„Die Sprache der Gewalt entstammt dem politischen Druck, aus dem der Monotheismus gerade befreien will“ – Jan Assmanns „Monotheismus und die Sprache der Gewalt“

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Rembrandt – Moses zerschmettert die Gesetzestafeln (1659)

Jan Assmanns „Mosaische Unterscheidung“ als Grundlogik des Monotheismus  bestimmt nun seit 20 Jahren die Diskussion um das Gewaltpotential von Religionen. Eine differenzierte Darstellung dazu findet sich in seinem Aufsatz „Monotheismus und die Sprache der Gewalt“ von 2005, den er wie folgt beschließt:

Ein drittes, nur in diesem Horizont denkbares Phänomen ist die Konversion, und hier liegt vielleicht der Schlüssel für das Problem der Sprache der Gewalt. Konversion gehört genau wie Martyrium auch zu Phänomenen, die es nur im Horizont des exklusiven Monotheismus bzw. der Devise „Keine anderen Götter!“ gibt. Zu den traditionellen, „heidnischen“ Religio­nen kann man nicht konvertieren. Das hängt erstens damit zusammen, daß diese neue Reli­gionsform den ganzen Menschen, das ganze Leben, Festtag und Alltag ergreift und nicht eine Frage von Kult und Weltbild ist, zweitens und vor allem aber mit der Kategorie der Unverein­barkeit, der Exklusion, die mit dieser Devise einhergeht. Konversion ist die Sache einer le­benswendenden Entscheidung, und eine Entscheidung setzt eine Unterscheidung voraus. Es ist genau die Unterscheidung, um die es bei der Devise „Keine anderen Götter!“ geht: die Unterscheidung zwischen wahr und falsch, dem wahren Gott und den falschen Göttern, der wahren und der falschen Religion. Hier geht es um einen neuen, gesteigerten, emphatischen Wahrheitsbegriff, der keine Kompromisse duldet mit dem als Unwahrheit ausgegrenzten. Hier muß man sich entscheiden. Die Devise „Keine anderen Götter!“ bleibt gültig, auch wenn an die Stelle der anderen Götter der Teufel, der Materialismus, die Sexualität, das Streben nach Macht und Reichtum und andere Verführungen dieser Welt treten, die dem einen Gott bei all seiner Einheit und Einzigkeit Konkurrenz machen. Daher bedarf der exklusive Monotheis­mus dieser Semantik des Bruchs, der Abgrenzung, der Konversion. In diesem Zwang zur Entscheidung, der Pflicht zu Erinnerung und ständigem innerem Nachvollzug und der Angst vor Rückfall und Vergessen wurzeln die Motive der Gewalt, die tief in die Fundamente der kulturellen Semantik monotheistischer Religionen eingelassen sind.

Das Alte Testament ist das Dokument einer Gesellschaft, die – in wiederholten Situationen extremer Unterdrückung – eine in der damaligen Zeit einzigartige kulturelle Metamorphose durchgemacht hat. In evolutionistischen Begriffen wie „vom Polytheismus über die Monola­trie zum Monotheismus“ läßt sich diese Metamorphose nur höchst unzureichend beschreiben. Jedenfalls handelt es sich hier nicht um eine Entwicklung entlang irgendwelcher kultur-evolu­tionärer Linien, für die sich Parallelen und Ge]setzmäßigkeiten nachweisen ließen, son­dern eher um einen revolutionären Prozeß, der sich auf der Ebene individueller Erfahrung nur mit einer Konversion vergleichen läßt. Für den Konvertiten gilt, daß er seine Vergangenheit nicht vergessen darf; er muß sich ein lebendiges Bewußtsein seiner alten Existenzform be­wahren, um seine neue Identität mit umso größerer Entschiedenheit und Beständigkeit fest­halten zu können. So jedenfalls sehen die biblischen Berichte in der erinnernden und deuten­den Rückschau diese Wende, wie immer sie sich auch in der historischen Wirklichkeit abge­spielt haben mag.

Das Gegenstück zur Konversion ist die Assimilation: sie setzt im Gegenteil das völlige Ver­gessen der Herkunftsidentität voraus. Man konvertiert zu einer Religion mit dem Anspruch der höheren Wahrheit; man assimiliert sich einer Kultur mit der Verheißung besserer Glücks­chancen. Diese beiden psychologischen Mechanismen prägen sich sehr deutlich auch auf kultureller Ebene in den Schriften des Alten Testaments und insbesondere im Deuteronomium aus. Das Deuteronomium ist von einer Sorge beherrscht: das ist die Sorge um das Gedächtnis und die Angst vor dem Vergessen. Immer wieder schärft es seinen Hörern und Lesern die Warnung vor Vergessen ein. Vergessen ist dabei gleichbedeutend mit Assimilation, nämlich an Brauchtum und Vorstellungswelt des Landes, in das die Israeliten einziehen werden, also Kanaan. Wenn man sich klar macht, daß Kanaan für die eigene Vergangenheit und für die unmittelbaren Nachbarn steht, die die Metamorphose noch nicht durchgemacht haben, dann versteht man, daß Assimilation bzw. Vergessen hier gleichbedeutend ist mit einem Rückfall in die frühere Existenzform, dem Schrecken aller Konvertiten. Hinter dem ausgeprägten Anti-Kanaanismus des Deuteronomiums und der deuteronomistischen Tradition steht also das Pathos der Konversion, die Leidenschaft einer lebenswendenden Entscheidung, die Angst vor dem Rückfall und die Entschlossenheit, den Heiden in sich auszurotten.

Von solchem Pathos der Konversion ist auch der Ruf zur Reue, hebräisch teschuvah, grie­chisch metanoia, getragen. Auch dieser Begriff bedeutet eine radikale Umgestaltung der Lebensführung. Natürlich gibt es überall und seit eh und je Schuld und die entsprechenden Reaktionen der Scham, Reue und Buße. Überall macht der Mensch Fehler und hat hinterher Anlaß, sie zu bereuen. Das ist hier nicht gemeint. Hier geht es um eine existenzielle Um­kehr auf Grund eines Innegewordenseins der Schuldbeladenheit des bisherigen Lebens. Es geht nicht um ein spezielles Vergehen, sondern um so etwas wie eine grundsätzliche, exis­ten­tielle Sündhaftigkeit. Vergänglichkeit, Gottesferne des menschlichen Lebens vor Gott, wie sie etwa in Ps 51 zum Ausdruck kommt. Dort heißt es in Vers 7: „Denn ich bin in Schuld gebo­ren; in Sünde hat mich meine Mutter empfangen“ und in Vers 19: „Das Opfer, das Gott ge­fällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.“ Darin scheint sich mir ein neues Lebensgefühl zu äußern, das mit dem neuen, monotheistischen Gottesbegriff zusammenhängt. Ein monotheistischer Gott, ein monos theos, hat keine götterweltlichen Partner, sein Partner ist der Mensch, und zwar sowohl in Gestalt des Gottesvolkes, Israel, als auch in Gestalt des einzelnen Menschen, der sich in dieser Reli­gion in einer ganz neuen Weise gefordert, ernst genommen, vor Gott hingestellt und als Ge­genstand göttlicher Zuwendung und Aufmerksamkeit seinem allwissenden Blick ausgeliefert fühlt. Das ,Ich‘ der Psalmen steht einerseits für ein einzelnes leidendes oder jubelndes, flehen­des oder dankendes Individuum, andererseits für jeden, der in vergleichbarer Situation sich vor Gott hingestellt sieht und ,Ich‘ sagen will, und drittens für das Kollektiv-Ich oder Wir des Volkes Israel. In der Exponiertheit dieser neuen Gottesbeziehung ist es ein überlebensgroßes Ich, in dem alle drei Bedeutungen Platz finden. Das Ich ist die wichtigste Arena der Gott-Welt-Beziehung, der Weltzuwendung Gottes, seines innerweltlichen strafenden und heilenden und letztlich erlösenden Wirkens. Was sich theologisch beschreiben ließe als ein Heraustreten Gottes aus der Götterwelt in die Einsamkeit und Einzigkeit der Transzendenz, das tritt in anthropologischer Perspektive in den Blick als eine neue, gesteigerte Form von Subjektivität. Diese neue Subjektivität findet ihren reinsten und stärksten Ausdruck im Gefühl der Reue. Dieses Gefühl scheinen die herkömmlichen Religionen nicht zu kennen. Die Konversion ist der Reue verwandt, auch sie ist eine Umkehr, wen n auch nicht eine Rückkehr wie die Reue. Der Konvertit kommt von außen, er hat sich nicht von Gott entfernt, sondern war ihm in seinem bisherigen Leben fern geblieben; nun aber „bekehrt“ er sich und kehrt um, weil er den bisherigen Weg als den falschen erkannt hat. Konversion und Reue erfordern beide diese nega­tive Selbsterkenntnis; nur wer sein bisheriges Leben als falsch oder sein bisheriges Tun al sündhaft erkennt, ist zur Umkehr fähig. Reue und Konversion sind Dramen, die auf der inne­ren Bühne spielen und den inneren Menschen betreffen, und [38] die Vermutung drängt sich auf, dass sich diese innere Bühne, die nun zum Schauplatz solcher existentieller Wandlungen wird, zu­ gleich und in Verbindung mit der monotheistischen Wende in Israel entwickelt.

Für uns heute, die wir in einer anderen Zeit leben, ist es wichtig, sich klarzumachen, daß die Gewalt dem Monotheismus nicht als eine notwendige Konsequenz eingeschrieben ist. Warum sollte die Unterscheidung zwischen wahr und falsch gewalttätig sein? Die Sprache der Gewalt entstammt dem politischen Druck, aus dem der Monotheismus gerade befreien will. Sie ge­hört in die revolutionäre Rhetorik der Konversion, der radikalen Wende und Abkehr, des kul­turellen Sprungs aus dem Alten ins Neue. Über diese Schwelle sind wir längst geschritten; sie bedarf keiner eifernden Einschärfung mehr.

Das semantische Dynamit, das in den heiligen Texten der monotheistischen Religionen steckt, zündet in den Händen nicht der Gläubigen, sondern der Eiferer, der Fundamentalisten, denen es um politische Macht geht und die sich der religiösen Gewaltmotive bedienen, um die Mas­sen hinter sich zu bringen. Die Sprache der Gewalt wird als eine Ressource im politischen Machtkampf mißbraucht, um Feindbilder aufzubauen und Angst und Bedrohungsbewußtsein zu schüren. Daher kommt es darauf an, diese Motive zu historisieren, indem man sie auf ihre Ursprungssituation zurückführt. Es gilt, ihre Genese aufzudecken, um sie in ihrer Geltung einzuschränken.

Hier der vollständige Text von Jan Assmann, Monotheismus und die Sprache der Gewalt, als pdf.

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