„Martha möchte für ihn da sein, aber für Maria ist ER da“ – Hans Joachim Iwands Predigtmeditation über Lukas 10,38-42

He Qi - Maria und Martha 2
He Qi – Maria und Martha

Eine großartige Predigtmeditation über Lukas 10,38-42 (Maria und Martha) hatte Hans Joachim Iwand 1959 für den Sonntag Sexagesimae verfasst:

Unsere Erzählung ist eine typisch lukanische Erzählung. Sie hat keine Variante bei den Syn­optikern. Die Versuche, sie mit Joh 11 in Beziehung zu bringen, sind gekünstelt. Dafür erin­nert das Gegensatzpaar der beiden Schwestern an die beiden Söhne Lk 15,1 ff., wo Jesus mit seinem Gleichnis für die Zöllner und Sünder gegenüber dem Richtgeist der Pharisäer eintritt, sie erinnert an das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, von den beiden Schächern am Kreuz usw. Damit tritt die Rolle, die Jesus im Streit der beiden Frauen spielt, erst wirklich ans Licht. Er rechtfertigt Maria und ihr „Nichtstun“ als die entscheidende Wahl. Jesus tritt hier genauso für Maria ein wie er dort für die Sünder und Zöllner eintritt. Was Maria tut, muß offensicht­lich anstößig sein, anstößig zum mindesten im gesellschaftlichen Sinne. Für eine Frau ist die­ser Platz nicht da. Frauen sind zum Dienst berufen. Es ist die Emanzipation der Frau, die von Maria hier in der Begegnung mit Jesus vollzogen wird. Es ist alles andere als der übliche und belobte Kirchgang bzw. Gottesdienst, der in Maria seine Beispielfigur findet, es ist vielmehr ein gegen die Sitte (fast könnte man sagen: gegen die Schöpfungsordnung!) verstoßende Handlung, deren sich Maria schuldig macht. Es liegt etwas Demonstratives, etwas Zeichen­haftes in dem „Nichtstun“, in diesem Nicht-Mitbesorgen der Maria. Das rügt Martha, dafür richtet sie ihre Schwester. Demgegenüber tritt Jesus rechtfertigend für Maria ein. Martha möchte für ihn da sein, aber für Maria ist ER da. Maria hat begriffen, wie Jesus für uns dasein will (vgl. Mk 10,45). Das Hören und Meditieren seines Wortes ist vom Standpunkt des akti­ven, des schaffenden Menschen eine leere, nutzlose Sache, mehr noch, eine höchst überflüssi­ge, eine zeitvergeudende Sache. Und vor allem für die Frau. Die Frau gehört ins Haus und soll da dienen, Gespräche und Diskussionen sind Sache der Männer.

Gerade hier setzt das Urteil Jesu ein. Maria kommt durch sein Wort, dadurch, daß sie alles stehn und liegen läßt, weil das Wort Jesu ihr ein und alles wird, in ein höchst fragwürdiges Licht. Das deckt Martha auf, indem sie das Tun der Maria tadelt. Sie möchte, daß Jesus ihrem Urteil beitritt. Sie dient Jesu, sie richtet den Tisch, sie ehrt ihn in gebührender Unterordnung und Bescheidenheit, was ihre Schwester tut, ist ähnlich anstößig wie das, was die Frau im Hause des Simon (7,36 ff.) tut. Ihre Schwester verhält sich so, als wäre Jesus um ihretwillen ins Haus gekommen, sie vergißt, wer sie in Wahrheit ist. Aber Jesus zeichnet das Verhalten der Maria als die rechte „Wahl“ aus. Sie läßt alles stehn und liegen — Bengel bemerkt, daß sie vielleicht vorher geholfen hat! — aber jetzt ist Jesus da, jetzt heißt es, unser Dasein durch seine Gegenwart bestimmen lassen. Jetzt ist ER allein der, der handelt und wir sind die, die von dorther angesprochen, von dorther belehrt, von dorther gesucht und gerufen, getroffen und erleuchtet werden. Das ist Jesu Gegenwart. Das ist der Sinn seines Eintritts in unsere Häuser. Jesus offenbart uns Gottes Geheimnisse. Darum durchbricht Maria alle Schranken, demonstrativ für das Ungeheuerliche, das sich damit ereignet, daß Jesus in ihr Haus eintritt, daß er ihr so menschlich, irdisch, so gütig, so ohne allen feierlichen Abstand nahe ist. Für Martha ist er ein Gast, wie andere auch, gewiß ein edler, ein hochgeehrter, aber was ist er für Maria? Kein Gast. Sein Eintritt ist für sie keine Ehrung. Das Haus, der Tisch, das Mahl — alles ist auf einmal unwesentlich, denn sie ist Gast im Hause Gottes. Sie lebt von dem Wort, das aus seinem Munde kommt. Sie lebt, wie sie noch nie gelebt hat in ihrem Leben. „Deine Güte ist besser denn Leben“ (Ps 63,4) vgl. Ps 119! Das, was in den Augen ihrer Schwester das Überflüssige, das Anstößige ist, ist für sie das Eine, das not tut, geworden. Sie darf teilneh­men, sie, eine Frau, ein sterblicher, sündiger Mensch, an dem, was der Vater dem Sohn offen­bart hat, und hören, wie der Sohn den Vater verkündet. So ist Maria die eine, die Ihn hört, mitten im Geräusch, in der Betriebsamkeit der Martha. Für sie ist das Wort Gottes zur neuen Geburt geworden, sie hat das begriffen, was Kierkegaard den Augenblick nannte. Es wird fortan dieses „Jetzt“, dieses „heute“ in ihrem Leben geben.

Und um noch ein Weiteres zu sagen: Wir werden Maria und Martha immer nebeneinander finden. Gerade in dem Haus, in das Jesus eingeht, in der Kirche. Es sind die beiden Seiten der Kirche, die hier aufeinanderstoßen, die tätige und die „untätige“, für die eine fängt die Begeg­nung mit Jesus mit dem Dienen an, oft einem sehr geräuschvollen, einem auch oft von seinem überlegenen wert überzeugten Dienen und Schaffen; für die andere damit, daß sie wagt, den Mittelpunkt ihrer Existenz zu ihrem „Standpunkt“ zu wählen, daß sie nichts sein will als nur noch eine hörende, lernende, ganz von dem Wort, das Jesus bringt, lebende Magd. Das ist die Rechtfertigung ihres Weggelaufenseins aus der Küche! Das ist das Eine, was not tut. Es ist das Überflüssige, das mehr oder weniger Zwecklose, als das schlechthin Notwendige zu­gleich. Das ist das Doppelgesicht des Evangeliums. Man wird es nie in seiner Nützlichkeit, seiner „Zweckmäßigkeit“ begreifen, ohne es damit im Innersten zu zerstören. Es ist nicht „zu etwas“ da, so wie Jesus nicht „zu etwas“ da ist. Es ist um seiner selbst willen da und gebietet uns. es um seinetwillen auch immer und für uns dasein zu lassen.

Das ist der Sinn des Wortes: Erwählt. Maria und Martha verhalten sich in diesem „Augen­blick“, da Jesus in ihr Haus tritt, verschieden. Beide wählen etwas. Martha ist davon über­zeugt, daß das, was sie erwählt hat, das praktische Christentum, das Bessere ist. Was für eine Mannigfaltigkeit des Besorgens und der Betriebsamkeit schließt das in sich. Alles für Jesus! Und Maria muß demgegenüber schutzlos dastehen in einer nahezu peinlichen Verlegenheit. Sie hat alle; andere vergessen. Selbst, daß sie eine Frau ist. Sie ist nichts anderes als ein Ohr für dieses Wort, als ein Herz für diesen Samen. Sie ist, was sie ist durch dieses Wort: ein Wesen, das Gott versteht, das ihn sich und sich ihm in Jesus nahe weiß, sie ist zum ersten Mal in ihrem Leben ein „wahres Geschöpf“ Gottes, ein neu ins Dasein gerufenes Wesen, für das das Wort Jesu ein und alles ist. Sie ist das nicht von Hause aus, nicht ihrer Natur, ihrem „Stan­de“ nach, sie wird dazu in der Begegnung mit Jesus. Sie erwählt, indem sie das eine erwählt, nicht sich nach ihrem natürlichen Wesen, das tut Martha, die bleibt, was sie ist und richtet aus diesem Bei-sich-selbst-Bleiben die Schwester. Maria hat aufgehört, die Schwester der Martha zu sein. Sie ist ganz sie selbst geworden. Sie richtet nicht. Sie hat die Fülle. Sie ist von dem her bestimmt, was mit ihr geschieht. Sie ist passiv, aber gleichwohl war sie noch nie in die Aktion Gottes so einbezogen wie jetzt. Sie wählt das Eine, das Überflüssige als das Notwen­dige. Darum wird sie der Schwester zum Ärgernis.

Man muß schließlich noch ein Letztes bedenken. Sie wird damit zum Zeugen für das, was Jesus ist. Was er uns bedeutet. Man kann sich ja auch Jesus denken als etwas ganz anderes, nicht als den, den das Wort auszeichnet, sondern als den handelnden. Aber Maria hängt an seiner Rede.

Hier der vollständige Text als pdf.

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