„In der Hoffnung werden wir wieder jung“ – Heinrich Schlier über die Hoffnung im Neuen Testament

Hans Sebald Beham (1500-1550) – Spes (Allegorie der Hoffnung)

Eine lesenswerte biblische Besinnung in Sachen „christliche Hoffnung“ hat Heinrich Schlier 1960 in der Zeitschrift „Geist und Leben“ veröffentlicht. Darin schreibt er unter anderem:

Die Hoffnung ist nicht dasselbe wie der Glaube. Sie schreitet sozusagen über den Glauben hinaus, ohne daß sie ihn verläßt. Sie schreitet so über ihn hinaus, daß sie sich im hoffenden Vertrauen niederläßt.[…]

Im Ver­trauen erweist sich die Hoffnung als ein Eintreten in das Offene des Lebens, das in Christus Jesus Aussicht hat. Hier ist alles offen. Niemand sieht außer im Hoffen und Vertrauen, daß da Aussicht ist. Nichts und Niemand nimmt dem Hoffenden und Vertrauenden das Risiko seiner Hoffnung ab und garantiert die Aussicht. Nichts und Niemand bewahrt ihn davor, daß die Hoffnung sich erst im Sterben erfüllt. Alles bleibt offen. Aber das Vertrauen weiß und die Hoffnung wagt es, daß sich mit dem Eintritt in das Offene, mit dem vertrauend-hoffenden Einlassen auf den Zug des Offenen die Aussicht öffnet, die alles offen sein läßt für sie, die Aussicht des Tote erweckenden Gottes. Die Hoffnung, die auf dem Glauben ruht und aus ihm erwächst, erhebt sich nicht nur im Vertrauen, sie eilt auch in Erwartung dem Erhofften entge­gen. Und man könnte sagen: dieses eilende Entgegenwarten ist das Eigentliche der Hoffnung. Wer wartet, ist wach. […]

Die Hoffnung, die wachsame, steht nicht nur auf, sondern reckt sich auch dem Kommen­den entgegen. Der Apostel Paulus gebraucht dafür ein sehr bezeichnendes und seltenes Wort: Apokaradokia (Phil 1,20; Röm 8,19). Es meint das gespannte, bedrängte, aber auch gewisse Erheben des Hauptes, das dem Kommenden entgegensieht, um es ins Auge zu fassen. Diese Apokaradokia sieht Paulus schon in der gebundenen Schöpfung wirksam, die der Offenbarung der Kinder Gottes wartet (Röm 8,19). Sie stellt aber auch die hochgetragene Hoffnung seiner selbst dar, daß Christus auf jeden Fall durch ihn, sei es durch Leben oder Sterben, an seinem Leib gepriesen werde (Phil 1,20). Sie ist auch gemeint, wenn Jesus zu sei­nen Jüngern sagt: „Wenn aber solches seinen Anfang nimmt, richtet euch auf, erhebet eure Häupter; denn es naht eure Erlösung“ (Lk 21,28). Doch die Hoffnung sieht nicht nur dem Erhofften aufrecht entgegen, sie geht ihm auch entgegen. In der Hoffnung bricht der Mensch auf in das Dunkel des Erhofften, das im Glauben Licht ist – „denn auch Finsternis nicht fin­ster ist bei dir und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht“ (Ps 139,12) –, läßt alles Sichtbare und Zeitige hinter sich, um vorwärts auszuschreiten und ins Unsichtbare und Zukommende auszuziehen. […]

Die Hoffnung erweist sich nach dem NT zunächst in der Heiligung des Lebens. „Jeder, der diese Hoffnung auf ihn (Christus) hat, der heiligt sich selbst, so wie jener heilig ist“, heißt es z. B. 1 Joh 3,3 (vgl. 1 Petr 1,13ff.; 2 Petr 3,11ff. u. a.). Das unheilige Wesen ist im­mer auch das hoffnungslose. Hinter jeder Unreinheit steht die Hoffnungslosigkeit, die sich an das Augenscheinliche und Augenblickliche der Lust hängt. Wo das menschliche Dasein nicht mehr in der Hoffnung zu Gott hin gespannt ist und in dieser Spannung gehalten ist, da schweift es aus, nicht etwa nur geschlechtlich, sondern auch in der Habgier, der Gier nach Habe aller Art, oder auch und allem zuvor in der evagatio mentis, in geistiger Ausschweifung, deren Symptome der Wortreichtum leeren Geredes, die Unersättlichkeit der Neugier, die Zügellosigkeit der Zerstreuung ins Vielerlei und Allerlei, die innere Rast- und Ruhelosigkeit, und schließlich die Unstetheit des Entschlusses, die Launenhaftigkeit, und die Unständigkeit des Ortes, der heimatlose Aufbruch des Entwurzelten, sind. […]

In der Freude, die ja ein Gestimmtsein des Lebens ist, liegt ein ursprüngliches Erschließen. Das aber, was sie erschließt, ist dasselbe, was die Hoffnung erschließt: die Aussicht der Geborgenheit in Chri­stus Jesus. Diese Aussicht stimmt in die Freude. Und so ist sie die erste und unmittelbare Botschaft, die die Offenheit unseres Lebens in Christus Jesus aus ihrer Verborgenheit uns sendet. Die Freude ist der Widerschein der Morgenröte, die mit dem Morgenstern Christus aufgegangen ist. Sie kündet in unseren Herzen den Tag, in dem die Hoffnung sich erfüllt (vgl. 2 Petr 1,19).

Ist die Hoffnung im Aufschwung ihrer Heiligkeit, Liebe und Freude ein Einschwingen in die überschwengliche Offenheit geborgenen Lebens, so ist klar, daß Zaghaftigkeit und Mutlosig­keit und die Müdigkeit des Daseins in ihr versinken (Vgl. z. B. 1 Tim 4,10; Hebr 10,38f.; Apk 2,3). In der Hoffnung werden wir wieder jung. Das drückt der Apostel Paulus einmal so aus: „Deshalb werden wir nicht müde, sondern, wenn auch unser äußerer Mensch sich verzehrt, unser inwendiger wird von Tag zu Tag neu. Denn das bißchen Trübsal im Augenblick“ (der das ganze Leben ausmacht!) „verschafft uns überschwenglich eine ewige Last von Herrlich­keit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare“ (2 Kor 4,16f.). Im Absehen vom Zeitlich-Vorliegenden und im Ansehen des Ewig­Unsichtbaren dringt jetzt schon der Liebesschimmer des Anblickes Gottes in unser offenes Herz. Durch ihn aber leben wir Tag für Tag neu auf inmitten aller unserer Niederlagen. Tag für Tag werden wir, die wir hoffen, jung, auch wenn wir müde und alt dahingehen. Wie spricht die Hoffnung? „Introibo ad altare Dei: ad Deum qui laetificat iuventutem meam.“ „Ich trete zum Altare Gottes: zu Gott, der mich erfreut, auf daß ich jung werde.“

Hier der vollständige Text „Über die Hoffnung. Eine neutestamentliche Besinnung“ als pdf.

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