe des irdischen Staates, der ihm verderbt, dem Bösen unterstellt und eigenen ihm inne­wohnenden Gesetzen der Schlechtigkeit hörig erschien. Je kraftvoller die Autorität, die ihn im Zaume hielt, umso besser daher und umso gott­wohlge­fälliger. Ein bedeutender Antrieb zum Absolutismus in Deutsch­land ging von dieser Anschau­ung aus. Er ließ die Kraft zur politischen Gemeinschaftsbildung erst recht verkümmern, und keine Intelligenzschicht, das nationale Gewissen verkörpernd, überwand den Widerstand zwi­schen dem deutschen Möglichkeitenreichtum und den unzulänglichen politischen Ausdrucks­formen. Denn der deutsche Geistesträger – bezeichnenderweise »Akademiker« genannt – hatte selbst kein reales Verhältnis zur Politik außer dem des Untertanen. Sein Reich war der Geist, das Denken und Dichten. Viele widerspruchsvolle Züge im deutschen Charakter und in der deutschen Geschichte werden durch diese Grundveranlagung erklär­lich.“

Das deutsche Volk und die Konzentrationslager (1946) Von Eugen Kogon Etwas Metaphysisches, das dem Verstand allein kaum mehr begreifbar ist, … Mehr