Hans Joachim Iwands Besinnung zur Weihnachtsgeschichte (Lk 2,8-14) von 1939: „Willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst.“

Jules Bastien-Lepage – The Annunciation to the Shepherds (1875, National Gallery of Victoria, Melbourne)

Zum Christfest (Lukas 2,8-14)

Da war Hans Joachim Iwand schon Pfarrer an der Marienkirche in Dortmund, als er 1939 für das Evangelischen Volksblatts für die Ostmark eine Besinnung zur Weihnachtsgeschichte schrieb. Großartig ist es, wie Iwand in der Verkündigung an die Hirten das Evangelium aufzeigt:

Es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde, bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht; ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.

Gebet:
Ich sehe dich mit Freuden an
und kann nicht satt mich sehen,
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O, daß mein Sinn ein Abgrund wär’
und meine Seel ein weites Meer,
daß ich dich möchte fassen.
(Paul Gerhardt)

Wer das Wunder der Heiligen Nacht, die Geburt des Herrn Christus, recht fassen will, der muß die Verborgenheit gelten lassen, in der Gott mit uns handelt. Denn nachdem die Welt die Erkenntnis Gottes verloren hat, begegnet uns Gott in einer fremden, verborgenen Gestalt. Darum gehen so viele blind an ihm vorüber und erkennen das Heil nicht, das er aller Welt in dieser Nacht bereitet hat. Denn Gott will nicht von denen erkannt sein, die ihn nicht lieben und die Sehnsucht nach der großen, göttlichen Erlösung nicht in sich tragen. Gott will sich allein denen kundmachen, an denen er [274] Wohlgefallen hat. Ihnen allein gilt das Wunder der Heiligen Nacht, es gilt den Menschen, die mit den Augen des Glaubens sehen und ihren Geist leiten lassen von Gottes Geist.

Darum offenbart sich Gott in Niedrigkeit und Knechtsgestalt, darum wird der Christus geboren in Bethlehem, am Rande der Welt, darum ist eine Krippe sein Bett und ein Stall seine Herberge. Darum läßt Gott hier sein Licht aufgehen, sein helles, strahlendes, gnadenreiches Licht, nicht im Tempel zu Jerusalem, nicht im herodianischen Palast, nicht in den Weisheitsschulen der Griechen – nein, arme, müde Hirten sind es, die ihre Herde weiden am Rande der Wüste – sie sind von Gott auserwählt, das Geheimnis der Heiligen Nacht zu vernehmen und kundzutun.

Es heißt in unserm Text: Die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie. Die Herrlichkeit des Herrn – das ist die Gegenwart Gottes selbst. Darum, weil Gottes Nähe und Gottes Glanz sie aus ihrem Schlaf reißt, heißt es von ihnen: sie fürchteten sich sehr. Denn alle demütigen Menschen weichen zurück vor Gottes Licht und Herrlichkeit. Alle demütigen Menschen wissen, daß ihr Leben, wenn es durchleuchtet wird von diesem allesdurchdringenden göttlichen Licht, enthüllt wird bis auf den Grund und daß da nichts ist, was vor Gott bestehen kann. Darum erschrecken diese Menschen, wenn sie sich plötzlich umfangen und erkannt wissen von Gott. Gerade darum hat Gott an ihnen Wohlgefallen. Wer von dieser Furcht nichts weiß, wer meint, er habe ein Anrecht auf Gott, wie das die Stolzen und Selbstgerechten tun, der geht leer aus. Darum bleibt es dunkel über Jerusalem und wird helle über Bethlehem, denn mit dem Herrn Christus geht es so, wie Maria singt:

»Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl
und erhebt die Niedrigen,
die Hungrigen füllt er mit Gütern
und läßt die Reichen leer.«

Nun seht, so wie der Glanz Gottes die Hirten in dieser Wundernacht umfing, so umfängt er jeden, dem das Heil widerfährt: als unbegreifliche, überwältigende, unbegründete Gnade. Darum fürchten wir uns – aber Gott sagt: Fürchtet euch nicht! Warum denn nicht? Darum nicht, und zwar einzig und allein darum nicht, weil der Heiland geboren ist, der Retter, der Erlöser der Welt. Die Gegenwart Gottes, die uns umfängt, heißt Vergebung, Erlösung, heißt Freundlichkeit und Menschlichkeit. Das Licht, das die Nacht in den Tag wandelt, ist der helle Schein der großen Barmherzigkeit Gottes, der mitten hineinleuchtet in das Dunkel der Welt. Das allein hilft, das hören und das glauben; denn alles andere, was wir oder andere uns sagen, um unser erschrockenes Herz zu beschwichtigen, hilft da nicht. Wir haben Grund genug, uns zu fürchten, wenn wir auf einmal in die Gegenwart Gottes gestellt werden. Es gibt nur eines, den Menschen dann frei zu machen von der Furcht, sein Herz und Gewissen froh zu machen, das ist [275] diese Kunde: Der Heiland ist geboren. Darum, willst du Gott finden, suche ihn nicht in dir, mache dich auf und suche das Kind, denn in ihm sucht dich die Liebe Gottes selbst. Er, Gott selber, legt seinen eingeborenen Sohn in die armselige Hütte der Welt, damit wir in ihm das allzeit gültige Pfand seiner Liebe hätten. Wenn das geschieht, wenn die Gnade Gottes größer wird als die Furcht, wenn uns dies Kind lehrt, wieder zu Gott Vater zu sagen – dann, ja dann ist das Wunder der Heiligen Nacht auch bei uns und an uns geschehen.

Es ist seltsam: was die Hirten lernten in dieser einzigen Nacht, lernt mancher sein Leben lang nicht. Er lernt es nicht, trotz Kirchengehen und Bibellesen. Es muß nämlich noch mehr hinzukommen, damit wir das lernen. Es muß mit der Geburt des Kindes auch in uns der Mensch geboren werden, der wieder glauben, hoffen und anbeten kann. Wie geschieht das? Wenn wir hören, wie die Hirten hörten, und glauben, was die Hirten glaubten: Euch ist heute der Heiland geboren! Auf das Heute kommt es an und auf das Euch kommt es an. Wie es an einer anderen Stelle heißt: »Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht.« Heute – das heißt: So, wie du bist, so hat dich Gott lieb. Mitten in deine Lage, mitten in deine Not, mitten in deine Bedrängnis sendet er dir den Christus, den Erlöser. Wie mag unser Heute aussehen – das Heute des Kriegsjahres 1939? Gott allein weiß, wie vielfältig sein Gesicht ist. Aber seine Herrlichkeit ist nicht gebunden an Raum und Stätte. Er legt sein Kind in die Hände derer, die heute an unsren Grenzen die Wacht halten, er läßt das »Stille Nacht, Heilige Nacht« erklingen mitten im Kriegsgetümmel, er eint die Herzen derer, die heute getrennt sind, in dieser Freude und in dieser Gewißheit: Uns ist heute der Heiland geboren. Vom Himmel her kam die Botschaft der Heiligen Nacht; so weit der Himmel reicht, läuft sie auch heute durch die weite, wüste Welt:

Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volke widerfahren soll.
Denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus der Herr …

Im Griechischen heißt das: Ich bringe euch das Evangelium der großen Freude. Daran erkennen wir: Das Evangelium von Jesus Christus ist eine Himmelsbotschaft. So wie der Glanz dieser Nacht, der die Hirten umfing, von oben kam, so auch die Botschaft, die sie hörten. Gott redet. Wer sie nicht so hört, wer hier nicht Gott selbst zu sich reden hört, der hört das »Heute« nicht, der glaubt das »Euch« nicht. Im Evangelium von Jesus, dem Heiland der Welt, spricht Gott mit uns und der spricht so freundlich, so gütig, so lieb mit uns wie kein Mensch mit uns reden kann. Gott [276] schweigt heute nicht – Gott redet. Und wenn du auch schon lange, lange Gott nicht mehr gehört hast, höre ihn heute – höre, daß dir, gerade dir der Heiland geboren ist. So haben ihn alle gehört, die je gläubig wurden, denen das Evangelium der großen Freude den Frieden der Ewigkeit brachte. Einer, der es so erfahren hat, hat es dann auch so besungen: »Ich lag in tiefer Todesnacht, du wurdest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Fried und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht’t, wie schön sind deine Strahlen!«

Es heißt, daß der Engel, der das Evangelium auf die Erde brachte, nicht allein blieb, daß das himmlische Heer, das ganze Firmament einfiel in diesen Jubelruf und der Lobpreis Gottes die Schöpfung erfüllte:

Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen!

Seht, das ist die Ehre Gottes, daß er diese große, wunderbare Erlösung der Welt bereitet. Dies Kind in der Krippe wird die Ehre Gottes wiederherstellen, die wir Menschen zerstört haben, es wird sie wiederherstellen in uns – wer dies Kind anbetet, der ehrt Gott. Und wer ihm treu bleibt bis zum Kreuz, der ehrt Gott. Und wer sich von ihm hinaufziehen läßt, heraus aus der Welt des Todes und der Sünde, hinein in das Reich des Lebens und des Geistes, der ehrt Gott. Und der Friede, von dem das Himmelsheer singt, das ist der Gottesfriede. So wie der Herr es den Seinen sagte: Meinen Frieden gebe ich euch. Es ist der Friede, der das Herz stark und gewiß macht, der Friede, der mitten im Unfrieden der Welt wirkt und leuchtet; es ist der Friede mit Gott, den das Kind in der Krippe uns bringt und der Mann am Kreuze besiegelt. Daran, daß dieser Friede mit uns zieht, wird erkennbar, daß wir von Gott nicht verlassen sind. Gottesehre und Gottesfriede – das zeichnet die Menschen aus, auf denen das Wohlgefallen Gottes ruht. Sie leben hier schon in seinem Licht, sie sind neue, wiedergeborene Menschen.

Es wird uns berichtet, daß die Hirten hingingen, weil sie dem Evangelium glaubten, und das Kind fanden, es anbeteten, dann wieder umkehrten und die frohe Kunde verbreiteten im ganzen Land. So wurden sie zu Zeugen der großen Barmherzigkeit Gottes, die ihnen selbst widerfahren war und die sie nun auch weitertrugen zu allen, die sie hören wollten. Das Licht, das ihnen erschien, hörte nicht mehr auf, zu scheinen und zu leuchten. Es dringt seit jenem Tage durch die ganze Welt. Darin haben wir ein Gleichnis des rechten Hirtendienstes, der Gott wohlgefällig ist. So wie es heißt: Ich will euch Hirten geben nach meinem Herzen, die euch weiden sollen nach Lehre und Weisheit.

Denn jeder, der diese Himmelsbotschaft hinausträgt in die Welt und die [277] Menschen heimholt zu dem Kind, das in der Krippe liegt, der wird ein Hirte sein nach dem Herzen Gottes. Er wird das Volk Gottes in der Welt sammeln, erbauen und hüten mit der Botschaft der großen Freude: Euch ist heute der Heiland geboren!

Ursprünglich veröffentlicht in der Weihnachtsausgabe des Evangelischen Volksblatts für die Ostmark, Königsberg 1939.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 273-277.

Hier der Text als pdf.

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