„Suchet was droben ist!“ Predigt über Kolosser 3,1-2
Von Karl Barth
Am 3. Juni 1923 (1. Sonntag nach Trinitatis) hielt Karl Barth, damals Honorarprofessor für reformierte Theologie, in der reformierten Kirche in Göttingen eine Predigt über Kolosser 3,1-2 mit allem expressiven Feuerwerk:
„Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so suchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, das auf Erden ist.“
Das ist das Feuer Gottes, das auf die Erde geworfen, Gottes Geist, der ausgegossen ist über alles Fleisch, daß wir suchen müssen, was droben ist. Das ist keine Kirchen- und Winkelwahrheit, keine sogenannte religiöse oder sittliche oder ästhetische Wahrheit, das ist die Wahrheit, an die wir gebunden sind, weil es die Wahrheit Gottes ist, von dem und durch den und zu dem alle Dinge sind, wie groß und vollständig auch die Ferne und Finsternis sein mag, in der wir uns bewegen. Denn auch Finsternis ist nicht finster bei ihm und die Nacht leuchtet wie der Tag. Wir können sie wohl vergessen, mit Füßen treten in kindischer Enttäuschung und Verbitterung oder auch in eitler Selbstüberhebung. Sie ist und bleibt darum doch die Wahrheit. Wir haben uns vielleicht auch schon gewünscht, leben und uns ausleben, leiden und sterben zu dürfen wie die Tiere, ohne etwas zu wissen von dem beunruhigenden Unterschied zwischen droben und drunten, ohne es hören zu müssen, dieses unheimliche: Suchet, suchet was droben ist! Und unser Leben hat dann auch wohl diesem Wunsch entsprechend ausgesehen. Aber in Erfüllung gehen kann er nicht. Wir tragen nun einmal, unverwischbar uns aufgedrückt, das Bild Gottes, auch wenn wir von Gott gar nichts mehr, sondern nur noch von Göttern und Götzen wüßten. Das Bild Gottes im Menschen ist die Erinnerung an das, was droben ist, die ihn nicht losläßt, die sein ganzes Leben zu einem großen unruhigen Suchen, Finden, neuen Entbehren, neuen Suchen macht. Wir haben diese Erinnerung an das, was droben ist, durch unser verkehrtes Denken und Tun oft genug verleugnet, verraten, geschändet. Wir wußten es nicht mehr in unsrer Verblendung, Not und Verzweiflung, was droben ist, und wir verstanden auch uns selbst nicht mehr. Aber verlöscht und geschändet, vergessen und unbekannt (es ist ja wohl bei keinem Menschen anders!), ist es doch Gottes Bild, das wir tragen und nicht los werden können. Das Zeugnis von Christus lautet, daß wir an diese Erinnerung aller Erfahrung zum Trotz, gegen alles, was wir von uns selbst wissen, gebunden sind von Ewigkeit her, daß gerade das, wogegen unser ganzes Leben Nein schreit bis in die tiefste Tiefe unsres Herzens hinein, das Wirkliche, Notwendige, Dauernde, das Leben in unserm Leben ist. Und weil wir dieses Erste, was uns zu wissen not tut, immer wieder nicht wissen, so sei es uns jetzt in dieser Stunde wieder gesagt, nicht als menschliche Erfahrung und Erkenntnis, sondern als Zeugnis von Christus: Suchet was droben ist! Das ist die Wahrheit. Das andere ist nicht die Wahrheit. Das andre ist die Lüge. Wir können und werden immer irren. Aber die Wahrheit ist nicht umzustoßen, auch mitten in unserm Irrtum nicht. Gott läßt seiner nicht spotten. Und Gott hört auch nicht auf, treu zu sein.
Aber was ist »droben da Christus ist, sitzend zu der Rechten Gottes?« Ist das nicht schon die Antwort: daß da Christus ist? Wo Christus ist, da ist ja Gott Mensch geworden, d. h. aber: da ist zu uns gekommen in unsern Jammer das Erbarmen, das alles Denken übersteigt, da sind wir, die Ausgestoßenen, angenommen, wir, die Untröstlichen, getröstet, unsre Menschennatur, die in Sünde und Tod verlorene, gerettet, erneuert, eins mit ihrem Schöpfer. Droben, da Christus ist, ist das Wunder Gottes, nicht ein Wunder, das Gott für sich hat, sondern das Wunder, das er an uns tut (und kein Wunder, das er für sich hat, kann größer sein als dieses!).
Droben, da Christus ist, ist das große göttliche Trotzdem!, das wir nicht aussprechen können von uns aus, das aber zu uns gesprochen ist und gesprochen wird, und das wir darum vielleicht stammelnd nachsprechen können, das uns richtet, aber auch aufrichtet: aus unserm Kleinmut, aus unsrer Torheit, aus unsrem Übermut oder was es immer sei, was sich dagegen erheben will.
Droben, da Christus ist, ist also nicht der Teufel, der Betrüger von Anfang. Der Teufel ist eine sehr ernste Realität – da drunten, in der Geisterwelt und Geisteswelt, die uns umgibt; in der Luft, die wir atmen, auch wenn es eine christliche oder sonstwie eine sehr ideale Luft sein sollte. Wer ihn da leugnet, der ist ein Narr, heute noch mehr als je. Er ist der Fürst dieser Welt. Aber er ist nicht droben. Die Realität des Wunders, das Gott an uns tut, schlägt die Realität des Teufels. Die Rechte des Herrn behält den Sieg. Die vergiftete Luft, in der wir leben, zerstreut sich in alle Winde, wenn und wo ihr auf Erden das freie Erbarmen Gottes entgegentritt, gefunden von denen, die wissen, daß sie es suchen müssen.
Droben, da Christus ist, ist auch nicht das Gericht über unsre Sünde. Furchtbare Lebensrealität ist auch das Gericht. Wehe uns für jede Viertelstunde, in der wir etwa meinten, ihm enthoben zu sein um unsrer guten Absichten und schönen Erfolge oder gar um unsres reinen Gewissens willen. Nichts rächt sich schlimmer auf Erden, als dieses Wähnen. Aber auch das Gericht ist nicht droben, sondern drunten. Das Gericht ist das, was uns unsrem Leben und Sterben widerfährt ohne Christus. Mit Christus erkennen wir erst, daß dem so ist und sind eben damit frei vom Gericht. Denn »Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde«. Droben ist die Vergebung, die Vergebung unsrer grenzenlosen und immer neuen Sünde. Und wer sie annimmt, der bleibt nicht im Gericht, so gewiß gerade er ihm nicht mehr entrinnen, sich nicht mehr selbst rechtfertigen will. Also um der Vergebung Gottes in Christus willen: Sehet auf und erhebt eure Häupter, darum daß sich eure Erlösung nahet!
Droben da Christus ist, ist auch nicht der Tod. Des Todes Herrschaft reicht, soweit das Auge reicht. Er ist der Anfang und das Ende aller unsrer Wege. Töten und schließlich getötet werden ist unsre Weisheit und schließlich unser Schicksal im Kampf ums Dasein. Wir sollten es nicht vergessen, daß dem so ist. Heidnische Todesfurcht und Todesweisheit ist wahrlich oft christlicher als eine gewisse christliche Lebensfreudigkeit, weil sie, auch wenn sie den Erlöser nicht kennt, doch vielleicht viel besser weiß, daß wir und wovon wir erlöst werden müssen. Aber auch die Herrschaft des Todes ist drunten. Sie erstreckt sich über unser Leben, auch über unser geistiges und religiöses Leben. Auch die menschliche Geistesgeschichte, Religionsgeschichte, Kirchengeschichte weiß von keinen ewigen Werten. Sie ist drunten. Und was drunten ist, das ist Entbehren, Gleichnis, Hoffnung und Wanderschaft im besten Fall. Aber droben ist der Tod nicht. Als letzten Feind legt Christus auch den Tod Gott zu Füßen, sagt die Schrift, und unserm Denken geht der Atem aus, wenn wir versuchen, dem, was sie sagt, zu folgen: Unsterblichkeit haben wir nicht zu erwarten, wohl aber Auferstehung, Auferstehung und Leben auf dem Schlachtfeld und Friedhof unsres Daseins, Füllung unsrer Leere, Wahrheit unsrer Gleichnisse, Ziel unsrer Wanderschaft, Gottes Werk da, wo unsre Werke zu Ende sind.
Wir können zusammenfassend sagen: Droben, da Christus ist, ist nicht der Gott, der im undurchdringlichen Geheimnis wohnt, nicht der unbegreifliche, unerforschliche Gott, vor dem wir Menschen nur in den Staub gebeugt anbeten können von ferne wie der Zöllner im Tempel. So steht es freilich jetzt und hier zwischen uns und Gott. Ich möchte ausdrücklich hinzufügen: so steht es da drunten, auch wenn wir an Gott glauben, ja gerade dann. Wehe uns, wenn wir Gott je anders gegenüberstünden als der Zöllner im Tempel. Aber das Geheimnis Gottes ist ja nicht droben, nicht da Christus ist; Christus ist ja vielmehr gerade die Offenbarung des Geheimnisses. Droben ist Schauen Gottes von Angesicht zu Angesicht. Aus seiner verborgenen Herrlichkeit ist Gott in Christus herausgetreten und hat Menschheit angenommen. Das ist ja das Wunder Gottes, das Wunder dieses »droben«, daß dort unser Leben wie es ist mitten zwischen Teufel, Gericht und Tod aufgenommen und eingetaucht ist in das Licht der göttlichen Herrlichkeit. Von dem Zöllner wie er war, der von ferne anbetete und seine Augen nicht aufhob gen Himmel, heißt es, daß er hinabging in sein Haus gerechtfertigt. Nicht als ob unser Drunten nun selber ein Droben wäre, aber es ist auch kein Drunten ohne Droben. Wir können und sollen in diesem Drunten, wie es ist, suchen, was droben ist.
Aber nicht wahr: so wahr das alles ist »droben da Christus ist« – wie sollen wir dazu kommen, danach zu suchen? Können wir etwa von uns sagen, daß wir dazu Lust und Fähigkeit haben, daß wir die Geschöpfe sind, die danach suchen können? Müssen wir uns nicht im Voraus sagen, daß alles Suchen immer ein Suchen dessen, das auf Erden ist, sein wird? Nach Göttern und Götzen mögen wir suchen, ja, aber nach dem, der das ewige Erbarmen ist? Nach Mitteln und Wegen eigenen Kampfes gegen das Böse, ja, aber nach der Rechten des Herrn, die den Sieg behält? Nach dem Trost guten Gewissens, ja – aber nach dem Trost der Vergebung? Nach den Quellen menschlichen Lebens, ja, aber nach dem Leben, das den Tod hinter sich hat? Nach der Rechtfertigung des Pharisäers, ja, aber nach der Rechtfertigung des Zöllners, nach der Offenbarung? Werden wir, danach suchend, nicht hoffnungslos immer wieder auf unsere Füße zurückfallen, wie einer der fliegen möchte? Was heißt Suchen, wenn es sich darum handelt, das zu suchen?
Seht, da stellt Paulus als Zeuge von Jesus Christus die ewige Kraft Gottes erst recht mitten hinein in unsre unendliche menschliche Ohnmacht. Er sagt ja nicht nur: Suchet! sondern: Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so suchet was droben ist! Ihr – wir »mit Christo auferstanden!« Wißt ihr, was das heißt? Das heißt: es ist gar nicht so, daß ihr nach dem, was droben ist, erst suchen müßtet, wie man nach irgend etwas anderem sucht, das man eben nicht hat, sondern hier fängt das Suchen an mit dem Gefundenhaben. Nicht darum geht es hier, eine große Kunst zu betätigen, einen kühnen Geistesflug zu unternehmen, ein himmelstürmendes Werk zu errichten. So sucht man nach dem, das auf Erden ist. Suchen nach dem, was droben ist, heißt: gerade so sein, wie man eben sein muß, wenn das da droben: Gottes Erbarmen, Gottes Sieg, Gottes Vergebung, wenn die Auferstehung der Töten wahr ist. Das Leben, das irdische Leben da drunten ernst nehmen im Lichte dessen, daß herzliche Barmherzigkeit uns besucht hat hienieden. Noch einmal: Mit dem Empfangen und Annehmen fängt hier das »Bitten« an, mit dem Gefundenhaben das »Suchen«, mit dem Eingehen durch die offene Türe das »Anklopfen«. Sein heißt hier Werden. Was sein? »Mit Christo auferstanden« sein. Was heißt das? Ein Held, ein Weiser, ein frommer Mann, eine religiöse Persönlichkeit sein, »Sonne im Herzen« und ein gutes Gewissen haben? Nein, nein, fast hätte ich gesagt: Behüte uns Gott davor!, sondern ganz schlicht ein Mensch, da drunten sein (mit allem, was das bedeutet), aber ein Mensch zu dem das Wort gesagt ist – das Wort von dem, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist, das Wort von dem, was droben ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben – und der es sich gesagt sein läßt: Siehe ich mache alles neu!
Nicht notwendig bedeutet das, daß nun über sein Arbeiten und Kämpfen, über die Feinheit und Reinheit seines Gewissens, über die Größe seines Verdienstes und die Würde seines Andenkens, über das Gefühl von Gottesnähe, das er hat und anderen vermittelt, etwas besonderes zu bemerken und zu rühmen wäre. Nein, vielleicht ist er seiner Lebtage ein wie verzweifelt und doch vergeblich gegen den Strom Schwimmender, ein Ringender und immer wieder Unterliegender, ein kleines verlöschendes Licht irgendwo in einem Winkel, und vielleicht muß es bei ihm sogar so sein, damit er nicht aufhört zu suchen nach dem, was droben ist. Es kann ja freilich auch das andere sein, daß er (auch menschlich geredet) etwas sein und werden darf und muß – und dann muß er darin, als ein reicher Mann da drunten (aber je reicher er ist, um so schwerer wird es!) suchen, was droben ist. Das Suchen selbst aber fängt immer nur in der Armut an, oder vielmehr im Reichtum Gottes: Darin, daß wir, wir Sünder, wir Gefangene, wir Sterbende, uns gesagt und geschenkt sein lassen, was in Christus gesagt und geschenkt ist, im »Auferstandensein mit Christo«. Sich’s gesagt und geschenkt sein lassen nicht als etwas, was auch wahr ist, neben dem es auch noch andre Wahrheiten gibt, sondern als das große entscheidende Übergewicht, das in die Wagschale des menschlichen Lebens gefallen ist. Als das, was uns eben nicht von irgend jemandem, sondern von Gott gesagt und geschenkt ist, und das heißt gültig und zwar endgültig. Also z. B. nicht mehr bewußt, absichtlich und unfreiwillig mit dem Teufel, mit den gemeinen brutalen Erdgeistern einen Bund schließen, nicht mehr denken und reden, als ob es keine Vergebung gäbe, nicht mehr dem Schicksal das Wort reden statt der Hoffnung, dem Tode, statt dem Leben, der vergänglichen Natur statt dem Geiste Gottes, nicht mehr geradezu mit dem Pharisäer im Tempel argumentieren, womöglich zur größeren Ehre des Christentums, nicht mehr die Offenbarung leugnen und ignorieren zugunsten dessen, was leider Gottes außer und neben der Offenbarung wahr genug ist. Es ist an dem, was wir gegen den Glauben, gegen die Liebe, gegen die Hoffnung unwissend und unfreiwillig fortwährend tun in dieser Richtung, gerade genug. Was uns von Gott gesagt und geschenkt ist, das sitzt in unserm Fleisch wie ein Widerhaken. Es ist gesorgt dafür, daß das Fleisch weiterlebt unter Gottes Langmut; wir brauchen ihm nicht noch leben zu helfen, und Gott darf langmütig sein, wo wir es nicht dürfen. Den Widerhaken sitzen lassen, den Protest gegen uns selbst und die Welt, der da erhoben ist, gelten lassen, die Unruhe, die da in uns hineingeworfen ist, ihr Werk tun lassen.
Suchen nach dem, was droben ist, heißt der gegebenen göttlichen Tatsache nicht widerstreben, sondern sie im Großen und Kleinen die göttliche Tatsache sein lassen, so wie sie nun einmal hineingestellt ist in unsre Schwachheit und Lüge, in unser Versuchtwerden und Fallen, auf unsern Friedhof und auf unser Schlachtfeld, hinein in unsre Pharisäer- und Sadduzäerwelt – nicht durch uns oder unsre Väter, nicht durch eine Entdeckung, die Menschen einmal gemacht haben, nicht durch Kirche und Überlieferung, sondern durch Gottes eigenes Wort und das Zeugnis von diesem Wort, dem ein aufrichtiges Herz, auch wenn es ihm viel zu groß ist, wenigstens schweigenden Respekt entgegenbringen, ihm nicht widersprechen wird. Wir können ja alle nichts anderes tun als: wenigstens nicht widersprechen, und vor allem nicht mit christlichen Vorwänden! Und was dann?, fragst du, muß dann nicht noch etwas geschehen? O ja, sehr vieles wird dann geschehen. Aber alles von selbst, nein, von Gott, in dessen Hand wir uns damit gelegt haben, uns zu gebrauchen so oder so, uns zu bauen oder zu zerbrechen. Wie sollten wir damit nicht unsres eigensten Lebens Bestimmung erfüllen, es gehe wie es gehe? Aber trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles hinzugetan werden.
Oder wollen wir es etwa leugnen, daß wir »mit Christo auferstanden« sind, daß die Hand Gottes schon auf uns gelegt ist, daß wir es schon gehört haben als zu uns gesprochen: Wache auf, der du schläfst und steh auf von den Toten! Oder wenn nicht leugnen, so doch bezweifeln: Ich habe es nicht verstanden! Aber was heißt hier verstehen? Daß Gott der Herr ist, das haben wir nie, und das haben wir längst verstanden. Sollte das noch überlegt und besprochen werden müssen, als ob es sich um eine »Ansicht« handle? Wie gleichgültig, was für »Ansichten« wir haben, wenn es sich um das Entweder-Oder Gottes handelt? Oder sollte hier Warten am Platze sein? Auf was wäre hier zu warten? Wird unsre Situation Gott gegenüber nicht dieselbe sein morgen, in zehn Jahren, in unsrer Todesstunde? Und so steht die Wahrheit: Suchet was droben ist! jetzt schon in Kraft und fordert Anerkennung. Aber es liegt nicht an mir, sie euch dringlich zu machen und es liegt nicht an euch, sie als dringlich zu empfinden, wie sie ist. Die Wahrheit redet selber und hört auch selber. Sie ist Mund und Ohr, Licht und Auge, eben weil sie ja in Christus dem Auferstandenen Gott und Mensch ist. So sei es denn mittenhinein gestellt zwischen euch und mich, nicht als mein Wort und nicht als an euch gerichtet: Heute, heute so ihr seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht!
Gehalten am 3. Juni 1923 in der Reformierten Kirche in Göttingen.
Quelle: Karl Barth/Eduard Thurneysen, Komm Schöpfer Geist!, München: Chr. Kaiser, 1924, S. 171-179.