„Die Arbeit bleibt wichtig, aber meine Würde verdanke ich nicht meiner Arbeitsleistung“ – eine Rezension von Roland Pelikan/Johannes Rehm, Arbeit im Alltag 4.0.

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Rezension Roland Pelikan/Johannes Rehm (Hrsg.), Arbeit im Alltag 4.0. – Wie Digitali­sierung ethisch zu lernen ist: Beiträge aus betrieblicher, arbeitsmarktpolitischer und theologischer Sicht, Münster: LIT 2018, 224 Seiten, ISBN 978-3-643-13709-8, 34.90 €.

Keine Frage, die Digitalisierung in der Wirtschaft und insbesondere in der Arbeitswelt ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die auch für die Kirche Auswirkungen hat. Gut, dass der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (kda) der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 2016 drei Konsultationen zu „Arbeit 4.0“ – teilweise in Kooperation mit anderen Einrichtun­gen – durchgeführt und deren Ergebnisse nun in dem vorliegenden Sammelband publiziert hat. In Vorträgen, Erfahrungsberichten und Statements kommt von unterschiedlichen Blick­winkel zur Sprache, welche weitreichenden arbeitsorganisatorischen Veränderungen die Digi­talisierung bedingen wird. Die Omnipräsenz von Daten sowie die höherstufige Automatisie­rung bzw. Integration von Produktionsabläufen mögen als unternehmerische Chancen bzw. als Abbau hierarchischer Organisation positiv gesehen werden. Auch Mitarbeitende in Unter­nehmen scheinen darin die Möglichkeit einer größeren Selbstgestaltung der eigenen Arbeit zu erkennen. Auf deren Seite können die wachsende Flexibilisierung der Arbeit sowie der Aus­bau digitaler Überwachungs- bzw. Kommunikationsmöglichkeiten einen permanenten Leis­tungsdruck aufbauen, werden doch damit nicht zuletzt Arbeit und Privatleben entgrenzt.

Chancen und Risiken von Arbeit 4.0 kommen in meisten Beiträgen in abgewogener Weise zur Sprache. Der Charakter eines veranstaltungsbasierten Sammelbandes bedingt jedoch ein hohes Maß an Redundanz. Da wissen der einführende Artikel von Nick Kratzer, „(Digitaler) Wandel der Arbeitswelt“ sowie der Beitrag „Arbeitsethik 4.0 – Sozialethisches Herausforde­rungen der digitalen Vernetzung der Arbeitswelt“ von Traugott Jähnichen zu überzeugen. Unkonventionell ist es, wenn Michael Wassermann in detaillierter Weise beschreibt, wie Digitalisierung die Komposition von Instrumentalmusik technologisch zu unterstützen weiß. Aufschlussreich sind auch die persönlichen bzw. ethischen Überlegungen von Eckhard von Münchow zur Beratung von Mitarbeitenden in Unternehmen hinsichtlich einer selbstbestimm­ten Umgestaltung von Arbeitsplätzen bzw. Arbeitsabläufen. Was mobile Arbeit für Arbeitneh­merinnen und Arbeitnehmer bedeuten kann beschreibt Gerlinde Vogl sachkundig. Florian Semle sieht in der fortschreitenden Digitalisierung auch neue, zwischenmenschliche Chancen: „Wenn die Standardtätigkeiten mehr und mehr ersetzbar sind und die menschliche Arbeit Vieler vom Lohn- und Preiszyklus abgekoppelt wird, könnten die immer schon knapp ausge­statteten sozialen Berufe endlich so besetzt werden, dass aus Pflege, Hilfe, Erziehung, sozialer Beratung und Ähnlichem wieder soziale Arbeitsbeziehungen werden, anstatt der Akkordver­sorgung, die heute beklagt wird.“ Daran kann auch von theologischer Seite Franz Segbers mit seinem Beitrag „Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit“ anschließen.

Beachtung verdient es, wie die Mitarbeiterinnen des kda, Sabine Behrendt, Peter Lysy, Johannes Rehm sowie Roland Pelikan die technologische Herausforderung der Digitalisierung sozialethisch erkunden und sich dabei auf biblisch-theologische Argumentationsgänge ein­lassen. Da kann sich dann jenseits von Fortschrittseuphorie wie auch Alarmismus eine evan­geliumverstraute Gelassenheit zeigen, für die Rehm treffliche Worte findet: „Die Arbeit bleibt wichtig, aber meine Würde verdanke ich nicht meiner Arbeitsleistung, sondern meinem Schöpfer, der sie mir als fehlbarem Menschen nur ‚sola gratia‘ schenken und durch Jesus Christus im Heiligen Geist zueignen und anvertrauen will. Bevor ich meinen Arbeitsplatz betrete, ist in geistlicher Hinsicht das für mich letztlich Entscheidende schon passiert.“

Hier die Rezension als pdf.

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