„„Weltdienst“ und „Menschendienst“ werden im Alten Testament in den Rang des „JHWH-Dienstes“ er­hoben“ – Alfons Deissler über das Ethos des Alten Testaments

Elijah
Elia am Bach Krit (1Könige 17,2-9)

Ethos des Alten Testaments

Von Alfons Deissler

  1. Grundlegung

Religionsgeschichtlich wird die „Existenz Israels vor JHWH“ mit Recht als „ethische Reli­gion“ gekennzeichnet. Selbst in der Priesterschaft gibt es „eine Vorordnung des Ethischen vor dem [37] Rituellen” (Hempel, a. a. O. S. 21). Der Wurzelgrund für das alttestamentliche Ethos ist die JHWH-Offenbarung. Es handelt sich bei ihr um die Selbstvorstellung des einen Gottes als „JHWH“, d. h. als des Gottes der entschie­denen personalen Zuwendung zu Welt und Mensch, einer Zuwendung, welche in Schöpfung und Geschichte ihren eigenen Weg legt in eine ab­solute Zukunft hinein, die Paulus zusammenfaßt in die Formel: „Gott alles in allem (und in allen!)“ (1 Kor 15,28).

Auf die bundeswillige personale Zukehr Gottes zum Menschen soll der Mensch („als Partner Gottes“) antwortend sich verwirklichen in einem tätigen „Ja“ zu JHWH u. damit „in, durch und mit JHWH” sich der Welt und der menschlichen Gemeinschaft zukehren in Gesinnung, Wort u. Tat. Damit werden „Weltdienst“ und „Menschendienst“ im Alten Testament in den Rang des „JHWH-Dienstes“ er­hoben.

  1. Der Dekalog

Das altbundliche Ethos kommt am dichtesten im Deka­log zu Wort. In Ex 20,1-17 ist er das Kern­stück der jetzigen Sinai-Perikope (19-24), im Deuteronomium (5,6-21) bildet er als direktes Gotteswort die Basis für die mosaische Gesetzespredigt. Sein haupt­sächlicher Ver­kündigungsort ist der offizielle JHWH-Kult. Man hat das „Zehnwort“ von daher als „apodikti­sches JHWH-Recht“ bezeichnet. Doch ist die direkte Gebots- und Verbotsform, wie sie für den Deka­log cha­rakteristisch ist, ursprünglich in der Lebensunterweisung der Sippe und der Weisheitslehrer (Fa­milie und Schule) zu Hause. So gehört das „Zehnwort“ ebenso dem Ethos zu wie dem Recht.

Wie ein Vergleich der beiden Dekalogfassungen dartut, hat der Deka­log eine Wachstums­geschichte. Dennoch ist der Glaube Israels an seine Abfassung durch Mose insofern im Recht, als mit der JHWH-Verkündigung das „Ja“ zu JHWH auch das „Ja“ zur menschlichen JHWH-Ge­mein­schaft umgreifen mußte. In der Tat hat nur 200 Jahre nach Mose der beamtete Hofpro­phet Natan seinem König David den Ehebruch mit Batseba und die Tötung ihres Mannes als Bruch der über­lieferten Willensoffenbarung JHWHs in Erinnerung gerufen (vgl. 2 Sam 12). Am Offenbarungscharakter des Dekalogs muß darum grundsätzlich festge­halten werden, auch wenn er in seiner gegenwärti­gen detaillierten Gestalt als Wachstumsgebilde (der Offenba­rung!) er­scheint.

Die Grundstruktur des Dekalogs als einer „Torah“, d. h. „Weg-Weisung“ (u. damit Einwei­sung!) des Gottesvolkes in seine in JHWH selbst liegende Zukunft, hat die Form eines „Fa­den­kreuzes“: eine „Verti­kale“ enthält die „Pflichten gegen Gott“; sie trägt aber zugleich eine „Horizontale“, auf welcher die menschliche Gemeinschaftspflichten er­scheinen. Beide Di­men­sionen der menschlichen Selbstverwirklichung „vor JHWH“ sind unlösbar miteinander verwach­sen. Ein nur „kultisches Praktizieren“ ist damit von vornherein ausgeschlossen.

Handelt es sich aber beim Dekalog nicht zu sehr um Verbote als um positive Weisungen? Abgesehen davon, daß im Hebräischen die sprachliche Form: „Du wirst nicht…“ gewählt ist (Sinn: Sonst bist du nicht JHWH-Volk!), sollen die zehn Worte einfach die Heilssphäre mar­kie­ren, [38] innerhalb derer das Gottesvolk seine Wege zu gehen hat, um im ge­währten Heile (= Vorgabe auf die Endzeit) zu bleiben. Diese begren­zenden Markierungspunkte fordern aber zugleich dazu auf, den mar­kierten Raum mit positivem Handeln auszufüllen.

Das mitmenschliche Ethos ist ein Wesensmerkmal des „ethischen Deka­logs“. Dessen deutero­nomische Fassung arbeitet dies schon im Sabbatgebot heraus, das „sozial“ begründet wird (Dtn 5,14). Auch das 6. und das 8. Gebot (nach katholischer u. lutherischer Zählung) ist im Hori­zont der Mit­menschlichkeit (und nicht einer abstrakten „Wertordnung“!) formuliert. Es geht hier um die konkreten „Lebensgüter“: Eltern – Leben – Ehe – Freiheit und Besitz („steh­len” schließt Frei­heitsberau­bung mit ein!) – Ehre. Durch seine unabdingbare zwischen­men­schliche Dimension verweist der Dekalog das humane Ethos in das Zentrum der biblischen Religion und sichert es so gegen jede Gefährdung.

  1. Das Ethos der Propheten

Die jahwistische Grundweisungen, die im jet­zigen Dekalog ihren endgültigen Ausdruck fan­den, dienten den Pro­pheten als Richtscheit für ihre Anklagen u. Weisungen. Amos, der er­ste der Schriftpropheten (um 760 v. Chr.), hat den „mišpat“, d. h. das gemeinschaftsgerechte Ver­hal­ten, zum Hauptwort seiner Predigt ge­macht (5,24). Er muß Israel das Todesurteil JHWHs aus­richten, weil im JHWH-Volk Menschen von höhergestellten „Mitmenschen“ zu blo­ßen Ob­jek­ten des Erwerbs-, Macht- u. Lusttriebs degradiert werden (2,6-8 u. a.). Nach Hosea (um 745 v. Chr.) lautet die Weisung JHWHs bereits an Jakob so: „Bewahre Liebe (= chesed = Verbun­den­heit) und Recht, und harre deines Gottes!“ (12,7). Hoseas ethisch bedeut­samster Gottesspruch lautet: „Liebe (chesed) will ich, nicht Schlacht­opfer. Gotteserkenntnis, nicht Brandopfer“ (6,6 = Mt 9,13; 12,7). Gottes- bzw. JHWH-Erkenntnis ist bei Hosea Wissen um seinen Willen und ihn entsprechend dem Dekalog leben(4,1f). Für Jesaja (ab 740 v. Chr.) ist die Grundhaltung gegenüber JHWH der demütige Glaube (7,9), aber er muß als Frucht „Recht und Gerechtig­keit“ hervorbrin­gen (1,21; 5,7). Das „Gute“, ohne das Jerusalem Sodoma und Gomorrha gleicht (1,10), bedeutet nach Jesaja: „Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Ver­schafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen!“ (1,15). Um 700 v. Chr. faßt Micha das Offenbarungsethos in das lapidare Wort: „Es ist dir verkündet, Mensch, was gut ist und JHWH an dir sucht: nichts anderes als Gerechtigkeit üben, den Brudersinn lieben und in Dien­mut wan­dern mit deinem Gott!“ (6,8). Um die Gleichgewichtigkeit von „Beziehung zu Gott“ und Bezie­hung zu den Mitmenschen“ zu demonstrieren (vgl. Mt 22,39), nennt Micha die „Hori­zontale“ sogar an erster Stelle. Zefanja (ab 630) wie Jeremia (ab 625) setzen sich ebenso für das mitmenschliche Ethos ein (vgl. Zef 1,10f; 2,3; 3,3f; Jer 5,1ff; 7,21ff) wie im Exil Eze­chiel (18,6ff; 22,6ff) und nach dem Exil Sacharja (7,7ff), Trito-Jesaja (58,1ff: Fasten = Werke der Gerech­tigkeit und der Liebe tun!) und Maleachi (3,5). Insgesamt: [39] Die Propheten als „berufene Ausrufer des Gotteswillens“ sind im Grundsätzlichen bereits die Anwälte dessen, was wir die Menschen­rechte nennen. Nur steht hinter ihrem „Humanum“ JHWH mit seinem ganzen göttlichen Gewicht.

  1. Das Ethos der Weisheitslehre

Die frühe Sippenweisheit in Israel hat sicher das dekalogische und prophetische Ethos mit vorbereitet und getragen. In der höfischen Weisheit wurde die weisheitliche Grundfrage: „Wie ge­lingt mein Leben vor den Menschen und vor Gott?“ stärker auf den Horizont des zwischen­menschlichen „Glü­ckens“ bezogen; doch wurde Gottes Angesicht (vgl. Spr 15,3; 22,12) dabei nicht einfachhin verges­sen. Die nachexilische Weisheitslehre (vorab Spr 1-9) schöpfte dage­gen ihre Weisun­gen wieder mehr aus der zur „Schrift“ gewordenen Offenbarungsüberliefe­rung als aus der reflektierten Lebenserfahrung. Dabei wird das Ethos des Dekalogs und der Propheten in kon­krete Lebensregeln umgemünzt.

Lit.: J. Hempel, Das Ethos des AT, Berlin 1964, BZAW 67; Jean L’Hour, Die Ethik der Bun­destradition im Alten Testament, Stuttgart 1967, SBS 14; A. Deissler, Ich bin dein Gott, der dich befreit hat (Wege zur Meditation über den Dekalog), Freiburg i. Br. 1975.

Quelle: Bernhard Stoeckle (Hrsg.), Wörterbuch Christlicher Ethik, Freiburg-Basel-Wien: Herder 31985, 36-39.

Hier der Text als pdf.

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