Was verstehen wir unter christlichem Glauben? Von verschiedenen Glaubensweisen unter Christen

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Wir reden gemeinhin vom christlichen Glauben. Aber was ist damit gemeint? Wenn es um Glaubensinhalte im Sinne einer fides quae creditur – „der Glaube, der geglaubt wird“ – geht, müsste von einer ausgearbeiteten Glaubenslehre die Rede sein. Aufschlussreicher ist es jedoch, der fides qua creditur – „der Glaube, durch den geglaubt wird“ – nachzugehen, ist doch damit die Glaubenshaltung (nicht „Glaubensakt“) von „Gläubigen“ angesprochen, die bei Christen unterschiedlich ausgerichtet sein kann. So sollen im Folgenden verschiedene christ­liche Glaubensweisen skizziert werden:

Der liberale Glaube nimmt die Vernunftfähigkeit zum Kriterium der Glaubwürdigkeit: Was als kognitiven Aussagen (propositions) geglaubt werden kann, darf nicht irrational sein. In diesem Sinne werden kirchlich vorgegebene Lehraussagen kritisch überprüft und „Unvernünf­tiges“ als unglaublich verworfen. Das „Glaubliche“ hat sich einer naturgesetzlich bestimmten Weltanschauung zu fügen und zugleich diese als „höhere“, transzendente Wahrheit geisteinig zu tragen.

Der fundamentalistische Glaube hingegen gilt einem System zusammenhängender Glau­benssätze bzw. Glaubensartikel, deren weltanschauliche Geltung mit einer vorgegebenen Überlieferung – in der Regel die Bibel – begründet wird. Der „Gläubige“ versucht sich diese in ihrer Kohärenz rational zu erschließen und verteidigt diese rationalisierte Glaubenswahrheit kompromisslos gegen jede Vernunftkritik. Dahinter steckt jedoch die berechtigte Logik, dass die vernunftkritische Preisgabe eines Glaubensartikels die anderen Artikel ebenfalls in Miss­kredit brächte. Müsste ein überlieferter Glaubensartikel als Irrtum erklärt werden, gäbe es für die anderen ebenfalls kein Halten mehr (Domino- bzw. Mobileeffekt), womit das eigene Glaubenssystem erledigt wäre.

Der moralische Glaube ist weniger auf eine Weltanschauung als vielmehr auf eine individu­elle bzw. gemeinschaftliche Lebensanweisung hin orientiert. Es zählt, was dem zwischen­menschlichen Zusammenleben und der eigenen sittlichen Vervollkommnung dient. Das Gött­liche soll zum einen Geboten und Regeln religiös autorisieren und zum anderen das morali­sche Sterben von Menschen als zweckdienlich garantieren.

Der mystische Glaube gilt dem Einen, der (oder das) alles menschliche Denken übersteigt und zugleich die eigene Seele im Innersten für sich einnimmt. Das solchermaßen Geglaubte geht über das sprachlich Sagbare hinaus. Damit legt sich der mystische Glaube nicht auf eine pro­positional gefasste Weltanschauung fest. Was in der Glaubenstradition an Lehraussagen vor­gegeben ist, wird nicht vernunftkritisch abgeglichen, sondern symbolisch auf die eine, kon­templativ zu erschauende Wahrheit hin verstanden.

Der sinnstiftende Glaube bezieht sich auf die eigene disparate Welterfahrung und dient der lebensweltlichen Kontingenzbewältigung. Angesichts wahrgenommener Lebensdefizite und persönlicher Verlusten richtet sich dieser Glaube auf einen höheren Sinn aus, der solche Defi­zite und Verluste zu kompensieren weiß. Sinnlos erscheinendes Geschehen soll sich so in einer lebensbefriedigenden Sinntotalität einfinden.

Der politische Glaube bezieht sich auf einen messianischen Gerechtigkeitsanspruch, wie er ihn in der Bibel wahrnimmt, und engagiert sich für eine weltweite, zukunftsverträgliche Neugestaltung politischer wie auch wirtschaftlicher Lebensverhältnisse.

Der enthusiastische Glaube zeigt sich als beglückende Selbstwahrnehmung, die mit einem gefühlsintensiven, mithin ekstatischen Erleben verbunden ist. Er richtet sich dazu auf die Gegenwart des Heiligen Geistes im gemeinschaftlichen Gottesdienst und im persönlichen Gebet aus.

Der personhafte Glaube sieht sich in einer intensiven Gottes- bzw. Jesusbeziehung, die im eigenen Gebet und in der Bibellektüre gelebt wird. In dieser Beziehung richtet er sich auf neue Lebensmöglichkeiten und positive Lebensveränderungen aus.

Der prophetische Glaube macht sich am Wort der namentlich zu glaubenden Person fest und lässt sich auf deren biblisch bezeugten Selbstzusage „Ich bin das A und O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Offb 22,13) ein. Im Vertrauen auf das gottmenschliche Christusgeschehen wird die gegenwärtige Wirklichkeitserfahrung apokalyptisch auf ein radi­kal Neues „hintergangen“.

Der angefochtene Glaube durch die eigene missliche Welterfahrung in dem zu Vertrauenden infrage gestellt und ist deshalb sich selbst nicht sicher. Daher ist dieser Glaube auf die Zusage der göttlichen Zusage wider die eigene Erfahrung (contra experientiam) angewiesen, um nicht des eigenen Vertrauens verlustig gehen zu müssen.

Der kommunale Glaube nimmt sich in einer personalen Lebensgemeinschaft zum Göttlichen wahr, die einem andere Gläubige als Geschwister beigesellt. Er zeigt sich in einer gottes­dienstlichen Anteilnahme, bei der man Vertrauen im persönlichen Zuspruch findet und sich zugleich dem Anspruch auf Verbindlichkeit und Gemeinschaftstreue stellt.

Der naive Glaube nimmt wörtlich, was göttlich ausgesprochen worden ist, hinterfragt nicht, sucht keinen höheren Sinn, sondern findet sich kindlich in einem göttlichen Vertrauensverhäl­tnis wieder und bittet Ihn „wie die lieben Kinder ihren lieben Vater“ (Martin Luther, Kleiner Katechismus).

Hier der Text als pdf.

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