Eine Predigt Luthers über die Heilige Schrift bzw. Bibel: „Ich habe nichts anderes, was mich getrost machen könnte, als dieses papierene Buch“

In einer Adventspredigt von 1531 hat Martin Luther mit Bezug auf Römer 15,2-4 über den „Trost der Schrift“ gepredigt und dabei die Bibel seinen Zuhörern als buchstäbliche Christusgegenwart nahe gebracht:

EPISTEL Römer 15,2-4: Es lebe ein jeglicher unter uns so, daß er seinem Nächsten gefalle zum Guten, zur Auferbauung. Denn auch Christus hat nicht sich selber zu Gefallen gelebt, sondern wie geschrieben steht (Psalm 69,10): »Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.« Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und den Trost der Schrift die Hoffnung festhalten.

Damit wir der Nachmittagsstunde auch ihr Recht tun, laßt uns das Wort des Apostels über die Heilige Schrift hören. Paulus hat im Vorhergehenden in dem Sinn gelehrt, daß wir die Schwachen tragen und nicht uns zu Gefallen leben sollen. Er führt dazu das Vorbild Christi in dieser Hinsicht an, wie Christus nicht sich selber zu Gefallen lebte, sondern sich erniedrigte und all die elenden Sünder mit ihrem bösen Wesens trug, wie geschrieben steht: »Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.«

Diese Lehre gehört allein vor den kleinen Haufen derer, die wahrhaft Christen sind und die das Evangelium mit Ernst meinen. Sie machen es so wie Christus, der sich nicht selbst schmeichelte und nicht sich in die Faust lachte wie die Welt, die sich über das Unglück des andern freut und darüber lacht, wenn es dem andern übel geht. Das ist keine christliche Tugend, sondern ein teuflisches Laster; wenn einer sieht, daß er in irgendeiner Sache es vermag, so steckt er den andern in seinen Sack; wenn er selber reich, mächtig usw. ist, so deutet er mit dem Finger auf den andern, der es nicht ist, oder, wenn es diesem übel geht, so lacht er. Leute dieser Art haben ihr Bild in dem Pharisäer des Evangeliums, der sagte: »Ich bin nicht wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.« Sie haben ihre Freude daran, daß andre geringer sind als sie selber. Das ist ein verbreitetes Laster, daß einer Lust hat an eines andern Schaden, wo er doch das Gegenteil tun müßte und Mitleid haben sollte mit dem, der den Schaden hat. Wenn Christus diese schändliche Tugend hätte üben wollen, so hätte er es leicht tun können. Denn er selber war heilig und rechtschaffen, und wir sind das Gegenteil; so hätte er mit vollem Recht uns vorwerfen können: ›Ihr seid Bösewichte, ich aber bin rechtschaffen.‹ Wir können das mit keinem Recht sagen, und doch tun wir’s!

Darum sollen wir die Kunst von ihm lernen, daß wir traurig sind, wenn wir einen Fehler an unsrem Nächsten sehen, vor allem wenn es sich um geistliche Dinge usw. handelt. In diesem Sinne sagt Augustin: ›Man kann bei einem Menschen an nichts so gut spüren, ob einer geistlich gesinnt ist, als daran, daß er sich nicht freut über das Unglück eines andern, und daß er nicht anfängt stolz zu tun und zu prahlen im Umgang mit solchen, die gesündigt haben und zu Fall gekommen sind usw., vorausgesetzt, daß einer nicht mutwillig sündigt und nach seinem Fall sich wieder aufrichtet. Vielmehr soll ein Christenleben sonst so sein, daß einer den andern trägt und daß er es ihm zugut hält, wenn er etwas an ihm sieht, was ihm nicht gefällt.‹ Aber leider geschieht das nicht. Es fällt den Christen schwer. Freilich, die andern mögen es so machen, daß sie lachen, wenn ein Unglück passiert; auch unsre »Evangelischen«: es wäre ihnen die größte Freude, wenn sie es erleben dürften, daß es uns schlecht geht. Wir aber, die wir wahre Christen sein wollen, sollen keine Freude haben, sondern Mitleid, wenn ein andrer ein Gebrechen zeigt. So hat es Christus gemacht. Dem ist es ernst gewesen mit seinem Mitleid, nicht bloß unsern kleinen Sünden gegenüber, sondern auch in den großen Tuns schwere treffenden Sachen, daß wir in Gottes Ungnade gewesen sind und zur Hölle verdammt waren. Er hat lieber unsre Schuld auf sich genommen, als solches zu leiden. Wenn er das getan hat, obwohl er nicht schuldig war, und sich doch unsrer in so großen Sachen angenommen hat, — was müssen dann wir in den geringen Dingen tun, die wir doch schuldig sind, während er es nicht war? Und doch tun wir es nicht!

»Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und den Trost der Schrift die Hoffnung festhalten.« Es geht also darum: Ein Christ muß Geduld haben, und zwar nicht bloß Verfolgern gegenüber, sondern auch gegen unsre eignen Leute. Ich muß nicht bloß ertragen, daß uns Könige, Kaiser, Fürsten usw. verfolgen, sondern auch von seiten meiner Brüder muß ich ertragen, daß sie gebrechlich sind und etwas an sich haben, was mir mißfällt. Die Welt sagt freilich: ›Das ist ein schlechter Trost, wenn man keinen andern Trost weiß als den: Hab Geduld! So mag man die Toten trösten!‹ Paulus aber hebt so an: »Ihr sollt Geduld haben und euch mit der Schrift trösten!« Aber das taugt der Welt nichts. Dagegen das wäre ihr ein feiner Trost, wenn einer ihr einen Sack voll Gulden gäbe usw., und daß einer mit den Fäusten dreinschlüge, wenn er keinen Erfolg hätte. Paulus aber heißt mich getrost sein und weist mich in die Schrift hinein! Die Welt lobt den, der den Mammon zum Gott hat und Weisheit und Macht, und meint: ›Was ist ein solch simpler Trost wert, bei dem man nichts bekommt als ein Wort!‹ So denkt die Welt.

Paulus dagegen sagt: ›Wenn ihr Christen sein wollt, so werdet ihr’s nicht anders haben. Schickt euch drein, daß ihr in der Geduld stehen müßt und dabei keinen Trost habt als die Schrift.‹ Das mag der enge Weg und die schmale Steige sein, die zum Leben führt. Tröste dich dessen, damit du geduldig wirst und gegen Kaiser, Bischöfe usw. getrost bist. Ist das gegen die Rotten, gegen übelwollende Nachbarn, Edelleute, Bauern, Bürger mein größter Trost, daß ich geduldig bin und die Schrift habe? Ja! Sie tun freilich, was sie wollen, fallen über mich her usw.; sie führen das Schwert, besitzen Gulden, haben Land und Leute; was habe ich dagegen? — Dieses Buch! Damit soll ich mich wehren, und ich habe nichts anderes, was mich getrost machen könnte, als dieses papierene Buch. Ein Christ muß also seine Sache darauf setzen, daß die Schrift sein Trost ist. Wenn ich mich mit dem Kaiser trösten wollte, — das ist nicht stichfest. Wenn ich mich tröste mit dem Kurfürsten von Sachsen, mit euch von Wittenberg, mit meinem Geld, mit meiner Vernunft, oder damit, daß ich alles ausführen möchte, wie ich’s im Sinn habe, so habe schon verloren. Wo sind die Leute, die in jenen ganz großen Dingen, wenn sie durch den Satan versucht werden, nichts anderes haben als den Stab, welcher Schrift heißt? Und so muß es sein; sonst kann man auf die Seite des Papstes treten und sich seiner Weisheit trösten. Darum lerne aus diesem Text, wer es nur lernen will, was die Heilige Schrift ist: daß Paulus es wagt, so kecklich zu sagen: »Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und den Trost der Schrift die Hoffnung festhalten.« Das ist nicht bloß gegen die Welt gesagt; die findet ihren Trost in einem Sack voll Gulden und einem Keller voll Bier. So ist es beim Bauern, beim Edelmann, beim Bürger: sie haben sonst keinen Trost, wenn sie nicht wissen, daß sie Geld, Korn, Bier usw. haben. Aber was dann, wenn das alles nicht helfen will im Tode und im Gericht? Ferner was dann, wenn dein Fürst auf dich, Bürger, zornig ist, und du hast einen Sack voll Gulden, und wenn der Edelmann dir, Bauer, feind ist, und du hast viel Korns — was hilft dein Geld und dein Korn, wenn es dir genommen wird? So ist’s: Wenn du in die Not kommst, ist für dich in diesen Dingen kein Trost und keine Hoffnung; zuletzt mußt du doch daher kommen, um deinen Trost in der Schrift zu suchen.

Das Wort des Apostels geht nach einer zweiten Seite: auch die Rottengeister lästern die Schrift und sagen: ›Es sind nur Buchstaben, auf Papier geschrieben; wie sollten die mich im Herzen trösten können?‹ Münzer verlachte uns und nannte uns Schriftgelehrte; aber als es ernst wurde, da wurde er zuschanden. Worin besteht unsere Lehre anders als in Buchstaben aus dem Abc? Ja gewiß. Aber sie läßt uns nicht im Stich. Denn darin besteht nun das Wort Gottes, daß es, obwohl es in Büchern geschrieben ist, die Kraft hat, die Gewissen zu trösten, und dieser Trost, den die Buchstaben geben, soll Gott im Himmel heißen! Darum predigen wir das Wort der Schrift.

Gewiß, das mündlich gepredigte Wort hat gegenüber dem Schriftbuchstabens doch ein wenig mehr Leben. Gott hat so gesagt: Wenn ein Priester tauft, soll er das Kinds aus der Macht des Teufels in das Reich Gottes versetzen; und er errettet’s durch sein Wort auch wirklich vom Teufel, und so sind alle Heiligen seit der Zeit der Apostel vor dem Teufel errettet worden. Ebenso ist es, wenn ich bei der Beichte das mir gesagte Wort der Vergebung höre: das macht mich selig. Ebenso ist es, wenn ich in der Predigt ein mündliches Wort höre; es ist an sich nichts anderes als das eines Bauern im Wirtshaus. Allein, es handelt von Christus und ist ein Wort des Heils, der Gnade und des Lebens, das alle errettet, die daran glauben.

Aber ebenso ist es auch, wenn du nicht zur Predigt gehen kannst. Dann sagt Gott: ›Diese Schrift da, die du liesest, besteht zwar nur aus Buchstaben, und doch, weil in ihr dieser Mann Jesus Christus geschildert ist, gibt sie dir das Leben.‹ Das sind ganz große Wunder, daß Gott sich so tief herunterläßt und sich in Buchstaben hineinsenkt und sagt: Da hat mich ein Mensch abgemalt; dem Teufel zum Trotz sollen diese Buchstaben da die Kraft geben, Menschen zu erlösen. Die Heilige Schrift ist also ein Wahrzeichen, das Gott dahinsetzt; wenn du es annimmst, bist du selig, nicht weil die Schrift mit Tinte und Feder geschrieben ist, sondern weil sie auf Christus hinweist. Ebenso ging es Israel in der Wüste; da befahl Gott dem Mose: »Errichte einen Pfahl und bringe eine eherne Schlange daran an; wer von einer Schlange gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.« Was war das? Nur zwei Buchstaben, das Kreuzholz und die Schlange, ein S und ein C; und doch wurde von Gotts hinzugefügt: »Wer die Schlange anschaut, der soll am Leben bleiben.« Gott sagte also: ›Das Holz und die Schlange will ich haben, und sie sollen solche Kraft besitzen, daß, wer sie anschaut, gerettet werden soll.‹ Ebenso ist es hier. Sein Wille ist droben im Himmel verborgen, und doch sagt er: Diese Schrift habe ich schreiben lassen, und wer daran glaubt, den will ich getrost machen. Aber die Rottengeister, diese Bösewichter, heben nicht bloß die Schrift auf, sondern auch das mündlich gepredigte Wort, durch welches sie doch überhaupt erst in den »Geist« geführt worden sind, mit dem sie sich groß machen; sie haben ja auch zuerst davon hören (oder lesen!) müssen. Ich jedenfalls bin so dazugekommen, daß ich von Christus durch die Schrift und das mündliche Worts verkündigen hörte, er sei für uns gestorben.

Darum will uns Paulus dem Befehl Christi gemäß sagen, wir sollen die Schrift in großen Ehren halten, weil sie uns die Geduld lehrt, die wir brauchen. ›Nichts‹, sagt er uns, ›kann ich predigen, als daß das Reich Christi ein Reich der Geduld und des Leidens ist‹. Wenn man uns Leid antut in der Welt und der Teufel uns plagt, so ist’s recht. Christus selbst hat gesagt: »Die Welt wird euch hassen.« Wer uns deshalb feind ist, der tut uns unser Recht; das gehört uns zu, weil dieses Reich und dieses Leben nicht ein herrliches, sondern ein leidendes Leben heißen soll. Indessen aber tun jene gottlosen »Evangelischen« nicht wohl daran wenn sie, die doch Christen sein wollen, uns auch mit ihrem Haß verfolgen; tut doch ein Christ einem andern nicht Unrecht. Dagegen von seiten derer, welche keine Christen sind, sollen wir uns auf nichts anderes gefaßt machen als auf Leiden; und ihnen gegenüber ist unser Leben zum Geduldig-sein bestimmt. »Ich bin zu Leiden gemacht.« Wer sich dazu nicht verstehen will, der findet im Papst oder den Fürsten bessere Freunde; die geben ihm Geld und Gut genug. Wer aber ein Christ ist, der schicke sich darein; da heißt’s Geduld haben und es leiden, daß man mir Schaden antut an Gütern, Ehre, Leib und Leben, an Weib und Kindern. Denn so soll es sein.

›Wie tröste ich mich dann?‹ — »Ich kann dir nicht helfen: du mußt leiden.« — ›Aber ich kann es nicht‹, sagst du. — »Ich will dir einen Trost geben.« — ›Was für einen?‹ — »Die Schrift!« — ›Aber damit gibst du mir bloß Wörter und Buchstaben; ich will nicht bloß ein Wort; das ist ein Strohhalm!‹ — Wenn du die Schrift nicht zum Trost willst, so geh hin zu denen, die volle Kornsäcke haben und Gulden und Weisheit usw. Aber wenn du tief in die Schrift hineinschaust, so wirst du Christus und sein Wort darin finden. Es mag dir also das nichtsnutzige, leere und zerbrochene Strohhälmchen vorkommen; aber glaub mir, was für eine große Macht darunter beschlossen ist! Dieses Wort, das ich dir ins Herz gebe, soll dir niemand umstoßen: kein Kaiser, und keine Welt und keine Schätze der Welt, weder Kornsäcke noch Gulden; und es soll ein starker Baum werden, ja ein Fels. Dem wird die Welt sich zwar widersetzen, aber sie wird nichts erreichen. Denn wo die Schrift ist, da ist Gott; denn sie gehört ihm und ist sein Wahrzeichen, und wenn du sie annimmst, hast du Gott angenommen. Was meinst du von einem solchen Nachbarn, der Gott heißt? Was kann da Tod und Welt machen? Laß die Schrift Tinte, Papier und Buchstaben sein! Aber einer ist dabei, der sagt, sie sei sein, und das ist Gott, im Verhältnis zu dem die Welt nur ein Tröpflein am Eimer ist. Vor der Welt ist’s ein schlechter Trost, wenn Paulus zur Geduld mahnt, und es klingt schwächlich, wenn man sagt, man solle einen Spruch aus der Schrift lesen und in die Ohren sagen. Und doch soll einem hier ein solcher Herr begegnen, dem gegenüber die Welt nichts ist. Es liegt alles am Glauben. Wenn du es nach der Vernunft mißt, so klingt es töricht, da ja hier ›Trost geben‹ nicht heißt: einen mit Gut, Ehre, Gulden usw. erfreuen. Allein wag’s und nimm einen Spruch aus der Schrift und halt ihn fest; wie es heißt: »Seid getrost und unverzagt, alle, die ihr des Herrn harret«.

Paulus bezieht unsern Text zunächst auf das Laster, daß wir uns zu Gefallen leben; statt dessen solle einer den andern tragen, wie ich heute auch schon gesagt habe. Es ist schwer, daß man so viel tragen muß; böse treffende Stücke treiben alle Stände. Es läge uns näher, uns zur Wehr zu setzen. Aber es heißt leiden und geduldig sein. Die Geduld wird uns dahin bringen, daß wir hoffen. Zu hoffen lernt man nicht, wenn wir nicht geplagt und müde sind. So geht es ganz besonders mir; ich habe es schon oft fast nimmer ertragen können, aber die Hoffnung erhält mich. Zu dieser Hoffnung treiben uns unsre Widersacher, indem sie uns Geduld im Leiden lehren; diese Hoffnung kommt durch Geduld und durch die Schrift. Und was wir jetzt hoffen, — was gilt’s, ob wir damit zuschanden werden? So heißt es Röm 5,5: Was wir gepredigt und geglaubt haben, das wird uns nicht schamrot werden lassen.

Gepredigt am Nachmittag des zweiten Adventsonntags, 10. Dezember 1531 in Wittenberg.

WA 34/II, 483-490.

Hier die vollständige Predigt als pdf.

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