Was ist Ostern – „die einzige, die letzte Hoffnung, die es für uns auf Erden gibt“ (Karl Barth)

Den folgenden Text „Was ist Ostern“ hat Karl Barth 1926 verfasst:

Was ist Ostern? Auferstehung, antwortet uns die Bibel, Auferstehung Jesu von den Toten, und das heißt: der lebendige Gott, die vergebenen Sünden, das leere Grab, der überwundene Tod, mit einem Wort: Jesus ist Sieger. – Aber sind das wirklich Antworten? Antworten, die wir begreifen, mit denen wir etwas anfangen können? Sind es wirklich helle, klare, verständliche Worte, von denen ein Licht ausgeht? Sind es nicht vielmehr schwer verständliche, dunkle Worte, eines wie das andere, die uns nur neue Rätsel aufgeben? Könnte es nicht sein, daß wir sagen: Wir haben gerade genug an den alten Fragen, an all den Lebensrätseln, die uns täglich quälen? Wir möchten uns nicht zu den alten noch neue, größere Fragen aufgeben lassen. Das Leben ist schwer und dunkel, wir haben wenig genug Licht und kommen in die Kirche, um uns etwas mehr Licht zu holen, und nicht dazu, um uns auch noch das wenige, das wir haben, verdunkeln und rauben zu lassen.

Wir stecken vielleicht tief in Zweifeln. Wir verstehen das Leben nicht und verstehen uns sel­ber nicht. Wir fürchten uns vor dem Leben. Es sind so viel dunkle Schatten um uns her, wir finden den Weg nicht. Gibt es überhaupt einen Weg? Hat das Leben einen Sinn? Und nun kommt Ostern und sagt uns: der lebendige Gott! Gott ist. Gott lebt. Gott siegt. – ja das ist eben die Frage, antwortest du. Daran laboriere ich herum. Das ist es gerade, was ich nicht verstehe, und keine Behauptung der Bibel oder eines Pfarrers hilft mir darüber hinweg. Das Dunkel wird erst recht groß, wenn du das aussprichst. Die Frage brennt erst recht auf wie eine frisch geschlagene Wunde. Der lebendige Gott? – ja, wenn ich das fassen, das begreifen könn­te! Wenn das zu mir reden würde!

Oder: Du bist vielleicht kein Grübler. Dein Fall ist ein ganz anderer. Du bist ein tätiger, zum mindesten ein wollender, strebender, vorwärtsdrängender Mensch. Aber du seufzest unter deinen Fehlern und Schwächen und kommst trotz allem Vorwärtswollen nicht davon los. Du gehst vielleicht schon lange, vielleicht seit Jahren, im Bann einer Übertretung. Niemand weiß darum, wie du im geheimen immer wieder zurücksinkst in deinen alten Fehler und dich schä­men mußt. Vielleicht wissen sie es auch, die anderen, sie sehen es dir an. Jedenfalls: es ist ein Bann, eine Gefangenschaft, in der du stehst. Du weißt: es nagt ein Wurm an der Wurzel mei­nes Lebens und zerstört immer wieder alles, was aus dieser Wurzel wachsen möchte. Und du weißt nicht, wie du damit fertig werden sollst. Du bist, d.h. dein besseres Ich ist wie mit Ket­ten gebunden an ein anderes, ein niederes Ich, das du verabscheuen mußt und das doch unab­wendbar zu dir gehört. Du elender Mensch, wer wird dich erlösen vom Leibe dieses Todes?! Und nun kommt Ostern und sagt: Vergebung der Sünden! Gesprengte Fesseln! Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?! – Ja, seufzest du, wie wun­derbar wäre das, aber das ist ja eben mein Leid, meine Qual, daß ich davon nichts spüre. Die­sen Jubel bringe ich von meiner Er­fahrung aus, nach all den unzähligen Niederlagen, die ich erlitten habe, nicht mehr auf. Juble, wer jubeln mag, mir ist nicht ums Jubeln. Im Gegenteil: Vergebung heißt Freiheit, ich aber empfinde erst recht meine Ketten und Gitter, wenn von Freiheit die Rede ist.

Oder endlich: Wir müssen sterben. Es kommt für uns alle der unsagbar dunkle Augenblick, wo es zu Ende geht, wo diese Welt für uns versinkt, wo es gilt, Abschied zu nehmen von der Wirklichkeit dieses Lebens mit all seinen Farben und Lichtern. Wohin kommen wir dann? Was bleibt von uns übrig? Wir können von uns aus nichts darauf antworten. Für unser menschliches Denken und Leben ist der Tod wirklich ein letztes Wort. Ein Grabhügel, ein paar welke Blumen, das bleibt übrig. O Rätsel des Sterbens, o Rätsel des Lebens, an dessen Ausgang das Sterben steht! Und noch einmal kommt Ostern und sagt das unerhörte Wort vom überwundenen Tod, vom leeren Grab; und dieses Wort ist für uns von allen vielleicht das un­erhörteste, das am schwersten zu glaubende. Wer kann es fassen: wo alles aus ist, soll erst recht alles anfangen?! Sind wir nicht versucht zu sagen: O, hör auf damit, wir haben uns nun einmal abgefunden mit dem furchtbaren Rätsel des Sterbens. Du reißest nur neu die alten Wunden auf, wenn du davon redest!

Es ist nur die letzte Zusammenfassung von alledem, wenn uns an Ostern gesagt wird: Jesus ist Sieger! Jesus – ist das nicht der in tiefster Niedrigkeit geborene, mit dem Schrei der Gottes­verlassenheit am Kreuz sterbende, der die Sünden vergebende, aber unter der Last der Sünde zusammenbrechende, der gedemütigte, vom Schicksal geschlagene, von allen Leidbeladenen am meisten mit Leid beladene Mann von Nazareth? – Und der soll Sieger sein?!

Ja, es ist immer wieder ein schweres, ein dunkles Wort, ein fast nicht zu ertragendes Wort für unsere Ohren, das Auferstehungswort. D.h. dunkel ist es eigentlich nicht. Es ist hell – nur zu hell, deutlich – nur zu deutlich –, was es meint. Es meint, was es sagt: etwas Starkes, Klares, Ganzes. Es meint: Da ist die Welt, das Leben mit seinen Gefängnissen und Tragödien der Lei­denschaften und der Sünde, das Leben mit seinen Zweifeln und ungelösten Fragen, das Leben mit seinen Grabmälern und Totenkreuzen, ein einziges großes Rätsel, so groß, daß alle Ant­worten verstummen müssen. Nichts, gar nichts kann man der in Schicksal, Sünde und Tod tausendfach aufbrechenden Not des Daseins entgegenhalten; alles ist zu klein, um dieses Loch auszufüllen. Gebt es nur zu: es versagt alles, es gibt keine Auswege! Es kann nur noch ein Wunder geschehen, nein, nicht ein Wunder, das Wunder Gottes, Gottes unbegreifliches, ret­tendes Eingreifen und Erbarmen, die umfassende, aus dem Tode zum Leben führende Erneu­erung von ihm her, Gottes Schöpferruf, Gottes Lebenswort – und das heißt eben: Auferste­hung! Auferstehung von den Toten! Auferstehung, nicht Fortschritt, nicht Entwicklung, nicht Aufklärung, sondern, was das Wort sagt, ein Ruf vom Himmel her: Steh auf, du bist tot, aber ich will dir Leben geben. Das wird hier verkündigt, und das ist das Einzige, was die Welt ret­ten kann. Nimm diesen Ruf weg oder mach etwas Anderes, Kleineres, weniger Ganzes, Letz­tes, Starkes daraus, und du hast alles weggenommen, die einzige, die letzte Hoffnung, die es für uns auf Erden gibt.

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