„Ein Werk ist also schön, wenn es in prophetischer Kraft auftritt“ – Wilhelm Groß über die Kunst im Heiligtum

Wilhelm Groß - Christus in Gethsemane (Holzschnitt)
Wilhelm Groß – Christus in Gethsemane (Holzschnitt)

Eingangs seines Büchleins „Die Kunst im Heiligtum“ (Lahr:  Ernst Kaufmann 1956), das Bilder seiner Plastiken und Reliefs enthält, schrieb Wilhelm Groß (1883-1974) folgende Worte:

Die Kunst im Heiligtum hat das Ewige transparent zu machen, das durchschimmert durch die gottgeschaffene Form. Das Kunstschaffen des Christen ist niemals Erlösungsersatz. Es hat vor allem den Beruf des prophetischen Zeugnisses an eine verlorene Welt, Verkünderin göttlichen Gerichtes und göttlicher Gnade zu sein.

Vom Künstler werden mit Recht schöne Werke verlangt. Wieviel ist gestritten worden über den Begriff „schön“ bei einem Kunstwerk! Ein Albrecht Dürer, der sein Leben lang nach dem Ausdruck der Schönheit im Kunstwerk auf den verschiedensten Wegen strebte, hat zum Schluß seines Lebens bekennen müssen: „Was die Schönheit sei, das weiß ich nit.“ Nur einer hat Bleibendes und Endgültiges ausgesagt über das schöne Werk. Er, der nicht gesagt hat: „Ich bin die Schönheit“, sondern „Ich bin die Wahrheit“.

In dem Bericht über die Salbung in Bethanien (Matth. 26,6ff) hat Luther übersetzt: „Da das Jesus merkte, sprach er zu den Jüngern: Was bekümmert ihr das Weib, sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ Im Urtext steht dort: „Sie hat ein schönes Werk an mir getan.“ Warum, das sagt Christus im Folgenden: „Daß sie dies Wasser hat auf meinen Leib gegossen, hat sie getan, daß sie mich zum Grabe bereite. Wahrlich ich sage euch: Wo dieses Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“

Ein Werk ist also schön, wenn es in prophetischer Kraft auftritt. Der Herr verleiht dieser Tat durch sein Wort Dauerwert. Die Frau tat das überwirkliche, das Hintergründige, das Wesenhafte. So blieb ihr Werk. So muß es um die schönen Kunstwerke bestellt sein, die uns vielleicht auf den ersten Anhieb ärgern durch Häßlichkeit.

Sollen nun die Werke, die im Dienste der Verkündigung des Evangeliums stehen, in natürlichen Formen und Farben erscheinen, „uns also in den sicheren Bezirken genießenden Betrachtens belassen?“ Nein, sowohl aus theologischen als auch aus gestalterischen Gründen nicht. Christus sagt zu Nikodemus (Joh. 3,5): „Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Wir müssen uns die Freiheit nehmen, diesem Wort auf das Kunstschaffen im Heiligtum Geltung zu geben. Es können also nur solche Kunstwerke den echten Verkündigungscharakter haben, wenn sie dies Kennzeichen tragen: „durch den wiedergeborenen Künstler wiedergeborene Naturform.“

Albrecht Dürer meinte wohl dasselbe, wenn er über das Kunstschaffen sagte: „Die Kunst ist in der Natur enthalten, wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s