„Freude im Himmel und Freude auf der Erde, es ist wie Weihnachten“ – Hans Joachim Iwands Predigt über das verlorene Schaf und den guten Hirten (Lukas 15,1-7)

Das ist wohl die eindrücklichste Predigt über Lukas 15,1-7, die Hans Joachim Iwand noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs gehalten hat. Da spricht er das Gleichnis mit dem Wort vom Kreuz zusammen und lässt es Weihnachten werden:

Es ist wie Weihnachten. Predigt über Lukas 15,1-7

Von Hans Joachim Iwand

Es nahten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie ihn hörten. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, so er der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er’s finde? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er’s auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen.

Das Gleichnis, das wir eben gehört haben, ist so vollkommen, daß wir Furcht haben, da etwas hinzuzufügen oder noch irgendeine Deutung zu geben. Alles, was wir davon sagen könnten, reicht nicht heran an die Klarheit und Einfalt dessen, wie uns hier das Evangelium verkündet wird; und jedermann, der dies Gleichnis vom guten Hirten hört, weiß: Ja, das ist das Evangelium, das ist mein Glaube, das ist mein Trost und meine Zuversicht. Unvergleichlich, unerreichbar ist hier in solchen Worten die Fülle dessen gegeben und gespendet, was wir nur je sagen, kennen und erreichen können. Und jeder, der dies Gleichnis hört, weiß auch das andere: Der, von dem hier die Rede ist, das ist Jesus Christus. »Ich bin der gute Hirte«, dieser Klang geht durch alles hindurch, was Ohren hat. Ich bin es, der sich aufgemacht hat, das Verlorene zu suchen. Ich bin es, der das Lamm auf seine Schultern nimmt. Ich bin es, der es heimbringt mit Freuden. Ich bin der gute Hirte. Und du bist das verlorene Schaf! So sieht mich Jesus, so sucht dich Jesus, so möchte er, daß du einmal dein Leben sähest in diesem Elend und in dieser Freude, in diesem Ineinander von Verlorenheit und Gefundensein, von Einsamkeit und Gemeinschaft mit ihm, daß du es einmal so sähst, daß du nichts anderes mehr hast und nichts anderes mehr dir bleibt in der Wüste dieser Welt als ihn hören, der dich bei deinem Namen ruft, der dich reklamiert als sein Eigentum: »Du bist mein.« Nicht wahr, wer so die Geschichte hören könnte als die Geschichte seines Lebens, zugleich die [130] Geschichte unseres Herrn und Heilandes, und so, daß sein Leben und mein Leben eine Geschichte wird, eine Geschichte des Verlorenseins und des Wiedergefundenwerdens, eine Geschichte der Tränen und der Freude, der könnte über dem allen nur noch seine Hände falten und bekennen: »Mein Herr und mein Gott!«

Und doch, so wunderbar nahe uns das Bild unserer Erlösung gerückt ist in diesem Gleichnis vom guten Hirten, so sehe ich hier – ich weiß nicht, ob nicht ihr das mit mir sehen werdet – noch einen Graben. Es ist so, als ob wir das Bild nur von der Ferne her sehen, aber da ist noch zwischen uns und dem, was da aufleuchtet, ein Graben von abgründiger Tiefe. Wir wollen nicht zu schnell meinen, daß wir schon mitten drin sind in diesem Gleichnis, denn es ist ja nur ein Gleichnis, ein Gleichnis für etwas, was geschieht, was zumindest damals geschah; und gerade, wenn wir auf das sehen, was da geschah, da tut sich dieser Graben auf. Was geschah? Das geschah:

Es nahten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie ihn hörten.

Das geschah. Und das geschieht heute und das geschah auch damals nicht, solange als die Schriftgelehrten das Wort Gottes auslegten; und daß eben dieses geschah, das liegt allein daran, daß Jesus predigt, und alles das, was wir mit dem Wort Gottes treiben, das bleibt dahinter zurück in einer ganz unermeßlichen Ferne und Kälte und Leere. Was muß das für eine Zeit gewesen sein, als er predigte, als er die Schrift nahm und sie auslegte und auf einmal der Klang des Wortes Gottes weit hinaustrug in alle Tiefen, in alle Elendshöhlen, in allen Jammer und alle Verlorenheit, als da auf einmal das Wort Gottes frei wurde von den Wänden der Synagoge und von den Fesseln der Schriftgelehrsamkeit und der Geist Gottes über das Wort kam und das Volk sich um ihn sammelte und das Volk wieder Gottes Wort hörte, so wie es nie das Wort gehört hatte, alle, die da gezeichnet waren als die Verlorenen und Verirrten, die Aufgegebenen, die Gottlosen, die Unreinen und die Verfemten. Das ganze Neue Testament trägt noch etwas von dem Glanz und der Kraft und dem Licht dieses Ereignisses, daß das geschah, daß einer predigte und mit der Predigt allein alle die sammelte, die elend und verloren waren, daß da einmal das Volk erlebte und erfuhr, was für eine Kraft und eine Hilfe und ein Segen das Wort Gottes ist. Sie kamen – so heißt es in unserem Text – daß sie ihn hörten, sie, die Zöllner und Sünder. Das sind Leute, die reich geworden sind durch die Sünde, und Leute, die arm und elend geworden sind durch die Sünde, Leute, die ihre Volksgenossen ausgebeutet hatten in der Sucht nach dem Geld, und Menschen, die die Straße des Lasters geführt waren durch die niedrigste aller Sünden, die Außenseiter der Gesellschaft, die Menschen, von denen [131] man nicht spricht, die Verkommenen und Verarmten, die Menschen, von denen wir es ja doch immer wieder denken und wohl auch sagen: »Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie dieser Zöllner.« Sie kommen, ihn zu hören, sie nahen sich aus ihrem Elend, aus ihrem Schmutz, aus ihrer Gottverlassenheit. Wer hat das zu Wege gebracht? Bringst du das zu Wege? Bringen wir nicht etwas ganz anderes allein in unserer Verkündigung zu Wege, daß wir sie immer weiter wegtreiben, immer weiter hinein in die Wüste, in die Verlorenheit, daß all die Verirrten und Verlorenen sich vor unserer Stimme fürchten und verstecken, so wie sich Adam vor Gott versteckte, als der durch den Garten ging? Das ist die Not unserer Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern, daß dieser Klang uns fehlt, daß es über unserem Predigen steht wie ein Gericht – und wenn ich mit Zungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Sonntag für Sonntag wird immer noch bei uns gepredigt, überall wird das Evangelium gerufen und ausgerufen, aber wo geschieht dies, was da geschah? Lastet das nicht wie eine Schuld und wie ein Gericht über uns, die wir Verkündiger sind? Aber nicht nur auf uns, meine Freunde, sondern auf jedem Christen, der je schon versucht hat, einen Bruder oder einen Freund oder einen lieben Menschen zu halten, der dann erfahren mußte, wie der Strom der Zeit und die Macht des Geldes und der schmutzige Schlamm unreiner Leidenschaften und Lüste sie alle dahintrieb und niemand, niemand kehrt zurück. Wir klagen gern die gottlose Welt an, die heute immer gottloser wird, aber es gibt auch eine Anklage gegen uns, die von daher aufsteigt, meine Brüder und Schwestern. Wo ist das Wort geblieben, das uns die Heimkehr möglich macht, das uns die Umkehr möglich macht? Steht wirklich heute diese Zeit im Zeichen jener Umkehr? Hier ist der Graben, von dem ich sprach, der abgründige, furchtbare Graben, und es liegen unendlich viele treue Prediger vor dieser Sperre, erleben das in ihrem Leben tagaus, tagein, daß alle unsere Kräfte nicht ausreichen, die Brücken zu schlagen, daß unsere Stimme nicht ausreicht, den Klang hinüberzutragen, daß die Verirrung zu groß, die Verlorenheit zu tief ist, daß wir gleichsam sagen möchten: Wir haben umsonst gearbeitet. Es ist mit all unserer Verkündigung nichts; denn es sind vielleicht noch neunundneunzig Gerechte da, aber was geht’s um die? Wo ist das eine verlorene Schaf, um dessentwillen der Herr Jesus Christus sich aufgemacht hat, es zu suchen? Meine Brüder und Schwestern, es ist das Letzte, was wir sagen können darüber. Es ist viel gewonnen, wenn wir das einmal sehen, wenn wir einmal sehen den unendlichen Unterschied zwischen dem, was Jesus predigt, und wenn wir predigen, wenn die Schriftgelehrten das Wort Gottes auslegen, und wenn er, auf dem der Geist Gottes ruht, mit seinem Glanz [132] und mit seiner Kraft über das Wort seines Vaters kommt, wenn er redet, wenn er einlädt, wenn er ruft. Und es ergibt sich daraus nur das eine, die letzte Antwort darauf: »Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.« Wenn wir ganz abnehmen werden mit unserer Weisheit und mit unserem Können und unserem Reden und wenn er wieder wachsen wird, hineinwachsen wird in unsere Verkündigung, hineinwachsen wird in unser Leben, hineinwachsen wird in unser Christentum, dann wird geschehen, was da geschah: Es nahten sich aber die Zöllner und Sünder, daß sie ihn hörten! Er muß wachsen. Wollen wir jetzt noch einmal das Gleichnis hören, gleichsam sehen, wie er hier herauswächst aus diesem Gleichnis, wie er Gestalt gewinnt.

»Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und so er der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er’s finde?«

Liebe Gemeinde, alles, was die Menschen Sünde nennen, und Gottlosigkeit und Gemeinheit und Laster und Schmutz und Hartherzigkeit, das nennt unser Herr Jesus Christus mit einem Wort: Verlorenheit. Und nicht einmal so, als ob er sagen wollte: Du bist verloren, sondern unendlich viel barmherziger und unendlich viel seliger; er sagt: Mein Vater hat dich verloren. Gott hat dich verloren, du bist sein Eigentum. So wie dies eine Schaf zum Eigentum des Hirten gehört und er sich darum aufmacht, das Verlorene zu suchen, so mache ich mich darum auf, dich zu suchen, weil du das Eigentum meines Vaters im Himmel bist. Nicht wahr, das ist das, was wir gar nicht glauben können, wenn wir da mitten in die Verlorenheit hinein dieses Eine hören, daß wir gesucht werden, weil wir das Eigentum Gottes sind, weil Gott nichts verloren gehen kann, was ihm gehört, weil gerade der Mensch, von dem wir glauben: er ist verloren – und in jedem von uns gibt es diesen Menschen, von dem wir fürchten, er könnte verloren sein –, daß Jesus Christus mitten unter uns erscheint des zum Zeichen: Du bist sein Sohn; was auch immer geschehen mag und was auch immer geschehen sein mag mit dir, wohin auch immer deine Wege dich geführt haben, du bist sein Eigentum, so gewiß, als ich dich suche. Nicht darum, weil du in dir nicht verloren wärst, weil du göttliche Kräfte in dir trägst, wie die Welt uns weismachen möchte, um uns immer tiefer in die Verlorenheit hineinzuführen, nicht darum bist du Gottes Eigentum; sondern darum, weil ich dich suche, weil ich dich reklamiere als den, der Gott gehört. Der Gott gehört und nicht dir selbst und nicht der Sünde und nicht deiner Verzweiflung und nicht deiner Überheblichkeit, sondern dem Vater im Himmel, weil du dem gehörst, darum bin ich in die Welt gekommen, dich zu suchen. Darum habe ich alles andere verlassen, darum habe ich mich aufgemacht, [133] das Verlorene zu retten, damit der Triumph Gottes, der Sieg Gottes über den offenbar werde, der ihm sein Kind geraubt hat, den Verführer zum Bösen, damit an dir und deinem Leben offenbar werde, daß Gott dennoch Sieger ist. Meine Brüder und Schwestern, Jesus Christus, der uns nachgeht, ist mitten in unserer Verlorenheit der Erweis und der Beweis dessen, daß niemand verloren ist, der seine Stimme hört, daß hier der Mensch wieder zurückversetzt wird in seinen ursprünglichen Stand, daß er hier wie eine verloren gegangene Perle wieder zurückgekauft wird, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem teuren Leiden und Sterben und seinem unschuldigen Blute, damit er rein wird, wie er war.

»Und wenn er’s gefunden hat, so legt er’s auf seine Achseln mit Freuden.«

Er legt das verirrte Schaf auf seine Achseln, auf seine Schultern, damit nun der Mensch heimfinde. Den Weg, den der Mensch geführt worden ist weg von Gott, diesen Weg muß er jetzt zurückgehen, das heißt Umkehr. Aber er muß ihn nicht zurückgehen mit seinen eigenen Füßen, sondern der gute Hirte geht deinen und meinen Weg mit seinen Füßen und mit dieser Last. Jeder hat seinen eigenen Weg, auf dem er von Gott wegkommt und fernkommt, der eine durch Zweifel und Irrtümer, der andere durch Unreinheit und Unzucht, ein dritter durch Geiz oder durch Ruhmsucht; ach, meine Brüder und Schwestern, es ist kein Mensch geboren und es ist kein Mund geschaffen, der all die Wege nennen könnte, auf denen ein Menschenherz verführt wird hinweg von dem lebendigen Gott, aber jeder wird seinen Weg zurückgetragen. Es ist ein Weg des Triumphs. Durch Zweifel und Irrtümer, die dich von Gott verführten, wird dich der gute Hirte zurücktragen, durch die Unreinheit, die dich befleckte, wird dich der gute Hirte zurücktragen, seine Füße werden durch all den Schmutz gehen, und seine Seele wird mit all den Anfechtungen ringen, und du wirst auf seinen Schultern liegen, hoch darüber. Unter dir liegt dies alles nur noch wie eine alte Erinnerung, die dich nicht berühren kann, weil dich der gute Hirte hoch darüber hinwegträgt. Er legt’s auf seine Schultern mit Freuden. Der Gang des Hirten, der das verirrte Lamm auf seiner Schulter trägt, ist nicht so freudig, wie es scheint, es ist ein schwerer müder Gang, ein Gang mitten durch die Welt der Sünde und des Todes, und seine Gestalt bricht zusammen unter der Last des Kreuzes, das ihm auferlegt ist, und sein Angesicht ist entstellt durch die Dornenkrone, die er um unsertwillen ins Gesicht gepreßt bekommt von dieser Welt. Und es ist wie mit letzter Kraft, daß er heimkommt zum Ziel, mit einem Todesseufzer nur kann er das Ziel erreichen und rufen: »Es ist vollbracht.« Und doch: Freude, und doch ist das Letzte, was diesen Hirten trägt und seinen Schritt beflügelt und seine Kraft ausmacht bei seinem Lauf, dies Eine: Freude. Das Schaf, das verloren [134] war, das habe ich wiedergefunden. Meine Brüder und Schwestern, wir sind seine Freude, das ist alles. Daß er uns heimholt, uns, wie wir sind, daß wir auf seiner Schulter den Weg durch’s Leben zurückmachen, das ist seine Freude, das ist Gottes Sieg, das ist der Triumph, der durch das ganze Zeugnis des Neuen Testaments hindurchgeht: »Nun hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda.« »Nun ist nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind.« »Vater, die du mir gegeben hast, die habe ich bewahrt, und es ist keiner von ihnen verloren gegangen.« Das ist die Freude, von der hier der gute Hirte redet, daß die, die er einmal auf seine Schulter gelegt hat, nicht mehr geraubt werden können aus der Hand des lebendigen Gottes; daß ich sein Eigentum bin. Das ist auch die Freude, die unsere Freude wird, wenn er sagt: »Meine Freude wird niemand von euch nehmen.« Die Freude des Herrn Jesus Christus, daß er nicht umsonst gesucht und nicht umsonst gelebt und nicht umsonst gepredigt hat, das ist die Freude, die keine Not der Welt, kein Gefängnis, kein Tod, keine Verachtung von uns nimmt. Und nun das Letzte:

»Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen.«

Freude im Himmel und Freude auf der Erde, es ist wie Weihnachten. Es ist, als ob da plötzlich ein Engelschor oben am Himmelszelt wäre, der da sänge: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Es ist, als ob es das Wunder aller Wunder wäre, daß eines Menschen Herz gewonnen wird durch den Gang des guten Hirten, durch die Stimme des guten Hirten. Es ist, als ob der Sinn aller Welt, der Sinn der Schöpfung, der Sinn des Himmels und der Erde in dem Einen beschlossen wäre, daß eines Menschen Herz sich bekehrt zu dem lebendigen Gott. Es ist wirklich so, wie der Dichter singt: »Wenn ich dies Wunder fassen will, dann steht mein Geist vor Ehrfurcht still. Er betet an und er ermißt, daß Gottes Lieb’ unendlich ist«. Es ist wirklich so, daß das Herz aller Dinge, daß das Herz Gottes hier vor uns liegt, offen, wie es beschlossen ist in dem einen Wort: Liebe, daß uns nichts trennen kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist. Darum haben sie ihn ans Kreuz gebracht, daß diese Predigt laut würde. Daß dies geschah, das hat die Kirchenfürsten in Jerusalem nicht ruhen lassen, die Pharisäer und die Schriftgelehrten, daß das Wort lebendig wurde, daß Gott sich wieder allem Volke zeigte als der, der er ist, der Erlöser, der Helfer, der Barmherzige, der Heilende. Das hat den Hirten nicht gefallen, die davon lebten, ihre Herde [135] schlecht zu weiden, sich zu mästen von ihren Lämmern, sich zu kleiden von der Wolle ihrer Lämmer, die ihre Lämmer den wilden Tieren preisgegeben haben, denen hat es nicht gefallen, darum haben sie ihn ans Kreuz gebracht. Über dieser Tat der Liebe Gottes in Jesus Christus scheint schon hier in diesem Gleichnis wie von ferne das Zeichen des Kreuzes. Und so wird es sein und so ist es gewesen zu allen Zeiten: Wo diese Verkündigung aufbricht, wo das geschieht, wo das Wort Gottes die Herzen gewinnt, wo die Aussätzigen rein werden, wo die Blinden sehend werden und die Lahmen gehen, da wird die falsche Kirche ihre Kräfte mobil machen und ihren Bund mit dem Antichrist realisieren und in die Tat umsetzen und Leiden über Leiden, Verfolgung über Verfolgung, Schmach über Schmach über dies Evangelium häufen. Und wenn es ein Zeichen gibt in unserer Kirche, daß doch trotz allem Widerstreit solche Verkündigung wieder angefangen hat, mächtig zu werden, der Geist Gottes sich unserer Kirche erbarmt hat, dann dies, daß auch bereits wieder über uns diese Zeichen der Verfolgung offenbar geworden sind, daß auch bei uns die tote, die leere Kirche, die falschen Hirten erschrocken sind über das, was dank der Gnade Jesu Christi geschehen ist, und daß sie nun auch bei uns darauf sinnen, worauf sie gesonnen haben bei unserem Herrn und Meister, daß sie ihn umbrächten.

So ist das Kreuz für alle Zeiten zum Zeichen geworden, daran sich die Geister scheiden, und wir sind alle gefragt, und wir werden alle gefragt werden, meine Brüder und Schwestern, wohin wir bei der Scheidung zu stehen kommen, ob zu den neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen, oder zu den Geretteten, die da mit Paulus bekennen: »Uns aber, die gerettet werden, ist das Wort vom Kreuz Gottes Kraft und Gottes Weisheit.« Daß wir alle zu den Geretteten gehören möchten, daß die Liebe Gottes in Jesus Christus uns stark machen möchte, alle Leiden zu tragen, damit das Heil unser bleibt, das gebe euch und mir der lebendige Gott!

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 129-135.

Hier die Predigt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s