Von Johann Christian Senckenberg
Drei Jahre vor seinem Tod hatte der bekannte, pietistisch geprägte Frankfurter Arzt Johann Christian Senckenberg (1707-1772) ein eigenes Lebens- und Sterbensgebet verfasst. Nach dem Tod dreier Ehefrauen und seiner beiden Kinder nimmt der nunmehr alleinstehende Arzt – sein Vermögen hatte er bereits einer Stiftung übertragen – sein Leben gottergeben mit folgenden Worten ins Gebet:
11. August 1769
Preces pro morte beata!
Herr, lehre mich meine Tage zählen, damit ich klug werde. Lehre mich stets das Ende bedenken, damit ich nimmermehr Übles tue. Lehre mich Deine Herrlichkeit, Deine Güte, Deine Treue gegen mich recht lebhaft erkennen, damit ich Deines Ruhmes voll werde und nie ermüden möge, Deinen Namen zu verherrlichen unter den Menschen. Bedenke ich, was für Gutes Du mir meine ganze Lebenszeit bis hierher erwiesen hast, so muss ich, weil ich es nach Würden nicht kann, Dich mit einem tiefen heiligen Stillschweigen bewundern als den Allmächtigen, der alles vermag und dessen Wohltaten nicht zu zählen sind. In welche Not und Elend hast Du mich in meinem ganzen Leben beraten, beschützt, errettet und beglückt herausgerissen! Wie sicher hast Du mich oft in allerlei Gefahr geführt und Wege zur Auskunft gemacht, wo keine waren, davon meine Lasten leicht und meine Traurigkeit in Freude verwandelt worden. Wie gnädig hast Du meine Sünden, Mängel und Gebrechen mir übersehen und Deine Strafen allezeit mit Liebe zu meinem Besten gelenkt. Ich habe aus der Erfahrung lebendig erkannt, dass allein bei Dir Rat und Tat, Weisheit und Stärke ist. Ich bin viel zu gering aller Deiner Barmherzigkeit, Liebe und Treue, die Du an mir bewiesen hast. Nimm mich auch ganz hin zu Deinem Eigentum und mache mit mir, wie Dir gefällt.
Ich weiß, wie Du mich bis hierher in Deinem Sohn Jesu Christo geliebt hast; so wirst Du auch ferner mich lieben, beraten, leiten und führen bis an mein Ende und in der Zeit, also auch in der Ewigkeit, wohl versorgen. Denn Du kannst nichts anderes als Gutes tun. Fahre nun hin, meine Seele, in vollem Glauben und Vertrauen auf eine gewisse selige Ewigkeit. Denn Du hast einen guten Herrn, der alles vermag, der unendlich gütig ist, der sein Wort hält, und den Du vor langen Jahren her kennst und dessen Güte Du geschmeckt und erfahren hast. Er kann, er will, er wird Dich nicht verlassen.
O, wie ruhig, o, wie fröhlich verlasse ich diese elende Welt, da ich weiß, dass mir etwas Besseres beigelegt ist in dem Lande der Lebendigen. Da werde ich meinen Gott und Herrn näher kennen lernen. So werde ich in Gesellschaft der Heiligen unendliche Freude und Vergnügen haben und bessere Arbeit tun als hier die Eitelkeit und Unvollkommenheit aller irdischen Dinge mit sich bringt. Heilig, heilig, heilig ist der Herr, alle Lande sind seiner Ehren voll. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!
Hier in der ursprünglichen Schreibweise:
1769, den 11. August.
Preces pro morte beata!
Herr lehre mich meine Tage zälen, damit ich klug werde. Lehre mich stets das Ende bedenken, damit ich nimmermehr Uebels thue. Lehre mich Deine Herrlichkeit, Deine Güte, Deine Treue gegen mich recht lebhaft erkennen, damit ich Deines Ruhmes voll werde und nie ermüden möge, Deinen Nahmen zu verherrlichen unter den Menschen. Bedencke ich, was für gutes Du mir meine gantze Lebens-Zeit bissher erzeiget hast, so muß ich, weil ich nach Würden nicht kann, Dich mit einem tiefen heiligen Stillschweigen bewundern als den Allmächtigen, der alles vermag und dessen Wohlthaten nicht zu zehlen sind. In was Noth und Elend hast Du mich in meinem gantzen Leben berathen, beschützet, errettet und beglückt herausgerissen. Wie sicher hast Du mich oft in allerley Gefahr geführet und Weege zur Auskunft gemacht, wo keine waren, davon meine Lasten leicht und meine Traurigkeit in Freude verwandelt worden. Wie gnädig hast Du meine Sünden, Mängel und Gebrechen mir übersehen und Deine Strafen allezeit mit Liebe zu Meinem Besten gelenket. Ich habe aus der Erfahrung lebendig erkannt: daß allein bey Dir Rath und That, Weissheit und Stärcke ist. Ich bin viel zu gering aller Deiner Barmherzigkeit, Liebe und Treue, die Du an mir bewiesen hast. Nimm mich auch gantz hin zu Deinem Eigenthum und mache mit mir wie Dir gefällt.
Ich weiß wie Du bissher mich in Deinem Sohn Jesu Christo geliebt hast, so wirst Du auch ferner mich lieben, berathen, leiten und führen bis an mein Ende und in der Zeit also auch in der Ewigkeit wohl versorgen. Denn Du kannst nichts anders als gutes thun, fahre nun hin meine Seele in vollem Glauben und Vertrauen auf eine gewisse seelige Ewigkeit. Denn Du hast einen guten Herrn, der alles vermag, der unendlich gütig ist, der sein Wort hält und den Du vor langen Jahren her kennst und seine Güte geschmeckt und erfahren hast. Er kann, er will, er wird Dich nicht verlassen.
O! wie ruhig, O! wie fröhlig verlasse ich diese elende Welt, da ich weiß, daß mir etwas besseres beygeleget in dem Lande der Lebendigen. Da werde ich meinen Gott und Herrn näher kennen lernen. So werde ich in Gesellschaft der Heiligen unendliche Freude und Vergnügen haben und bessere Arbeit thun als hier die Eitelkeit und Unvollkommenheit aller irdischen Dinge mit sich bringet. Heilig, heilig, heilig ist der Herr, alle Lande sind seiner Ehren voll. Alles was Odem hat, lobe den Herrn!
Gefunden wurde dieses Gebet im Nachlass Johann Wolfgang von Goethes, versehen mit dessem handschriftlichen Zusatz in roter Tinte: „Herrn Hofrat SENCKENBERG Gebet um ein seel. Ende, von Ihm selbsten aufgesetzt den 11. August 1769 und nach desselben Tod unter seinen Schriften gefunden.“
Quelle: Oswald Feis, Nachgelassenes Gebet Johann Christian Senckenbergs, Archiv für Geschichte der Medizin, Bd. 19, H. 3 (1. Juli 1927), S. 297-299.
Ein sehr eindrucksvolles Dokument. Es hat Parallelen zu Ritual und Rechtsakt der Huldigung [ https://de.wikipedia.org/wiki/Huldigung ], hier individuell dargeboten als Entrebillet für das himmlische Reich. Man kann es auch mit einer zweckgerichteten Widmung vergleichen, ein „Dedikationstitel…, der oft eine sehr ausführliche und unterwürfige Zueignung erhielt.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Widmung .
Das Verständnis, die Zeiten und Gebräuche haben sich geändert.