Günter Brakelmann über den Widerstandskämpfer Henning von Tresckow: „Es sind Christen in Uniform, die den Vernichtungsantisemitismus für unvereinbar mit ihrem eigenen Gewissen und mit der Tradition eines europäischen Kultur­volkes halten.“

Henning von Tresckow (1901-1944)
Henning von Tresckow ca. 1938 mit seinen Söhnen Mark (li.) und Rüdiger

Wie kaum ein anderer Theologe ist Günter Brakelmann mit dem christlichen Widerstand im Nationalsozialismus vertraut. Über Henning von Tresckow, neben Claus Schenk Graf von Stauffenberg die zentrale Figur des militärischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus hat er 2004 einen Vortrag, der im Hinblick auf die Motivation den 20. Juli aufschlussreich ist:

Christliche Offiziere im Widerstand. Das Beispiel des Henning von Tresckow

Von Günter Brakelmann

[…] In der Heeresgruppe Mitte musste Tresckow als Ia erleben, was das bedeutete. Er bekam Kenntnis von dem Massaker von Borissow: Rund 7 000 Juden wurden von einem SS-Kom­mando im Sommer 1941 ermordet. Tresckow bekniet seinen Oberbefehlshaber von Bock: „Das darf nie wieder passieren. Darum müssen wir jetzt handeln. Schreiten wir unnachsichtig ein, wird es Schule machen.“ Doch dieser reagierte wieder hinhaltend. Seine und der anderen Feldmarschälle an der Ost­front stereotype Antwort: „Preußische Feldmarschälle meutern nicht“. Das befohlene und durchorganisierte Mordsystem an den Juden nahmen sie um so mehr hin, je höher sie rang­mäßig angesiedelt waren.

Aber nicht so die jungen Offiziere in der Ia­Staffel des Henning von Tresckow. Philipp Frei­herr von Boeselager berichtet: „… Oberst von Kleist … Wie Tresckow und alle engeren Ange­hörigen der Ia-Staffel war ein gläubiger Christ … Weitere Gesprächspartner waren Oberstleut­nant Schulze-Büttger, Major von Voß, Major von Oertzen, und Oberleutnant Fabian von Schlabrendorff. Diese Ia-Staffel, die Tresckow sich zusammengestellt hatte, war eine Ver­kör­perung des pietistischen Preußens … Diese Ia-Staffel unterschied sich von allen Füh­rungs­stäben, die ich im Kriege erlebt habe, durch ihre Kameradschaftlichkeit, ihre Ernsthaf­tigkeit, ihr Verantwortungsbewußtsein und ihre Offenheit. Hier lernte ich erstmals wirkliche Preußen kennen. Hochintelligent, bescheiden, tolerant und voller Humor stellten sie das Beste dar, was Preußen an Offizieren hervorbringen konnte … Auch als gläubige Christen kamen sie bald mit der nationalsozialistischen Weltanschauung in Konflikt.“

Diese Gruppe nahm nun die Vorbereitungen zu einem konsequenteren Widerstand selbst in die Hand. Schlabrendorff nahm September 1941 Kontakte mit militärischen und zivilen Widerstandskreisen in Berlin auf. Er trifft Beck, Hassel und Goerdeler, Olbricht, Oster und von Witzleben. Bei allen politischen Unterschieden haben sie alle eine gemeinsame Grund­lage: die Prägung durch christlichen Glauben, christliche Erziehung, praktische christliche Ethik und preußisches Soldatenverständnis. Tresckow hat sein Selbstverständnis im April 1943 in seiner Rede zur Konfirmation seiner Söhne Mark und Rüdiger formuliert, wenn er sagt: „Vergeßt … niemals, daß Ihr auf preußischem Boden und in preußisch-deutschen Gedan­ken aufgewachsen und heute an der heiligen Stätte des alten Preußentums, der Garnisonkir­che, eingesegnet seid. Es birgt eine große Verpflichtung in sich, die Verpflichtung zur Wahr­heit, zu innerlicher und äußerlicher Disziplin, zur Pflichterfüllung bis zum letzten. Aber man soll niemals vom Preußentum sprechen, ohne darauf hinzuweisen, daß es sich damit nicht erschöpft. Es wird so oft mißverstanden. Vom wahren Preußentum ist der wahre Begriff der Freiheit niemals zu trennen. Wahres Preußentum heißt Synthese zwischen Bindung und Frei­heit, zwischen selbstverständlicher Unterordnung und richtig verstandenem Herrentum, zwi­schen Stolz auf das Eigene und Verständnis für Anderes, zwischen Härte und Mitleid. Ohne diese Verbindung läuft es Gefahr, zu seelenlosem Kommiß und engherziger Rechthaberei herabzusinken. Nur in dieser Synthese liegt die deutsche und europäische Aufgabe des Preu­ßentums, liegt der ,preußische Traum‘! Man kann das gerade jetzt nicht ernst genug betonen und ebenso, daß von solch preußisch­deutschem Denken das christliche Denken gar nicht zu trennen ist. Es ist sein Fundament, und hierfür ist unsere alte Garnisonkirche das Symbol.“

Von ihrer Herkunft und von der eigenen Überzeugung her stehen Tresckow und seine Offi­ziere gegen die NS-Weltanschauung und der mit ihr legitimierten Politik in der Logik rassen­biologischer und sozialdarwinistischer Theorien. Was bei den genannten jungen Offizieren eindeutig nachzuweisen ist, ist, dass sich ihr Widerstandswillen durch das Wissen über die Judenmorde radikalisiert hat. Und das geschieht in der Phase der großen militärischen An­fangserfolge im Osten. Es sind Christen in Uniform, die den Vernichtungsantisemitismus für unvereinbar mit ihrem eigenen Gewissen und mit der Tradition eines europäischen Kultur­volkes halten. […]

Hinter diesem Bewusstsein, das wir bei vielen aus dem engeren Kreis des Widerstandes fin­den, steht die bittere Erkenntnis, dass nur wenige Höhere Militärs, wenige Männer des mittle­ren Offizierkorps und wenige Truppenteile zum Sturz des Systems bereit waren. Mehrheitlich war man in der Armee bis zum bitteren Ende hitlertreu. Nicht anders sah es bei der Masse des Volkes aus. Es gab zwar zivile Widerstandskreise, auch über den Goerdeler- und Kreisauer Kreis weit hinaus, aber alle konnten sie keine revolutionäre Massenbasis aufbauen. Die Frau­en und Männer des Widerstandes waren einsame, isolierte Minderheiten. Hinzu kamen die verschiedenen politischen Positionen untereinander, die ein konzentriertes gemeinsames Vor­gehen erschwerten. Eine Selbstbefreiung Deutschlands konnte es bei der Hitlergebundenheit der meisten Deutschen nicht geben. Hinzu kam, dass außenpolitisch keine Perspektive be­stand, mit den Kriegsgegnern auch nach gelungenem Staatsstreich in Verhandlungen zu kom­men. Diese Dilemmata und diese Tragik des Widerstandes dürfen nicht übersehen werden.

Tresckow hat in der Erinnerung von Schlabrendorff kurz vor seinem Selbstmord an der Ost­front am 21. Juli 1944 gesagt: „Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns be­schimpfen. Aber ich bin nach wie vor von der felsenfesten Überzeugung, daß wir recht gehandelt haben. Ich halte Hitler nicht nur für den Erzfeind Deutschlands, sondern auch für den Erzfeind der Welt. Wenn ich in wenigen Stunden vor den Richterstuhl Gottes treten wer­de, um Rechenschaft abzulegen über mein Tun und Unterlassen, so glaube ich mit gutem Gewissen das vertreten zu können, was ich im Kampf gegen Hitler getan habe. Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, daß Gott auch Deutschland um unsertwillen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“

Ähnliche Aussagen finden wir bei anderen Verschwörern. Peter Yorck von Wartenburg schreibt aus dem Gefängnis: „Ich höre, das Heer hat uns ausgestoßen; das Kleid kann man uns nehmen, aber nicht den Geist, in dem wir handelten … Mein Tod, er wird hoffentlich ange­nommen … als Sühnopfer für das, was wir alle gemeinschaftlich tragen … Auch für meinen Teil sterbe ich fürs Vaterland …“

Und im Abschiedsbrief an seine Mutter heißt es: „Dich darf ich versichern, daß kein ehrgei­ziger Gedanke, keine Lust nach Macht mein Handeln bestimmt hat. Es waren lediglich meine vaterländischen Gefühle, die Sorge um mein Deutschland, wie es in den letzten zweitausend Jahren gewachsen ist, das Bemühen um seine innere und äußere Entwicklung, die mein Han­deln bestimmten. Deshalb stehe ich auch aufrecht vor meinen Vorfahren, dem Vater und den Brüdern. Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo man eine andere Würdigung für unsere Haltung findet, wo man nicht als Lump, sondern als Mahnender und Patriot gewertet wird. Daß die wunderbare Berufung ein Anlaß sein möge, Gott die Ehre zu geben, ist mein heißes Gebet.“

Ähnlich Schulenburg in seinem Abschiedsbrief an seine Frau: „Was wir getan, war unzuläng­lich, aber am Ende wird die Geschichte richten und uns freisprechen. Du weißt, daß mich auch die Liebe zum Vaterland trieb.“

Und Friedrich Olbricht schreibt am 20. Juli: „Ich weiß nicht, wie eine spätere Nachwelt mal einst über unsere Tat und über mich urteilen wird, ich weiß aber mit Sicherheit, daß alle frei von irgendwelchen persönlichen Motiven gehandelt haben und wir in einer schon verzwei­felten Situation das Letzte gewagt haben, um Deutschland vor dem völligen Untergang zu bewahren. Ich bin überzeugt, daß unsere Nachwelt das einst erkennen und begreifen wird.“

Tresckows zentrale Rolle im militärischen Widerstand wurde nach dem 20. Juli sehr schnell von der Gestapo entdeckt. Der zunächst mit militärischen Ehren auf dem Bornstedter Friedhof beerdigte Tresckow wird aus der Gruft ausgegraben, zur Identifizierung durch Schlabrendorff nach Sachsenhausen gebracht und dort verbrannt. Heute erinnert eine Gedenktafel in Born­stedt an ihn und seine Frau Erika.

Alma de L’Aigle hat 1947 in ihrem Vorwort zu einem Gedenkbuch für Theo Haubach ge­schrieben: „Und endlich soll die Jugend wissen, daß die hochpolitische Bewegung des 20. Juli im Grunde tiefreligiösen Ursprungs ist.“

Und ausgerechnet der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, und seine Gestapoleute haben erkannt, dass die letzten Motive der meisten Verschwörer in ihrem christ­lichen Glauben und in ihrer Bindung an die christliche Ethik gelegen haben.

Die Verfolger haben erkannt, dass die eigentlich gefährlichen Gegner des Nationalsozialismus diese Christen gewesen sind. Diese hatten sich geweigert, einem eindeutigen „Vollstrecker des Bösen“ (Hans-Bernd von Haeften) die Welt zu überlassen. Sie hatten erkannt, dass die letzte Intention des Nationalsozialismus die Ausrottung der jüdisch-christlichen Tradition und ihres Wertekanons gewesen ist. Die Offiziere, die aus christlicher Verantwortung gehandelt haben, sind mit ihrem gescheiterten Versuch, das Vaterland von dem Irrsinn eines politmes­sianischen Entwurfs zu befreien, nicht nur ein Teil unserer nationalen politischen Geschichte, sondern zugleich ein Teil der Christentumsgeschichte und der Kirchengeschichte. Für alle gilt, was als Inschrift für Klaus und Berthold Stauffenberg in der Gedächtniskapelle in Lautlingen steht: „Sie widerstanden den Feinden ihres Volkes und gaben ihr Leben, daß Gottes Gesetz nicht vertilgt würde.“

Hier der vollständige Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s