„Wir leben von dem, was jenseits des Reichs der Analogien ist, zu denen auch unser bißchen Innseits gehört“ – Karl Barths Tambacher Rede „Der Christ in der Gesellschaft“ von 1919 (vollständiger Text)

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Das haben die Reformierten einfach ein Karl-Barth-Jahr erfunden. Der fünfzigste Todestag Barth am 10. Dezember wird mit der Ersterscheinung des Römerbriefkommentars 1919 sowie der Tambacher Rede vom September 1919 verbunden, und schon lässt sich nach Friedrich Daniel Schleiermachers 250. Geburtstag der nächste reformierte Großtheologe feiern.

Im besten Sinne verstörend ist der expressive Gottesanspruch, den Karl Barth in seiner Tambacher Rede in die religiöse Landschaft nach dem ersten Weltkrieg hineingerufen hat. Historisch geschulte Theologen werden 100 Jahre danach durch Kontextualisierung und Reflexion versuchen, die Dinge im Lot zu halten, damit Karl Barth für den gegenwärtigen Protestantismus doch erbaulich wirken darf:

Aber nun müssen wir ein letztes Mal innehalten, um uns über das eben Gesehene zu verstän­digen. Neben die schlichte sachliche Mitarbeit im Rahmen der bestehenden Gesellschaft ist die radikale Opposition gegen ihre Grundlagen getreten. Aber wie wir uns dort verwah­ren mußten gegen das Mißverständnis, als könnten durch solche Sachlichkeit die gestürzten Götzen wieder aufgerichtet werden, so müssen wir uns jetzt sichern gegen den Irrtum, als wollten wir durch Kritisieren, Prote­stieren, Reformieren, Organisieren, Demokratisieren, Sozialisieren und Revolutionieren, und wenn dabei das gründlichste und umfassendste ge­meint wäre, etwa dem Sinn des Gottesreiches Genüge leisten. Darum kann es sich wirklich nicht handeln. Keine ungehemmte Naivität in diesem Äon, aber auch keine ungehemmte Kri­tik. Die Problematik, in die wir durch Gott geworfen sind, darf so wenig wie die Schöpfungs­ordnung, auf deren Boden wir durch ihn gestellt sind, zur Abstraktion werden. Sondern eins muß durch das andere und beides muß aus Gott verstanden werden. Wenn wir es anders hal­ten, geraten wir aus einer Weltweisheit in die andere. Unser Ja wie unser Nein trägt seine Begren­zung in sich selber. Indem Gott es ist, der uns jene Ruhe und diese größere Unruhe bereitet, wird es klar, daß weder unsere Ruhe noch unsere Unruhe in der Welt, so notwendig beide sind, letzte Gesichts­punkte sein können.

Das andere, das wir mit unserm Denken, Reden und Tun in Gleich­nissen meinen, das andere, nach dessen Erscheinung wir uns, der Gleich­nisse müde, sehnen, es ist nicht nur etwas ande­res, sondern es ist das ganz andere des Reiches, das das Reich Gottes ist. Die Kraft der Thesis und die Kraft der Antithesis wurzeln in der ursprünglichen, absolut erzeugenden Kraft der Syn­thesis. Das Verwesliche ist nicht etwa die Vorstufe zum Unverweslichen, sondern wenn es heißt, daß dies Ver­wesliche anziehen soll die Unverweslichkeit, so gilt es zu beden­ken, daß diese Bekleidung, nach der uns verlangt, ein Bau ist, von Gott erbaut, ein Haus, das nicht mit Händen gemacht ist, das ewig ist, im Himmel (2. Kor 5,1). Wir meinen zu verstehen, was der deutsche Theologe wollte, der während des Krieges die Entdeckung gemacht hat, daß man statt Jenseits hinfort besser Innseits sagen sollte; wir hoffen aber lebhaft, daß dieses mehr schlangenkluge als taubeneinfältige Wort­spiel keine Schule mache. Nein nein, antworten wir, geht uns, ihr Psychiker, mit eurem Innseits! Apage Satanas! Jenseits, trans, darum gerade handelt es sich, davon leben wir. Wir leben von dem, was jenseits des Reichs der Analogien ist, zu denen auch unser bißchen Innseits gehört. Von den Analogien führt keine Kontinuität hinüber in die göttliche Wirklichkeit. Kein gegenständlicher Zusammenhang zwischen dem, was gemeint ist, und dem, was ist, darum auch kein gegenständlicher, etwa entwicklungs­mäßig vorzustellender Übergang von hier nach dort. Das Himmelreich ist eine Sache für sich, seine Ver­heißung sowohl wie seine Offenbarung, wie die Fülle seiner Gegenwart, so gewiß es nicht für sich bleibt und bleiben kann. So ist das Ziel der Geschichte, das télos, von dem Pau­lus 1. Kor 15,23-28 geredet, kein geschichtliches Ereignis neben andern, sondern die Summe der Geschichte Gottes in der Geschichte, in ihrer uns verhüllten, ihm aber und den von ihm erleuchteten Augen offenbaren Herrlichkeit. télos heißt ja weniger Ende als Zweck. Das Reich der Zwecke ist aber bekanntlich eine höhere Ordnung der Dinge, die im Schema der Zeit und der Kon­tingenz nicht zu erfassen ist. Nur in Gott ist die Synthesis, nur in Gott ist sie für uns zu finden. Finden wir sie in Gott nicht, so finden wir sie gar nicht. „Hoffen wir nur in diesem Leben auf Christus, so sind wir die unglücklichsten aller Menschen“ (1. Kor 15,19). Denn die Schöp­fung und die Erlösung haben ihre Wahrheit darin, daß Gott Gott ist, daß seine Imma­nenz zugleich seine Transzendenz bedeutet. „Fleisch und Blut kann das Reich Gottes nicht ererben“ (1. Kor 15, 50). Die Kreatürlichkeit und die Offenbarung der Söhne Gottes schließen sich gegenseitig aus. Noch einmal: nur in Gott ist die Synthesis zu finden, — aber in Gott ist sie zu finden, die Synthesis, die in der Thesis gemeint und in der Antithesis gesucht ist. „Die Kraft des Jenseits ist die Kraft des Diesseits“ hat Troeltsch in seinen „Soziallehren“ merkwür­dig tref­fend gesagt, und wir fügen hinzu: sie ist die Kraft der Bejahung und die größere Kraft der Verneinung. Die Naivität und die Kritik, mit denen wir in Christus der niederen Ordnung der Dinge gegenüber­stehen, sie entströmen gleicherweise der höheren Ordnung der Dinge, die in Gott, aber nur in Gott mit jener eins ist. In der Kraft der Auf­erstehung haben Naivität und Kritik ihre Möglichkeit, ihre Berech­tigung und ihre Notwendigkeit.

Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist darum die welt­bewegende Kraft, die auch uns bewegt, weil sie die Erscheinung einer totaliter aliter — mehr können wir nicht sagen — geordneten Leiblich­keit in unserer Leiblichkeit ist. Denken Sie noch einmal an die Darstel­lung des Isenheimer Altars und denken Sie meinetwegen an die kopfschüttelnden Glossen, mit denen die Kunsthistoriker sich um diese Darstellung herumzudrücken pflegen. Das gerade ist’s! Und der heilige Geist der Pfingsten war darum der Heilige Geist, weil er nicht mensch­licher Geist war, auch nicht im besten reinsten Sinn, sondern horribile dictu unter Brausen vom Himmel und Bewegen der Stätte, da sie ver­sammelt waren, in feurigen Zungen auf sie kam, „senkrecht vom Himmel“, wie Zündel die Stelle treffend kommentiert hat. Wir glauben also darum an einen Sinn, der den einmal gewordenen Verhältnissen innewohnt, aber auch an Evolution und Revolution, an Reform und Erneuerung der Verhältnisse, an die Mög­lichkeit von Genossenschaft und Bruderschaft auf der Erde und unter dem Himmel, weil wir noch ganz anderer Dinge warten, nämlich eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Wir setzen darum unsere Kraft ein zur Erledigung nächst­liegender banalster Geschäfte und Aufgaben, aber auch für eine neue Schweiz und ein neues Deutschland, weil wir des neuen Jerusalem, das von Gott aus dem Himmel herabfährt, gewärtig sind. Wir haben darum den Mut, in die­sem Äon Schranken, Fesseln und Unvollkommenheiten zu ertragen, aber auch nicht zu ertra­gen, sondern zu zerbrechen, weil wir ertragend oder nicht ertragend den neuen Äon meinen, in welchem der letzte Feind, der Tod, das Beschränkende schlechthin, aufgeho­ben wird. Wir haben darum die Freiheit, mit Gott naiv oder mit Gott kritisch zu sein, weil uns so oder so der Ausblick offen ist auf den Tag Jesu Christi, da Gott alles in allem sein wird. Immer von oben nach unten, nur nie umgekehrt, wenn wir uns selber recht verstehen wollen. Denn immer ist ja das letzte, das éschaton, die Synthesis, nicht die Fortsetzung, die Folge, die Konsequenz, die nächste Stufe des Vor­letzten etwa, sondern im Gegenteil der radikale Ab­bruch von allem Vorletzten, aber eben darum auch seine ursprüngliche Bedeutung, seine bewegende Kraft.

Hier der vollständige Text von Barths Rede „Der Christ in der Gesellschaft“ als pdf.

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