„Gott der Herr arbeitet nur mit zerbrochenen Werkzeugen“ – Wilhelm Groß über die bildende Kunst als Verkündigung

Wilhelm Groß - Christus in Gethsemane kniend (Holzplastik Gethsemane-Kirche)
Wilhelm Groß – Christus in Gethsemane kniend (Holzplastik Gethsemane-Kirche Berlin, 1922)

Nachdem der Bildhauer Wilhelm Groß 1953 die theologische Ehrendoktorwürde der Universität Heidelbergs erhalten hatte, hielt er dort im Mai 1955 im Rahmen des Studium Generale einen Vortrag über die „Bildende Kunst als Verkündigung“:

Wie leicht fahren wir zu und möchten dem Menschen, der mit drückenden Sorgen oder mit Schuldbekenntnis fragend und friedesuchend zu uns kommt, das Christusbild, das wir tragen, aufprägen, anstatt zu warten, zu beobachten, welch eine Art von natürlichem Material, ob hartes, ob knorriges, verwachsenes Eichenholz oder weiches Lindenholz, Gott uns da in diesem Menschen schickt. Wir sollen ja dem großen Bildhauer Gott als geschickte Werkzeuge dienen. Beim Arbeiten an einem kreuztragenden Christus in hartem Eichenholz brach mir ein wertvolles Werkzeug zur Hälfte ab. Traurig tat ich den Stumpf beiseite und habe ihn jahrelang nicht beachtet, bis ich ihn eines Tages wieder zur Hand nahm, das beschädigte Stück Stahl entfernen und den Stumpf wieder neu anschleifen ließ. Und siehe da, dies kurze, unansehnliche Eisen ist eines meiner Lieblingswerkzeuge geworden. Gott der Herr arbeitet nur mit zerbrochenen Werkzeugen. – Die erste Frage, die Besucher des Bildhauerateliers tun und ihn am Block arbeiten sehen, ist die: »Wenn Sie nun aber einmal zuviel weghauen, was dann?« Stets antworte ich dann: »Ganz selten kommt das vor. Ist wirklich einmal an einer Stelle zu tief hineingeschlagen, so ist ringsherum immer soviel Masse stehen geblieben, dass nach Tieferlegen derselben die gefährdete Stelle wieder herauswächst, da ja auch hier alles relativ ist. Meistens ist es so, dass so ein Vorkommnis eine verstärkte Ausdruckskraft des Werkes hervorbringt. Der Komponist wird ähnliches erfahren. Dazu darf ich folgendes Erlebnis mitteilen, das ich beim Arbeiten an einem Relief aus Granit hatte, das einen Sämann darstellte. Es gelang mir nicht, den Kopf so weit zurückzubringen auf die Figur, dass er den Ausdruck des Säenden unterstützt, also weit genug nach hinten sich zurückbeugt. Ich arbeitete immer am Genick, um den besagten Ausdruck zu erreichen. Es gelang nicht. Plötzlich bricht vorn die Nase weg. Verzweifelt habe ich den Meißel weggelegt, um am nächsten Morgen, es handelte sich um eine sehr eilige Arbeit, das einzig Mögliche zu machen, um den Stein zu retten. Ich hatte die Stirn, die Mund- und Kinnpartien zurückzule­gen, damit die Nase wieder herauswüchse und siehe da, nun war das erreicht, was erreicht werden musste, der Kopf saß auf der Figur organisch. Wie oft klagen wir bei schweren Ver­lusten: »Jetzt hat Gott bei mir zu tief zugeschlagen«, wohl auch im Blick auf die deut­schen Trümmer. Gott, der große Bildhauer, schlägt nie zu tief in sein Menschenmaterial.

Nun zur bildenden Kunst als Verkündigung. Aber geschieht die Verkündigung des Evange­liums nicht durch das Wort allein? Es ist eine Anfechtung für den bildenden Künstler, das Schriftwort: »Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder das, das oben im Himmel, noch auf der Erde noch unter der Erde ist.« (2.Mose 20,4) Aber hier liegt doch der Nachdruck auf dem: »Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!« (2.Mose 20,5) Der Apostel Paulus will, dass das Evangelium verkündigt werde auf mancherlei Weise; den Gala­tern hat er den Herrn Christus so verkündigt, als ob er ihn ihnen vor die Augen gemalt hätte. »Das Wort ward Fleisch«, Johannes verkündigt von dem, was wir betastet und mit unseren Augen geschaut haben. Wohl will Gott – nach 1.Könige 8,12 – im Dunkel wohnen, aber er ist herausgetreten aus dem Dunkel. »Das Ende aller göttlichen Dinge ist Leiblichkeit«. Wieviel köstliche Stellen für den, der am Heiligtum schafft, sind in der heiligen Schrift zu finden! Wir lesen 2.Mose 31, wo Gott zu Mose sagt, dass er mit Namen berufen habe den Bezaleel, den Sohn Uris, des Sohnes Hurs vom Stamme Juda, und habe ihn erfüllt mit dem Geiste Gottes, mit Weisheit und Verstand und Erkenntnis und mit allerlei Geschicklichkeit, kunstreich zu arbeiten an Gold, Silber, Erz und kunstreich zu machen allerlei Werk, und ihm beigegeben Oholiab, den Sohn Ahisamachs vom Stamme Dan; und habe allerlei Weisen die Weisheit ins Herz gegeben«, dass sie nun im Heiligtum das Nötige arbeiten sollten. Wir zitieren noch eine Stelle aus 1.Könige 7, Vers 13: »Und der König Salomo sandte hin und ließ holen Hiram von Tyrus, einer Witwe Sohn aus dem Stamme Naphtali, und sein Vater war ein Mann von Tyrus gewesen; da war ein Meister im Erz, voll Weisheit, Verstand und Kunst, zu arbeiten allerlei Erzwerk. Da der zum König Salomo kam, machte er alle seine Werke.« Und nun wird im fol­genden bis ins einzelne gesagt, wie reich ausgestaltet der Tempel wurde. Mit dem heiligen Geist Gottes erfüllt, da lässt es sich trotz aller Anfechtungen getrost schaffen.

Ich habe mich oft gefragt, ist das Schaffen am und im Heiligtum nicht etwas Ähnliches wie das Reden mit anderen Zungen in der ersten Gemeinde, das auch wie das Pfingstwunder von allen Zungen und Sprachen, mögen es Russen, Japaner, Engländer oder Deutsche sein, ver­standen wird, wenn die großen Taten Gottes gestaltet sichtbar werden im Kunstwerk. Eine andere Anfechtung für den, der seine Kunst in den Dienst des Glaubens stellen möchte, ist die: Ist das Kunstwerk nicht sehr versuchlich sowohl für den Künstler als auch für die Ge­mein­de, insofern als es sie als die Betrachtende ableitet vom Hören des Wortes? Für den Künstler, als das geschaffene Kunstwerk mehr als alles andere vom Menschen gemachte ihn nicht eitel, hoffärtig und selbstgefällig macht, eben wie oben schon in dem Hausmannschen Artikel erwähnte durch die Versucherstimme »Ihr werdet sein wie Gott«? Die Gefahr ist ge­bannt, soweit dem Heiligen Geist Raum im Künstler gelassen wird, und für die Gemeinde fällt das Ablenkende weg, wenn sie von möglichst vielen so entstandener Werke umgeben ist.

Vom Künstler werden mit Recht »schöne« Werke verlangt. Wieviel ist gestritten worden über den Begriff »schön« bei einem Kunstwerk! Ein Albrecht Dürer, der sein Leben lang nach dem Ausdruck der Schönheit im Kunstwerk auf den verschiedensten Wegen strebte, hat zum Schluss seines Lebens bekennen müssen: »Was die Schönheit sei, das weiß ich nit.« Nur einer hat Bleibendes und Endgültiges ausgesagt über das schöne Werk. Er, der nicht gesagt hat, »Ich bin die Schönheit«, sondern »Ich bin die Wahrheit«. Matthäus 26, Vers 6 ff., wo von der Salbung in Bethanien die Rede ist, hat Luther übersetzt: »Da Jesus merkte, dass die Jün­ger murrten, sprach er zu ihnen: »Was bekümmert ihr das Weib? Sie hat ein gutes Werk an mir getan«. Im Urtext steht dort: »Sie hat ein schönes Werk an mir getan«. Darum sagt uns Jesus Christus im folgenden: »Sie hat mich zum Grabe bereitet. Wahrlich ich sage euch, wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Ge­dächtnis, was sie getan hat.« Ein schönes Werk ist also ein Werk, das in prophetischer Kraft auftritt. Der Herr verleiht dieser Tat durch sein Wort Dauerwert. Die Frau tat das Überwirkli­che, das Hintergründige, das Wesenhafte. So blieb ihr Werk. So muss es um die schönen Kunstwerke bestellt sein, die uns oft vielleicht auf den ersten Anhieb ärgern durch Häßlich­keit.

Zum letzten: »Sollen die Werke, die im Dienst der Verkündigung des Evangeliums stehen, in natürlichen Formen und Farben vortragen?« Uns also in dem sicheren Bezirk des genießenden Betrachtens belassen?« Nein, sowohl aus theologischen als auch aus darstellerischen Gründen nicht. Christus sagt Johannes 3 zu Nikodemus: »Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.« Wir müssen uns die Freiheit nehmen, die­sem so wichtigen Wort auch für das Kunstschaffen im Heiligtum Geltung zu geben. Es kön­nen also nur solche Kunstwerke den echten Verkündigungscharakter haben und wesentliches Gemeindeeigentum werden, wenn sie dies Kennzeichen tragen: Durch den wiedergeborenen Künstler, wiedergeborene Naturform. Ich darf hier erinnern an den »unnatürlich« langen Finger des Johannes auf dem bekannten Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars. Albrecht Dürer meinte wohl dasselbe, wenn er über das Kunstschaffen sagte: »Die Kunst ist in der Natur enthalten, wer sie heraus kann reißen, der hat sie.« Mit dem Gesagten soll natürlich nicht ausgedrückt sein, dass das hier nun gezeigte Werk dem oben gesagten entspricht.

Hier der vollständige Text als pdf.

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