„Gegen den Tod zu Gott beten, das heißt schon auf das Leben hoffen“ – Martin Luthers Auslegung zu Psalm 90

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Der Psalm 90 stellt sich in besonderer Weise der Vergänglichkeit menschlichen Lebens. In seiner Auslegung findet Martin Luther starke Worte über den Tod:

Einleitung: Heiden, Manichäer und Gottlose verschleiern und verharmlosen das mensch­liche Todesschicksal. Mose macht den Tod schwer

Der Psalm trägt die Überschrift: Gebet Moses. Bevor wir von Überschrift und Text des Psalms handeln, wollen wir den Inhalt dieses Psalms oder Gebets ansehen. Ihr wißt, daß das Menschengeschlecht durch die Erbsünde so gefallen und verblendet ist, daß es nicht allein weder Gott noch sich selber erkennt, sondern auch all das Unglück, das es fühlt und leidet, nicht versteht. Es weiß weder, woher es kommt, noch, wohin es zielt, noch was es eigentlich ist und in sich hat. So tief ist das Elend der Erbsünde. Selbst die weisesten Leute haben dies schwerste und schrecklichste Ding, das da heißt Tod und mit all seinem Unglück das ganze Menschengeschlecht überschwemmt, nicht allein gänzlich töricht, sondern auch auf gottlose Weise behandelt. Sie haben dem Menschengeschlecht helfen wollen und sind dabei auf die schreckliche Meinung verfallen, man solle den Tod einfach verachten, wie denn Martial[1] spricht: den letzten Tag sollst du weder fürchten noch wünschen. Sie haben gemeint, damit wäre dem Menschengeschlecht geraten, wenn man ihm den Tod verächtlich macht. Auch unsre Kriegsgurgeln, die Soldaten, meinen, sie seien tapfre Leute, wenn sie bei der Pestilenz oder den Franzosen fluchen können. Aber das tut’s nicht. Auch von den neueren italienischen Gelehrten wird der Tod geringgemacht, sie meinen, der Tod sei verächtlich, weil er das Ende aller Übel, die Grenzlinie der Dinge sei. Dies ist die Blindheit und das Elend, das noch zur Erbsünde hinzukommt, daß wir nämlich Sünde Tod und Unglück geringmachen und damit gegen das eigene Gefühl ankämpfen. Wir wollen aus den Menschenherzen auskratzen, was wir doch selber fühlen und erfahren. Das ist nicht die rechte Weise, vom Tod und Unglück des Menschengeschlechts zu sprechen, sondern ist Blindheit und Frucht der Erbsünde, Geringschätzung des Übels.

Mose tut ganz anders. Er macht Tod und Unglück dieses Lebens schwer und groß. Darin ist er ein rechter Moses, ein Mann des Gesetzes, ein Diener des Todes, des Zorns und der Sünde. So steht er auch in diesem Psalm vor uns auf, [527] wallet trefflich seines Amts und malt den Tod mit den schrecklichsten Farben, ja, daß wir schon jetzt tot und voller Unglück seien. Und er gebraucht dabei nicht allein menschliche Worte, sondern eine neue Redeweise, indem er den Tod ‚göttlichen Zorn‘ nennt und die Wirk-, Erst- und Letztursache hinzufügt, nämlich den zornigen Gott: das macht dein Zorn, daß wir so vergehen (V. 7), wer kennt die Macht deines Zorns (V. 11)? Die unerträgliche göttliche Majestät und den göttlichen Zorn stellt er gegen uns und spricht, sie hätten uns den Tod gebracht. Er spricht nicht vom leiblichen Tod, von dem der Dichter sagt: den letzten Tag sollst du weder fürchten noch wünschen, sondern vom ewi­gen, der vom göttlichen Zorn herkommt.

Aufs schärfste handelt er vom Tod und allem menschlichen Unglück und macht’s auf alle Wie­se schwer. Aber so muß ein Gesetzgeber tun gegen verstockte und verblendete Leute. Darum spricht er: laß uns wissen die Zahl unsrer Tage, so wollen wir unser Herz unterweisen lassen. David ahmt hier Mose nach (Ps. 39,5): laß mich wissen mein Ende und welches sei das Ziel meines Lebens, daß ich erkennen möge, was mir fehlt. Der erste Teil des Psalms soll die ver­stockten und sicheren Epikuräer und Sadduzäer zerknirschen, die es für Kunst und Wissen­schaft halten, den Tod zu verachten und zu leben wie die Tiere. Mose aber macht den Tod zu einem grausamen und wilden Tyrannen, um diese verstockten und hartnäckigen Heuchler zu erschrecken, die weder Gott noch Menschen fürchten noch auch sich um ihr Elend Sorgen machen. Solche Leute muß man zerknirschen, an ihnen muß man das Amt des Gesetzes treiben und ihnen die Sünden und den Zorn Gottes anzeigen, wie Röm. 1 geschrie­ben steht. Solchen soll man nichts Süßes predigen.

Der zweite Teil des Psalms aber zeigt, daß, wenn sie so erschrocken sind, sie dennoch nicht umkommen und verzweifeln, sondern Raum zur Reue haben sollen. Das ist ein Doktor! Das Zweite treibt er freilich dunkler, denn Moses muß ja Moses bleiben. Den ersten Teil treibt er stärker, den zweiten weniger stark und dunkel. Dennoch treibt er auch den zweiten. Aber er läßt noch Raum für den besseren Doktor, der nach ihm kommen soll und von dem der Vater spricht (Mt. 17,5): den höret! …

Überschrift und Vers 1: Die Gebetszuversicht von Vers 1 fließt aus dem ersten Gebot und zeigt dunkel Auferstehung an

… Überall, wo vom 1. Gebot gehandelt wird, da sollst du darunter dunkel, aber gewiß das ewi­ge Leben und die Auferstehung der Toten angezeigt finden. So sind auch in diesem Psalm etliche Stellen, wo der Gesetzgeber dunkel und dennoch mit gewissen Worten ein Heilmittel gegen den Tod anzeigt. Damit übertrifft er die Gedanken der Menschen unvergleichlich. Ari­stoteles hat gesagt, allzeit den Tod bedenken sei das Heilmittel gegen den Tod. Aber es wäre besser, ein Epikuräer zu sein als allzeit an den Tod zu denken –, [528] wenn nicht dies andre Stück des Psalms wäre, nämlich Hoffnung und Erweckung nach dem schrecklichen Zorn … Eben in der Überschrift zeigt er heimlich die Hoffnung des Lebens an. Denn gegen den Tod zu Gott beten, das heißt schon auf das Leben hoffen. Dies aber ist unmöglich ohne Glauben und Hoffen. Denn wer am Leben verzweifelt, der betet nicht. Wo also von der Anwendung des ersten Gebots gehandelt wird, da ist Glaube und Hoffnung auf Auferstehung der Toten mit eingeschlossen. Christus hat gelehrt (Mt. 22,32), dies aus den Worten zu schließen und mit ihnen zu verbinden: ich bin der Gott Abrahams, und der Gott Jakobs. Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Dies Argument ‚Gott ist nicht ein Gott der Toten‘ fließt aus dem ersten Gebot. Die Gott verehren und hören, ihm glauben und zu ihm beten, die leben im Tode, auch wenn sie tot sind; denn an einen Gott der Toten kann man nicht glauben noch ihn hören oder zu ihm beten …

So tut Mose beides in rechtem Maß: die Erschrockenen sollen nicht verzweifeln und die Ver­blendeten sollen sich nicht verhärten. Die einen will er erschrecken, die Ängstlichen aber und Verzagten will er gewiß machen. Die Verzagten sollen anrufen und beten, wie folgt. Man singt wohl: Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen. Das ist die Stimme des Geset­zes. Die Stimme des Evangeliums aber ist: mitten in dem Tode wir im Leben stehen, weil wir nämlich Vergebung der Sünden haben …

(Vers 1) Herr Gott, du bist unsre Zuflucht für und für, d.h. du, der du ein ewiger Gott bist. Also ist das ewige Leben gleich im ersten Wort einbegriffen. Denn wenn Gott das Leben ist und wir in ihm unsre Wohnung haben – Herr, du bist unsre Wohnung worden für und für – dann sind wir im Leben und leben in ihm in Ewigkeit aus Kraft des ersten Gebots: ich bin der Herr, dein Gott. So legt’s unser Meister Christus aus: Gott ist kein Gott der Toten, also ist Gott eine Wohnung der Lebendigen, nicht der Toten. Sein ewiges Leben ist kein Grab und kein Kreuz. Ist’s eine Wohnung der Menschen, so müssen die Menschen darin leben. Ehe er sie schrecklich anblitzt, tröstet er die ängstlichen Gewissen und läßt sie wissen, daß er eine leben­dige Wohnung, eine Wohnung der Lebendigen ist.

Es ist wunderlich, daß Gott hier eine Wohnung heißt. Die Schrift nennt sonst uns einen Tem­pel Gottes (1.Kor. 3,17) und spricht von Gott: hier will ich wohnen (Ps. 132,14), nämlich im Volk Gottes. Sie, die Leute, heißen sein Haus. Mose aber dreht’s um und spricht, wir seien die Hausherrn und Bewohner, Gott aber das Haus. Der hebräische Text enthält manches, was man durch kein Dolmetschen wiedergeben kann. Denn das hebräische ‚Maon‘ meint recht eigent­lich Wohnung. So spricht auch Ps. 76,3: in Zion ist seine Wohnung. Hier aber dreht er’s um: Gott ist unsre Wohnung, er ist unser Haus, unser Schutz, unsre Zuflucht … So spricht auch Paulus zu den Kolossern (3,2): unser Leben ist verborgen in Gott. Wir leben also in Gott, er ist unsre Wohnung. Damit wird das ewige Leben und die Vergebung der Sünden gewisser angezeigt als mit dem umgekehrten Bild. In Zion hat er wohl einmal gewohnt, aber das hat auf-[529]gehört … So zeigt Mose mit gewissen, wenn auch nicht ganz offensichtlichen Wor­ten das Leben und die Auferstehung der Toten an. Das ganz Gewisse mußte er ja noch dem einzigartigen Lehrer Christus zu lehren überlassen …

Wer den Schrecken vor Gottes Zorn fühlt, der soll daher nicht verzweifeln, sondern sich freu­en, daß er noch so viel Leben und Gefühl in sich hat, daß er die Donnerschläge des Sinai spürt, daß er also nicht in die Zahl derer gehört, die drüber lachen. Denn die sich so vor dem Zorn und Tode fürchten, die lassen sich noch lehren und sind empfänglich für Gottes Trost. Die andern sind’s nicht. Drum sollen die Niedergeschlagenen nicht, wie leider oft geschieht, meinen, dieser Psalm sei gegen sie. Mir selber ist’s widerfahren, daß, wenn ich diesen Psalm las, ich das Buch weglegen mußte. Andern widerfährt’s bei der Sintflutgeschichte. Wo aber Angst und Tod schon ist, da ist nicht nötig, die Leute weiter zu erschrecken. Wo aber keine Schrecken sind, da muß man Mose hören … So lehrt also der erste Teil des Psalms, daß bei diesem Gebet der Glaube nötig sei, der da triumphiert bis ans Ende und alles angenehm macht. Wie wir glauben, so haben wir. Wenn ich glaube, daß er unsre Wohnung und Zuflucht ist, dann ist er’s auch. Verzweifle ich, so geht mir’s auch darnach. Wer solchen Glauben nicht hat, der soll den Psalm nicht beten, weil sein Gebet gegen die Überschrift des Psalms geht und sündig ist. Solche Leute sind mit ihren ärgerlichen Lästerungen Gott mehr ärgerlich, als daß sie etwas von ihm erlangten …

Aus der Enarratio Psalmi XC 1534/35 in der Handschrift bzw. Bearbeitung Rörers (WA 40 III, 484,5-488,10 (in Auszügen). Deutsche Übersetzung nach D Martin Luthers Psalmen-Auslegung, 2. Band: Psalmen 26-90, hrsg. v. Erwin Mühlhaupt, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1962, 526-529.

[1] Markus Valerius Martial, spanischer Epigrammdichter und Satiriker (40 bis ca. 120 nach Christus).

Hier der Text als pdf.

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