Der italienische Geschichtsschreiber Galeatius Capella hat den mailändischen Krieg von 1521-1530 in seinen Wechselfällen und damit ein Stück der Renaissancepolitik in Oberitalien beschrieben, in die auch das Papsttum verstrickt war. Der Nürnberger Prediger Wenzeslaus Link hat seine Darstellung ins Deutsche übersetzt. Zur Erstausgabe der Linkschen Übersetzung 1538 in Wittenberg steuerte Luther eine Vorrede bei, in der er den Nutzen der Geschichtsschreibung skizziert und dabei einem rhetorischen Geschichtenkonzept (an Stelle einer idealistischen Geschichtsidee) folgt.
Vorrede zu Historia Galeatii Capellae (1538)
Von Martin Luther
Es spricht der hochberühmte Römer Varrol, daß es die allerbeste Weise sei zu lehren, wenn man zum Wort Exempel oder Beispiele gibt; denn die bewirken, daß man die Rede klarer versteht, auch viel leichter behält. Sonst, wenn die Rede ohne Exempel gehört wird, wie gerecht und gut sie immer sein mag, so bewegt sie doch das Herz nicht so sehr, ist auch nicht so klar und nicht so fest zu behalten. Darum ist es ein sehr köstliches Ding um die Historien. Denn was die Philosophen, weise Leute und die ganze Vernunft lehren oder erdenken können, was zum ehrlichen Leben nützlich ist, das gibt gewaltig die Historie mit Exempeln und Geschichten und stellt es gleich so vor die Augen, als wäre man dabei und sähe es alles so geschehen, was sonst die Worte durch die Lehre in die Ohren getragen haben. Da findet man beides: wie die getan, gelassen, gelebt haben, die fromm und weise gewesen sind, und wie es ihnen ergangen ist oder wie sie belohnt worden sind, aber andererseits auch, wie die gelebt haben, die böse und unverständig gewesen sind, und wie sie dafür bezahlt worden sind.
Wenn man gründlich darüber nachsinnt, so sind aus den Historien und Geschichten fast alle Rechte, Kunst, guter Rat, Warnung, Drohung, Schrecken, Trösten, Stärken, Unterricht, Vorsichtigkeit, Weisheit, Klugheit mit allen Tugenden wie aus einem lebendigen Brunnen gequollen. Das kommt daher: Die Historien sind nichts anderes als Anzeigung, Gedächtnis und Hinweis göttlicher Werke und Urteile, wie er die Welt, besonders die Menschen, erhält, regiert, hindert, fördert, straft und ehrt, je nachdem ein jeder verdient, Böses oder Gutes. Und wenn es auch viele sind, die Gott nicht erkennen noch achten, so müssen sie doch an den Exempeln und Historien stutzig werden und befürchten, daß es ihnen nicht auch so gehe wie dem und dem, wie sie durch die Historien vor Augen gerückt werden. Dadurch werden sie stärker bewegt, als wenn man sie nur mit bloßen [178] Worten des Rechts oder der Lehre abhält und ihnen damit wehrt. So lesen wir denn nicht allein in der heiligen Schrift, sondern auch in den heidnischen Büchern, wie sie der Vorfahren Exempel, Worte und Werke anführen und vor Augen halten, wo sie etwas beim Volk durchsetzen wollen oder wenn sie vorhaben zu lehren, zu ermahnen, zu warnen, abzuschrecken.
Darum sind auch die Historienschreiber die allernützlichsten Leute und besten Lehrer, so daß man sie niemals genug ehren, loben oder ihnen Dank sagen kann. Das sollte ein Werk der großen Herren wie der Kaiser, Könige sein, daß sie die Historien ihrer Zeit mit Fleiß schreiben und in der Bücherei ordentlich verwahren ließen, auch keine Kosten scheuten, die erforderlich wären, solche Leute, die dazu tüchtig sind, zu unterhalten und heranzubilden, wie man besonders in den Büchern der Richter, Könige, Chroniken sieht, daß beim jüdischen Volk solche Meister bestellt und unterhalten worden sind. So auch bei den Königen in Persien, die solch eine Bücherei in Medien gehabt haben, wie man dem Buch Esra und Nehemia deutlich entnehmen kann (Esr.6,2). Überdies müssen heutigentags die Fürsten und Herren ihre Kanzleien haben, in denen sie ihre eigenen, neuen und alten Sachen aufheben und ablegen. Wieviel mehr sollte man während der ganzen Zeit ihres Regiments eine Historie von allen und zumindest von den wichtigsten Sachen abfassen und den Nachkommen hinterlassen.
Und worüber haben wir Deutschen mehr zu klagen, als daß wir die Geschichte und Exempel unserer Vorfahren vor tausend Jahren nicht haben und fast nichts darüber wissen, wo wir hergekommen sind. Anstatt dessen müssen wir die Historien aus anderen Nationen gebrauchen, die vielleicht nebenbei und zu ihren eigenen Ehren unser gedenken müssen. Weil Gottes Werk ohne Unterlaß vor sich geht — wie Christus spricht: »Mein Vater wirkt bis hierher, und ich auch« (Joh.5,17) —, so kann es nicht [179] ausbleiben: Es muß zu jeder Zeit etwas Bemerkenswertes geschehen sein, das man gebührend beachten sollte. Und wenn auch nicht alles aufgelesen werden könnte, so sollten doch die wichtigsten Stücke aufs kürzeste festgehalten werden, wie es denn auch etliche gemeint haben, die von dem Dietrich von Bern und anderen Recken Lieder gemacht und damit viele große Sachen kurz und schlicht dargestellt haben.
Aber es gehört ein trefflicher Mann dazu, der ein Löwenherz haben muß, unerschrocken die Wahrheit zu schreiben. Denn die meisten schreiben so, daß sie ihrer Zeit Laster und Unfälle den Herren oder Freunden zuliebe gern verschweigen oder zum besten umdeuten, geringe oder nichtige Tugend dagegen allzu hoch aufbauschen; oder aber zugunsten ihres Vaterlandes und zuungunsten der Fremden die Historien ausschmücken oder besudeln, je nachdem sie jemanden lieben oder ihm feind sind. Damit werden die Historien über die Maßen unzuverlässig, und Gottes Werk wird schändlich verdunkelt, so wenn man den Griechen Schuld gibt, wie auch des Papstes Heuchler bisher getan haben und noch tun. Zuletzt kommt es dahin, daß man nicht weiß, was man glauben soll. So verdirbt der edle, schöne, höchste Nutzen der Historien, und es werden eitel Schwätzer daraus. Das kommt daher, daß solch hohes Werk, Historien zu schreiben, einem jeden freisteht. Der schreibt dann und verschweigt, lobt und schilt, was ihn gut dünkt.
Darum sollte dieses Amt von hervorragenden Leuten oder jedenfalls von dazu beauftragten Leuten ausgeübt werden. Denn weil die Historien nichts anderes als Gottes Werke, das heißt Gnade und Zorn, beschreiben, denen man mit gutem Recht so glauben muß, als wenn sie in der Bibel stünden, sollten sie wahrlich mit allerhöchstem Fleiß, Treue und Wahrheit geschrieben werden. Aber das wird nun, so denke ich, nicht geschehen, es sei denn, es käme die Ordnung wieder, die bei den Juden gewesen ist. [180] Indes müssen wir uns begnügen lassen an unseren Historien, wie sie sind, und zuweilen selbst denken und urteilen, ob der Schreiber etwa aus Gunst oder Ungunst schlittert, zu viel oder zu wenig lobt und schilt, je nachdem er den Leuten oder Sachen geneigt ist. So wie wir es auch hinnehmen müssen, daß die Fuhrleute unter solch einem losen Regiment den Wein (auf der Reise) über Land mit Wasser fälschen, daß man den reinen, gewachsenen Trank nicht kriegen kann, und uns damit begnügen lassen, daß wir doch das meiste oder etwas davon kriegen.
Aber dieser Historiker Galeatius Capella macht mir dennoch den Eindruck, als habe er einen rechten Historienschreiber abgeben und die Sachen nicht mit weitläufigen, überflüssigen Worten, sondern kurz und gründlich dartun wollen. Und überdies ist es eine Sache, die wohl zu lesen und zu behalten ist, weil man darin auch Gottes Werk gut sehen kann — wie wunderbar er die Menschenkinder regiert und wie gar böse der Teufel ist und seine Glieder, damit wir Gott fürchten und seinen Rat und Hilfe suchen lernen, in großen und kleinen Sachen. Dem sei Lob und Dank in Ewigkeit, durch unseren Herrn Jesus Christus, Amen.
Quelle: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Bd. 5, Frankfurt a. Main, 21983, 176-180.