„Das Ziel ist die Erneuerung der Familie Jesu auf Erden“ – Dietrich Meyer über Nikolaus Ludwig von Zinzendorf

‚Erstlingsbild‘ von Johann Valentin Haidt (1748)
‚Erstlingsbild‘ von Johann Valentin Haidt (1748 gemalt) zeigt die ersten verstorbenen Christen aus den Missionsgebieten der Herrnhuter Brüdergemeine

Trotz einiger lehrmäßigen Wirrungen – nicht nur in der Sichtungszeit – weiß das Lebenswerk Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs mit brüderlicher Christusinnigkeit und ökumenischer Weite auch 300 Jahre später zu beeindrucken. In seinem Porträt von 1983 schreibt Dietrich Meyer dazu:

Zinzendorf knüpft an Speners Gedanken der „ecclesiola in ecclesia“ an. In diesem Sinne ist sein Drang zur Bildung von christlichen „Gesellschaften“ oder „Sozietäten“ zu verstehen. Das Ziel ist die „Erneuerung der Familie Jesu auf Erden“. Im kleinen Kreis will er mit Christus in einer „personellen“, lebendigen Verbindung und Konnexion leben. Um die Bewährung der Jüngerschaft Jesu, wie sie in der Schrift abgebildet wird – seit 1751 nennt er sich der „Jünger“ – ringt er sein Leben lang. Doch zwingen ihn die Kolonisten in Herrnhut, die in den ersten Jahren auf separatistische, kirchenkritische Anschauungen verfallen, einen Schritt weiter zu gehen. Durch die von Rothe durchgeführte Einrichtung von „apostolischen“ Ämtern sollen die einzelnen Gruppen fester an die Schrift und die Herrschaft Christi, d. h. die eine Kirche gebunden werden. In den „Statuten“ von 1727 gelingt Zinzendorf mit den Kolonisten der bedeutsame Schritt zu einer durch Ordnungen und Ämter gegliederten Gemeine im Unter­schied zu den darauf verzichtenden Konventikeln.

Eine für die Gemeinidee weitere Wurzel ist Zinzendorfs philadelphische Neigung, wie sie sich bei dem Studenten und auf seiner Bil­dungsreise ausgebildet hat. Er drängt darauf, die Verbun­denheit der Kinder Gottes in aller Welt zeichenhaft in einzelnen „Dörfern“ zu verwirklichen. „Die unsichtbare Kirche kann der Welt sichtbar werden durch verbundene Glieder.“ Die Gemeine in Herrnhut stellt ein ökumenisches Modell dar, das nicht etwa mit der „allgemei­nen“ und unsichtbaren Kirche identisch ist, aber trotz aller Unvollkommenheit auf diese eine Kirche hinweist und an ihr teilhat. Zinzendorfs Lebensgang zeigt, daß die Gemeine um ihrer äußeren Existenz willen auf die mährische Kirche als ihr Gehäuse angewiesen ist. Die Brüderkirche ist aber mehr als die mährische Kirche und will nicht an die Stelle der Konfes­sionskirchen treten. So wie sich Zinzendorf immer zur lutherischen Kirche bekannt hat, nimmt er die verfaßten Kirchen als eine geschichtliche Gestalt an und sieht in ihnen jeweils ein Kleinod verborgen, das ihnen Christus zur Verwahrung anvertraut hat. Freilich leidet er unter der Zerspaltenheit der Christenheit und erblickt in dieser Tatsache einen Beweis für die „Kreuzgestalt“ der Kirche und ihren gegenwärtig unvollkommenen und vorläufigen Charak­ter. Aber diese Gestalt gehört zur Kondeszendenz und Menschwerdung Christi.

Beides, das relative Recht der Konfessionskirchen und seine Gemeinidee suchte er in der „Tropenlehre“ zu vereinen. Danach sind die Konfessionskirchen verschiedene Erziehungs­weisen Gottes (tropos paideias), wie er mit Christoph Matthäus Pfaff (1686-1760) sagte, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, daß die luthe­rische, reformierte und mährische Kirche ihre eigentliche Mitte in Christus haben und sie darum in ihrem Zentrum verbunden sind. Die Brüderkirche erkennt die unterschiedliche kon­fessionelle Ausprägung ihrer Glieder an, und Zinzendorf setzte „Tropenbischöfe“ für die lutherische und reformierte Konfession in Parallele zu dem mährischen Bischoftum ein, damit die einzelnen Glieder nicht den Kontakt zu ihren Kirchen verlieren und sich etwa in einer indifferenten Gefühlsfrömmigkeit verirren. In der Tropenlehre ist der ökumenische Charakter der Gemeine am deutlichsten formuliert.

Nun war die Gemeine für Zinzendorf weit mehr als eine Idee oder ein „Plan“. Gemeine existiert nur als Bruderschaft durch die Verbundenheit der Glieder. Neben der in der ersten Beschreibung von Herrnhut durch Christian David an erster Stelle genannten Einteilung der Ämter und Dienste ist auf die konkreten Gemeinschaftsformen, die Gliederung der Gemei­ne, zu achten. In den Statuten von 1727 empfiehlt Zinzendorf die Bildung von kleinen Seel­sorgegruppen, den „Banden“ (§ 17). Ihr Zweck ist die regelmäßige, offene Aussprache und das Gebet über persönliche Probleme mit dem Ziel, gemeinsam in der Nähe Jesu zu bleiben. Sie werden nicht angeordnet oder organisiert, sondern es bleibt offen, „wer sich am besten zum andern schickt“. Jede Bande wählte einen Bandenleiter, und diese trafen sich wöchent­lich mit Zinzendorf zur Besprechung. 1730 bestanden in Herrnhut dreißig Banden, 1734 einhundert Banden. Doch werden sie verdrängt durch die für die Brüdergemeine bis ins 20. Jahrhundert gültige Choreinteilung. Die „Chöre“ bezeichnen die Gliederung der Gemeine nach Geschlecht und Alter. Es gab also das Chor der kleinen Knaben, der großen Knaben, der ledigen Brüder usw. Dies Einteilungsprinzip zog Zinzendorf deshalb vor, weil es die Gemein­schaft weder auf Sympathie noch auf geistliche Erkenntnisstufen, wie bei den böhmischen Brüdern und im Pietismus vielfach üblich, sondern auf die natürlichen Entwicklungsstufen des Menschen gründet. Die Chorgliederung wurde besonders wirksam durch die Errichtung von Chorhäusern, womit die ledigen Brüder 1728 einen Anfang machten. Sie haben das Zusammenleben in geistlicher und wirtschaftlicher Hinsicht durch die Einrichtung von Chor­hausbetrieben geprägt. Zinzendorf nahm das Amt der Seelsorge in den sonntäglichen Chor­versammlungen wahr, indem er jedem Chor verschiedene Aufgaben zuwies und dessen besondere Beziehung zu Christus erläuterte. Nach Chören getrennt versammelte sich die Gemeine zum Gottesdienst, nach Chören getrennt sind die Gräber auf dem „Gottesacker“ angelegt.

Die geistliche Mitte der Gemeine, aus der sie ihre Kraft empfängt, sind die täglichen Ver­sammlungen. Durch die Anbetung Christi, durch Schriftlesung und Sakrament wird sie zu der Einheit des Leibes Christi geformt, wird sie eins mit ihrem Haupt, so daß die Vielzahl der Individuen durch den einen „Gemeingeist“ regiert wird. Zinzendorf unterscheidet sich durch sein Verständnis für Liturgie von der pietistischen Gleichgültigkeit gegenüber der Agende und hat einen Reichtum an neuen Formen entwickelt wie das Liebesmahl, die Fußwaschung, die Ostermorgenfeier und die ursprünglich tägliche Singstunde. Aus der lutherischen Litanei entwickelte er einen liturgischen Gebetsgottesdienst, wie er überhaupt die rein liturgische Versammlung zu einer Eigentümlichkeit der Brüdergemeine machte.

In diesen Zusammen­hang gehört auch Zinzendorfs Bedeutung für die Geschichte des Kir­chenliedes. Ein großer Teil seiner Lieder sind Gelegenheitsgedichte, die Verwandten, Freun­den und engen Mitarbei­tern zugedacht waren. Andere sind in den Singstunden entstanden und reflektieren das Thema einer solchen Versammlung. Zinzendorf bewertete die Lieder am höchsten, die „aus dem Herzen gesungen“, d. h. spontan in der Versammlung improvisiert wurden, weil er in ihnen ein Wirken des Heiligen Geistes wahrnahm. Dem Singen schrieb er in der Gemeine eine hervorragende Stellung zu, weil es in besonderer Weise mit Gott in Ver­bindung bringe. Darum hat er zeit seines Lebens die verschiedensten Gesangbücher heraus­gegeben und das Lied zur „Erweckung“ der Gemeine eingesetzt. Unter der Fülle seiner eige­nen Dichtungen sind vor allem die Jesuslieder („Christi Blut und Gerechtigkeit“ außer Stro­phe 1; „Jesu, geh voran“ urspr.: „Seelenbräutigam, O du Gotteslamm“) und die Gemeine- und Streiter(Missions)lieder („Herz und Herz vereint zusammen“) ein Beitrag zum evangeli­schen Kirchenlied.

Zinzendorfs Werk will praktische Einübung der Heiligen Schrift sein. Übertragungsversuche des Bibeltextes in die Sprache seiner Zeit unternimmt er bis ins Alter und richtet 1733 ein collegium biblicum unter Leitung von Magister Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782) ein, um die Bibel in der Ursprache zu lesen. Aus der in Halle gelegentlich geübten Form, Bibelworte mit den Mitschülern auszutauschen, entsteht das Losungsbuch. Am 3. Mai 1728 gibt er der Gemeine in der abendlichen Singstunde ein Bibelwort als „Losung für den künf­tigen Tag“ mit, und seitdem wurde für jeden Tag ein Schriftwort zunächst ausgewählt, dann ausgelost und am Morgen in jedes Haus in Herrnhut durch einen Boten herumgetragen. Ab 1731 erschien das Losungsbuch mit den täglichen Bibelworten und dazugehörigen Liedversen für das ganze Jahr im Druck, um in Verbindung mit den abwesenden Gliedern zu bleiben. Die Absicht war, daß die Gemeine und ihre Glieder zu „lebendigen Bibeln“ werden. Zin­zendorf hat neben den Losungsbüchern die Bibel zu einzelnen Themen ausgewertet und diese Textbüchlein als tägliche Lektüre der Gemeine vorgelegt. Gerade diese Arbeit an Losungs- und Textbüchern hat er bis zuletzt selbst übernommen und nicht an andere delegiert.

In den Homilien und Gemeinreden Zinzendorfs wird seine Christozentrik am anschaulichsten. Denn sie kreisen um das eine Thema der Gemeinschaft des Christen mit dem Gekreuzigten oder, wie er sagte, um den „täglichen Umgang mit dem Heiland“.

Nach der objektiven Seite hin besagt diese Kurzformel, daß der allmächtige, verborgene Gott nur in Christus zu erken­nen ist. Gott hat sich herabgelassen und in einem geringen Kind offenbart. Zinzendorf lehnt die Spekulation über Gottes Wesen und jede Form einer christli­chen Philosophie als schwär­merisch ab. Christus ist der „Amtsgott, durch den alles erfunden, gemacht, erhalten und wiedergebracht wird“. Schöpfung und Erlösung werden ganz eng miteinander verknüpft. In dem Satz, daß Christus der Schöpfer ist, konnte man das entschei­dende Charakteristikum der Brüdertheologie erblicken, das die radikale Abhängigkeit des Menschen von Christus zum Ausdruck bringen will.

Christus wird bei Zinzendorf immer als der „Schmerzensmann“, der „Heiland“, der für uns „Verwundete“ vorgestellt. In seinem Leiden und Tod gipfelt Gottes Kondeszendenz. Seine Wunden, sein Blut, das Lamm sind Symbolbegriffe dafür, daß der Christ allein aus Jesu „Ver­dienst“ und „Opfer“ lebt. Dabei sieht Zinzendorf die ganze Menschheit Christi als verdienst­lich an, d. h. durch sein Leben ist das Leben seiner Nachfolger von Kindesalter an geheiligt. Mit dieser Vorstellung richtet er sich gegen alles pietistische Heiligkeitsstreben und gegen jede Form von Selbstrechtfertigung. So glaubte er Luthers Rechtfertigungslehre für seine Zeit anschaulich und lebendig zu machen. Wer aus dem Verdienst Christi lebt, erkennt seine „Sün­derschaft“, sein „Elend“, erfährt die „Sünderscham“. Aus der Entdeckung des Evangeli­ums folgt also erst der Abscheu vor der Sünde. Die Formel vom „Umgang mit dem Heiland“ will das gänzliche Angewiesensein auf Christi Opfertod ausdrücken, das er als ein tägliches Sich-Bergen in der Gnade versteht. Damit hat er gegenüber der Nachfolgeethik seiner Jugendjahre eine legitime Form protestantischer „Christusmystik“ entdeckt, die in Christi Leiden weder das Vorbild des stillen Dulders noch das Prinzip der Selbstverleugnung sah.

Nach der subjektiven Seite der Christusgemeinschaft hin drängt Zinzendorf im Sinne des 18. Jahrhunderts und seiner neuen Wertung des Individuums und der geschichtlichen Entwick­lung auf persönliche, „personelle“ Konnexion mit dem Heiland. Christus führt jeden auf sei­ne, ihm besondere Weise, und Zinzendorf achtet genau auf die unterschiedlichen Führun­gen, auf das punctum temporis, auf den Wink Jesu, den rechten Augenblick des Tuns oder Ruhens. Von hier aus muß man den häufigen Gebrauch des Loses als ein Mittel verstehen, von Jesus einen Fingerzeig für das rechte Verhalten zu empfangen. Je enger und achtsamer die Freundschaft mit Christus ist, desto besser kann sein Werk in dieser Welt geför­dert werden. Im Umgang mit dem Heiland wurzeln die Dienstbereitschaft, Kindlichkeit, Demut, der Jün­gersinn und Zeugengeist der Boten.

Hier der vollständige Text als pdf.

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