Jürgen Moltmann über den fehlenden Wahrheitsanspruch in der akademischen Theologie: „NEIN! Wir müssen wieder lernen, Ja oder Nein zu sagen. Ein Streit kann mehr Wahrheit enthalten als ein toleranter Dialog.“

Da kann man Jürgen Moltmann nur zustimmen, was dieser in seinem Vortrag zum Reformationsgedächtnis vom 27. Februar 2017 in Erfurt in Sachen fehlende Streitbarkeit in der gegenwärtigen Theologie thematisiert hat:

Heute haben wir es mit einer Dialoginflation zu tun. Man will mit jedem und möglichst allen „ins Gespräch kommen“. Theologie muss relational und kommunikativ sein. Der Gegenstand, über den wir sprechen, ist nicht so wichtig, die Beziehung, die wir im Dialog eingehen, ist wichtiger. Der Dialog unserer Tage dient nicht der Wahrheit, sondern der Gemeinschaft. Diese gemeinschaftssuchenden Dialoge gehen von einer Kirchengemeinschaft zur anderen, von einer Religionsgemeinschaft zur anderen. Zugleich entstehen wahrheitssuchende Dispute in allen Kirchen und in allen Religionen zwischen Konservativen und Progressiven, zwischen Fundamentalisten und Modernisten. Warum sind die gemeinschaftssuchenden Dialoge und die wahrheitssuchenden Dispute getrennt? Warum gehen Gemeinschaft und Wahrheit nicht zusammen?

In der Reformationszeit gab es öffentliche theologische Disputationen, danach entschied der Magistrat einer Stadt oder der Fürst des Landes über den neuen oder den alten Glauben, meis­tens für den neuen Glauben. In Parlamenten gibt es Diskussionen, danach folgt die Abstim­mung. Ein Plädoyer gehört in eine Gerichtsverhandlung, am Ende fällt der Richter ein Urteil. Eine Besprechung dient der Übereinkunft, eine Verabredung dem gemeinsamen Tun.

Nur in modernen „Dialogen“ gibt es kein Ziel, der Weg ist Ziel genug, und in modernen TV-Talkshows redet jede und jeder aneinander vorbei, fällt ihr ins Wort oder hält das Wort mög­lichst lange fest. Ein Ergebnis ist nicht beabsichtigt.

Es gibt einen flachen Witz über die moderne Philosophie der Kommunikation: Ein Reisender ist in einer fremden Stadt. Er fragt einen, der ihm begegnet: „Wissen Sie, wo es zum Bahnhof geht?“ Der antwortet: „Das weiß ich auch nicht, aber ich freue mich, dass wir ins Gespräch gekommen sind“. Es ist kein Wunder, dass es in der Theologie still geworden ist. Ich erinnere noch die heftigen Dispute über „Entmythologisierung“ oder ,,feministische Theologie“, um nur zwei zu nennen. Heute sind Theologen friedlich geworden. Es gibt kaum noch Streit. Die Öffentlichkeit nimmt kaum noch Notiz. „Wissenschaftliche Theologie“ hat die Kirchen ver­lassen und konzentriert sich auf Anerkennung im Haus der Wissenschaften. Dogmatik geht zur Religionsphilosophie über. In früheren Zeiten klagten die Leute über die Streitlust der Theologen, die rabies theologorum. Heute ist Theologie eine harmlose Angelegenheit gewor­den. Ist das nicht gut so?

NEIN! Wir müssen wieder lernen. Ja oder Nein zu sagen. Ein Streit kann mehr Wahrheit enthalten als ein toleranter Dialog. Wir brauchen eine theologische Streitkultur mit Entschlos­senheit und Respekt. Warum? Um der Wahrheit Gottes willen! […]

Martin Luther kultivierte eine unkultivierte Streitkultur im Zeitalter des „Grobianismus“. Er nannte seinen Gegner Schwenkfeld „Stenkfeld“ und zerschnitt in Marburg ein Tischtuch zwi­schen sich und Zwingli, wie die Legende erzählt. Für Luther war Gottes Wahrheit mehr als Freundschaft oder Respekt. Theologische Wahrheit ist einen heißen Konflikt wert, gerade unter Freunden. Theologie ohne Bekenntnis ist wertlos. Ohne Ja und Nein verkommt der theologische Dialog zum bloßen Meinungsaustausch.

Moltmanns Vortrag unter dem Titel „Die unvollendete Reformation Ungelöste Probleme – ökumenische Antworten“ ist in gekürzter Fassung über Concilium online gestellt worden.

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