Johannes von Lüpke über kirchliche Lehre: „ob eine Lehre den Menschen sich selbst überläßt, auf sich selbst fixiert und gerade so in letzter Unsicherheit trei­ben läßt oder ob sie die Kraft hat, einen Menschen im Glauben aus sich herauszurufen und ihn des Wirkens Gottes an ihm gewiß werden zu lassen.“

Johannes von Lüpke hatte 1997 für das Theologische Begriffslexikon zum Neuen Testament hermeneutische Überlegungen in Sachen kirchliche Lehre präsentiert, die immer noch lesenswert sind:

Lehre. Hermeneutische Überlegungen

Von Johannes von Lüpke

1. Fragen

Lehre gehört ähnlich wie Arbeit zu den fundamentalen menschlichen Kulturleistungen. Als Sprachwesen nimmt der Mensch Anteil an seiner Umwelt und der menschlichen Kommunikationsgemeinschaft; er hört und antwortet, lernt und lehrt. Die Vielfalt der Lebensbereiche, in denen sich heute die Aufgabe der Lehre stellt (Familie, Schule, Kirche, Arbeitswelt), sollte nicht den Grundvorgang vergessen lassen, der alles Lehren als einen Vollzug von Kultur charakterisiert: So wie es in der Landwirtschaft (agricultura) darum geht, ein Stück Natur so zu bearbeiten, daß es Frucht trägt und dem Menschen dient, so ist der Lehre ein sorgsamer, formender und korrigierender Umgang mit der sprachlichen Überlieferung aufgegeben. Hier wie dort geht es darum, etwas Vorgegebenes erneut fruchtbar werden zu lassen.

Im Spiegel der Gleichnisse vom Ackerbau (vgl. v.a. Mt 13,1-43, 1Kor 3,5-9; aber auch Jes 55,8-11) lassen sich Sinn, Notwendigkeit und Grenze kirchlicher Lehrbildung verdeutlichen. Notwendig ist die Arbeit der Lehre, sofern das wie der Samen auf den Acker ausgestreute Wort Gottes aufgenommen, verstanden werden und Frucht bringen soll (Mt 13,18-23). Ihre Grenze als menschliche Bemühung findet sie darin, daß nicht nur ihre Voraussetzung, sondern auch ihr Gelingen bei Gott liegt (vgl. 1Kor 3,5-9). Sie hat eine dienende Funktion im Blick auf das dem Menschen lediglich anvertraute Werk Gottes.

Im einzelnen sind folgende Fragehinsichten zu unterscheiden:

a) Was ist vorgegeben? Kirchliche Lehre ist nicht voraussetzungslos; sie ist vielmehr zurückgebunden an die Gabe des Wortes Gottes, wie es in der Heiligen Schrift überliefert ist. Sie ist eingebunden in einen von Paulus (vgl. 1Kor 15,1-3) näher gekennzeichneten Traditionsvorgang, durch den sie sich herausgefordert und normiert weiß.

b) Wo und in welchem Kontext wird gelehrt? Der primäre Ort, an dem solche Lehre betrieben wird, ist die christl. Kirche als Gemeinschaft derer, die sich im Glauben durch die Erneuerung ihres Urteilsvermögens aus der Welt herausgerufen und zugleich zum Dienst an ihr in Gestalt eines »vernünftigen Gottesdienstes« verpflichtet wissen (vgl. Röm 12,1f). In Einheit mit der Verkündigung des Evangeliums ist die rechte Lehre konstitutiv für die Kirche (vgl. CA VII). Da die Wahrheit der kirchengründenden Botschaft jedoch allem Volk (Lk 2,10), allen Völkern (Mt 28,18-20), ja aller Kreatur (Mk 16,15) gilt, hat sich die kirchliche Lehre im Wettbewerb mit anderen Weltanschauungen zu verantworten. Wahrgenommen wird diese Verantwortung insbesondere auch in Form der Theologie als einer wissenschaftlich geschulten Lehre.

c) Wie kann, Lehre gelingen? Ebenso wie die Arbeit des Landwirts ist auch das Werk der Lehre angewiesen auf unverfügbare Kräfte, ohne deren Einwirkung alle menschliche Bemühung umsonst bleibt oder gar zur Indoktrination und Manipulation verkommt. Lehre als methodisch einzuübendes Werk des Menschen hat sich selbstkritisch nicht nur auf die Freiheit der zu belehrenden Menschen, sondern auch auf die Freiheit des Heili-[1271]gen Geistes einzustellen, in dessen »Werkstatt« (vgl. EG 241,7) ein wahrhaft fruchtbringendes, gesegnetes Lernen und Lehren allererst möglich wird.

d) Wozu brauchen wir Lehre? Kirchliche Lehre ist nicht um ihrer selbst willen da; sie will vielmehr dem Leben dienen, wobei dieser mitunter allzu emphatisch als Norm und Leitwert gesetzte Begriff seinerseits der kritischen, im weiteren Sinne immer auch lehrhaften Näherbestimmung unter dem Aspekt des wahren Lebens bedarf. So spannungsreich sich Lehre und Leben zueinander verhalten, so wenig dürfen sie voneinander gelöst und auf die Extrempositionen einer lebensfremden reinen Theorie oder einer theoriefeindlichen reinen Lebenspraxis reduziert werden.

2. Unterscheidungen und Zusammenhänge

In dem markierten Spannungsfeld hat die kirchliche Lehre ihre primäre Aufgabe darin, Unterscheidungen zu treffen: zwischen Gotteswort und Menschenwort, Gottes Geist und menschlicher Vernunft, Kirche und Welt, nicht zuletzt auch zwischen Theorie und Praxis. Was sie in aller Deutlichkeit voneinander unterscheiden soll, darf sie jedoch nicht auseinanderfallen lassen. Vielmehr geht es darum, das Unterschiedene in rechter Weise zusammenkommen und miteinander kommunizieren zu lassen. Theologie als Unterscheidungslehre, wie sie v.a. von Luther eingeübt worden ist (vgl. dazu G. Ebeling, Das rechte Unterscheiden), erschöpft sich nicht in der Vermittlung von Wissen, sondern drängt auf Anwendung, auf den rechten Gebrauch der Lehre. In dieser Hinsicht ist die Theologie eine »unendliche Weisheit, welche niemals völlig angeeignet oder ausgelernt werden kann […] Reden und Lehren können wir einigermaßen, aber erst durch Erfahrung und Übung wird man zum Theologen« (Luther, WA 40 III, 63,32-34; 64,24f).

Um diese Kunst zu erlernen, bedarf es des immer wieder neuen Hörens auf das Wort der Heiligen Schrift, die nach 2Tim 3,16 (vgl. Röm 15,4) ja gerade dazu nütze ist, daß sie Lehre und Erziehung, Erkenntnis der Schuld und Befähigung zum guten Werk miteinander verbindet. Die rechte Lehre läßt den Menschen in das rechte Verhältnis zu Gott, zu sich selbst und zur Mitkreatur eintreten und bringt so das Leben selbst zurecht. Sie ist gesunde Lehre (1Tim 1,10; 2Tim 4,3; Tit 1,9; 2,1), indem sie am Vorbild der »heilsamen Worte« (1Tim 6,3; 2Tim 1,13) festhält und diese immer wieder neu zur Wirkung kommen läßt. Während im heutigen Sprachgebrauch orthodoxe Lehre unter dem Verdacht steht, ein starres Behaupten von bloßen Satzwahrheiten ohne Lebensbezug zu sein, ist die Lehre im biblischen Sinne darin wahr, daß sie das menschliche Leben in allen seinen Beziehungen heil werden läßt.

Als eine solche heilswirksame Kraft unterscheidet sich die im Wort Gottes verwurzelte Lehre von bloßen Menschenlehren, die im ntl. Zeugnis auch als Menschengebote (vgl. Mk 7,1-15 Par.; Jes 29,13), Philosophie (Kol 2,8 ,ausgeklügelte Mythen (2Petr 1,16; vgl. 1Tim 1,4; 4,7; 2Tim 4,4; vgl. Tit 1,14) oder leeres Geschwätz (1Tim 1,6; 2Tim 2,16) bezeichnet werden. Die schroffe Entgegensetzung bedeutet nicht, daß sich Göttliches und Menschliches voneinander scheiden ließen. Auch die Schrift, durch die der Heilige Geist lehrt, ist Menschenwort, und ihre vollmächtige Vergegenwärtigung geschieht nicht ohne den Dienst der Verkündigung durch menschliche Worte. Kriterium der Unterscheidung kann nur sein, ob eine Lehre den Menschen sich selbst überläßt, auf sich selbst fixiert und gerade so in letzter Unsicherheit treiben läßt oder ob sie die Kraft hat, einen Menschen im Glauben aus sich herauszurufen und ihn des Wirkens Gottes an ihm gewiß werden zu lassen. Als Kriterium in diesem Sinne gilt v.a. das erste Gebot und die unter der Selbstzusage Gottes (Ich bin der Herr, dein Gott) sich bildende Glaubensgewißheit. Um ihretwillen hat die reformatorische Theologie dem Artikel von der Rechtfertigung eine einzigartige Bedeutung zuerkannt. Nach Luther ist er »Lehrer und Fürst, Herr, Lenker und Richter über alle Arten von Lehren, welcher alle kirchliche Lehre bewahrt und lenkt und unser Gewissen vor Gott aufrichtet« (WA 39 I, 205, 2-5).

Kraft dieser Gewißheit sind alle Christen urteilsfähig und urteilsberechtigt: Es »ist kein Richter auf Erden [in geistlichen Sachen über die christliche Lehre] denn der [1272] Mensch, der den wahrhaftigen Glauben in seinem Herzen hat, er sei ein Mann oder Weib, jung oder alt, gelehrt oder ungelehrt« (WA 10 III, 263,10-12). Von diesem Grundsatz her wird verständlich, warum die evangelische Theologie das römisch-katholische Konzept eines an die kirchliche Hierarchie gebundenen Lehramtes ablehnt. Wohl aber bedarf es des Predigtamtes, damit sich im Hören auf das Wort Gottes jener »wahrhaftige Glaube« bildet, der die Menschen allererst urteilsfähig werden läßt.

3. Grundorientierung

In der Bindung an das in der Heiligen Schrift vorgegebene Wort Gottes beansprucht kirchliche Lehre den Rang einer abgeleiteten Autorität. Sie respektiert die biblischen Texte in ihrer kanonischen Geltung. Sie ist darin weise, daß sie sich etwas sagen läßt (Jak 3,17). Dabei ist es nicht damit getan, einen Extrakt von Lehrsätzen herauszuziehen und systematisch zu ordnen; vielmehr ist die Bibel auch in formaler Hinsicht lehrreich und maßgebend, in der besonderen Weise, wie es hier zur Mitteilung des Glaubens kommt. So ist z.B. die Gotteserkenntnis nicht ablösbar von den Sprachformen von Lob und Klage, wie sie in der Schule des Psalters eingeübt werden. So findet auch Jesu Verkündigung der Herrschaft Gottes in der Gleichnisrede die ihr gemäße Form: Gerade indem sie als »indirekte Mitteilung« (S. Kierkegaard) den allzu direkten Zugriff auf die »Sache« verwehrt, eröffnet sie ein Lebensverhältnis, durch das sich die Wirklichkeit des Reiches Gottes dem Menschen im Glauben mitteilt. Sofern diese Lehre mit der Gotteserkenntnis zugleich auch den Menschen sich selbst und seine Welt neu erkennen läßt, ist sie mehr und anderes als Vermittlung von Wissen; sofern sie aber an das Medium des Wortes gebunden bleibt – wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort (1Kor 13,12) –, ist sie weniger als die unmittelbare Schau von Angesicht zu Angesicht, der wir im Glauben und in der Hoffnung noch entgegengehen (vgl. 2Kor 5,7).

In dem damit bezeichneten Zwischenraum hat die Lehre Jesu ihren Ort und ihre Zeit. Die Unzulänglichkeit bloßen Wissens (vgl. 1Kor 8,1-3; 13,9) wird insbesondere dort deutlich, wo Jesus solchen Menschen begegnet, die als Schriftkundige oder als Lehrer schon um die Wahrheit wissen (Joh 3,2: »Wir wissen«; Lk 10,28: »Du hast recht geantwortet«), die dann aber doch nicht das Gewußte auf sich selbst anzuwenden und in konkreten Lebenssituationen zu beherzigen verstehen (vgl. außer Joh 3,1-10 und Lk 10,25-37 auch Mk 10,17-27 Par. und Mk 12,13-17 Par.). Intendiert ist eine Erkenntnis, die sich einer methodisch kontrollierten lehrhaften Vermittlung entzieht. Sie kann sich einstellen in der Gegenwart des Geistes (Joh 3,8). Und sie fällt als Gnade vornehmlich solchen zu, die es darauf nicht abgesehen haben (vgl. Mt 5,3; 11,25; Lk 10,21; 1Kor 1,18-30). Die apostolische Verkündigung folgt der Lehrart Jesu, indem auch sie die Argumentations- und Überzeugungsmuster der Weltweisheit durchbricht und auf den »Beweis des Geistes und der Kraft« setzt (1Kor 2,4; vgl. auch Apg 17,16-34).

Wenn Paulus im Konflikt zwischen Weisheit der Welt und Gottes Weisheit letztlich nichts anderes zu wissen behauptet als Jesus Christus und diesen als den Gekreuzigten (1Kor 2,2), ist die Grenze aller menschlichen Lehre, aber auch ihr Ursprung deutlich markiert. Das Kreuz will verstanden werden als Kritik aller menschlichen Weisheit und Wissenschaft (vgl. 1Kor 1,17-2,16), sofern diese sich alles zu unterwerfen trachtet, aber gerade so, im Streben nach Allwissenheit und Allmacht, alles zu verlieren droht. Gegenüber einer im Selbstbezug gefangenen Rationalität, die das Leben will, aber der Macht des Todes zu Diensten ist, steht das Kreuz ein für die Liebe Gottes, die dem Verlorenen nachgeht und den Menschen zuinnerst erfüllen, befreien und erneuern will. Die Kraft dieser Liebe zu begreifen, die doch alle Erkenntnis übertrifft (Eph 3,19), ist das Ziel aller christl. Lehre. Es ist zugleich der Punkt, an dem sich alle lehrhafte Vermittlung aufhebt in die Unmittelbarkeit der im Herzen empfundenen Glaubensgewißheit. Hier erfüllt sich die Verheißung: Es wird keiner den andern lehren und sagen: »Erkenne den [1273] Herrn«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr (Jer 31,34). Das Wort Gottes vollbringt, wozu es gesandt ist (Jes 55,11).

Literatur: W. Huber, Die Spannung zwischen Glauben und Lehre als Problem der Theologie, in: G. Pacht/E. Rudolph (Hg.), Theologie – was ist das?, 1977, 217-246 – J. Baur, Freiheit und Bindung. Zur Frage der Verbindlichkeit kirchlicher Lehre, in: ders., Einsicht und Glaube. Aufsätze, 1978, 249-268 – Ders., Lehre, Irrlehre, Lehrzucht, in: ders., Einsicht und Glaube. Aufsätze, 1978, 221-248 – I. Baldermann, Die Bibel – Buch des Lernens. Grundzüge biblischer Didaktik, 1980 (neubearbeitete 3. Aufl. unter dem Titel: Einführung in die Bibel, 1988) – R. Bultmann, Kirche und Lehre im Neuen Testament (1929), in: ders., Glauben und Verstehen. Gesammelte Aufsätze, Bd. 1, (1933), 81980, 153-187 – T. Koch, Die Freiheit der Wahrheit und die Not-[1274]wendigkeit eines kirchenleitenden Lehramtes in der evangelischen Kirche, ZThK 82, 1985, 231-250 – G. Ebeling, Das rechte Unterscheiden. Luthers Anleitung zu theologischer Urteilskraft, ZThK 85, 1988, 219-258 – E. Herms, Die Lehre im Leben der Kirche, in: ders., Erfahrbare Kirche. Beiträge zur Ekklesiologie, 1990, 119-156 – I. U. Dalferth, Kombinatorische Theologie. Probleme theologischer Rationalität, QD 130, 1991 – I. Baldermann, Einführung in die biblische Didaktik, 1996 – R. Hütter, Theologie als kirchliche Praktik. Zur Verhältnisbestimmung von Kirche, Lehre und Theologie, 1997.

Quelle: Lothar Coenen/Klaus Haacker (Hrsg.), Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Wuppertal: R. Brockhaus Verlag-Neukirchener Verlag, 1997, 1270-1274.

Hier der Text als pdf.

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