Günter Brakelmann über den Widerstandskämpfer Henning von Tresckow (1901-1944): „Von ihrer Herkunft und von der eigenen Überzeugung her stehen Tresckow und seine Offi­ziere gegen die NS-Weltanschauung und der mit ihr legitimierten Politik in der Logik rassen­biologischer und sozialdarwinistischer Theorien. Was bei den genannten jungen Offizieren eindeutig nachzuweisen ist, ist, dass sich ihr Widerstandswillen durch das Wissen über die Judenmorde radikalisiert hat. Und das geschieht in der Phase der großen militärischen An­fangserfolge im Osten. Es sind Christen in Uniform, die den Vernichtungsantisemitismus für unvereinbar mit ihrem eigenen Gewissen und mit der Tradition eines europäischen Kultur­volkes halten.“

Wie kaum ein anderer Theologe ist Günter Brakelmann mit dem christlichen Widerstand im Nationalsozialismus vertraut. Über Henning von Tresckow, neben Claus Schenk Graf von Stauffenberg die zentrale Figur des militärischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus hat er 2004 folgenden Vortrag gehalten, der im Hinblick auf die Motivation den 20. Juli aufschlussreich ist:

Christliche Offiziere im Widerstand. Das Beispiel des Henning von Tresckow

Von Günter Brakelmann

Für General Ludwig Beck war der Tag der Machtübergabe an Hitler durch den Reichspräsi­denten und Repräsentanten der preußisch-deutschen Staats- und Militärtradition Hindenburg – gefeiert als Sieg der „nationalen Parteien und Verbände“ – „der erste große Lichtblick seit 1918“. /1/ Ähnlich wie Beck, der spätere politische Kopf des militärischen Widerstandes, dachte und fühlte auch der junge, später entschiedenste Hitlergegner Henning von Tresckow. /2/ Beide hofften auf eine neue starke Stellung der Armee in Staat und Politik im neuen Staat der „nationalen Revolution „. Sie begrüßten Hitlers große Idee von der Volksgemeinschaft als Alternative zum politisch und weltanschaulich pluralistischen „System“ der Weimarer Repub­lik, die sie immer als Einbruch des westlichen Geistes in die eigenständige deutsche Tradition verstanden haben. Beide erwarteten eine starke autoritäre Staatlichkeit und eine selbstbe­wuss­te national-revisionistische Außenpolitik.

Die vielen partiellen politischen und gesellschaftlichen Übereinstimmungen mit dem Pro­gramm Hitlers ließen ihnen aber seine Rassenlehre, seinen Antisemitismus und seine impe­rialen Lebensraumkonzepte vorerst nicht so wichtig erscheinen.

Ein anderer Offizier, der später ein wichtiger Verbindungsmann zwischen dem militärischen und zivilen Widerstand werden sollte – Fritz Dietlof von der Schulenburg – war ein begeis­terter Verehrer von Hitler und Gregor Strasser. Er schreibt Ende 1932: Hitler „ist Prophet, Erzieher, Glaubenspol von Millionen.“ Und an anderer Stelle: „An die Idee glaube ich felsen­fest. Aus diesem Grunde bin ich zur Partei gegangen. Ich bleibe bei ihr, es sei denn, daß man das Volk und seinen Glauben verrät.“ /3/

Am 3. Februar 1933 hielt Hitler in der Wohnung des Chefs der deutschen Heeresleitung, General Kurt von Hammerstein-Equord, vor den Befehlshabern des Heeres und der Marine eine Grundsatzrede. Er sprach von der Wiedergewinnung der staatlichen Macht im Innern durch eine „autoritäre Staatsführung“, von der „Ausrottung des Marxismus“, von der „Stär­kung des Wehrwillens“, von der Revision des Versailler Diktates und von der Notwendigkeit einer Aufrüstung. /4/

Die Militärs ihrerseits hatten keine Probleme mit der Zerschlagung der ungeliebten Republik, was eine Verfolgung der Linksparteien, die Aufhebung der Gewerkschaften und der bürger­lichen Parteien, die Entwicklung eines neuen Rechts, die Einrichtung von Konzentrationsla­gern, die ersten Maßnahmen gegen die Juden, die Entwicklung einer neuen Kunst- und Kul­turpolitik und vieles andere mehr einschloss. Kurzum: Um ihrer zugesagten zukünftigen Bedeutung willen hat die Armee mit ihren traditionellen Führungseliten aus dem Kaiserreich den Weg in einen weltanschaulich geprägten Führerstaat hingenommen.

Den „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 konnten sie mitfeiern, als Hitler von der „Ver­mählung … zwischen den Zeiten der alten Größe und der jungen Kraft“ sprach. Auch der junge Tresckow paradierte, froh über diesen Tag, vor Hitler und Hindenburg. Die Glocken von Potsdam läuteten für ihn eine neue Epoche in der vaterländischen Geschichte ein. /5/

Wie er dann in wenigen Jahren zum konsequenten Gegner der Politik Hitlers und seines NS­ Systems und zum Kopf der zum Attentat bereiten Frontoffiziere werden sollte, sei kurz nach­gezeichnet: Den ersten Bruch in seiner emphatischen Zustimmung zu Hitlers nationalrevo­lutionärer Politik sollten die Ereignisse um den 30. Juni 1934 bringen. /6/ Hitler ließ den Stabschef der SA, Ernst Röhm, zusammen mit Hunderten von Unterführern ermorden, er­schießen oder ins Gefängnis werfen. Die offizielle Lesart hieß: Röhm habe einen Putsch gegen den Führer vorbereitet. Gleichzeitig ließen Hitler, Himmler und Göring den früheren Reichswehrminister und Reichskanzler, General Kurt von Schleicher, den General von Bre­dow, den SA-Führer, Gregor Strasser, den Publizisten, Edgar Jung, den bayerischen Politiker, Gustav Ritter von Kahr, den Repräsentanten der katholischen Laienbewegung, Erich Klause­ner, und etliche andere innenpolitische Gegner bei dieser Gelegenheit ermorden.

Verständlicherweise erschütterte Tresckow am meisten der Mord an den bekannten Generalen der Reichswehr. Aber noch mehr erschütterte ihn das Schweigen der Reichswehrführung zur Liquidierung ihrer alten Offizierskameraden. Die Spitze des Unverständnisses wird für ihn der Erlass des Reichswehrministers Generaloberst von Blomberg vom 1. Juli 1933: „Der Führer hat mit soldatischer Entschlossenheit und vorbildlichem Mut die Verräter und Meuterer selbst angegriffen und niedergeschmettert. Die Wehrmacht als der Waffenträger des gesamten Vol­kes, fern vom innerpolitischen Kampf, wird danken durch Hingabe und Treue!“ /7/

Im Reichsgesetzblatt hieß es: „Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer An­griffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rech­tens.“

Und der Staatsrechtler Carl Schmitt kommentierte am 30. Juni 1934: „Der Führer schützt das Recht vor dem schlimmsten Mißbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Füh­rertums als Oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft. … In Wahrheit war die Tat des Führers echte Gerichtsbarkeit. Sie untersteht nicht der Justiz, sondern war selbst höchste Justiz.“ /8/

Für Tresckow war das Ganze nichts anderes als eine pseudolegalisierte Aufhebung des klas­sischen Rechtsstaates. Sein ererbtes Rechtsbewusstsein begann zu rebellieren. Und sein tradi­tionelles Verständnis vom Staat als dem Wahrer und Hüter des geschriebenen und des mora­lischen Rechtes wurde zutiefst verletzt.

Nicht nur für Tresckow, sondern auch für andere junge Offiziere in unteren Rängen waren diese Ereignisse nicht nur eine zeitweilige Irritation, sondern der Beginn einer kritischen Um­orientierung in ihrem Verhältnis zum neuen Staat mit seiner Liaison von alten und neuen Füh­rungseliten. Bei Tresckow wächst die politische und moralische Distanz zur Reichswehr­füh­rung, welche die Morde um der Anerkennung der Reichswehr als einzigen Waffenträger der Nation willen geschehen ließ.

Und als am 2. August 1934 der von General von Reichenau auf eigene Initiative der Reichs­wehr hin entworfene neue Eid gesprochen wird, vertieft sich diese innere Distanz zur gene­rellen Kritik und bald zur oppositionellen Entscheidung. Tresckow erkennt, dass der neue Eid nicht mehr in der preußischen Tradition steht. „Unbedingter Gehorsam“ hebt die eigene Gewissensbindung auf. Aber ein Eid kann nicht das eigene Gewissen brechen. Der neue Eid bedeutete willenlose Auslieferung an einen Führer und Reichskanzler, der keine objektiven Normen und Werte auch für sich selbst verpflichtend anerkannte, sondern sich selbst zur obersten Instanz von Moral und Recht machte. Tresckows Bruder Gerd sprach von „Gewis­sensknechtung“ und „Menschenvergottung“ und über den „antichristlichen Grundton der Bewegung“. /9/ Am 3. Februar 1938 entlässt Hitler von Blomberg und von Fritsch. Dem einen wird eine nicht standesgemäße Ehe, dem anderen Homosexualität vorgeworfen. Hitler benutzt diese Entlassungen zur völligen Neuorganisation der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Führungsverhältnisse. Er macht sich selbst zum Oberbefehlshaber der gesamten Wehrmacht, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht wird General Keitel, Oberbefehlshaber des  Heeres General von Brauchitsch, Göring wird Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsaußenminister wird Joachim von Ribbentrop und Walter Funk wird Reichs­wirtschaftsminister.

Für Tresckow waren diese Ereignisse der endgültige Beweis, dass Hitler seine Diktatur und die seiner Trabanten immer enger zog. Sein Vertrauen auf die Moralität und Solidarität der hohen Generalität war nun endgültig dahin. Diese Welt der politischen und moralischen Abgründe wurde immer weniger seine Welt.

Auch die Verschärfung des Kirchenkampfes mit dem Versuch, eine nationalsozialistische Weltanschauung anstelle der christlich-kirchlichen Traditionen mit ihren personalen und sozialen Werten mit Mitteln des Zwangs für alle Volksgenossen verbindlich zu machen, ging dem überzeugten evangelischen Christen gegen die reformatorische Grundüberzeugung, dass der Staat nicht das Recht hat, über den Glauben und die Gewissen seiner Bürger zu bestim­men. Auch die Nürnberger Gesetze waren für ihn Ausdruck eines Ungeistes, der Menschen anderer Rasse und anderer Religion die Menschenwürde und die Rechtsgleichheit absprach. Die immer radikaler werdende Ausgrenzung und Entrechtung der Juden waren ihm eine Schande für ein traditionelles Kulturvolk.

Tresckow begann darunter zu leiden, dass er Hitler, der Zug um Zug eine absolute Diktatur über alle Lebensbereiche errichtete und sich dabei als größter Staatsmann mit pseudore­li­giösen Attitüden verehren ließ, jenen Treueid mit „unbedingtem Gehorsam“ geleistet hatte. Sowohl als Christ in protestantischer Tradition wie auch als Soldat in preußischer Tradition war er an die Grenzen seines Gehorsams gekommen. Gewissensmäßig konnte er nicht mehr in einer Armee einem Staat dienen, der sich nicht mehr an alte Traditionen des Rechts gebunden fühlte, sondern sich zu einem Herrschaftssystem ausbaute, das dem Einzelnen seine Persona­lität raubte und ihn zum gehorsamen Instrument eines fremden Willens machte. – Tresckow gedachte, aus dieser Wehrmacht auszutreten, die sich immer mehr zum willfährigen Instru­ment innen- und außenpolitischer Ziele aus dem Geist und der Logik des Nationalsozialismus machen ließ. Zusammen mit seinem Regimentskameraden Wolf Graf Baudissin suchte er Rat beim General Erwin von Witzleben, der als Offizier der alten Schule und als traditionsbe­wusster Spross einer alten protestantischen Adelsfamilie für seine Gegnerschaft zum NS­ System bekannt war. Dieser riet zum Bleiben, wobei er Andeutungen über bevorstehende Aktionen der Armee gegen die Gestapo und SS machte. Gemeint war die Vorbereitung eines Staatsstreiches durch führende Militärs (Halder, Witzleben), durch Mitarbeiter der Abwehr (Canaris, Oster) und des Auswärtigen Amtes. Hitler sollte verhaftet und vor ein Gericht ge­stellt werden. /10/ Tresckow und Baudissin blieben.

Besonders aktiv wurde in der so genannten Sudetenkrise von April bis September 1938 der von Tresckow sehr verehrte Generalstabschef des Heeres Ludwig Beck, der in mehreren Denkschriften gegen die Kriegsabsicht Hitlers mit militärpolitischen, aber auch mit außen­politischen Argumenten ankämpfte. Becks Opposition entspringt also seiner Analyse der deutschen Militärkraft im Kontext der europäischen Machtverhältnisse. Beck ist ein gebildeter und politisch eigenständig denkender Soldat. Die Außenpolitik Hitlers hat für ihn eine Ten­denz zum Krieg, der nur in einer „allgemeinen Katastrophe für Deutschland“ enden kann. Sein Fachwissen und seine patriotische Mitverantwortung lassen ihn einen kollektiven Rück­tritt der Generalität erwägen. Er führt aus: „Es stehen hier letzte Entscheidungen für den Be­stand der Nation auf dem Spiel; die Geschichte wird diese Führer (gemeint sind hier die mili­tärischen Spitzen, d. V.) mit einer Blutschuld belasten, wenn sie nicht nach ihrem fach­lichen und staatspolitischen Wissen und Gewissen handeln. Ihr soldatischer Gehorsam hat dort eine Grenze, wo ihr Wissen, ihr Gewissen und ihre Verantwortung die Ausführung eines Befehls verbieten. … Es ist ein Mangel an Größe und an Erkenntnis der Aufgabe, wenn ein Soldat in höchster Stellung in solchen Zeiten seine Pflichten und Aufgaben nur in dem begrenzten Rah­men seiner militärischen Aufträge sieht, ohne sich der höchsten Verantwor­tung vor dem gesamten Volk bewußt zu werden. Außergewöhnliche Zeiten verlangen außergewöhnliche Handlungen!“ /11/

Diese Worte sind für die damalige Zeit nur außergewöhnlich zu nennen. Das Prinzip des Ge­horsams kann nicht grenzenlos sein. Der Berufssoldat verwaltet nicht nur sein Fachwissen, sondern steht in einer politischen Mitverantwortung für Volk und Staat.

Es wird von Beck die Kategorie formuliert, die im Zentrum einer protestantischen Berufsethik steht: Das eigene Gewissen, das von den Inhalten der unbedingt geltenden Gebote Gottes und im ständigen Hören auf das Evangelium gebildet und bestimmt wird. Es gibt für Beck keine Eigengesetzlichkeiten des Politischen und Militärischen außerhalb individueller und gemein­samer Verantwortung. Bei seinen Entscheidungen denkt er die möglichen Folgen mit. Beck aber musste erleben, dass Hitler für seine Argumente unzugänglich war. Aber er sah in ihm immer noch den Reichskanzler, der von seinen Gestapo- und SS­Trabanten zu befreien sei. Deshalb heißt seine Handlungsliste:

„Für den Führer! Gegen den Krieg!

Gegen die Bonzokratie! Friede mit der Kirche! Freie Meinungsäußerung!

Schluß mit den Tschekamethoden! Wieder Recht im Reich!

Senkung aller Beiträge um die Hälfte! Kein Bau von Palästen!

Wohnungsbau für Volksgenossen!

Preußische Einfachheit und Sauberkeit!“ /12/

Es ist also bei Beck noch kein prinzipieller Widerstand zur Überwindung des Gesamtsystems, sondern der Versuch einer Reform.

Beck ist nicht nur gegen den geplanten Krieg, sondern gleichzeitig für die Meinungsfreiheit und für die Wiedergewinnung eines Rechts- und Sozialstaates. Und die alten preußischen Tugenden haben für ihn eine fundamentale Bedeutung. Er orientiert sich an der guten obrig­keitlichen Tradition Preußens mit den Prinzipien sauberer Verwaltung und Wohlfahrtspolitik. Die persönliche Schonung Hitlers dürfte Ausfluss seines Respektes vor dem Oberhaupt eines Staates sein. Später musste er einsehen, dass das NS-System in Theorie und Praxis von Hitler selbst gewollt und mit ihm identisch war. Es war von seinem Ansatz her nicht reformierbar. Es entwickelte sich unter dem Gesetz dezionistischer Führerentscheidungen zu einem Will­kürsystem mit zunehmender Radikalität. Nationalsozialismus wurde für Beck immer mehr zum Hitlerismus. Aus der Opposition im System wurde in einer prozesshaften Entwicklung Widerstand gegen Hitler und sein System selbst.

Doch diesen Widerstand betreibt er nicht mehr in einem militärischen Spitzenamt, sondern nach seinem Rücktritt August 1938 als versierter Beobachter, Analytiker und Gesprächs­part­ner anderer oppositioneller Geister. Er erlebt, wie der vorgesehene Staatsstreich nicht zum Zuge kommt, wie die Münchener Konferenz vom 29. und 30. September 1938 den Frieden zu retten scheint, wie der Einmarsch in die Tschechoslowakei am 15. März 1939 ohne politisch-militärische Reaktion des Westens bleibt und wie den Oberbefehlshabern von Hitler der Be­fehl zur Vorbereitung eines Blitzkrieges gegen Polen gegeben wird.

Vor allem aber erlebt er die Pogrome am 9./10. November 1938 und die folgende antijüdische Gesetzgebung. Die militärische Opposition als handlungswillige und handlungsfähige Gruppe war unter dem Eindruck der außenpolitischen Erfolge Hitlers zusammengebrochen. Zurück blieben Einzelne, die sich nicht von oberflächlichen und zwischenzeitlichen Erfolgen täuschen ließen. Tresckow hatte wieder auf ein Eingreifen der Wehrmachtsführung gegen das Unrecht der öffentlichen Judenverfolgung gehofft. Aber von keiner Seite regte sich öffentliches wider­ständiges Denken und Handeln. Die obersten Kirchenorgane schwiegen wie die Spitzenbeam­ten in den Ministerien und die Juristen an den Universitäten. Für Tresckow war dieses Deutschland immer weniger sein Deutschland.

Bewusstseinsmäßig wurde ihm seine Ohnmacht als kleiner Offizier immer schmerzhafter klar. Geistig-seelisch, religiös-moralisch und politisch-intellektuell erwuchs aber genau aus dieser Ohnmacht die ganz persönliche Entscheidung zum radikalen Widerstand gegen das System selbst und gegen den Führer. Da er im Moment keine machtpolitischen Möglichkeiten sah, dieses System, das in der Armee und in der Bevölkerung immer größere Zustimmung fand, zu zerschlagen, musste er sich auf eine längere Doppelexistenz einlassen, die er bis zu seinem Ende durchleben und durchleiden musste: Als Offizier der deutschen Wehrmacht übte er seine Berufsaufgaben in patriotischer Solidarität aus und als politisch-moralischer Mensch aus christlicher Gewissensverantwortung kannte er nur noch ein Ziel – die Vernichtung des nationalsozialistischen Systems, seines Führers und seiner Politik. Dass diese Existenz mit ihren Widersprüchen in Schuld führen musste, nahm er bewusst auf sich. Als Soldat erkämpf­te er Hitler die Räume, in denen dieser sein Programm der Vernichtung fremdrassiger Men­schen und der Helotisierung anderer Nationen durchführen konnte. Eine Niederlage der Ar­mee konnte er nicht wünschen und wollen, aber einen Sieg Hitlers auch nicht. Aus diesem existentiellen Zwiespalt gab es schließlich für ihn nur einen Ausweg, um den Krieg als Erobe­rungs- und Vernichtungsfeldzug zu beenden: Die Tötung des Urhebers als Voraussetzung, das gesamte NS-System zu zerschlagen, um neue Freiheit zu gewinnen und ein neues Gemeinwe­sen auf anderen sittlichen und rechtlichen Fundamenten zu errichten. Der Tyrannenmord war ihm angesichts der Tatsache, dass Millionen von Menschen kalkuliert ermordet und deutsche Soldaten aufgrund militärstrategisch unsinniger Befehle verantwortungslos in den Massen­tod getrieben wurden, eine Gewissensentscheidung. Den Diktator zu ermorden, der selbstmächtig über Leben und Tod entschied und der alle und alles zu Instrumenten seiner Utopien machte, diese Entscheidung konnte aus der Verantwortung für ein menschliches Weiterleben des deut­schen Volkes und der europäischen Völker heraus geboten sein und verantwortet werden. Beim Tyrannenmord ging es um verantwortete Schuld.

Diese Bereitschaft zum Attentat entsprang nicht einem punktuellen Widerspruch, sondern entwickelte sich aus kontinuierlicher Fronterfahrung. Tresckow erlebte, was hinter der Front in Polen geschah. Er musste aus nächster Nähe mitansehen, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Wehrmacht den Mord an polnischen Führungsgruppen und den Mord an Juden durch Polizei- und SS-Sondereinheiten nicht verhinderte, sondern sich die völkerrechtliche Verantwortung für die Besatzungspolitik abnehmen ließ. Er erlebte die schuldhafte Verstri­ckung der Wehrmacht in die Unterdrückungs- und Ausrottungspolitik und damit den endgül­tigen Abschied der Wehrmacht als eigenständigen und eigenverantwortlichen Faktor.

Das wurde ihm wieder überdeutlich, als Hitler entgegen dem Rat der militärischen Experten und entgegen den Warnungen vor einer Neutralitätsverletzung der Beneluxstaaten den Frank­reichfeldzug befahl und in wenigen Wochen der alte Erzfeind besiegt wurde. Die Verehrung Hitlers nahm in Deutschland pseudoreligiöse Züge an.

In der Siegeseuphorie hatte der nun „größte Feldherr aller Zeiten“ keine Hemmungen, trotz des deutsch-sowjetischen Freundschafts- und Nichtangriffspaktes den Krieg gegen Russland durch die Generalstäbe der Wehrmacht vorbereiten zu lassen. Auch hier gab es einzelne War­ner, aber eine organisierte Opposition gab es nicht mehr. Zwischen Hitler und seinen Oberbe­fehlshabern gab es eine große Übereinstimmung, den Krieg gegen die Sowjetunion aus mili­tärstrategischen und aus politisch-ideologischen Gründen zu führen. Das um die Nahrungs­mittel und Rohstoffe Osteuropas vergrößerte Deutschland sollte in die materielle Lage gesetzt werden, Weltmachtpolitik gegen England betreiben zu können. Und ideologisch sollte der Krieg als Kampf zweier Weltanschauungen interpretiert werden. Es ging gegen den Bolsche­wismus als jüdische Weltfiliale. Dieser Krieg sollte deshalb schonungslos und ohne völker­rechtliche Rücksichten geführt werden. Die entsprechenden Befehle aus der Zeit vor dem Überfall zeigen, dass der Krieg als Weltanschauungs-, Vernichtungs- und Eroberungskrieg geführt werden sollte.

In der Heeresgruppe Mitte musste Tresckow als Ia erleben, was das bedeutete. Er bekam Kenntnis von dem Massaker von Borissow: Rund 7 000 Juden wurden von einem SS-Kom­mando im Sommer 1941 ermordet. Tresckow bekniet seinen Oberbefehlshaber von Bock: „Das darf nie wieder passieren. Darum müssen wir jetzt handeln. Schreiten wir unnachsichtig ein, wird es Schule machen.“ /13/ Doch dieser reagierte wieder hinhaltend. Seine und der anderen Feldmarschälle an der Ost­front stereotype Antwort: „Preußische Feldmarschälle meutern nicht“. Das befohlene und durchorganisierte Mordsystem an den Juden nahmen sie um so mehr hin, je höher sie rang­mäßig angesiedelt waren.

Aber nicht so die jungen Offiziere in der Ia­Staffel des Henning von Tresckow. Philipp Frei­herr von Boeselager berichtet: „… Oberst von Kleist … Wie Tresckow und alle engeren Ange­hörigen der Ia-Staffel war ein gläubiger Christ … Weitere Gesprächspartner waren Oberstleut­nant Schulze-Büttger, Major von Voß, Major von Oertzen, und Oberleutnant Fabian von Schlabrendorff. Diese Ia-Staffel, die Tresckow sich zusammengestellt hatte, war eine Ver­kör­perung des pietistischen Preußens … Diese Ia-Staffel unterschied sich von allen Füh­rungs­stäben, die ich im Kriege erlebt habe, durch ihre Kameradschaftlichkeit, ihre Ernsthaf­tigkeit, ihr Verantwortungsbewußtsein und ihre Offenheit. Hier lernte ich erstmals wirkliche Preußen kennen. Hochintelligent, bescheiden, tolerant und voller Humor stellten sie das Beste dar, was Preußen an Offizieren hervorbringen konnte … Auch als gläubige Christen kamen sie bald mit der nationalsozialistischen Weltanschauung in Konflikt.“ /14/

Diese Gruppe nahm nun die Vorbereitungen zu einem konsequenteren Widerstand selbst in die Hand. Schlabrendorff nahm September 1941 Kontakte mit militärischen und zivilen Widerstandskreisen in Berlin auf. Er trifft Beck, Hassel und Goerdeler, Olbricht, Oster und von Witzleben. Bei allen politischen Unterschieden haben sie alle eine gemeinsame Grund­lage: die Prägung durch christlichen Glauben, christliche Erziehung, praktische christliche Ethik und preußisches Soldatenverständnis. Tresckow hat sein Selbstverständnis im April 1943 in seiner Rede zur Konfirmation seiner Söhne Mark und Rüdiger formuliert, wenn er sagt: „Vergeßt … niemals, daß Ihr auf preußischem Boden und in preußisch-deutschen Gedan­ken aufgewachsen und heute an der heiligen Stätte des alten Preußentums, der Garnisonkir­che, eingesegnet seid. Es birgt eine große Verpflichtung in sich, die Verpflichtung zur Wahr­heit, zu innerlicher und äußerlicher Disziplin, zur Pflichterfüllung bis zum letzten. Aber man soll niemals vom Preußentum sprechen, ohne darauf hinzuweisen, daß es sich damit nicht erschöpft. Es wird so oft mißverstanden. Vom wahren Preußentum ist der wahre Begriff der Freiheit niemals zu trennen. Wahres Preußentum heißt Synthese zwischen Bindung und Frei­heit, zwischen selbstverständlicher Unterordnung und richtig verstandenem Herrentum, zwi­schen Stolz auf das Eigene und Verständnis für Anderes, zwischen Härte und Mitleid. Ohne diese Verbindung läuft es Gefahr, zu seelenlosem Kommiß und engherziger Rechthaberei herabzusinken. Nur in dieser Synthese liegt die deutsche und europäische Aufgabe des Preu­ßentums, liegt der ,preußische Traum‘! Man kann das gerade jetzt nicht ernst genug betonen und ebenso, daß von solch preußisch­deutschem Denken das christliche Denken gar nicht zu trennen ist. Es ist sein Fundament, und hierfür ist unsere alte Garnisonkirche das Symbol.“ /15/

Von ihrer Herkunft und von der eigenen Überzeugung her stehen Tresckow und seine Offi­ziere gegen die NS-Weltanschauung und der mit ihr legitimierten Politik in der Logik rassen­biologischer und sozialdarwinistischer Theorien. Was bei den genannten jungen Offizieren eindeutig nachzuweisen ist, ist, dass sich ihr Widerstandswillen durch das Wissen über die Judenmorde radikalisiert hat. Und das geschieht in der Phase der großen militärischen An­fangserfolge im Osten. Es sind Christen in Uniform, die den Vernichtungsantisemitismus für unvereinbar mit ihrem eigenen Gewissen und mit der Tradition eines europäischen Kultur­volkes halten.

Aber auch militärische Einschätzungen fundieren die Bereitschaft der Verschwörer an der Front, den Urheber für strategische Fehler mit den damit verbundenen Riesenverlusten der Armee zu beseitigen. Tresckow lässt sich schon in der Phase der Anfangserfolge nicht blen­den. Spätestens mit dem Scheitern der Offensive vor Moskau war für ihn der Krieg verloren. Und der Eintritt der USA in den Krieg, der nun ein Weltkrieg wurde, war für ihn der zusätzli­che Beginn eines auf die Dauer hoffnungslosen Kampfes. Als in der Folge die Höhere Gene­ralität trotz ihrer eigenen Einsichten in die dilettantische Kriegsführung Hitlers immer noch nicht ihre Verantwortung wahrnahm, blieb den „Obristen“ nichts anderes mehr übrig, als in eigener Regie ein Attentat gegen Hitler durchzuführen. Die Tragödie von Stalingrad zeigte, dass man keine Zeit mehr verlieren durfte, um den ungleich gewordenen Kampf abzubrechen, um das drohende Massensterben deutscher Soldaten zu verhindern. Tresckows Gruppe unter­nahm im März 1943 zwei Attentatsversuche, welche beide scheiterten. In Berlin arbeitete er während eines Fronturlaubs nun mit Friedrich Olbricht und Klaus von Stauffenberg die Um­sturzpläne der Aktion „Walküre“ aus. Gleichzeitig vertiefte sich der Kontakt zu anderen oppo­sitionellen Gruppen, vor allem über Peter Yorck von Wartenburg zum Kreisauer Kreis. Im Oktober 1943 wollte man in konzertierter Aktion des militärischen und zivilen Widerstands den Staatsstreich mit der vorauslaufenden Beseitigung Hitlers wagen. Doch es fehlte ein Mann und die Gelegenheit, den scharf bewachten Führer durch ein Pistolen- oder Sprengstoff­attentat zu beseitigen. Auch zwei weitere vorbereitete Attentate von Axel von dem Bussche und Ewald von Kleist – beide aus Tradition und eigener Überzeugung evangelische Christen -kamen im Februar 1944 nicht zur Ausführung. Tresckow, nun Chef des Stabes der 2. Armee, musste sich auf seine militärische Arbeit konzentrieren, die ihm noch manche harte Entschei­dungen abverlangte, besonders im Kampf mit den Partisanen.

Alle Hoffnungen der Widerstandskreise lagen nun bei Stauffenberg, der ab 1. Juli 1944 als Chef des Stabes des Ersatzheeres Zutritt zu Hitler hatte. Inzwischen waren die Alliierten in der Normandie gelandet. Stauffenberg fragte bei Tresckow an, ob ein Attentat überhaupt noch einen politischen Sinn habe. Tresckow antwortete: „Das Attentat auf Hitler muß erfolgen, um jeden Preis. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem der Staatsstreich versucht werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Wider­standsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entschei­denden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ /16/ Ähnlich Schulenburg: „Wenn das Attentat mißlingt, hat die Geschichte für die Beteiligten keinen Sinn mehr. Es gibt dann keine Möglichkeit weiterzuleben. Das Attentat muß geschehen, das sind wir dem Land, der Geschichte, dem Recht und Gesetz schuldig.“ (18. Juli 1944) Am Ende zählte für die Ver­schwörer nicht mehr der Erfolg, sondern nur noch die Tat selbst.

Jetzt kommt zu den bisherigen Motiven der Verschwörer, in der sich religiös-moralische, militärische und politische Argumente miteinander verzahnten, ein neues die Tat schließlich tragendes Motiv hinzu: Auch wenn Attentat und Staatsstreich nicht gelingen sollten – das lag für sie immer im Bereich des Möglichen –, die Widerstandsbewegung muss ein Zeichen set­zen und eine Symbolhandlung vollziehen, die zeigen, dass es ein „anderes Deutschland“ gege­ben hat. Die Männer des aktiven Widerstandes enden in dem Bewusstsein, einen Opfergang für eine bessere Zukunft gehen zu müssen.

Hinter diesem Bewusstsein, das wir bei vielen aus dem engeren Kreis des Widerstandes fin­den, steht die bittere Erkenntnis, dass nur wenige Höhere Militärs, wenige Männer des mittle­ren Offizierkorps und wenige Truppenteile zum Sturz des Systems bereit waren. Mehrheitlich war man in der Armee bis zum bitteren Ende hitlertreu. Nicht anders sah es bei der Masse des Volkes aus. Es gab zwar zivile Widerstandskreise, auch über den Goerdeler- und Kreisauer Kreis weit hinaus, aber alle konnten sie keine revolutionäre Massenbasis aufbauen. Die Frau­en und Männer des Widerstandes waren einsame, isolierte Minderheiten. Hinzu kamen die verschiedenen politischen Positionen untereinander, die ein konzentriertes gemeinsames Vor­gehen erschwerten. Eine Selbstbefreiung Deutschlands konnte es bei der Hitlergebundenheit der meisten Deutschen nicht geben. Hinzu kam, dass außenpolitisch keine Perspektive be­stand, mit den Kriegsgegnern auch nach gelungenem Staatsstreich in Verhandlungen zu kom­men. Diese Dilemmata und diese Tragik des Widerstandes dürfen nicht übersehen werden.

Tresckow hat in der Erinnerung von Schlabrendorff kurz vor seinem Selbstmord an der Ost­front am 21. Juli 1944 gesagt: „Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns be­schimpfen. Aber ich bin nach wie vor von der felsenfesten Überzeugung, daß wir recht gehandelt haben. Ich halte Hitler nicht nur für den Erzfeind Deutschlands, sondern auch für den Erzfeind der Welt. Wenn ich in wenigen Stunden vor den Richterstuhl Gottes treten wer­de, um Rechenschaft abzulegen über mein Tun und Unterlassen, so glaube ich mit gutem Gewissen das vertreten zu können, was ich im Kampf gegen Hitler getan habe. Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, daß Gott auch Deutschland um unsertwillen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“ /17/

Ähnliche Aussagen finden wir bei anderen Verschwörern. Peter Yorck von Wartenburg schreibt aus dem Gefängnis: „Ich höre, das Heer hat uns ausgestoßen; das Kleid kann man uns nehmen, aber nicht den Geist, in dem wir handelten … Mein Tod, er wird hoffentlich ange­nommen … als Sühnopfer für das, was wir alle gemeinschaftlich tragen … Auch für meinen Teil sterbe ich fürs Vaterland …“ /18/

Und im Abschiedsbrief an seine Mutter heißt es: „Dich darf ich versichern, daß kein ehrgei­ziger Gedanke, keine Lust nach Macht mein Handeln bestimmt hat. Es waren lediglich meine vaterländischen Gefühle, die Sorge um mein Deutschland, wie es in den letzten zweitausend Jahren gewachsen ist, das Bemühen um seine innere und äußere Entwicklung, die mein Han­deln bestimmten. Deshalb stehe ich auch aufrecht vor meinen Vorfahren, dem Vater und den Brüdern. Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo man eine andere Würdigung für unsere Haltung findet, wo man nicht als Lump, sondern als Mahnender und Patriot gewertet wird. Daß die wunderbare Berufung ein Anlaß sein möge, Gott die Ehre zu geben, ist mein heißes Gebet.“ /19/

Ähnlich Schulenburg in seinem Abschiedsbrief an seine Frau: „Was wir getan, war unzuläng­lich, aber am Ende wird die Geschichte richten und uns freisprechen. Du weißt, daß mich auch die Liebe zum Vaterland trieb.“ /20/

Und Friedrich Olbricht schreibt am 20. Juli: „Ich weiß nicht, wie eine spätere Nachwelt mal einst über unsere Tat und über mich urteilen wird, ich weiß aber mit Sicherheit, daß alle frei von irgendwelchen persönlichen Motiven gehandelt haben und wir in einer schon verzwei­felten Situation das Letzte gewagt haben, um Deutschland vor dem völligen Untergang zu bewahren. Ich bin überzeugt, daß unsere Nachwelt das einst erkennen und begreifen wird.“

Tresckows zentrale Rolle im militärischen Widerstand wurde nach dem 20. Juli sehr schnell von der Gestapo entdeckt. Der zunächst mit militärischen Ehren auf dem Bornstedter Friedhof beerdigte Tresckow wird aus der Gruft ausgegraben, zur Identifizierung durch Schlabrendorff nach Sachsenhausen gebracht und dort verbrannt. Heute erinnert eine Gedenktafel in Born­stedt an ihn und seine Frau Erika.

Alma de L’Aigle hat 1947 in ihrem Vorwort zu einem Gedenkbuch für Theo Haubach ge­schrieben: „Und endlich soll die Jugend wissen, daß die hochpolitische Bewegung des 20. Juli im Grunde tiefreligiösen Ursprungs ist.“ /21/

Und ausgerechnet der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, und seine Gestapoleute haben erkannt, dass die letzten Motive der meisten Verschwörer in ihrem christ­lichen Glauben und in ihrer Bindung an die christliche Ethik gelegen haben. /22/

Die Verfolger haben erkannt, dass die eigentlich gefährlichen Gegner des Nationalsozialismus diese Christen gewesen sind. Diese hatten sich geweigert, einem eindeutigen „Vollstrecker des Bösen“ (Hans-Bernd von Haeften) die Welt zu überlassen. Sie hatten erkannt, dass die letzte Intention des Nationalsozialismus die Ausrottung der jüdisch-christlichen Tradition und ihres Wertekanons gewesen ist. Die Offiziere, die aus christlicher Verantwortung gehandelt haben, sind mit ihrem gescheiterten Versuch, das Vaterland von dem Irrsinn eines politmes­sianischen Entwurfs zu befreien, nicht nur ein Teil unserer nationalen politischen Geschichte, sondern zugleich ein Teil der Christentumsgeschichte und der Kirchengeschichte. Für alle gilt, was als Inschrift für Klaus und Berthold Stauffenberg in der Gedächtniskapelle in Lautlingen steht: „Sie widerstanden den Feinden ihres Volkes und gaben ihr Leben, daß Gottes Gesetz nicht vertilgt würde.“

Anmerkungen

/1/ Müller, Klaus-Jürgen: General Ludwig Beck. Studien und Dokumente zur politisch-mili­tärischen Vorstellungswelt und Tätigkeit des Generalstabschefs des deutschen Heeres 1933-1938, Boppard am Rhein 1980.

/2/ Scheurig, Bodo: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler, Frankfurt/Main u. Ber­lin 1997; Grabner, Sigrid und Hendrik Röder (Hg.): Henning von Tresckow. Ich bin der ich war. Texte und Dokumente, Berlin o. J.

/3/ Heinemann, Ulrich: Ein Konservativer Rebell. Fritz Dietlof von der Schulenburg und der 20. Juli, Berlin 1994, S. 181, 184.

/4/ Text der Rede in: Domarus, Max: Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945, Wies­baden 1973, Bd. l, 1. Halbband, S. 197 ff.

/5/ Texte zum Potsdamer Tag in: Ursachen und Folgen: Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart; Eine Urkunden- und Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte. Herausgeber und Bearbeiter: Herbert Michaelis und Ernst Schraepler unter Mitwirkung von Günter Scheel, Berlin 1959-1979; Band 9, Das Dritte Reich: Die Zertrümmerung des Parteienstaates und die Grundlegung der Diktatur, Berlin 1964, I 5, S. 127 ff.

/6/ Texte zur so genannten Röhm-Revolte in: Ebenda, Band 10, Das Dritte Reich: Die Er­richtung des Führerstaates; Die Abwendung von dem System der kollektiven Sicherheit, Berlin 1965, VII 3, S. 127 ff.

/7/ Ebd. S. 195.

/8/ Ebd. S. 221f.

/9/ Scheurig, S. 55f.

/10/ Hoffmann, Peter: Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München 1979.

/11/ Müller, S. 552.

/12/ Ebd. S. 556.

/13/ Scheurig, S. 126. – Die Problematik der Involvierung Tresckows in die Vernichtungspoli­tik des deutschen Ostheeres können wir hier nicht verhandeln. Siehe dazu: Gerlach, Chri­stian: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts-und Vernichtungspolitik in Weißruß­land 1941-1944, Hamburg 1999; Hartmann, Christian: Verbrecherischer Krieg –verbre­cherische Wehrmacht? In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 52. Jg., H. 1, Januar 2004; Hürter, Johannes: Auf dem Wege zur Militäropposition. Tresckow, Gersdorff, der Vernichtungskrieg und der Judenmord, in: ebd. H. 3, Juli 2004.

/14/ Boeselager, Philipp Freiherr von: Der Widerstand in der Heeresgruppe Mitte, Berlin 1990 (Nr. 40 der Beiträge zum Widerstand 1933-1945)

/15/ Grabner, Röder, S. 52.

/16/ Schlabrendorff, Fabian von: Offiziere gegen Hitler, Berlin o.J. S. 109.

/17/ Ebd. S. 129.

/18/ Brakelmann, Günter: Die Kreisauer: folgenreiche Begegnungen. Biographische Skizzen zu Helmuth James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg, Carlo Mierendorff und Theodor Haubach, Münster 2003, S. 264.

/19/ Ebd. S. 294.

/20/ Heinemann, S. 259.

/21/ L’Aigle, Alma de: Meine Briefe an Theodor Haubach, Hamburg 1947, S. 10.

/22/ Jacobsen, Hans-Adolf (Hg.): Spiegelbild einer Verschwörung, Bd. 1, Stuttgart 1984, S. 109ff; 167ff; 233ff; 299ff; 434ff; 450ff.

Prof. Dr. Günter Brakelmann, 1931 in Bochum geboren, Studium der Evangelischen Theolo­gie, Sozialwissenschaften und Geschichte in Tübingen und Münster. 1959 Dr. theol., Vikar und Hilfsprediger in der Westfälischen Kirche, Berufsschul- und Studentenpfarrer in Siegen. 1962-68 Dozent an der Evangelischen Sozialakademie in Friedewald, Direktor der Evangeli­schen Akademie Berlin, 1972-96 Professor für Christliche Sozialethik an der Ruhr-Universität Bochum und kooptiertes Mitglied der Historischen Fakultät für Kirchliche Zeitgeschichte. Mitglied der Sozialkammer und der Politischen Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Leiter des Sozialwissenschaftlichen Institutes der EKD in Bochum. Seit der Emeritierung Schwerpunkte: Geschichte des Antisemitismus, Geschichte des Widerstan­des gegen den Nationalsozialismus.

Quelle: Magdeburger Wissenschaftsjournal, Nr. 2 (2004), S. 66-73.

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