Friedrich Mildenberger, Der Prediger Salomo: „Nein! Ich wollte es nicht anders gehabt haben, dies Leben, als es gewesen ist. Aber ich wollte es auch nicht noch einmal leben, wollte nicht noch einmal von vorne anfangen. Es war gut so, wie es gewesen ist bisher. Aber es ist auch gut, dass ich nun soweit bin.“

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Friedrich Mildenberger

Mein theologischer Lehrer Friedrich Mildenberger (1929-2012) wusste den Prediger Salomo besonders zu schätzen. Im Rahmen zweier Bibelwochen 1986 und 1987 hatte er dieses biblische Buch für die Gemeinde ausgelegt. Wirklich lesenswert.

Das Leben – erfahren und gelebt vom Prediger Salomo

Von Friedrich Mildenberger

Vorwort

1. Hören und Fragen – das macht kluge Leute

1.1. Eine erste Einführung: Gott ist im Himmel und du auf Erden (4,17-5,2)

1.2 Eine zweite Einführung: Was herauskommt im Leben (1,2-11)

1.3. Was sich machen lässt im Leben – und worauf einer warten muss (1,12-18; 2,11.24-26)

2. Bei dem bleiben, was da ist – das ist Gottes Gunst

2.1. Alles hat seine Zeit – aber wer weiß seine Stunde (3,1-9)

2.2. Was Gott tut – das besteht (3,10-15)

2.3. Im Todesschatten steht unser Leben (3,16-22)

3. Gott lässt uns Menschen leben – auch zwischen Schuld und Tod (6,10-12)

3.1. Sprüche, die sagen, was für den Menschen gut ist (7,1-14)

3.2. Wer es erzwingen will, dem missrät’s (7,15-24)

3.3. Schuld überschattet, was Menschen tun (7,25-8,1)

4. Trotzdem: Ein Ja zur Erde und zum Leben

4.1. Das unergründliche Geheimnis des Todes (8,16-17; 9,1-6)

4.2. Ja sagen zum Leben, das Gott gibt (9,7-12)

4.3. Im Hören findet sich die rechte Lebensweisheit (9,13-18)

Es ist gut, gelebt zu haben (11,9-12,8)

Vorwort

Die hier vorgelegte Auslegung des Predigers wurde als Bibelwoche im März 1986 in Egloffstein und im Januar 1987 in Weingartsgreuth gehalten. Ich danke den Gemeinden und ihren Pfarrern, dass sie mich genötigt haben, mich auch mit einer solchen Gestalt der Schriftauslegung, wie sie hier verlangt wird, zu befassen. Der vorgelegte Text gibt wieder, was an den vier Abenden und in der Predigt am darauffolgenden Sonntag gesagt wurde.

Dass es gerade der Prediger ist, dem die Auslegung gilt, das hat eine Reihe von Gründen. Nicht nur den, dass dieses Buch der Bibel mir schon seit vielen Jahren besonders lieb geworden ist. Wie hier von Gott geredet wird, das ist wichtig gerade in unserer Zeit, die ein solches Reden kaum mehr aufbringt, sondern nur noch von dem reden kann, was Menschen tun sollen. Allenfalls die Gottesbilder nennt man dann noch, und fragt, wie weit sie das richtige menschliche Tun hemmen oder fördern. Da ist es dann gut, darauf zu achten, wie der Prediger Gott und Welt zusammendenkt und zusammenspricht. Tröstlich geschieht das, auch wenn es vielleicht eine Weile braucht, das zu entdecken. Viel verdanke ich dabei für mein Verständnis der Auslegung dieses Buches durch Martin Luther. In seiner Vorrede zum Prediger schreibt er: Dieses Buch ist ein Trostbuch, in dem der Prediger lehrt, wider die Unlust und Anfechtung geduldig und beständig sein im Gehorsam und immerdar des Stündleins in Frieden und Freuden harren. Und was er nicht halten noch ändern kann, immer fahren lasse. Es wird sich wohl finden.

Entwurf, Satz und Erstellung des Stichwortverzeichnisses besorgte Wolfgang Stumptner, Studieninspektor am Werner-Elert-Heim in Erlangen.

Erlangen, im Advent 1987

Friedrich Mildenberger

1. Hören und Fragen – das macht kluge Leute

1.1. Eine erste Einführung: Gott ist im Himmel und du auf Erden

Prediger 4,17-5,2

Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörest. Das ist besser, als wenn die Toren Opfer bringen; denn sie wissen nichts als Böses tun. Sein nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden; darum lass deiner Worte wenig sein. Denn wo viel Mühe ist, da kommen Träume, und wo viel Worte sind, da hört man den Toren.

Wer das ist, dieser „Prediger Salomo“, der da zu uns redet, darüber muss ich bei Gelegenheit einiges sagen. Aber zunächst ist diese Person gar nicht so wichtig; wie es wohl überhaupt nicht so wichtig ist, was für ein Mensch hinter diesem oder jenem Wort und Buch der heiligen Schrift steht: Paulus, der Apostel; oder Mose, der Gesetzgeber; oder Jesaja, der Prophet; oder Johannes, der Evangelist. Alle miteinander sind sie ja Leute, die ihren Auftrag haben. Und darauf kommt es an, dass wir diesen Auftrag verstehen – und den, der diesen Menschen ihren Auftrag gegeben hat. Gewiss braucht es zum Verstehen auch das Hinhören auf diesen und jenen Menschen in seiner Eigenart. Darum werde ich zu diesem Prediger Salomo ja auch noch einiges sagen. Aber zu allererst brauchen wir die Bereitschaft, auf das zu hören, was uns Gott sagen will. Zuhören, das ist das erste. Darum habe ich aus diesem biblischen Buch zum Eingang die Worte gewählt: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörest.“

Aus den paar Sätzen dieses ersten Textabschnittes lässt sich auch schon etwas davon erfassen, wie dieser Prediger Salomo redet, jedenfalls in weiten Teilen seines Buches: Er redet in Sprüchen, so, wie das die Weisheitslehrer in Israel getan haben. Als solch einen Lehrer bezeichnet ihn ein Nachwort zum Predigerbuch. Freilich ist mit diesem Hinweis auf seinen Beruf noch nicht viel über diesen Mann gesagt: „Der Prediger war ein Weiser und lehrte auch das Volk gute Lehre, und er erwog und forschte und dichtete viele Sprüche.“ (12,9). In solchen Sprüchen, die er selbst gedichtet hat, oder die er von anderen gelernt und dann weitergegeben hat, redet dieser Prediger zu uns. Er macht es nicht so, dass er einen Gedanken breit entwickelt, wie ich das etwa von meiner theologischen Wissenschaft her gewöhnt bin. Da werden Sprüche aneinandergereiht, und ein Spruch erklärt den anderen. Einer von diesen Sprüchen hier, der haftet besonders leicht, gerade weil er sagt, was uns allen selbstverständlich ist: „Gott ist im Himmel und du auf Erden“.

Doch müssen wir nun gerade auf diese scheinbar selbstverständliche Wahrheit achten. Wäre sie bloß selbstverständlich, dann brauchte sie der Prediger gar nicht erst zu sagen. Aber dass er sie sagt, und was er damit sagt, das ist wichtig für alles andere, was er uns sonst noch – und vor allem sagen will. Hier stellt er zweierlei Verhalten einander gegenüber: Hören und Opfer bringen. Und er sagt auch gleich dazu: Hören, das ist besser als Opfer bringen.

Da muss einer also Bescheid wissen, um sich richtig zu verhalten: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörest. Das ist besser, als wenn die Toren Opfer bringen; denn sie wissen nichts als Böses zu tun.“ Obacht! so heißt das. Es ist nicht gleichgültig, wie du vor Gott trittst. Der ist ein Tor, der meint: Wenn ich zu Gott komme, dann will ich ihm auch etwas mitbringen. Der denkt: Bei Gott ist das doch genau so wie bei den Leuten. Man weiß da nicht immer, ob man auch willkommen ist, wenn man irgendwo hingeht. Wenn ich etwas Rechtes mitbringe – einen Blumenstrauß, eine Schachtel Pralinen, eine Flasche Wein -, dann müssen sie mich freundlich empfangen. Wer so denkt, der ist ein Tor, sagt der Prediger. Toren, das sind die Leute, die nicht Bescheid wissen, denen missrät, was sie tun, weil sie keinen Durchblick haben. Erst recht missrät es ihnen dort, wo sie es mit Gott zu tun bekommen: „Denn Gott ist im Himmel und du auf Erden.“ Wie kann einer dann bloß denken: Bei Gott, da ist es so, wie bei den Leuten? Also: Wer etwas mitbringt, der ist gern gesehen, und wer nichts mitbringt, der braucht gar nicht erst zu kommen!

Nun kommen wir ja nicht wie die Israeliten zur Zeit des Predigers mit einem Lamm ins Gotteshaus oder mit einem Paar Tauben, um die zu opfern. Aber vielleicht denkt einer so: Schon dass ich komme, das muss doch für Gott eine rechte Freude sein. Denn wie viele kommen nicht! Und ich selbst wüsste ja beispielsweise am Sonntag Vormittag auch etwas anderes zu tun! Und unser Opfer haben wir ja auch dabei, eine Mark oder auch fünf; und wenn wir zum Tisch des Herrn gehen, sind es vielleicht auch fünfzig oder hundert Mark. So gehört sich das, haben wir gelernt. Und was wir da gelernt haben, das kann doch nicht einfach falsch gewesen sein!

Richtig! Ich bin der Letzte, der dagegen etwas sagen will. Was aber meint er dann, der Prediger, wenn er sagt: Die Toren, die, denen es immer wieder missrät, die kommen zum Opfern ins Gotteshaus? Es ist wichtig, was er da zu sagen hat: Was ihr mitbringt, wenn ihr so kommt, das bringt ihr für die Kirche mit. Den Pfarrer freut es, wenn die Gaben reichlich fließen, und das Geld wird ja auch nötig gebraucht und gut angewendet. Aber denkt daran, ihr Leute: „Gott ist im Himmel und du auf Erden.“ Jawohl! Die Kirche braucht deine Gabe, und der Pfarrer freut sich, wenn die Leute gerne und oft ins Gotteshaus kommen, und wenn überhaupt etwas läuft in so einer Kirchengemeinde. Aber Gott, der braucht nicht dich! Nein, umgekehrt ist da richtig gedacht: Du brauchst Gott! Darum komm, um auf ihn zu hören. Denn darauf kommt es an.

Den Toren, den Leuten, die keinen Durchblick haben, denen missrät gerade das. Denn sie haben bloß sich selber im Kopf: Wie mach ich’s, dass ich gern gesehen bin? Wie stell ich’s an, dass es mir gerät? Wie mach ich’s besser als alle anderen? Sich selber haben sie im Kopf und sonst nichts. Und verraten sich gleich damit, dass sie bloß von sich selber zu reden wissen, bei den Leuten, wie vor Gott! Auch das gibt es ja: So ein geschwätziges Gebet, in dem sich einer selbst zu wichtig nimmt. „Darum lass deiner Worte wenig sein“, mahnt der Prediger. Auch Jesus selbst hat das gesagt: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.“ (Matthäus 6,7)

Diese Art von Torheit, von der da die Rede ist, die kennen wir alle; und wissen wohl, wie einem so ein Tor auf die Nerven gehen kann, der bloß sich selber im Kopf hat, und nur von sich selber zu reden weiß. Der Prediger unterstreicht das auch noch einmal, indem er ein Sprichwort nennt: „Wo viel Mühe ist – viel Betrieb den ganzen Tag lang – da kommen Träume – auch im Schlaf kann einer dann nicht mehr abschalten – , und wo viel Worte sind, da hört man den Toren“. Jawohl, da fordert er uns nun doch selber auf, eine Nutzanwendung von den Leuten auf Gott zu machen: Meinst du, wenn du nichts anderes weißt, als bloß von dir selber zu reden, das gefalle Gott besser als den Leuten, denen du damit auf die Nerven gehst?

Eine nötige Ermahnung ist das, eine Warnung vor einer Torheit, zu der jeder nur allzu leicht geneigt ist. Aber das heißt nun nicht: Also meide Gottes Haus. Töricht wäre es, wenn sich einer selbst zu wichtig nimmt und dann auch noch meint, Gott selber müsse ihn doch genau so wichtig nehmen. Aber töricht wäre es erst recht, wenn einer nun meinte: Ehe ich Gott auf die Nerven gehe, will ich lieber gar nichts mit ihm zu tun haben. Wie ich mich im Gotteshaus zu benehmen habe, das weiß ich nicht so genau. Ehe ich da etwas falsch mache, will ich lieber erst gar nicht hingehen! Erst recht töricht wäre das: Denn wir brauchen Gott. Genauer: Das Hören, das haben wir alle nötig. „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörest. Das ist besser, als wenn die Toren Opfer bringen.“

Das schärft er uns zuerst einmal ein, der Prediger: Hören sollt ihr, denn das habt ihr nötig. „Denn Gott ist im Himmel, und du auf Erden.“ Töricht wäre das, so richtig dumm, wenn einer meinte: Mit meinem Herrgott komme ich schon zurecht. Und dächte dabei: so etwas wie ein Mensch ist dieser Herrgott, bloß natürlich viel, viel größer. Darum kann ich ihm kommen wie den Leuten, wenn ich nur schlau genug bin! Immer wieder sind wir versucht, Gott so zu denken, wie einen Menschen, bloß eben viel, viel größer und viel, viel stärker. Eine solche Torheit, von der im Buch des Predigers viel die Rede ist, die liegt jedem Menschen nahe, auch uns. Darum müssen wir es immer wieder anders lernen. Und wie sollten wir es anders lernen, als wenn wir auf Gottes Wort achten. „Denn Gott ist im Himmel und du auf Erden.“

Der Prophet Jesaja hat das im Namen Gottes so gesagt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jesaja 55,8-11)

Wir beten:

Du unser Gott bist im Himmel und wir sind auf Erden. Das lass uns nicht vergessen, damit wir nicht zu Toren werden, die nicht fassen können, dass du Gott bist und nicht ein Mensch. Lass uns auf unsere Gedanken achten, mit denen wir zu dir kommen. Lass uns hören, jetzt und alle Zeit, die du uns leben lässt vor deinem Angesicht. Dein guter Geist sei mit uns und helfe uns zu solchem Hören.

Amen.

O heiliger Geist, o heiliger Gott,

du Tröster wert in aller Not,

du bist gesandt von Himmels Thron

von Gott dem Vater und dem Sohn

O heiliger Geist, o heiliger Gott!

O Heiliger Geist, o heiliger Gott,

gib uns die Lieb zu deinem Wort;

zünd an in uns der Liebe Flamm,

danach zu lieben allesamt.

O heiliger Geist, o heiliger Gott!

(EG 131,1.2)

1.2 Eine zweite Einführung: Was herauskommt im Leben

Prediger 1,2-11

Es ist alles eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie dort wieder aufgehe Der Wind geht nach Süden und dreht sich nach Norden und wieder herum an den Ort, wo er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fließen, fließen sie immer wieder Alles Reden ist so voll Mühe, dass niemand damit zu Ende kommt Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt Was geschehen ist, eben das wird hernach sein Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder und es geschieht nichts Neues unter der Sonne Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: Sieh, das ist neu? Es ist längst vorher auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind Man gedenkt nicht derer, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.

Ein Weisheitslehrer ist der Prediger. Aber zuallererst ist er ein weiser Mann. Nicht nur Sprüche hat er gesammelt, und die dann weitergegeben. Auch Erfahrungen hat er gesammelt, und hat dann versucht, diese Erfahrungen auf einen Nenner zu bringen. So gehört sich das ja für einen weisen Mann, für einen, der das Leben kennt. Und so fragt er denn, was eigentlich herauskommt im Leben: „Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?“ Seine Antwort, die hat er schon vorweggeschickt, und diese Antwort kehrt dann immer wieder in dem, was er zu sagen hat: Alles ist eitel! Nichts kommt heraus, kein Ertrag, kein Gewinn, den man irgendwo bilanzieren könnte. Was herauskommt im Leben, das sieht so aus: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“

Das hört einer nicht gerne. Wir plagen uns ja alle ab in unserem Leben. Wir wollen es recht machen. Wir wollen es gut haben. Und wenn wir selbst mit unserem Leben unsere Schwierigkeiten und Probleme gehabt haben, und sind nicht so ganz zufrieden damit, wie es uns gelaufen ist, dann sollen es wenigstens unsere Kinder besser haben.

So laufen unsere Gedanken zu dem, was morgen sein wird und übermorgen, demnächst, im kommenden Jahr vielleicht: Wenn erst das Haus fertig ist, dann kann ich mir auch ein bisschen Ruhe gönnen. Wenn erst die Hypothek abgetragen ist, dann wollen wir uns auch einmal einen rechten Urlaub leisten. Wenn erst der Bub groß ist und ausgelernt hat und kann einmal den Betrieb übernehmen, dann hab’ ich es endlich leichter. – So ließe sich lange weitermachen. Der Prediger hat das alles selbst beobachtet und erfahren: Wir Menschen plagen uns ab mit unserem Leben, und jeder möchte es gerne recht machen. Und es recht machen, das heißt dann: Die gute Zeit in meinem Leben, die wird schon noch kommen! Morgen ist das, oder im nächsten Jahr, oder dann, wenn ich pensioniert werde oder in Rente gehen kann. Mit unserem Kopf, mit unseren Gedanken, mit unseren Sorgen und mit unseren Hoffnungen sind wir bei dem, was kommen soll, bei dem, was werden soll, bei dem, was die Zeit doch endlich bringen muss: Dass es gut wird im Leben. So ist das.

Da plagen wir uns also ab, und jeder müht sich darum, dass es besser werden soll mit seinem Leben. Und dann kommt dieser weise Mann daher, den wir den Prediger nennen. Der fragt danach, was herauskommt, dort, wo sie sich alle mühen, dass das Leben besser wird. Und weiß die Antwort schon vorweg: Nichts, gar nichts kommt dabei heraus! Das hören wir nicht gerne. Denn wir mühen uns doch redlich ab. Jeder von uns plagt sich, damit er weiter kommt, damit es ihm besser gehen soll und seinen Kindern. Bei der besseren Zeit sind wir mit unseren Gedanken, mit unserem Sorgen, mit unserer Mühe, mit unserem Schaffen, bei der Zeit, die kommen soll. Ist es denn wahr, dass da dann gar nichts herauskommt? Nichts herauskommt, bei all diesem Mühen und Nachdenken und Planen und Sorgen und Schaffen?

Er stellt uns seine Worte in den Weg, wie einen großen Felsblock, an dem wir nicht vorbeikommen, den wir aber auch nicht aus dem Weg räumen können. Anhalten müssen wir da und nachdenken. Ist es wirklich so, dass da nichts herauskommt? Hat er recht damit: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel“?

Er ist ein Weiser, dieser Mann. Darum sagt er das nicht nur eben so hin. Er begründet es. Er zeigt hin auf die Welt, und er zeigt hin auf das Leben, und dann fragt er uns: Hab’ ich nicht recht? Gebt es zu, es ist so, wie ich sage. Jawohl: Hat er denn nicht recht? „Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen“. Ich habe es selbst erlebt: Im selben Jahr haben wir meinen Vater begraben, und meinem ältesten Sohn hat seine Frau wieder einen wohn geboren. Jetzt bin ich es, der dran ist, zu gehen und anderen Platz zu machen. Wann das sein wird, weiß keiner. Aber dass es sein wird, weiß jeder gewiss. Was soll ich da anderes sagen als dies: Recht hat er, der Prediger. „Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie dort wieder aufgehe. Der Wind geht nach Süden und dreht sich nach Norden und wieder herum an den Ort, wo er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fließen, fließen sie immer wieder.“ Ein unaufhörlicher Kreislauf ist das, den jeder sehen kann. Aber kommt denn dabei etwas heraus?

Und so ist es auch mit dem Menschenleben. So ist es gerade mit dem Menschenleben. Darüber lässt sich reden und reden und reden, und dabei kommt einer nie zu einem Ende. Er kann seine Augen aufmachen, so weit das geht, und sieht zu und passt auf und beobachtet: Immer das Gleiche sieht er. Er kann die Ohren spitzen, und horcht, ob er nicht endlich doch etwas anderes hört als das, was er schon immer gewusst hat: Und hört doch immer nur das alte Lied. „Alles Reden ist so voll Mühe, dass niemand damit zu Ende kommt. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt. Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ Jeder kann es selbst sehen.

Hat er also doch recht, der Prediger? Gewiss hören wir das nicht gerne. Es soll doch anders werden, besser; darum mühen wir uns ab. Es soll doch etwas herauskommen bei meinem Leben. Und es kommt doch auch etwas heraus! Das Haus steht doch da; jeder kann es sehen. Ein Betrieb ist aufgebaut. Ein Häuflein Kinder ist großgezogen, und aus jedem ist etwas Rechtes geworden: Ist das etwa Nichts?

So können und dürfen wir ruhig fragen. Und wenn wir jetzt den Prediger da hätten, und würden ihm das vorhalten: Er würde es gewiss nicht bestreiten. Aber er würde doch dabei bleiben bei seinem Sprüchlein: Es ist alles ganz eitel. Nichts kommt heraus bei der Mühe, die sich der Mensch macht unter der Sonne. Es bleibt so, wie es immer gewesen ist: Jeder läuft hinter dem besseren Leben her, plagt sich und keucht und gerät außer Atem. Aber keiner packt es, dieses bessere Leben. Denn das ist ja immer morgen und übermorgen, bald, im nächsten Jahr. Irgendwann soll es kommen, irgendwann soll es soweit sein, irgendwann soll es erreicht sein – das Glück. Aber wer hat es denn wirklich gepackt, dieses Glück? Wie die Sonne, wie der Wind, wie das Wasser läuft und läuft, so laufen die Leute hinter dem besseren Leben her. Das hat er gesehen. Und darum sagt er: Es ist alles ganz eitel. Nichts kommt heraus bei all dieser Mühe. Allenfalls dies kommt heraus, dass es immer wieder andere Leute sind, ein neues Geschlecht, die da hinter dem besseren Leben herlaufen. Aber das ist ja nichts Neues. „Es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ So kann es jeder sehen.

Er hat recht damit, dass er uns das vorhält: Gewiss: Wir sind alle hinter dem Neuen her, mit unseren Sorgen, mit unserem Nachdenken, mit unserer Mühe. Dieses Neue soll ja das bessere Leben bringen. Neugierig sind wir alle, gierig nach dem Neuen. Unsere Werbung weiß das ja auszunützen: Die Neuen von BMW oder Fiat oder VW sind da, lässt uns der Autohändler wissen und lädt zu einer Probefahrt ein. Da sollen wir dann ein ganz neues Fahrgefühl kennen lernen. Und wenn es immer noch Persil ist, mit dem doch schon die Großmutter gewaschen hat, dann muss es jetzt wenigstens das neue Persil sein!

Der Weise sieht das wohl. Aber er schaut nicht auf all diese vielen Dinge, die da neu sein sollen, obwohl sie oft gar nicht so neu sind. Er schaut auf die Sorge, die Mühe selbst, die all diesem Neuen gilt. Und diese Sorge und Mühe, die ist ganz gewiss nichts Neues. Die ist immer noch gleich. „Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: Sieh, das ist neu? Es ist längst vorher geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.“ Sicher, andere Leute sind es nun. Und keiner kennt die mehr, die in längst vergangenen Zeiten hinter dem besseren Leben hergelaufen sind. „Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“ Wir hören das nicht gerne. Und es ist doch gut, wenn wir da nicht die Augen zumachen und die Ohren verstopfen, sondern wenn wir uns diese Wahrheit über unser Leben sagen lassen.

„Es ist alles ganz eitel.“ Wie eine trostlose Wahrheit kann das klingen, vor allem für den, der noch jung ist, und große Pläne hat, und etwas erreichen und verändern will im Leben. In der Tat wäre das eine trostlose Wahrheit, wenn wir unter der Sonne allein wären.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Was für die Menschen gilt, das muss nicht auch für Gott gelten. „Denn Gott ist im Himmel und du auf Erden.“ Bleibt sich das menschliche Tun auch immer gleich: Gott schafft ein Neues. Und ist das menschliche Mühen der Vergänglichkeit verfallen: Gottes Werke sind beständig. „Was er tut, das ist herrlich und prächtig, und seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich. Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige Herr“ (Psalm 111,3.4). Ich kann jetzt nicht die ganze Bibel durchgehen, um das Neue zu nennen, das Gott schafft, jenes Neue, das im Gedächtnis bleibt. Ich erinnere an die Worte Christi, die wir jedes Mal hören, wenn wir sein Abendmahl feiern: „Desselbengleichen nahm er auch den Kelch nach dem Abendmahl und dankte, und gab ihnen den und sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus; das ist mein Blut des neuen Testaments, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, sooft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtnis.“ Ein Neues ist das, das nicht veraltet. Da ist etwas geschehen, das nicht mehr vergessen werden kann.

Wir beten:

Du unser Gott, wir danken dir, dass du uns Menschen heimgesucht hast in deinem Sohn Jesus Christus, der unser Bruder geworden ist. Du lässt uns teilhaben an deinem Heil und zeigst uns das Leben, das unvergänglich ist. Herrlich sind deine Werke, und groß sind deine Gaben, die wir von dir empfangen.

Amen.

Wir stolzen Menschenkinder

sind eitel arme Sünder

und wissen gar nicht viel

Wir spinnen Luftgespinste

und suchen viele Künste

und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, lass uns dein Heil schauen,

auf nichts Vergänglichs trauen,

nicht Eitelkeit uns freun;

lass uns einfältig werden

und vor dir hier auf Erden

wie Kinder fromm und fröhlich sein.

(EG 482,4.5)

1.3. Was sich machen lässt im Leben – und worauf einer warten muss

Den Kehrreim des Predigers haben wir gehört: „Alles ist eitel!“ Ob uns das gefällt oder nicht: Es ist gut, Augen und Ohren nicht zu verschließen vor dem, worauf er hinzeigt. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, und nicht bloß auf den ersten Blick, wie wenn das eine trostlose Wahrheit wäre: Stimmt sie deshalb weniger? Er hat doch recht, dieser Weise, wenn er uns sagt: Es ist immer das gleiche alte Lied. Sie laufen hinter dem besseren Leben her, das morgen kommen soll, oder übermorgen, oder nächstes Jahr. Und gar nichts kommt dabei heraus. „Ich sah alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind“ (1,14). Oder sagen wir es mit dem Vers von Matthias Claudius: „Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“ So ist das. Jeder kann es sehen, der sehen will.

Aber der Prediger gibt sich nicht so schnell zufrieden mit dem, was er da erfahren hat. Er fragt beharrlich, und hört nicht so schnell auf mit dem Fragen danach, wie das ist mit dem Leben. Wenn schon die meisten Menschen nicht zu ihrem Ziel gekommen sind, und es nicht gepackt haben, das bessere Leben, hinter dem sie hergelaufen sind: Den einen oder anderen muss es doch geben, dem es gelungen ist! Wir selbst machen das doch auch so, wenn wir den vergeblichen Traum vom besseren Leben träumen: Wie wäre das, wenn ich anders wäre, als ich bin? Wenn ich gar ein ganz anderer Mensch wäre? Auch so gescheit, wie der mit seinem klugen Kopf. Auch so ein Schaffer, wie der mit seinen starken Armen. Auch so perfekt wie die mit ihrem tadellosen Haushalt. Das träumen wir dann: Ein anderer Mensch sollte man sein, einer, dem es glückt, einer, der es erreicht hat, das gute Leben. Die Buben träumen vielleicht davon, Fußball zu spielen wie Lothar Matthäus oder Tennis wie Boris Becker. Und die Mädchen wollten gerne so eine tolle Partie machen wie die Königin Sylvia. Und nicht nur die kleinen Buben und Mädchen haben so ihre Träume vom guten Leben. Wir haben sie auch.

Doch wenn so ein Traum Wirklichkeit würde: Wäre es dann da, das bessere Leben? Unser Weiser kennt die Menschen. Darum kennt er auch ihre Träume. Und darum meint er, das lasse sich schon einmal ausprobieren, wenigstens in Gedanken. Und dabei greift er nun gleich recht hoch. Wer soll das sein, an dem wir ausprobieren können, ob es das wirklich gibt, das erträumte Glück?

Ein glücklicher Mensch, einer, der alles erreicht hat, was ein Mensch erreichen kann im Leben: so einer ist der König Salomo gewesen. Selbst wir heute kennen noch seinen Namen. Jesus hat von diesem Salomo und seiner Herrlichkeit gesprochen, freilich dann so, dass er meinte: Auch der sei nicht so schön gekleidet gewesen wie die Lilien auf dem Feld. Und Paul Gerhardt hat das in seinem Sommerlied nachgedichtet: „Narzissus und die Tulipan die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide“ (371,2). Und vielleicht weiß jemand auch noch den Kindervers

Lebe glücklich, lebe froh

wie der König Salomo,

der auf seinem Throne saß

und ‘nen Korb voll Äpfel aß

Mächtig war er, dieser König Salomo, so wird uns erzählt. Unermesslich reich war er. Und er war weise. Ein glücklicher Mensch also, einer, der es nicht nötig hatte, hinter dem besseren Leben herzulaufen? So sollte man denken.

Diesen Salomo hat sich unser weiser Mann ausgesucht. Wenn ich der König Salomo wäre – müsste ich dann nicht anders reden? Er hat sich in diesen Salomo hineingedacht und hat es ausprobiert, ob es wenigstens dem anders gegangen ist als anderen Leuten.

Prediger 1,12-15

Ich der Prediger, war König über Israel zu Jerusalem und richtete mein Herz darauf, die Weisheit zu suchen und zu erforschen bei allem, was man unter dem Himmel tut. Solch unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, dass sie sich damit quälen sollen. Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind. Krumm kann nicht gerade werden, noch, was fehlt, gezählt werden.

In der Tat: Was soll einer dort zusammenrechnen, wo nichts da ist? Das ist das Ergebnis dieses Experimentes: Wäre er auch der König Salomo persönlich, er bliebe bei seiner Wahrheit. Alles ist eitel, ist Haschen nach Wind.

Auf zwei Weisen probiert er es aus, dieses bessere Leben, das er dann hätte, wenn er der König Salomo wäre, der reiche und weise Mann. Da ist einmal der Weg des Weisen, der mit seinen Gedanken hinter die Dinge kommen will, der herausbringen will, wie das mit dem menschlichen Leben ist. Doch kann einer weiter kommen – sei er so klug, wie er wolle – als bis zu diesem Ergebnis: Ich komme nicht dahinter? Ich finde nicht, was ich suche. Ich begreife es nicht, was dieses menschliche Leben soll?

Prediger 1,16-18

Ich sprach in meinem Herzen: Siehe ich bin herrlich geworden und habe mehr Weisheit als alle, die vor mir gewesen sind zu Jerusalem, und mein Herz hat viel gelernt und erfahren. Und ich richtete mein Herz darauf, dass ich lernte Weisheit und erkennte Tollheit und Torheit. Ich ward aber gewahr, dass auch dies ein Haschen nach Wind ist. Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen, und wer viel lernt, der muss viel leiden.

So ist es bei dem ersten Versuch gegangen, das bessere Leben doch noch zu fassen: Auch der weise König Salomo – oder vielmehr der Prediger, wenn er selbst der König Salomo sein könnte, so wäre er nicht dahinter gekommen hinter das, was es mit dem Menschsein auf sich hat. Bloß noch mehr hätte er gewusst von all der Plage der Leute, die sich um das bessere Leben abmühen und es doch nicht fassen. Sicher, darüber lässt sich nachgrübeln und nachdenken. Warum plagen sich den alle und laufen hinter einem Glück her, das sie nie fangen können? Viel lässt sich da sehen und beobachten. Aber glücklich? Nein! Glücklich kann das einen Menschen nicht machen. Da hat das Sprichwort recht, mit dem unser Weiser das Ergebnis seines ersten Versuches zusammenfasst, das vermeintliche Glück des Königs Salomo zu finden: „Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen, und wer viel lernt, der muss viel leiden.“ Suchen, jawohl, das lässt sich machen. Aber er findet nicht, was er sucht. Fragen, jawohl, das kann einer. Aber die Antwort, die bleibt aus.

Aber vielleicht ist das gar nicht der rechte Weg, das erträumte Glück zu finden, und das bessere Leben zu gewinnen? Breit schildert darum der Weise im zweiten Kapitel seines Buches, wie er es angefangen hat, nun doch zu dem besseren Leben zu kommen – in Gedanken, versteht sich, in denen er sich in den König Salomo hineinträumt.

Ist dieses bessere Leben etwa im Genuss zu finden, in dem es sich einer wohl gehen lässt? Wenn er sich an den Wein hält – hat er dann sein Glück gefunden? Oder ist es besser, große Dinge zu tun: Paläste bauen, Gärten anlegen, den Besitz mehren, Silber und Gold anhäufen, sich Sänger und Sängerinnen halten, gar einen riesengroßen Harem voll der schönsten Frauen, wie uns das alles im ersten Buch der Könige von Salomo erzählt wird (1.Könige 10,14ff und 11,1ff)? Doch auch hier kommt uns der Weise mit seinem Ergebnis, das wir nun schon kennen.

Prediger 2,11

Als ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand getan hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles eitel und Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne.

Warum kommt denn auch bei einem solchen tätigen Leben, dem gar noch alles glückt, doch nichts heraus? Nun, erwerben kann sich einer Vieles. Aber festhalten kann er es nicht. Der Weise muss sterben wie ein Tor. Und wenn einer viel zusammengebracht hat in seinem Leben: Weiß er, ob der es zusammenhält, dem er es dann hinterlassen muss? Nein! Auch wenn er der König Salomo persönlich wäre, könnte er nicht anders urteilen: Nichts kommt heraus bei all der Mühe. Alles ist eitel.

Sicher: Was ein Mensch überhaupt tun kann, um das bessere Leben zu fassen, hinter dem sie alle her sind, das hat er ausprobiert, dieser weise und reiche König Salomo. Aber so lässt es sich nicht fassen. Doch ganz ohne Trost lässt uns unser Weiser nun doch nicht gehen. Es ist das ein Trost, der in seinem Buch immer wieder vorkommt. Und dieser Trost heißt: Das bessere Leben, das Glück, hinter dem sie alle her sind, das gewinnt einer nicht, wenn er hinter ihm herläuft. Das kann man nicht machen. Aber es kommt, dort, wo einer darauf wartet. Es kommt, dort, wo einer bei dem bleiben kann, was gerade da ist. Es kommt, wenn einer gelernt hat, dieses Glück kommen zu lassen. Und ist dann guter Dinge, mitten in all der Mühe, die nun einmal zum menschlichen Leben gehört. Nicht machen kann er das. Er muss darauf warten. Aber dann empfängt er solches Glück aus der Hand Gottes.

Prediger 2,24-26

Ist’s nun nicht besser für den Menschen, dass er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei bei seinem Mühen? Doch dies sah ich auch, dass es von Gottes Hand kommt. Denn wer kann fröhlich essen und genießen ohne ihn? Denn dem Menschen, der ihm gefällt, gibt er Weisheit, Verstand und Freude; aber dem Sünder gibt er Mühe, dass er sammle und häufe und es doch dem gegeben werde, der Gott gefällt. Auch das ist eitel und Haschen nach Wind.

Wir beten:

Du unser Gott, lehre uns warten auf deine guten Gaben, damit wir erkennen, was du uns schenkst, und gib uns Freude und Dankbarkeit, dass wir jeden Tag aus deiner Hand nehmen.

Amen.

So legt euch denn, ihr Brüder,

in Gottes Namen nieder;

kalt ist der Abendhauch

Verschon uns Gott mit Strafen

und lass uns ruhig schlafen.

Und unsern kranken Nachbarn auch!

(EG 482,7)

2. Bei dem bleiben, was da ist – das ist Gottes Gunst

2.1. Alles hat seine Zeit -aber wer weiß seine Stunde

Prediger 3,1-9

Ein jegliches hat seine Zeit,

und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde

geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;

pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;

abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;

klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;

herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;

behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;

schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;

Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Man mühe sich ab, wie man will, so hat man doch keinen Gewinn davon.

Wieder gibt er uns einen großen Überblick über das, was er erfahren hat in seinem Leben, der weise Prediger. Alle meinen, es müsse doch etwas herauskommen in ihrem Leben, etwas, das man vorzeigen kann. Aber so ist es nicht. Nichts kommt heraus im Leben! So hat er es dort im ersten Kapitel an den Anfang gesetzt: „Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, mit der er sich müht unter der Sonne?“ (1,3) So setzt er es hier an den Schluss: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.“

Sicher, jeder müht sich ja trotzdem ab. Wir alle sind dabei bei dieser Mühe des Lebens: Wir, ich, du, ihr, alle miteinander; diese Generation wie die vorige und die vorvorige, und die nächste und die übernächste – wenn es Gott gefällt, menschliches Leben auf dieser Erde solange zu erhalten. Das haben wir nun gelernt, ob es uns gefällt oder nicht: Alles ist eitel, und nichts Neues geschieht unter der Sonne! Was geschieht, das ist immer das gleiche: Dass sie hinter dem besseren Leben herlaufen, das kommen soll, morgen, übermorgen, nächstes Jahr. Dass sie sich mühen und sorgen, dass sie sich abplagen, damit es doch endlich kommen soll, das gute Leben: Bald, wenn das Haus gebaut ist, wenn die Schulden abbezahlt sind, wenn die Lehre zu Ende ist und einer verdienen kann, wenn die Hochzeit gefeiert und der eigene Hausstand gegründet ist. Bald kommt es, das gute Leben, wenn es soweit ist!

Als Kinder haben wir das Verslein gelernt und aufgesagt, und haben damit die verspottet, die große Sprüche machten:

Wenn das Wörtlein wenn nicht wär’ –

dann wär’ mein Vater Millionär!

Aber wer kann es denn schon bleiben lassen, immer und immer wieder hinter so einem „wenn“ herzulaufen: Wenn ich erst die richtigen Zahlen im Lotto getippt habe, dann bin ich endlich am Ziel. Dann kommt es, das gute Leben! Und es muss ja nicht diese Gelegenheit sein, hinter der einer her ist. Das Ziel kann viel bescheidener sein, und so gesteckt, dass ich es auch erreichen kann. Aber genau das schärft uns der Prediger ein: Ein Ziel setzen und ein Ziel erreichen – das ist zweierlei!

Gewiss: Es wird viel geplant und es wird auch viel ausgeführt in unserer Menschenwelt. Und wir sind da mit dabei. Ziele werden gesteckt, und Ziele werden erreicht. Das ist unbestritten. Es geht nicht darum, die Leute mit ihrer Arbeit und Mühe schlecht zu machen. Aber darum geht es, dass wir hier zuhören und uns eine Wahrheit über uns selbst und unser Leben sagen lassen, auf die wir selbst sonst kaum kommen würden: Es lässt sich nicht machen, es lässt sich nicht erzwingen, das bessere, das gute Leben.

Und da führt er uns nun einen Schritt weiter. Er zeigt nicht bloß, wie das ist mit den Leuten, die sich abmühen, und doch nicht dahin kommen, wo sie gerne sein wollten: dahin, wo es dann endlich ist, das gute Leben. Er gibt eine Auskunft, warum das so ist: Nur dort kann etwas gelingen, wo dazu die rechte Zeit ist. Und diese rechte Zeit, diese gute Gelegenheit, die haben wir nicht in der Hand. Die machen nicht wir. Die kommt von Gott – oder sie kommt gar nicht.

Und da heißt es dann: „Gott ist im Himmel und du auf Erden!“ Oder mit dem Sprichwort, das jeder kennt – und das einer so schwer sich zu Herzen nehmen kann „Der Mensch denkt, Gott lenkt!“ Das ist ein guter Spruch. Was haben die Menschen nicht alles im Kopf, der eine dies, der andere das. Es muss einen wundern, dass sie sich nicht noch mehr in die Quere kommen, dass da nicht alles drunter und drüber geht in unserer Welt, dass da doch dies und jenes und alles miteinander noch so einigermaßen läuft: Gott lenkt!

Das heißt dann: Dies lässt er gelingen, und jenes verhindert er. Dazu gibt er die gute Gelegenheit, und dann meint einer vielleicht, er selbst habe es doch besonders gut hingekriegt. Und dort will es nicht gehen, bei aller Mühe und bei allem guten Willen nicht. Es ist dafür jetzt nicht die rechte Zeit – so sagt der Prediger dazu. Er zählt auf, was geschieht, jetzt dies und jetzt sein Gegenteil: „Suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit“ – und jeder weiß: Da bin ich auch schon dabei gewesen, bei diesem und bei jenem. Ich habe den Zettel gesucht und alles umgedreht und wusste ganz genau: Er muss doch da sein! Nichts ist es gewesen. Und kurz darauf, als ich etwas ganz anderes im Kopf hatte, liegt er genau dort, wo ich vorher gesucht und gesucht und nicht gefunden habe. So ist das, und es kann einer nur den Kopf schütteln darüber, und begreift nicht, wie das möglich ist.

Der Mensch denkt, Gott lenkt! Die rechte Zeit, die gute Gelegenheit und das Gelingen, die kann einer nicht machen. Damit das von vorneherein klar ist, beginnt er mit dem, was wir gewiss nicht selbst wollen und machen können: „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit“. Dass er geboren wurde, das hat keiner von uns bestimmt. Und wann es für ihn die Zeit ist, zu sterben, das bestimmt er auch nicht. Gewiss, unsere Wissenschaft und Technik ist auch da dahinter her, den Anfang und das Ende des menschlichen Lebens in den Griff zu bekommen. Wenn es im Mutterleib nicht anfangen kann, so ein Menschenleben, dann soll es eben im Reagenzglas beginnen. Das ist uns unheimlich, und ich verstehe die katholischen Theologen und Kardinäle in Rom schon, die sagen, das sei sittlich nicht erlaubt. Und wann ist es für einen Menschen Zeit zu sterben – etwa einen, der auf der Intensivstation eines Krankenhauses an den Apparaten hängt, und jeder weiß: Zu einem selbständigen Leben wird er nie mehr imstande sein! Wer bestimmt da, wann es Zeit ist, die Apparate abzuschalten?

Soll es vielleicht dazu kommen, dass wir selbst die Zeit des Lebens aussuchen können? Das lässt sich ja schon ausdenken, dass da Eltern sagen: Unser Kind soll es gut haben. Nicht in diese Krisenzeit solle es hineingeboren werden. Und lassen so ein befruchtetes Ei, so ein angefangenes Menschenleben auf hundert Jahre einfrieren, und dann solle es aufgetaut und ausgetragen werden. Ein unheimlicher Gedanke ist das. Und da ist der Prediger ein rechter Trost, der weiß: Es geschieht nichts Neues unter der Sonne, auch nicht in hundert Jahren! Auch da gilt das alte Lied: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.“ Darum will ich es getrost Gott überlassen: „Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Psalm 31,15.16). Meinen Anfang hast du mir bestimmt, und kennst mein Ende. Nicht ich habe mir die Zeit meines Lebens ausgesucht. Darum will ich damit zufrieden sein, wie ich es getroffen habe.

Vielleicht haben wir Menschen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts es besonders schwer damit, wahrzunehmen, wie unser Leben in die gelegene Zeit eingebunden ist. Ich will hier unsere Technik nicht bekritteln. Sie hat ihr Gutes, und ich könnte mir ein Leben ohne die Hilfe der Technik nicht denken. Aber das gehört zu dieser Technik dazu, dass sie uns über die Bindung an die Zeit hinaushebt, über Nacht und Tag, über Sommer und Winter.

An meinen alten Kirchenpfleger muss ich da denken. Auch nachdem er seine Landwirtschaft schon längst abgegeben hatte, brauchte er noch sein Ross im Stall und die Zeit, die damit bestimmt war: Aufstehen in aller Frühe, und füttern, putzen und einspannen. Und nach ein paar Stunden war es dann Zeit für das Tier und den Menschen, Mittag zu machen! Die Bauern, die noch mit Pferden groß geworden sind, haben mir das immer wieder gesagt: Auch wenn es gerade eine eilige Zeit gewesen ist – Saatzeit, Heuet, Ernte – die Pferde mussten über Mittag gefüttert werden, und da konnten dann auch die Leute ausruhen. Seit man bloß neuen Diesel in den Traktor schütten muss, gibt es diese Ruhe nicht mehr.

Vielleicht reden wir alle darum so viel von unserem Stress, weil wir uns nicht mehr an die Zeit halten müssen, an Sommer und Winter, an Tag und Nacht. „Pflanzen hat seine Zeit“ – so hieß das einmal. Jetzt wollen wir es anders wissen und haben das ganze Jahr durch unseren Salat, die Tomaten, Radieschen und Erdbeeren. Und haben das ganze Jahr unsere Arbeitszeit, und dies und jenes Vorhaben. Hierhin und dorthin müssen wir kommen, und schnell muss es gehen. Aber ob das auch gut geht?

Er zählt auf, wozu es Zeit gibt und Gelegenheit, der Prediger. Gutes und Schlimmes wird da genannt, wie es eben so zugeht auf der Welt. Nicht jedes Stücklein kann ich ausführlich erklären. Was das heißen soll: „Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit“, das weiß ich auch nicht, und habe dafür noch keine rechte Erklärung gefunden. Auf eines aber will ich doch noch ausdrücklich hinweisen: „Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.“ Da kann einer noch einmal merken, wie wenig er sie in der Hand hat, seine Zeit. Hab ich in der Hand, wie es mir zumute ist, ob ich froh bin, oder ob es mir zum Heulen elend geht?

Wohl: Wir machen alle unsere Pläne, und da gibt es dann Zeiten, wo wir glücklich sein wollen, den Urlaub, ein Fest, das freie Wochenende, das einer fünf Tage lang herbeigewünscht hat. Aber kommt es dann auch so, wie wir das wollten? Kann ich mir die Urlaubstage in meinem Terminkalender rot unterstreichen, und schreibe ein: Glücklich sein!?

Wohl ist das alles vorbereitet, und nun soll das gute, das glückliche Jahr kommen: Der Sohn soll heiraten und den Betrieb übernehmen, und die Frau ist auch da, die das schaffen kann. Und die Eltern haben sich den Ruhesitz gebaut und eingerichtet. Da schlägt die tückische Krankheit zu und die Mutter wird begraben. So kann es kommen, ganz anders und böse – dort, wo eigentlich das gute Jahr zu erwarten war.

Wir sollten vorauswissen, wann die rechte Zeit ist, in der es läuft. Und Menschen haben ja immer wieder versucht, dahinter zu kommen, haben die Sterne befragt oder Karten gelegt. Und manch einer hat versucht, mit Zauberei und allerhand finsteren Künsten die Zeit zu überlisten. Aber da bleibt, was der Weise als Ergebnis seiner Erfahrung und seines Nachdenkens zu nennen weiß: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.“ Denn der Mensch denkt, Gott lenkt.

Ja, wer die Stunde wüsste – dem müsste es gelingen! Als die Mutter Maria ihren Sohn drängte auf der Hochzeit zu Kana, hat er sie zurechtgewiesen: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ (Johannes 2,4) Sie kam dann doch, die Stunde, und es ist ihm gelungen. Er hat seine Stunde gekannt, Jesus, die Stunde seines Leidens, in das ihn Gott führte. In Gethsemane, als seine Jünger eingeschlafen sind statt mit ihm zu wachen und zu beten, hat er es ihnen vorhalten müssen: „Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe.“ (Markus 14,41.42) Gottes Stunde war das, und Jesus hat sich eingelassen auf diese Gottesstunde, auch dort, wo sie ihn ins Leiden führte.

Wir beten:

Du mein Gott und Vater! Meine Zeit steht in deinen Händen, Freude und Leid, Gelingen und Misslingen, was mir gut dünkt und was mir böse dünkt. Du hast es festgesetzt. So lass mich gerne aus deiner Hand nehmen, was du mir zuschickst. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an.

Amen.

In allen meinen Taten

lass ich den Höchsten raten,

der alles kann und hat;

er muss zu allen Dingen

soll’s anders wohl gelingen,

mir selber geben Rat und Tat

Nichts ist es spät und frühe

um alle meine Mühe,

mein Sorgen ist umsonst;

er mag’s mit meinen Sachen

nach seinem Willen machen,

ich stell’s in seine Vatergunst

Ihm hab ich mich ergeben

zu sterben und zu leben,

sobald er mir gebeut;

Es sei heut oder morgen,

dafür lass ich ihn sorgen,

er weiß allein die rechte Zeit.

(EG 368,1.2.6)

2.2. Was Gott tut – das besteht

Prediger 3,10-15

Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der _Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun im Leben. Denn ein _Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll. Was geschieht, das ist schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.

Arbeit kann Freude machen, dann, wenn es läuft, wenn einer sieht, dass etwas herauskommt bei seinem Schaffen. Solche Arbeit ist hier nicht gemeint, sondern die Mühe ist gemeint, mit der sich einer abrackert, und nichts kommt dabei heraus. Und unser weiser Mann denkt da gerade an seine eigene Arbeit und Mühe. Auch das ist ja eine solche Mühe, wenn einer sich bemüht dahinter zu kommen. Er will wissen, wie es zugeht im Leben, und warum es gerade so zugeht, wie er das vor Augen hat: Warum laufen sie denn alle hinter dem besseren, dem guten Leben her, das immer erst kommen soll, die Leute? Warum ist dieses Rennen und Laufen, diese Sorge und Mühe so vergeblich – und doch hört sie nie auf? Und dabei besteht diese Welt, und geht das Leben seinen Gang, man muss sich wundern wie.

Es sind zwei Sätze, die der Prediger daraus folgert Gott macht es richtig; was er tut, das besteht Und: Der Mensch kommt nicht hinter das, was Gott tut.

Warum kann es dann aber nicht dabei bleiben? Warum lassen es die Menschen nicht gut sein damit, dass Gott schon weiß, was er tut? Warum wollen sie immer wieder doch dahinter kommen hinter Gottes Tun, und es möglicherweise besser wissen als Gott selbst? „Gott ist im Himmel und du auf Erden.“ Jeder weiß das. Aber wer hat es denn ausgelernt, dass es so ist, und dass einer daran nicht rütteln soll? Kann er es dabei lassen? Muss er nicht immer wieder Gott vom Himmel herabholen, und lässt ihn denken wie einen Menschen und meint, so wäre es dann recht; oder setzt sich in seinen Gedanken in den Himmel und meint, er wüsste ganz genau, was er zu tun hätte, wenn er selbst der Herrgott wäre? Wer will das verstehen?

„Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit“: Das gilt nicht bloß für den Anfang, von dem es heißt: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (1.Mose 1,31). Es gilt auch dafür, wie es weitergeht mit dieser Welt und den Menschen in dieser Welt. Bloß: Wir können das nicht erkennen, und sehen es nicht ein. Das ist die Mühe, von der der Prediger redet. Wir sehen es nicht ein, und wollen es darum anders haben. Nicht bloß in unseren Gedanken wollen wir es anders haben. Wir reden so, reden auch gerade mit Gott so, wenn wir ihn bitten.

Aber unser Gebet soll es nicht besser wissen wollen als Gott selbst. Es soll nicht Gott vorschreiben wollen, was geschehen muss, damit es recht ist und schön. Wir sollen ja nicht meinen, unser Gebet, das sei auch so ein Mittel, um unseren eigenen Kopf durchzusetzen, und wenn da gar nichts anderes mehr helfe, dann müsse man es eben mit dem lieben Gott versuchen.

Denken wir daran, wie Jesus gebetet hat, dort im Garten Gethsemane, als er leiden und sterben sollte: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ Und dann hat er noch einmal und ein drittes Mal gebetet: „Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!“ (Matthäus 26,39.42). So ist es recht gebetet. Da lässt der Mensch Gott Gott sein und bleibt dabei: „Gott ist im Himmel und du auf Erden.“

Das ist schon eine Nutzanwendung für uns alle. Aber damit sind wir ja noch lange nicht am Ende mit unseren Fragen. Es muss so kommen, wie es nun einmal kommt. Wenn es von Gott kommt, werden wir es nicht ändern. Aber dann sollten wir doch wenigstens begreifen können, dass es gut ist, so wie es kommt. Das macht Mühe, dass wir da so wenig dahinter kommen. „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit.“ Das kann einer sagen, und es ist gut gesagt. Aber was ist, wenn ich das nicht und nicht begreifen kann, dass es gut ist und schön ist so, wie es gekommen ist?

Wieso musste es so kommen? Wieso hat es Gott soweit kommen lassen? Etwa, um nur eines zu nennen, das mich immer wieder beschäftigt. Und gewiss bin nicht nur ich da dran, und denke herum und komme zu keinem Ziel: Wie war das eigentlich mit diesem Adolf Hitler, mit seiner „Bewegung“, mit seiner Herrschaft, mit seinem Krieg? Die Jungen fragen uns danach, wie das gewesen ist, und wie es soweit kommen konnte. Und wir wissen die Antwort nicht.

Gewiss, eine Antwort lässt sich schon geben: Wir haben mitgemacht. Wenn er nicht die Leute gehabt hätte, die ihm glaubten, die seinen wahnwitzigen Traum von Großdeutschland und seinem Recht und seiner Herrschaft mitgeträumt hätten, dann wäre nichts gegangen. Und wer hat sich da nicht auch anstecken lassen? Unsere Schuld, die Schuld derer, die da mitgemacht haben, das ist die eine Seite. Das sollen wir gewiss nicht verschweigen und vergessen.

Aber die andere Seite, das ist dieses unbegreifliche Glück, dieses Gelingen. Es ist ihm zugefallen, eins nach dem anderen, Österreich, die Sudeten, die Tschechei, Polen, Dänemark und Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich, Jugoslawien und Griechenland, und dann Russland. Und erst da war es zu Ende mit diesem Gelingen, vor Moskau und vor Leningrad, und in Stalingrad. Warum musste es so lange gut gehen? Warum konnte es so aussehen, wie wenn es da keine Grenze gäbe? Wie anders sähe es aus heute, bei uns in Deutschland, und in Europa, wenn er schon früher an seine Grenzen gekommen wäre. Wie viele hätten ihr Leben behalten, wie viel Zerstörung und Elend wäre uns allen erspart geblieben! War das schön, wie es gekommen ist?

Sicher, auch da finden wir Menschen dann unsere Auskünfte, die uns weiterhelfen. Und wenn wir nicht begreifen, dann können wir wenigstens so tun, als wüssten wir auch dazu etwas zu sagen. Etwa dies Sprichwort: „Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich fein.“ So etwas hört sich ganz gut an. Aber ist es denn für den ein Trost, der in diesem Mahlwerk drinsteckt, den es zerquetscht und zerreibt? Sollten wir da nicht lieber gar nichts sagen, als so einen Spruch?

Der Prediger bleibt bei seinen zwei Sätzen: Gott macht es richtig; was er tut, das besteht. Aber der Mensch kommt nicht hinter das, was Gott tut. „Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit“ – und da sollten wir nun an all das denken, was er uns über Zeit und Stunde schon gesagt hat, die wir nicht in der Hand haben, sondern die von Gott kommt – „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ So ist das.

Aber warum lässt es einer dann nicht bleiben? Warum macht er sich diese vergebliche Mühe? Warum macht sich der Prediger selbst diese Mühe, und fragt und will dahinter kommen, obwohl er doch genau weiß, dass ihm das nicht gelingen wird? Warum begnügt er sich nicht mit der Wahrheit, dass Gott im Himmel ist und der Mensch auf der Erde?

Ein Rätsel ist das, unlösbar. Und gehört doch zu unserem Menschsein ganz unmittelbar mit dazu. Der Prediger sagt es so: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt.“ Auch das kommt von Gott, so meint er: Dass der Mensch hinausschaut über den Tag. Dass er die Ewigkeit kennt. Das ist seine Plage; aber es ist auch sein Vorzug vor aller anderen Kreatur. Es gäbe nicht die Mühe und Eitelkeit des menschlichen Lebens, wenn es nicht so wäre. Es gäbe nicht das Sorgen und das Laufen hinter dem besseren, dem guten Leben her, wenn wir bloß in den Tag hinein lebten wie die Blumen und die Schmetterlinge. Dieses eitle Leben: Gerade es ist der Vorzug des Menschen bei aller Mühe, die daraus kommt. Denn nur weil sich der Mensch so über den Augenblick erheben kann, darum kann er sich zu Gott erheben.

Es gehört beides zusammen: Die Mühe, die sich einer macht, der er nicht entfliehen kann. Er muss ja hinausblicken über den Tag und nach dem fragen, was morgen sein wird. Und die Gewissheit, dass Gott es schön gemacht hat, und was er tut, das besteht. Die Folgerung, die der Prediger aus dieser Einsicht zieht, ist eigentlich ganz einfach: Lass es darum gut sein, so wie es ist. Lass Gott im Himmel, und bleib du auf der Erde. Bei dem bleib, was er dir gibt! „Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun im Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“

Scheinbar ganz einfach ist das, und doch so schwer, dass es kaum gelingen will: Bei dem zu bleiben, was da ist, jetzt, und nicht hinter dem besseren Leben herzulaufen, das erst kommen soll. Martin Luther hat dazu in seiner Auslegung dieser Stelle gesagt: „Es ist die größte Gabe, mit dem, was da ist, zufrieden zu sein. Das kann Fleisch und Blut nicht, die von dem, was da ist, hingezogen werden zu dem, was kommen soll – und so hängen sie in der Luft.“ Das kann Fleisch und Blut nicht, bei dem bleiben, was da ist. Dazu braucht es Gottes Geist, der vertrauen lässt darauf, dass Gott heute da ist und morgen, und alle Zeit in seiner Hand hat. Weil er darauf nicht vertrauen kann, darum läuft ein Mensch hinter dem her, was erst noch kommen soll. Aber bei Gott ist jede Zeit gut aufgehoben. Er holt sogar wieder hervor, was vergangen ist.

Wir beten:

Gott, der du im Himmel bist: Du allein regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Was du tust, das besteht, auch wenn all unser Menschenwerk vergeht. Zeige uns, was jetzt an der Zeit ist. Lass uns bei dem bleiben, wozu du uns Zeit gibst, und schenke uns ein fröhliches Herz bei aller unserer Mühe.

Amen.

Wer ist hier, der vor dir besteht?

Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht

Nur du allein wirst bleiben

Nur Gottes Jahr währt für und für,

drum kehre jeden Tag zu dir,

weil wir im Winde treiben

Der du allein der Ew’ge heißt

und Anfang, Ziel und Mitte weißt

im Fluge unsrer Zeiten

bleib du uns gnädig zugewandt

und führe uns an deiner Hand,

damit wir sicher schreiten

(EG 64,3.6)

2.3. Im Todesschatten steht unser Leben

Prediger 3,16-22

Weiter sah ich unter der Sonne: An der Stätte des Rechts war Gottlosigkeit, und an der Stätte der Gerechtigkeit war Frevel. Da sprach ich in meinem Herzen: Gott wird richten den Gerechten und den Gottlosen; denn alles Vorhaben und alles Tun hat seine Zeit. Ich sprach in meinem Herzen: Es geschieht wegen der Menschenkinder, damit Gott sie prüfe und sie sehen, dass sie selber sind wie das Vieh. Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an seinen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehs hinab unter die Erde fahre? So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?

Das bleibt zunächst von diesem Textabschnitt, das harte Wort: „Es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel.“ Ein hartes und herausforderndes Wort ist das. Und es stimmt nicht! Das weiß der Prediger auch. Eben hat er noch davon geredet: Die Ewigkeit hat Gott dem Menschen ins Herz gelegt. Darum die Eitelkeit des menschlichen Lebens: Es kann sich erheben über die Zeit, es fragt nach dem, was kommen soll. Darum laufen sie ja alle hinter dem besseren, hinter dem guten Leben her!

Warum sagt er es dann, dies Wort? Warum fordert er uns dann heraus damit, dass er den Menschen mit dem Vieh zusammennimmt? Ich denke, er tut es deshalb, um uns den Tod unausweichlich vor Augen zu rücken, in dessen Schatten unser Leben steht. Nicht verdrängen und nicht vergessen sollen wir, dass wir sterben werden: Wie jedes Tier, wie jedes Lebewesen, so auch wir! Gerade dann begreifen wir, was beim Menschen nun doch anders ist als beim Vieh.

Einmal ist es dies: Der Mensch unterscheidet Recht und Unrecht. Und kann sich über das Unrecht empören, über das, was Menschen einander antun in ihrem kurzen Leben: Ein Unrecht ist es, wenn Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Ein Unrecht ist es, wenn Menschen ihre Freiheit vorenthalten wird. Ein Unrecht ist es, wenn Menschen eingesperrt und gefoltert werden, weil sie eine andere Hautfarbe haben, oder eine andere Sprache, oder andere Sitten und Gebräuche. Ein Unrecht ist es, wenn Menschen hier im Überfluss leben, und anderswo müssen sie hungern und verhungern. All dies Unrecht kennt das Vieh nicht, sondern allein der Mensch. Darum fängt er so an, der Prediger: „Weiter sah ich unter der Sonne: An der Stätte des Rechts war Gottlosigkeit, und an der Stätte der Gerechtigkeit war Frevel. Da sprach ich in meinem Herzen: Gott wird richten den Gerechten und den Gottlosen.“

Freilich: Eine Antwort, die zufrieden stellen könnte, ist das noch nicht. Gott wird sie alle richten, das heißt ja zunächst einmal eben dies: Sterben werden sie alle, wenn ihre Zeit gekommen ist. Keiner kommt daran vorbei. Allen steht ihre Todesstunde bevor. Gut: der Mensch, der Recht kennt und von Unrecht unterscheiden kann, der weiß auch, dass er sterben muss, dass jeder einmal sterben muss. Mag einer auch noch so gewalttätig und bösartig sein: Dem Tod entgeht er nicht.

Aber ist nicht auch da ein himmelweiter Unterschied? Der eine stirbt einen unzeitigen Tod, früh und unvermutet. Und dem andern läuft das Leben lange hin, und kann alt werden und hat etwas gehabt von seinen Tagen. Und dabei sehen wir gerade nicht, dass sie nach Rechttun oder Unrechttun ausgeteilt wird, diese Lebenszeit. Für viele Menschen kommt der Tod zu früh, ehe sie etwas gehabt haben von ihrem Leben. Und bei manch einem müssen wir denken: Zu spät kommt das Gericht über ihn. Viel zu lange hat er’s treiben können! Warum ist das so? Warum reimt sich das nicht zusammen, Recht und Unrecht, Leben und Tod?

Sicher lässt sich da dann wieder erinnern an die Wahrheit, die wir uns so schwer zu eigen machen können: Gott ist im Himmel und du auf Erden! Aber eine Antwort, mit der wir uns zufrieden geben könnten, ist das gewiss nicht. Da bleibt eine Frage. Gerade angesichts des gemeinsamen Todesgeschicks bleibt diese Frage. Sie macht es nicht leichter, so im Todesschatten zu leben. Denn das gehört ja mit dazu zum Menschsein, das hat der Mensch auch vor dem Vieh voraus: Er weiß, dass er sterben wird. Recht und Unrecht kann er unterscheiden, und weiß, dass er sterben wird. Das hat der Mensch dem Vieh voraus.

Doch ist es gut, wenn wir nicht nur die Unterschiede sehen, sondern auch das bedenken, was den Menschen mit den Tieren verbindet: An einem Schöpfungstag sind sie geschaffen, wie wir das im ersten Kapitel der Bibel lesen (1.Mose 1,24-30). Zur Erde gehören sie, Mensch und Tier in gleicher Weise. Sicher, unsere Wissenschaft zeichnet uns heute den komplizierten Prozess, in dem das Leben entstanden ist und sich entwickelt hat, ein bisschen anders. Aber das bleibt: „Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub.“

Gerade angesichts des Todes werden wir da erinnert an die Gemeinsamkeit des Lebens – Odem sagt der Prediger dafür: „Sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh.“ Es ist gut, wenn wir das mit wachen Sinnen erleben. Auch für ein Tier ist der Tod grausam. Und wie viel Tod bringen wir Menschen über die Kreatur. Nicht nur in unseren Schlachthöfen töten wir. Auf unseren Straßen liegen sie, die Hasen und Igel, die Kröten und Frösche, plattgewalzt. Mir tut das weh. Muss das sein, dass wir Menschen so ohne Rücksicht auf anderes Lebendige, das doch auch leben will, nur unsere eigenen Wege gehen?

Aber vielleicht lernen wir es doch noch, notgedrungen. Jeder hat ja inzwischen etwas mitbekommen von der Gefahr, die diese menschliche Rücksichtslosigkeit für unsere Umwelt mit sich bringt. Nicht bloß für anderes Leben, sondern auch und gerade für das eigene Leben. „Sie haben alle einen Odem“: Wir sind dabei, das zu lernen, und hoffentlich ist es nicht zu spät dazu. Nicht nur unseren Wäldern geht die Luft aus; auch uns Menschen trifft das immer stärker!

Über allem Leben liegt der Schatten des Todes. Weil wir mit dazugehören zu diesem Leben, ist es gut, wenn wir lernen, auch mit allem Leben sorgsam umzugehen. Aber das ist gewiss: Jedem von uns steht sein Tod bevor, und sie werden alle zu Staub werden. Ich erinnere mich gut daran – das sind solche Bilder, die sich ins Gedächtnis eingraben, die man nicht vergisst: Bei einer Kirchenrenovierung sollte auch der Eingang begradigt werden. Kaum hatten sie mit dem Graben angefangen, da stießen sie auf die Knochen – kein Wunder bei einer Kirche, um die einmal ein Friedhof gelegen war. Staub, Erde, die verwitterten Schädel: Wer mag das gewesen sein? Wer war da der Gerechte und wer der Gottlose? Wer war da der Gläubige und wer der Ungläubige? Wer von denen war ein glücklicher Mensch gewesen, und wer unglücklich? Vorbei war es mit ihnen, und weil die Zeit drängte, hat man die alten Knochen rasch in einer Ecke zugeschüttet, wo sie unbehelligt liegen bleiben konnten. Bald werden wir auch so sein.

Darauf zeigt hier der Prediger mit seinem harten und herausfordernden Wort, damit wir dabei bleiben: Für jeden kommt seine Todesstunde, das „Stündlein“, wie die Alten gesagt haben. Wie soll ich mir dies Stündlein wünschen? Soll der Tod schnell kommen, unbemerkt, mitten im Leben? Paul Gerhardt in seinem Morgenlied bittet, Gott möge ihn diesen Tag gnädig behüten auch „vor bösem, schnellem Tod“ (EG 443,3). Dass einer seinen Tod bewusst sterbe, das war unseren Vorvätern wichtig. Denn sie wussten: Meinem Gott gehe ich entgegen im Tod. Und es ist gut, Gott nicht unvorbereitet zu begegnen.

So steht unser Leben im Todesschatten. Dabei muss es bleiben. Und muss auch dabei bleiben, dass wir nicht damit zurecht kommen, Leben und Tod mit Recht und Unrecht zu verknüpfen. Was bleibt dann? Wieder kommt uns der Prediger mit seiner Auskunft, die wir nun schon kennen, und die wir uns doch nicht oft genug sagen lassen können: Gerade darum, weil du dein Stündlein nicht kennst, bleib bei dem, was da ist. Jag nicht der Eitelkeit nach, dem angeblich besseren, dem guten Leben, das morgen kommen soll oder übermorgen oder nächstes Jahr, bald. Jetzt darfst du leben: „So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit. Denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?“

Wir beten:

Du unser Gott, bei dir ist Recht und Gerechtigkeit. Du kennst jeden Menschen. Richte uns aus auf deinen Willen, damit wir tun, was dir gefällt. Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden. Und wenn unser Stündlein kommt, steh uns bei, damit wir nicht verzagen.

Amen.

Wenn mein Stündlein vorhanden ist

und soll hinfahrn meine Straße,

so g’leit du mich, Herr Jesu Christ,

mit Hilf mich nicht verlasse

Mein Seel an meinem letzten Endbefehl

ich dir in deine Händ,

du wollst sie mir bewahren

Mein Sünd mich werden kränken sehr

mein G’wissen wird mich nagen,

denn ihr’ sind viel wie Sand am Meer;

doch will ich nicht verzagen

Gedenken will ich an dein’ Tod,

Herr Jesu, und dein Wunden rot;

die werden mich erhalten

Ich bin ein Glied an deinem Leib,

des tröst ich mich von Herzen;

von dir ich ungeschieden bleib

in Todesnot und Schmerzen;

wenn ich gleich sterb, so sterb ich dir;

ein ewigs Leben hast du mir

mit deinem Tod erworben.

(EG 522,1-3)

3. Gott lässt uns Menschen leben – auch zwischen Schuld und Tod

Das Buch des Predigers kann erschrecken – und es kann auch trösten. Es kann erschrecken in seiner Ehrlichkeit, in der es die Dinge nicht beschönigt, und seine Fragen stellt, gerade dort, wo dann die Antwort ausbleiben muss. Und es kann zugleich trösten, weil es dem Worte gibt, was wir selbst auch schon so ähnlich gedacht und empfunden haben. Aber dann meinten wir vielleicht: So darfst du nicht sagen; so darfst du nicht fragen! Freilich bleibt er nicht dabei stehen, der Prediger. Er weist auf Gott. Er lehrt uns die rechte Gottesfurcht. Nicht bloß mit Worten lehrt er sie, sondern er lehrt sie, indem er hinzeigt auf das, was ist, und uns sehen heißt. Und sagt uns dann: Nimm es hin, wie es ist. Was du nicht ändern kannst, das überlass Gott. Der wird wissen, was recht ist. Als ein Vorwort gleichsam, zur Erinnerung an das, was wir schon gelernt haben, und als Einstimmung für das, was wir nun aus dem siebten Kapitel des Predigers lesen wollen, sollen diese Worte dienen:

Prediger 6,10-12

Was da ist, ist längst mit Namen genannt, und bestimmt ist, was der Mensch sein wird. Darum kann er nicht hadern mit dem, der ihm zu mächtig ist. Denn je mehr Worte, desto mehr Eitelkeit; was hat der Mensch davon? Denn wer weiß, was dem Menschen nützlich ist im Leben, in seinen kurzen eitlen Tagen, die er verbringt wie ein Schatten? Oder wer will dem Menschen sagen, was nach ihm kommen wird unter der Sonne?

Es ist schon entschieden. Gott weiß Zeit und Stunde für jeden Menschen und für jedes Tun. Wir haben es schwer damit, das zu begreifen. Aber hier zu hadern, dagegen aufzubegehren, das wäre Torheit. Und Toren sind es ja, die sich dagegen wehren, mit ihren Worten, mit ihren Gedanken, mit ihren Träumen. Toren sind es, die hinter ihren Zielen herlaufen, und darüber versäumen, was Gott jetzt in seiner Güte uns anbietet.

Gegen solche Torheit kann es helfen, wenn einer gerne bei dem bleibt, was da ist, jetzt. Wenn er tut, was jetzt zu tun ist, und sich an dem freut, was jetzt Freude macht, und lässt sich das Leben gefallen, so, wie es gerade ist.

Doch bei diesem einen guten Rat allein muss es nicht bleiben. Ein Weiser, ein Weisheitslehrer ist der Prediger. Darauf habe ich schon mehrfach hingewiesen. Und als so ein Weisheitslehrer hat er seine Sammlung von klugen Sprüchen. Die haben viele Erfahrungen in sich versammelt. Und wer diese Sprüche hört und liest, der kann ja nun selbst fragen: Stimmt es, was da gesagt wird? Jeder von uns hat doch auch seine Erfahrungen gemacht, und hat ein Stück von der Welt gesehen. Er hat die Menschen beobachtet und ihr Treiben, und kann nun beurteilen, was ihm da vorgelegt wird. Es mag sein, dass ihm ein Spruch besser gefällt als der andere. Aber es ist auf jeden Fall kein Schade, da nun zuzusehen und zu erwägen, was an Lebenserfahrung und guten Ratschlägen zusammengetragen worden ist.

3.1. Sprüche, die sagen, was für den Menschen gut ist

Prediger 7,1-6

Ein guter Ruf ist besser als gute Salbe und der Tag des Todes besser als der Tag der Geburt. Es ist besser, in ein Haus zu gehen, wo man trauert, als in ein Haus, wo man feiert; denn da zeigt sich das Ende aller Menschen, und der Lebende nehme es zu Herzen! Trauern ist besser als Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebessert. Das Herz des Weisen ist dort, wo man trauert, aber das Herz des Toren dort, wo man sich freut. Es ist besser das Schelten des Weisen zu hören als den Gesang der Toren. Denn wie das Krachen der Dornen unter den Töpfen, so ist das Lachen der Toren; auch das ist eitel.

Sie wollen alle miteinander zum rechten Lebensernst anleiten, diese Sprüche. Darum ermahnen sie dazu, den Tod nicht zu vergessen, der zu unserem Leben mit dazugehört. An den Schlussteil des dritten Kapitels will ich dazu erinnern, und an die Bitte des frommen Paul Gerhardt, Gott möge ihn vor einem bösen, schnellen Tod behüten.

Wir leben anders als es da gefordert wird. Und ich kann mir nicht denken, dass die Leute damals, als diese weisen Sprüche gedichtet und gesammelt wurden, so ganz anders gewesen sind als heute: Zu einer Hochzeit geht einer doch lieber als zu einer Beerdigung. Glück wünschen, das ist doch viel leichter und angenehmer, als Beileid aussprechen. Mit einem guten Kameraden ein Bier trinken, das ist doch etwas anderes, als am Bett eines Sterbenden sitzen! Das eine suchen wir, und dem anderen gehen wir nach Möglichkeit aus dem Weg.

Falsch! sagt uns der Prediger mit seinen Sprüchen. Er ist kein Spielverderber. Das haben wir schon gemerkt. Und er will von uns nicht verlangen, dass wir als Spielverderber herumlaufen und alles schlecht machen, was es an Freude und Vergnügen gibt. Aber er mahnt uns, den Tod nicht wegzulassen, der doch zum Leben dazugehört. Er will, dass unser Leben sein Gewicht gewinnt, dass es ganz bleiben kann, dass es nicht zu einer Lüge verkommt. Und zu einer Lüge müsste es verkommen, wenn wir den Tod nicht wahrhaben wollten, wenn wir Trauer und Leid aus unserem Leben wegdrängten, solange das irgend geht.

Vielleicht hat jemand schon die Erfahrung gemacht, wie das ist – ein Pfarrer hat dazu immer wieder die Gelegenheit: Er kommt am späten Abend vom Bett eines Sterbenden oder aus einem Trauerhaus, und begegnet ein paar Leuten, die lachend und lärmend daherkommen, angetrunken vielleicht. Das ist ein Gegensatz, den einer nicht leicht vergisst!

Einen der Sprüche will ich noch ganz besonders herausgreifen und betrachten. Da heißt es: „Trauern ist besser als Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebessert.“ Das lässt sich auch so übertragen: „Besser das schwere Geschick als Lachen; denn ein Gesicht, durch Lebensernst gezeichnet, verrät ein gutes Herz.“ Wer mit Leid und Tod umzugehen gelernt hat, dessen Leben hat sein Gewicht bekommen.

Wem kann ich vertrauen? So dürfen wir da ruhig einmal fragen, und denken dabei vielleicht auch daran, dass wir doch selbst gerne vertrauenswürdige Menschen sein wollten: Dem kann einer vertrauen, dem der rechte Lebensernst im Gesicht geschrieben steht.

Wir kennen unsern Heiland sicher auch, wie er die Kinder segnet, wie er als der gute Hirte das verlorene Schaf zurückbringt. Aber zuerst und vor allem kennen wir ihn doch als den Schmerzensmann, als den, der durch Leiden und Sterben gezeichnet ist. Davon redet zum Beispiel der Hebräerbrief: „Weil wir denn einen großen Hohepriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasset uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Throne der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ (Hebräer 4,14-16)

So meint es unsere Sammlung von Sprüchen: Mit dem Tod umgehen, das gibt gerade dem Leben Gewicht. Wer dem Leid und der Trauer nicht aus dem Weg geht, dem kann man vertrauen. Denn Lebensernst und Freundlichkeit erwächst aus einer Lebenserfahrung, die die Todeserfahrung mit einschließt. So sehen wir das an Menschen, die durch das Leid gewachsen sind, sehen es erst recht an unserem Heiland Jesus Christus. Der Tod gehört zum Leben, und darum auch der Schmerz und die Trauer. Das soll einer nicht vergessen, sondern tut gut daran, sich danach zu halten.

Prediger 7,7-12

Unrechter Gewinn macht den Weisen zum Toren, und Bestechung verdirbt das Herz. Der Ausgang einer Sache ist besser als ihr Anfang. Ein Geduldiger ist besser als ein Hochmütiger. Sei nicht schnell dich zu ärgern, denn Ärger ruht im Herzen des Toren. Sprich nicht: Wie kommt’s, dass die früheren Tage besser waren als diese? Denn du fragst das nicht mit Weisheit. Weisheit ist gut wie ein Erbgut und hilft denen, die die Sonne sehen. Denn wie Geld beschirmt, so beschirmt auch Weisheit; aber die Weisheit erhält das Leben dem, der sie hat.

Da sind nun ein paar vermischte Lebensweisheiten aneinandergereiht. Zum ersten Spruch habe ich eigentlich gar nichts hinzuzusetzen. Die Aussage des Flick-Managers von Brauchitsch ist mir dazu eingefallen, der unsere Parteien in Bonn mit den Spenden seines Konzerns so freigiebig versorgt hat: Zweimal habe er auch Franz Josef Strauß Geld gebracht. Das erste Mal habe er den Umschlag genommen, sei in ein Nebenzimmer gegangen und habe nachgezählt. Erst dann sei er zurückgekommen und habe sich bedankt. Das zweite Mal habe er sich dann gleich bedankt, ohne erst nachzuzählen. So macht sich einer zum Narren, sagt der Prediger, und jeder von uns mag urteilen, ob er recht hat.

„Ende gut – alles gut“ – so sagen wir ja auch. Und wer warten kann, ist sicher besser dran, als der, dem nichts schnell genug gehen kann. Da ist dann auch der Ärger nicht weit. Aber dadurch wird gewiss nichts besser!

Es sind die Alten, die gerne davon reden, dass es doch früher alles viel besser gewesen sei als heute. Und unser Weiser hält ihnen vor, dass das nicht richtig ist. Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich denke: Dies oder jenes war doch besser, damals! Warum soll einer so nicht reden? Warum soll das gar töricht gesprochen sein? Nun, nicht ich und mein Gefühl bestimmen darüber, ob eine Zeit gut ist oder schlecht, ob es heute besser ist oder schlechter als seinerzeit vor zwanzig oder vierzig Jahren. Denn Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit (3,11), und wir werden gewiss nicht dahinter kommen. Darum lass es gut sein so, wie es ist!

Was für einen Menschen nützlich ist, das wird hier aufgezählt. Da gilt dann die Erfahrung, und jeder mag prüfen und werten: Ist es gut und richtig, was er da an Sprüchen zusammengetragen hat? Oder hätte er diesen oder jenen Spruch lieber weggelassen? Mit Geld wird hier die Weisheit verglichen. Es ist gut, wenn einer damit reichlich versehen ist. Wer will das bestreiten? Wenn einer zugelernt hat im Leben, und hat seine Erfahrungen bereit, und weiß, wie er dran ist mit den Leuten: Das kann recht hilfreich sein.

Aber jetzt kommt erst das wichtigste Stück dieses Abschnitts:

Prediger 7,13-14

Sieh an die Werke Gottes; denn wer kann das gerade machen, was er krümmt? Am guten Tag sei guter Dinge, und am bösen Tag bedenke: diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.

Schon einmal hat der Weise davon geredet, hat das Sprichwort angeführt: „Krumm kann nicht gerade werden, noch, was fehlt, gezählt werden“ (1,15). Nun zieht er dieses Sprichwort an, um Gottes Werk zu beschreiben: „Wer kann das gerade machen, was er krümmt?“ Das ist ein Spruch, der haftet. Der hängt sich fest in den Gedanken, und wir fragen danach, wie das eigentlich ist. Wir sind ja sonst gewöhnt daran, krumm und gerade anders zu verteilen, als das hier geschieht: Krumm, das ist schlecht. Da macht einer eine krumme Tour. Oder er ist selbst ein ganz krummer Hund. Oder er hat etwas krumm genommen. Was krumm ist, das ist nicht gut. Darum können wir ja auch sagen: Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade. Das ist gut.

Aber der weise Prediger hat hier krumm und gerade mit Vorbedacht vertauscht. Denk daran – so will er damit sagen – , dass Gott im Himmel ist und du auf Erden. Und meine also nicht, das, was du für krumm hältst, das sei auch in Gottes Augen krumm und schlecht. Und das, was dir gut erscheint und gerade, das müsse es sein, was Gott tut. Nein! Was er krümmt, das biegst du nicht gerade. Das musst du genau so nehmen, wie es kommt!

Und wendet es dann an auf die guten Tage und die schlechten Tage. Luther hat das so übersetzt, und hat da mit seiner Übersetzung gleich seine Auslegung verbunden: „Am guten Tag sei guter Dinge, und den bösen Tag nimm auch für gut, denn diesen hat Gott geschaffen wie jenen, dass der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.“

Wer kennt sie nicht, die schlechten Tage, wo schon das Aufstehen am Morgen Mühe macht, und nichts will gelingen? Zum Heulen ist das. Aber auch die guten Tage gibt es ja, reichlich gibt es sie, Gott sei Dank! Es wäre schlimm, wenn wir sie im voraus kennen würden, die guten Tage und die schlechten Tage. Ich könnte mich ja heute nicht freuen, wenn ich wüsste: Morgen, da kommt so ein böser Tag, wo du dich bloß noch elend und jämmerlich fühlen wirst. Nein, „es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat“ (Matthäus 6,34). So hat das Jesus gesagt, und meint damit nichts anderes, als hier unser Weiser mit seinem Spruch.

Sicher ist es nicht leicht, die Tage zu nehmen, wie sie kommen. Erst recht ist das nicht leicht, wenn sich die bösen Tage häufen und es immer dicker kommt. Wer ist schon so ein aufrechter Mensch wie Hiob? Als der alles verloren hat, und krank und geschlagen in der Asche sitzt, da fragt ihn seine Frau, und das klingt ja wie ein böser Spott: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!“ Und er weist sie zurecht: „Du redest, wie die törichten Weiber reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (Hiob 2,9-10).

Da ist das Vertrauen, das annimmt, was von Gott kommt. Das ist die Lebenskunst, die uns hier gezeigt wird. Ich weiß nicht, ob ich sie schon genug gelernt habe, diese Lebenskunst. Sicher, das Wort des Apostels Paulus habe ich auch im Kopf: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (Römer 8,28) Aber das wissen und sich daran halten, das ist zweierlei. Ich kann nur darauf hoffen, dass ich es lerne, wenn es soweit ist: „Sieh an die Werke Gottes; denn wer kann das gerade machen, was er krümmt? Am guten Tag sei guter Dinge, und den bösen Tag nimm auch für gut, denn diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.“

Wir beten:

Du, mein Gott, hast über mein Leben entschieden. Ich danke dir für die vielen guten Tage, die du mir bestimmt hast. Lass mich aus deiner Hand nehmen, was du für geeignet achtest, es sei Leben oder Tod. Gib mir ein ruhiges Herz und lass mich bei dir bleiben und gerne den Weg gehen, den du mich führst.

Amen.

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

es bleibt gerecht sein Wille;

wie er fängt seine Sachen an,

will ich ihm halten stille.

Er ist mein Gott,

der in der Not

mich wohl weiß zu erhalten;

drum lass ich ihn nur walten.

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

er wird mich nicht betrügen;

er führet mich auf rechter Bahn;

so lass ich mir genügen

an seiner Huld

und hab Geduld,

er wird mein Unglück wenden,

es steht in seinen Händen.

Was Gott tut, das ist wohlgetan,

er wird mich wohl bedenken;

er als mein Arzt und Wundermann

wird mir nicht Gift einschenken

für Arzenei;

Gott ist getreu,

drum will ich auf ihn bauen

und seiner Güte trauen.

(EG 372,1-3)

3.2. Wer es erzwingen will, dem missrät’s

Prediger 7,15-18

Dies alles habe ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Davon war schon die Rede: Recht und Unrecht und Leben und Tod, die lassen sich nicht zusammenbringen. Das gehört zu den schwersten Rätseln, mit denen sich der Prediger herumschlägt – und gewiss nicht nur er. Dass Gott alles schön gemacht hat zu seiner Zeit, das muss doch auch heißen: Wer Gutes tut, dem gelingt es im Leben, und wer Böses tut, dem läuft es übel hinaus. So denken wir. Aber was die Erfahrung lehrt, das passt nicht dazu. Es will sich nicht zusammenreimen mit dem, was wir für gut befinden, und haben doch recht damit: Es ist nicht gut, dass dann doch der Gerechte zugrunde geht, und der Gottlose in seiner Bosheit freut sich eines langen und guten Lebens. Wenn Gott gerecht ist, dann darf das nicht sein!

Und was so eine Beobachtung und Frage ist, die wir auch sehr allgemein und bloß in Gedanken erörtern können, das kann einen Menschen dann auch ganz anders auf den Leib rücken. Da hat einer ein rechtes Leben geführt, und hat auch Gott gewiss nicht vergessen. Und dann bricht es über ihn herein: Unglück im Betrieb, oder Krankheit, oder der Tod eines nahen Angehörigen, gar alles dies miteinander: Warum das? Warum muss es gerade mich treffen? Womit habe gerade ich dies alles verdient? Wer kennt diese Frage nicht!

Auch der Prediger kennt diese Frage. Wir wissen, er hat sie hin und her bewegt und nach allen Richtungen gedreht und gewendet, und ist schließlich zu dem Ergebnis gekommen: Eine Antwort auf diese Frage lässt sich nicht finden. Gott ist im Himmel und du auf Erden – mehr lässt sich dazu nicht sagen. Und wohl dem, der dabei dann auch bleiben kann: Gott ist im Himmel! Und wirft also sein Gottvertrauen nicht weg, sondern hält es fest, auch wenn er nicht dahinter kommen kann, warum es nun gerade so gut sein soll, wie es gekommen ist. Mehr lässt sich dazu nicht sagen, auch wenn wir gerne gerade hier mehr wissen wollten und uns schwer tun, uns damit zu bescheiden.

Doch eine Folgerung zieht unser Text nun doch aus der Erfahrung, die sich so schlecht mit dem zusammenreimt, was wir für gut und richtig halten: Nicht allzu fromm soll einer sein, und nicht allzu gottlos. Das mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen. Wie kommt der Prediger dazu, gerade diese beiden zusammenzunehmen, den, der es fast schon übertreibt mit seiner Gerechtigkeit und Weisheit, und den anderen, der bloß seine Gottlosigkeit und also Torheit kennt? Sind sie nicht himmelweit voneinander weg?

Sicher sind sie himmelweit voneinander, wenn wir auf das sehen, was jeder über sich selber denkt, der besonders Fromme wie der Gottlose. Aber in einem gehören sie doch ganz nah zusammen: Sie wollen es beide erzwingen, das bessere Leben, das Glück. Dem einen muss es ohne Gott gelingen, und der andere will es gerade mit Gott schaffen. Darin unterscheiden sie sich schon. Aber darin gehören sie zusammen, dass sie es nicht nehmen wollen, wie es kommt. Natürlich kann der Gottlose nicht auf Gott vertrauen, an den er doch nicht glaubt, sondern hält sich an die Meinung: Jeder ist seines Glückes Schmied. Was herauskommt sieht man! Aber auch der besonders Fromme hat seine Meinung: Übergib dein Leben Jesus, dann wird es dir gelingen, dann wirst du glücklich werden!

Vorsicht! Damit kann sich einer zugrunde richten. So weiß das unser weiser Mann; und der kennt das Leben. Er weiß, dass es da nicht immer so läuft, wie wir das haben wollen. Es glückt nicht immer. Gefährlich sind sie, die Geschichten, die jeder schon einmal gehört hat: Wie Gott, oder wie Jesus seinen Frommen hilft. Im Spätherbst 1945, als es noch gar nichts gegeben hat, habe ich einmal einen Evangelisten gehört: Eigentlich habe er gar nicht zur rechten Zeit da sein können, erzählte er uns. Unterwegs sei ihnen das Benzin ausgegangen. Da habe er sich mit seinem Begleiter an den Straßenrand hingekniet, und sie hätten Jesus um Hilfe gebeten. Noch nicht „Amen“ hätten sie gesagt, da habe ein amerikanischer Jeep gehalten, und der GI habe ihnen aus seinem Reservekanister den Tank gefüllt.

So etwas kann es sicher auch einmal geben, und das imponiert gerade jungen Menschen. Sie wollen es auch erleben, dieses Gelingen, dieses Glück derer, die zu Jesus gehören. Aber dann kommt es anders: Eine Prüfung, ein Examen gelingt nicht. Eine Beziehung zerbricht. Die Gemütskrankheit, die Schwermut oder Depression hört nicht auf, trotz der Entscheidung für Jesus, trotz der Gebete. Es lässt sich nicht erzwingen, was einer gerne hätte, das bessere, das gute Leben. Wie leicht kann es da dann passieren, dass einer sein Vertrauen ganz wegwirft, und im Handumdrehen ist aus dem besonders Frommen ein besonders Gottloser geworden. So kann es leicht kommen. Und das ist gewiss nicht gut. Darum also diese Mahnung, die nur auf den ersten Blick seltsam zu sein scheint.

Der Dichter Eduard Mörike hat das einmal so gesagt, und ist damit nahe bei der Weisheit des Predigers:

Herr, schicke was du willst,

Ein Liebes oder Leides!

Ich bin vergnügt, dass beides

Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden

Und wollest mit Leiden

Mich nicht überschütten!

Doch in der Mitten

Liegt holdes Bescheiden.

Prediger 7,19-22

Die Weisheit macht den Weisen stärker, als zehn Gewaltige, die in der Stadt sind. Denn es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, dass er nur Gutes tue und nicht sündige. Nimm auch nicht zu Herzen alles, was man sagt, dass du nicht hören müssest, wie dein Knecht dir flucht; denn dein Herz weiß, dass du andern auch oftmals geflucht hast.

Die zehn Gewaltigen in der Stadt, das sind die Patrizier, die die Macht haben und bestimmen, was in so einem Gemeinwesen zu geschehen hat. Aber wer weise ist, der ist noch stärker. Denn er lässt sich nicht durch menschliche Macht und menschliches Können blenden. Er weiß: was Gott bestimmt, das geschieht. Und verlässt sich darauf!

Vorsichtig wird hier dann das Thema der menschlichen Schuld angeschlagen, das im Schlussabschnitt noch einmal ausführlicher besprochen wird. Der weise Mann kennt sich selbst. Er macht sich nichts vor. Darum kann er auch mit sich selbst und erst recht mit Gott ins Reine kommen. „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünde bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ (1.Johannes 1,8-9)

Und an einem Beispiel verdeutlicht er, wie das ist: Hör bloß nicht auf das hin, was die Leute so herumschwätzen. Du würdest dich nur ärgern. Und weißt doch genau, wie oft du selbst mitgemacht hast bei solchem unnützen Gerede! Gut ist es, wenn einer das begriffen hat, und so mit sich im Reinen ist.

Wenn wir nun weiter lesen, dann bemerken wir, wie der Prediger mitten hinein in seine Sprüche wieder mit einem schweren Gedanken kommt. Sie sind gut und richtig, diese Sprüche. Da ist nichts dagegen einzuwenden. Sie können helfen, mit dem Leben fertig zu werden. Sie sprechen Erfahrungen aus, und helfen hier und dort zurecht. Wichtige Mahnungen und Ratschläge gibt es da ohne Zweifel. Aber über diesem und jenem, was da zu sagen und zu bedenken ist, soll das Leben, das ganze Leben nicht vergessen werden. Und dies Ganze, das ist und bleibt ein Rätsel.

Prediger 7,23-24

Das alles habe ich versucht mit der Weisheit. Ich dachte, ich will weise werden, sie aber blieb ferne von mir. Alles, was da ist, das ist fern und sehr tief; wer will’s finden?

Was da ist – warum soll einer das nicht finden können. Warum soll sie fern sein und sehr tief, diese Welt, die einer doch mit Händen ergreifen kann? Nun, dann frag doch: Warum ist sie so, wie sie ist, diese Welt? Gibt es darauf eine Antwort? Warum gibt es sie überhaupt, diese Welt, und in dieser Welt den Menschen? Nicht nur die, die ohne viel Nachdenken hinter dem besseren Leben herlaufen, und sich abmühen in der Eitelkeit dieses Lebens, vergeblich, bis sie der Tod eingeholt hat; sondern auch die, die nachgrübeln, und dahinter kommen wollen hinter das Rätsel dieser Welt und des menschlichen Lebens in dieser Welt, und wollen einen guten Sinn darin finden, mit dem sich einer zufrieden geben kann. Warum das? Vor solchem Fragen weicht die nahe Welt zurück. Fremd wird sie und fern. Und ihr Sein wird tief und unergründlich.

Warum das so ist? Nicht bloß mit dem Kopf, mit dem Verstand kann sich einer zurechtfinden in der Welt und in seinem Leben. Da braucht es auch das Herz, braucht das Gefühl. Nur dann ist einer doch mit sich und mit der Welt – und dann doch wohl auch mit Gott – im Reinen, wenn er darauf vertrauen kann: Es ist gut so, wie es ist.

Vielleicht geht es auch lange gut mit so einem Vertrauen, dort, wo das Leben läuft und einer nicht viel zum Nachdenken kommt. Aber dann kommen wieder die Fragen und die Zweifel. Bilder steigen hoch, von Toten, von lange her, aus dem  Krieg vielleicht, oder solche, die uns das Fernsehen ganz frisch in die Stube liefert. Einen lieben Menschen sehen wir langsam und schmerzhaft sterben am Krebs. Ist das gut so? Kann es da auch noch bei jenem Vertrauen bleiben, das wir doch so nötig haben?

Vielleicht glaubt einer, er habe die Welt und das Leben und den Sinn verstanden. Aber dann kommen solche Erfahrungen, Erfahrungen des Lebens und Erfahrungen des Todes. Da wird einer zurückgeworfen, und das, was ist, wird fern und sehr tief. Und es kann so scheinen, wie wenn das Vertrauen da überhaupt keinen Grund mehr finden könnte.

Wie wenn einer aufwacht aus einem schönen Traum, so kann er sich selbst vorkommen. Einer, der es sagen konnte, weil ihm die Worte zu Gebote standen, hat es so beschrieben:

O Mensch gib acht – was spricht die tiefe Mitternacht?

Ich schlief, ich schlief – aus tiefem Traum bin ich erwacht:

die Welt ist tief – und tiefer als der Tag gedacht.

Tief ist ihr Weh – Lust, tiefer noch als Herzeleid.

Weh sprich: Vergeh! – doch alle Lust will Ewigkeit,

will tiefe, tiefe Ewigkeit.

(Friedrich Nietzsche)

So fühlt er es dann: „Alles, was da ist, das ist fern und sehr tief; wer wird’s finden?“ Schmerzlich kommt der Weise da an seine Grenze. Sicher, im Kopf hat er sein Sprüchlein schon und wir mit ihm: „Gott ist im Himmel und du auf Erden.“ Aber hilft das dort, wo das Vertrauen schwindet, und die Zweifel das Herz bestürmen? Tief und fern, unergründlich und bodenlos kann da das Leben werden und die Welt.

Wir beten mit Worten des Apostels Paulus:

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm zuvor etwas gegeben, dass Gott ihm vergelten müsste? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“ (Römer 11,33-36)

Wie’s Gott gefällt, so g’fällts mir auch

ich lass mich gar nicht irren;

ob mich zuzeiten beißt der Rauch

und wenn sich schon verwirren

all Sachen gar,

weiß ich fürwahr,

Gott wird’s zuletzt wohl richten.

Wie er’s will han,

muss es bestahn;

soll’s sein, so sei’s – ohn Dichten.

Wie’s Gott gefällt, so nehm ich’s hin,

das andre lass ich fahren.

Was nicht soll sein, stell ich dahin.

Gott will mich recht erfahren,

ob ich auch will

ihm halten still;

wird doch wohl Gnad bescheren;

dran zweifl ich nicht.

Solls sein – man spricht -,

so sei’s; dem kann nichts wehren.

Wie’s Gott gefällt, lass ich’s geschehn,

ich will mich drein ergeben;

wollt ich seim Willen widerstehn,

umsonst wär all mein Streben.

Dieweil fürwahr

all Tag und Jahr

bei Gott sind ausgezählet.

Ich schick mich drein;

geschiehts, soll’s sein;

so sei’s bei mir erwählet.

(EKG 281,1-3)

3.3. Schuld überschattet, was Menschen tun

Prediger 7,25-8,1

Ich richtete meinen Sinn darauf, zu erfahren und zu erforschen und zu suchen Weisheit und Einsicht, zu erkennen, dass Gottlosigkeit Torheit ist und Narrheit Tollheit. Und ich fand, bitterer als der Tod sei ein Weib, das ein Fangnetz ist und Stricke ihr Herz und Fesseln ihre Hände. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder wird durch sie gefangen. Schau, das habe ich gefunden, spricht der Prediger, eins nach dem andern, dass ich Erkenntnis fände. Und ich suchte immerfort und hab’s nicht gefunden: unter tausend habe ich einen Mann gefunden, aber ein Weib hab ich unter allen nicht gefunden. Schau, allein das hab ich gefunden: Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht; aber sie suchen viele Künste. Wer ist wie der Weise, und wer versteht etwas zu deuten? Die Weisheit des Menschen erleuchtet sein Angesicht; aber ein freches Angesicht wird gehasst.

Tief und fern ist Leben und Welt, unergründlich. Aber dabei steht doch dies fest: Weisheit ist gut und Torheit ist schlecht; denn sie ist dumm und gottlos in einem. Und wenn einer schon nicht hinter den Sinn dieser Welt und des Menschenlebens in ihr kommen kann, dann muss er doch wenigstens wissen, was weise ist, und was töricht. Aber wenn Torheit Gottlosigkeit ist, ist dann Weisheit und Einsicht damit automatisch auch schon Frömmigkeit und Gottesfurcht? Da kann das Fragen gleich wieder von vorn anfangen! Und erst recht kann dieses Fragen dort anfangen, wo sich einer nicht damit begnügt, nur allgemein von Weisheit und Torheit zu reden und von Einsicht und Gottlosigkeit. Sondern wo er nun auf dies und jenes hinzeigen will: Das ist Torheit, und jenes ist Einsicht, hier ist Weisheit und dort ist Gottlosigkeit. Gar: Der ist ein Weiser und Gottesfürchtiger, und jener ist ein gottloser Tor.

Er gibt ein Beispiel, der Prediger. Auch ein weiser Mann kann sich mit seinen Beispielen vergreifen. Und hier hat er sich wohl doch etwas vergriffen. Denn nun weist er auf die Frau hin. Ein „Chauvi“ ist das, so würden meine Studentinnen sagen, einer, der so tut, wie wenn nur die Männer überhaupt Menschen wären, einer, der die Frauen verachtet, sie allenfalls ausnützt. Aber sehen wir zu.

Das klingt hier zunächst einmal so: „Und ich fand, bitterer als der Tod sei das Weib“, und meint dabei doch wohl nicht irgendeine Frau, auf die das vielleicht zutreffen könnte, was er da sagt. Meint doch wohl die Frauen überhaupt, und will ihnen ein gutes Stück an der menschlichen Torheit und Schuld zuschieben. „Bitterer als der Tod sei das Weib, das ein Fangnetz ist und Stricke ihr Herz und Fesseln ihre Hände. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder wird durch sie gefangen.“

Wir müssen hier genau zusehen, damit wir das Richtige und das Falsche an dieser Beobachtung nicht durcheinander werfen. Er hat sicher recht damit, der Prediger, wenn er das sündhafte Begehren beim Namen nennt und nicht verharmlost. Und sieht ja auch richtig, wie sich dieses falsche Begehren oft auf eine Frau richtet und an ihr fest hängt, wie wenn es mit Handschellen an sie gefesselt wäre. Aber das ist doch nicht die Frau, die da fängt und fesselt. Es ist doch gerade das sündhafte Begehren der Männer!

Ist denn das Gold böse, weil es kostbar ist und glänzt, so dass es die Menschen haben wollen? Ist nicht das Begehren böse, das nichts anderes kennt als Gold und Geld? So können wir hier schon auch fragen. Aber der Vergleich stimmt ja nicht ganz. Denn das Gold weiß nicht, dass es kostbar ist und begehrenswert. Aber eine schöne Frau weiß das ganz genau, und es kann ihr schmeicheln. Und sie kann das sehr wohl auch ausspielen in der Art, wie sie sich gibt. Aber nicht die Frau allein ist dann doch das passende Beispiel für Torheit, Gottlosigkeit und Sünde, sondern das sündhafte Begehren, das sich auf die Frau richtet. Das muss einer schon unterscheiden!

Er bleibt bei seinem Thema, der Prediger. Eins nach dem anderen will er seine Erfahrungen zusammenzählen, und will sehen, was da dann unter dem Strich herauskommt. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob er da nun immer der weise Mann geblieben ist. Ob er da nicht ganz gründlich daneben gegriffen hat, wenn er behauptet: „Unter tausend habe ich einen Mann gefunden, aber ein Weib habe ich unter allen nicht gefunden.“

Wonach hat er denn gesucht? Sicher, nach Beispielen hat er gesucht, nach Beispielen für Weisheit und Einsicht und für Narrheit und Tollheit, die Gottlosigkeit ist. Aber wer ist das dann, der gottesfürchtige Weise und der gottlose Tor? Töricht sind doch die Leute, die dem Traum vom besseren Leben nachjagen, und sich dabei plagen ihr Leben lang. Eitel ist das und Haschen nach Wind, so hat er das selbst immer wieder betont, und hat ja auch recht damit. Und gottesfürchtig ist der, der bei dem bleiben kann, was da ist, jetzt, und füllt seinen Platz aus im Leben, und ist fröhlich bei seiner Arbeit, weil er aus Gottes Hand nimmt, was kommt.

Wenn er nach solchen Leuten gesucht hätte, nach dieser Art Weisheit und Gottesfurcht: Hätte er dann nicht gut daran getan, sich gerade auch bei den Frauen umzusehen? Die haben es doch auch gelernt, zu hören, denke ich mir; vielleicht besser als mancher Mann. Auch das Hören hat seine Zeit, und wenn sie gerne zugehört haben, hier im Gotteshaus, die Frauen und auch die Männer, dann ist es gut gewesen. Und wie ich zufrieden bin, wenn es so gut gewesen ist und die Leute gerne zugehört haben, so ist es doch auch, wenn eine Frau das Essen auf den Tisch bringt, das sie zubereitet hat: Wenn nichts übrig bleibt, dann ist es gut gewesen! Vielleicht steckt da mehr Lebensweisheit dahinter, als einer denkt.

Es gehörte damals, als der Prediger lehrte und schrieb – und das ist bis heute auch unter uns noch nicht ganz vorbei -, zum guten Ton, dass man nicht viel von den Frauen hielt, jedenfalls dort, wo Männer öffentlich miteinander geredet haben. Und so ein Vortrag eines Weisheitslehrers war nun einmal Männersache. So klug er sonst gewesen ist, der Prediger: dem hat er sich nicht entziehen können. Ich sage das nicht, um ihn zu kritisieren oder auch zu entschuldigen. Das eine steht mir nicht zu und das andere hat er nicht nötig. Aber ich sage es, weil ich die Frauen unter uns nicht belasten will mit solchen unguten Worten.

Jedenfalls: dass es so schwer ist, rechte Leute zu finden, das sollen wir nicht Gott anlasten. „Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht; aber sie suchen viele Künste.“ Das steht da als der Schatten, der all das Nachdenken über das Leben verdunkelt. Warum können sie nicht bei dem bleiben, was da ist? Warum müssen sie sich abmühen mit ihren Zielen, und suchen das bessere, das gute Leben dort, wo es gewiss nicht zu finden ist: in einer Zeit, die erst kommen soll? Nicht Gott ist das anzulasten.

Aber einen versöhnlichen Schluss findet dieser Abschnitt dann doch noch. Da ist eine Frage: „Wer ist wie der Weise, und wer versteht etwas zu deuten?“ Etwas, das ist der Spruch, der dann folgt. So, wie er da steht, macht er doch eigentlich gar keinen schwierigen und dunklen Eindruck: „Die Weisheit des Menschen erleuchtet sein Angesicht; aber ein freches Angesicht wird gehasst.“ Aber so einfach ist das nicht, was da steht. Viele haben an diesem Spruch herumstudiert, schon die alten Übersetzer, die die hebräische Bibel ins Griechische und ins Lateinische übersetzt haben. Man kann diesen Spruch auch anders verstehen: „Die Weisheit lässt das Gesicht eines Menschen leuchten, und die Härte seines Gesichts verändert sich.“

So will ich das verstehen. Er hat ja nach Weisen gesucht, der Prediger. Wer den Leuten im Gesicht zu lesen versteht – vielleicht kann der nicht nur suchen, sondern finden. Solch ein weises Gesicht, das leuchtet, das weich geworden ist, das ist ein gutes Gesicht. Nicht die Schönheit einer verführerischen Frau ist das, sondern ein Gesicht, das Vertrauen einflößt. Gerade ein altes Gesicht kann das sein, und kann ein Frauengesicht sein. Hat er danach gesucht, der Prediger? Und will uns mit seinem dunklen Spruch einen Hinweis geben, wo wir finden können?

Wir beten:

Du unser Gott, du hast uns Menschen aufrichtig geschaffen, und willst, dass wir vor dir leben zu deinem Lob und unserer Freude. Wir aber laufen dem eitlen Leben nach, das wir uns selber gewinnen wollen. Zeig uns deinen Willen. Gib uns Einsicht und Weisheit, dass wir aus deiner Hand nehmen, was du uns gibst.

Amen.

Wir stolzen Menschenkinder

sind eitel arme Sünder

und wissen gar nicht viel.

Wir spinnen Luftgespinste

und suchen viele Künste

und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, lass uns dein Heil schauen,

auf nichts Vergänglichs trauen,

nicht Eitelkeit uns freun;

lass uns einfältig werden

und vor dir hier auf Erden

wie Kinder fromm und fröhlich sein.

(EG 482,4.5)

4. Trotzdem: Ein Ja zur Erde und zum Leben

Mit einem solchen „Trotzdem!“ müssen wir das schon beginnen, was hier nun zu sagen ist. Er ist ein ehrlicher Mann, der Prediger, und nötigt uns, auch unangenehmen Wahrheiten ins Auge zu sehen. Es sind viele Fragen, die da gestellt werden. Und oft bleibt die Antwort aus. Und wer ehrlich sein will wie der Prediger, der wird ihm zugeben: So ist das. Auch der Glaube ist nicht die Antwort, die alle diese Fragen zum Schweigen bringen könnte. Wo das geschieht, da ist der Glaube selbst noch nicht zu jener Ehrlichkeit gekommen, die dieses Buch der Bibel von Anfang bis zum Ende durchzieht. Trotzdem kann er Ja sagen, zur Erde und zum Leben, der Prediger und wir mit ihm. Dieses Ja ist bestimmt durch die Gewissheit, dass trotzdem, trotz allem, was dagegen spricht, Gott dabei ist beim Leben und bei dieser Erde.

4.1. Das unergründliche Geheimnis des Todes

Prediger 8,16-17

Ich richtete mein Herz darauf, zu erkennen die Weisheit und zu schauen die Mühe, die auf Erden geschieht, dass einer weder Tag noch Nacht Schlaf bekommt in seine Augen. Und ich sah alles Tun Gottes, dass ein Mensch das Tun nicht ergründen kann, das unter der Sonne geschieht. Und je mehr der Mensch sich müht, zu suchen, desto weniger findet er. Und auch wenn der Weise meint: Ich weiß es, so kann er’s doch nicht finden.

Um die Weisheit Gottes geht es da. Also nicht um das, was die Menschen klug anstellen oder auch töricht. Dahinter kann einer schon kommen. Spätestens dann, wenn sich die Folgen zeigen, sieht einer, was er selbst, oder was andere da für eine dumme Sache angefangen haben. Soweit ist das zwar auch nicht einfach. Aber Erfahrung und Nachdenken können da schon ein Stück weiter helfen: Was die Leute tun, das durchschaut einer, wenn er sich dazu Mühe gibt. Er gehört ja selbst zu diesen Leuten, und weiß also, wie das ist mit dem Herzen und mit den Gedanken der Menschen.

Um die Weisheit Gottes geht es da. Um Gottes Tun geht es, um das, was unter der Sonne geschieht! Ich könnte auch so sagen: Darum geht es, dass das trotzdem gut ist, was da geschieht. Trotzdem, das hieße dann: Trotz der Weisheit der Menschen und ihrer Torheit, trotz der scheinbaren Dummheit, in der sich der eine selbst um sein Glück bringt und trotz der scheinbaren Klugheit, mit der der andere sein Schäfchen ins Trockene bringen möchte. Trotzdem ist es gut.

„Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit“ – das muss sich doch auch finden lassen. Das ist die Mühe, die einen um den Schlaf bringen kann. Oder ist es vielleicht umgekehrt: Wenn der Schlaf ausbleibt, dann kommen diese Gedanken? Dann kommen die Fragen. Vielleicht kreisen diese Gedanken gar nicht so sehr um die große Welt und das, was in ihr geschieht, unverständlich, dass es so kommen muss. Vielleicht – und meist wird es so sein – kreisen sie um das eigene Leben und die eigene kleine Welt, die doch nicht weniger dunkel und unverständlich ist in dem, was sich da zuträgt.

Jeder erinnert sich an solche durchwachten Nächte. Da haben wir viel Zeit, uns durch den Kopf gehen zu lassen, was Mühe macht: Da ist das eigene Tun. Was gewesen ist, das kommt uns da wieder. Im Nachhinein weiß einer ja so genau, was er hätte sagen sollen, was er hätte tun sollen, wie er sich hätte verhalten sollen. Aber das ist vorbei, die Fehler sind gemacht. Was gewesen ist: Eine krumme Furche ist das, die ich gezogen habe, und wenn da nicht alles schief gelaufen ist, dann ist das gewiss nicht mein Verdienst. Und wie soll es weitergehen? Wird das anders werden, besser, so, dass ich es vorzeigen kann?

Da sind andere Menschen, die uns wichtig sind. Die Kinder beispielsweise, die wir ihre eigenen Wege gehen lassen müssen. Das ist so der Welt Lauf, und es ist gut so. Das weiß jeder. Aber der da in der Nacht wach liegt, der sorgt sich und grübelt und fragt danach, was er denn selbst falsch gemacht habe, und ob es nicht anders hätte kommen können.

Da will einer gerne dahinter kommen. Aber das geht nicht. Und der Prediger verspricht uns ja auch nicht, dass wir dahinter kommen werden. Ganz im Gegenteil! „Und ich sah alles Tun Gottes, dass ein Mensch das Tun nicht ergründen kann, das unter der Sonne geschieht“. Aber einen Hinweis gibt er uns damit nun doch: Was unter der Sonne geschieht, das ist Gottes Tun! Das macht das Fragen nicht einfacher. Heißt das nicht, dass nun auch noch Gott hineingezogen wird in all dies undurchschaubare Geschehen, in dies Durcheinander von menschlicher Schuld und Dummheit, gutem Willen und bösem Ausgang? Das heißt es schon. Aber gerade da ist dann auch der Trost. Ein Trost freilich, der nicht leicht zu haben ist, gerade nicht in einer solchen durchwachten Nacht:

So führst du doch recht selig, Herr, die Deinen,

ja selig und doch meistens wunderlich.

Wie könntest du es böse mit uns meinen,

da deine Treu nicht kann verleugnen sich?

Die Wege sind oft krumm und doch gerad,

darauf du lässt die Kinder zu dir gehn;

da pflegt es wunderseltsam auszusehn;

doch triumphiert zuletzt dein hoher Rat.

(EKG 472,1)

Wer schlaflos daliegt, der bringt es nur schwer zusammen: Sein Leben, das, was gewesen ist und noch kommen soll, und Gottes Treue, die dieses Leben geleitet. So auch der Weise: Er will alle Lebenserfahrung zusammen bringen. Nicht nur das eigene Leben, nein: Alles, was unter der Sonne geschieht, will er als Gottes Tun begreifen. Als Gottes Tun, als Tun dessen, der alles schön gemacht hat zu seiner Zeit. Aber das reimt sich nicht zusammen. Es weicht zurück, lässt sich nicht fassen: „Alles, was da ist, das ist fern und sehr tief; wer will’s finden?“ (Prediger 7,24)

Dass es gut so ist: Darauf will ich gerne vertrauen. Aber wer ins Grübeln kommt, dem passt es nicht mehr: Soll das gut sein, dass die Frau da so früh gestorben ist? Der Mann und die Kinder hätten sie doch noch so nötig gehabt! Soll das gut sein, dass die Tochter diesen Freund hat? Dass der Sohn sich jenen Beruf gewählt hat? Die große Welt und die kleine Welt eines jeden, alles, was unter der Sonne geschieht – kann einer das annehmen als Gottes Tun, und also sagen: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit“?

Der Prediger weiß: „Je mehr der Mensch sich müht, zu suchen, desto weniger findet er“. Das ist ehrlich und wahrhaftig gesagt. Deshalb bin ich so besonders froh darüber, dass dieses Buch des Predigers auch in der Bibel steht. Es hilft gerade dort, wo wir nichts zu sagen wissen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie der Vater zu mir kam und sagte, jetzt hätten sie seinen Martin gefunden. Im Frühjahr hatte ich den Buben konfirmiert, und im August war er beim Baden im Neckar ertrunken. Nach acht Tagen erst hat man ihn an einem Wehr zwanzig Kilometer flussabwärts aus dem Wasser gezogen. Ich habe ihn gern gehabt, den Martin. Was jetzt sagen? Ich hatte gerade den Prediger aufgeschlagen, als der Vater kam. Und habe da ein paar Sätze vorgelesen: „Denn was kriegt der Mensch von all seiner Mühe und dem Streben seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne? Alle seine Tage sind voller Schmerzen, und voll Kummer ist sein Mühen, dass sein Herz auch des Nachts nicht Ruhe finden kann.“ (2,22-23) Das haben wir verstanden.

Es ist gut so, dass wir dabei dann bleiben können, nicht zu allem das richtige Wort und den passenden Spruch haben müssen. „Auch wenn der Weise meint: Ich weiß es, so kann er’s doch nicht finden“. Damit hat er wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen, der Prediger! Mir sind sie unheimlich, die Leute, die über alles Bescheid wissen. Gerade auch die Leute, die zu allem und jedem ihren frommen Spruch zu sagen wissen. Da ist nichts dahinter. Es ist nicht wahr, was jenes Lied behauptet: „Antwort auf alle Fragen gibt mir Dein Wort!“ Oft genug bleiben wir ohne Antwort. Das ist wahr.

Prediger 9,1-3

Denn ich habe das alles zu Herzen genommen, um dies zu erforschen: Gerechte und Weise und ihr Tun sind in Gottes Hand. Auch über Liebe und Hass bestimmt der Mensch nicht; alles ist vor ihm festgelegt. Es begegnet dasselbe dem einen wie dem andern: dem Gerechten wie dem Gottlosen, dem Guten und Reinen wie demUnreinen; dem, der opfert, wie dem, der nicht opfert. Wie es dem Guten geht, so geht es auch dem Sünder. Wie es dem geht, der schwört, so geht’s auch dem, der den Eid scheut. Das ist das Unglück bei allem, was unter der Sonne geschieht, dass es dem einen geht wie dem andern. Und dazu ist das Herz der Menschen voll Bosheit, und Torheit ist in ihrem Herzen, solange sie leben; und danach müssen sie sterben.

Wieder ist er bei einem der Gedanken, die ihn nicht loslassen, der Prediger: Da ist die grundlegende Unterscheidung zwischen gut und böse, zwischen gerecht und gottlos. Die kann einer doch nicht beiseite schieben und so tun, wie wenn das keinen Unterschied machte. Ein grundlegender Unterschied ist das, wie sich ein Mensch verhält. Und dann trifft sie doch alle ohne Unterschied das gleiche Schicksal. An den Knochen, die da zufällig nach ein paar hundert Jahren ans Tageslicht kommen, da kann einer diesen grundlegenden Unterschied nicht mehr sehen. Gut oder böse, gottlos oder gerecht: das ist der gleiche Staub und Moder.

Das ist die Frage, die ihn nicht loslässt, an der er herummachen muss. Ein Unglück ist das. Ein Unglück ist es, dass einer so fragen muss, ist eine üble Sache, etwas, das es nicht geben dürfte. Diese Erfahrung, dass gut und böse anscheinend so gar keinen Unterschied macht. Ein Unglück ist es, dass diese Frage, die sich doch nicht unterdrücken lässt, keine Antwort findet. „Das ist das Unglück bei allem, was unter der Sonne geschieht, dass es dem einen geht wie dem andern.“

Gewiss lässt sich da dann hinweisen auf die Leute, die doch gewiss nicht so ganz unschuldig daran sein können, wie es ihnen geht: Ihr Herz ist voll Bosheit, und Torheit ist in ihrem Herzen; danach müssen sie sterben. Aber reicht das zu als Begründung? Sie sind doch nicht alle gleich. Sondern der eine ist anständig, ist fromm, ist selbstlos und hilfsbereit. Und der andere hat bloß sich selber im Kopf. Und doch macht das keinen Unterschied; sie sterben alle.

Da ist die eine Tatsache: Diese grundlegende Unterscheidung von gut und böse, von gerecht und gottlos. Die müssen wir machen, bei uns selbst und bei anderen. Und da ist die andere Tatsache: Alle trifft dasselbe Todesgeschick. Und trifft den einen unzeitig, und dem andern läuft es viel zu lange gut hinaus!

Das lässt sich nicht zusammenreimen. Und wenn da dann ein vorgeblicher Weiser kommt, und uns darauf eine Antwort gibt, und sagt: „Ich, ich weiß es!“ – Wir nehmen es ihm nicht ab, der Prediger nicht und ich auch nicht. Denn dunkel ist das und unergründlich, fern und sehr tief, wie Gott es jedem bestimmt hat: „Gerechte und Weise und ihr Tun sind in Gottes Hand. Auch über Liebe und Hass bestimmt der Mensch nicht; alles ist vor ihm festgelegt.“

Das ist der Schatten, der auf unser Leben fällt, dunkel, unverständlich, lastend.

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,

und es tönt so traurig, wenn er sich bewegt

und nun aufhebt seinen schweren Hammer

und die Stunde schlägt.

(Matthias Claudius)

Prediger 9,4-6

Denn wer noch bei den Lebenden weilt, der hat Hoffnung; denn ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe. Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen nichts; sie haben auch keinen Lohn mehr, denn ihr Andenken ist vergessen. Ihr Lieben und ihr Hassen und ihr Eifern ist längst dahin; sie haben kein Teil mehr auf der Welt an allem, was unter der Sonne geschieht.

So liegt der Todesschatten über unserem Leben, doppelt tief, weil es ohne Unterschied alle trifft. Sicher kann ein Mensch hoffen, solange er lebt. Mit einem Sprichwort sagt es der Weise: „Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe.“ Und wir alle kennen das ja auch, solches Hoffen.

Doch ist das nicht erst recht eine bittere Wahrheit, vor allem in der Auslegung, die hier diesem Sprichwort gegeben wird: Was haben die Lebenden vor den Toten voraus? Sie wissen, dass sie sterben werden, aber die Toten, die wissen gar nichts mehr.

So steht es mit dem Tod, der das menschliche Leben zeichnet. Das Denken kommt da nicht mehr mit. Alle menschliche Weisheit stößt da an ihre Grenze. An ihre Grenze kommt auch die Weisheit des Predigers, sicher. Aber das ist seine Ehrlichkeit, dass er sich da nicht abwendet, sich das nicht zudeckt. Freilich: Kann es angesichts dieser Undurchdringlichkeit des Todesgeschicks, das alle in gleicher Weise trifft, bei dem Vertrauen bleiben: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit“? Und kann da die Auskunft genügen: „Gott ist im Himmel und du auf Erden“? Gott sei Dank, dass wir nicht bei dieser Auskunft bleiben müssen. Dass wir vielmehr wissen: Gott hat uns gerade hier aufgesucht: „Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes hat uns besucht der Aufgang aus der Höhe, auf dass er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ (Lukas 1,78-79)

Wir beten:

Du unser Gott! Du lässt die Menschen, die du geschaffen hast, nicht allein in der Nacht des Todes, und lässt sie nicht ohne Licht in der Finsternis ihrer schlaflosen Nächte. Du bist zu uns gekommen – dafür danken wir dir. Du hast unser Todesgeschick auf dich genommen in deinem Sohn Jesus Christus, damit wir nicht verderben in Sünde und Tod, sondern Hoffnung haben.

Amen.

O wir armen Sünder! Unsre Missetat,

darin wir empfangen und geboren sind,

hat gebracht uns alle in solche große Not,

dass wir unterworfen sind dem ewigen Tod.

Aus dem Tod wir konnten durch uns’r eigen Werk

nimmer werd’n gerettet, die Sünd war zu stark;

dass wir würd’n erlöset, so konnts nicht anders sein,

denn Gotts Sohn musst leiden des Todes bittre Pein.

So nicht wär gekommen Christus in die Welt

und hätt angenommen unser arm Gestalt

und für unsre Sünde gestorben williglich,

so hätten wir müssen verdammt sein ewiglich.

Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison.

(EKG 57,1-3)

4.2. Ja sagen zum Leben, das Gott gibt

Prediger 9,7-10

So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen. Lass deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit deinem Weibe, das du lieb hast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne. Alles was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.

Ein guter Rat ist das! Ich glaube, die haben diesen weisen Mann missverstanden, die gerade hier nun so etwas wie die Verzweiflung dessen finden wollen, der gemerkt hat, dass gegen den Tod kein Kräutlein gewachsen ist, und darum rät er nun: „Freut euch des Lebens, wenn noch das Lämpchen glüht – pflückt die Rose, eh sie verblüht!“ Sicher, auch das ist eine uralte Auskunft. Der Prophet Jesaja kannte sie auch schon, solche Leute, die angesichts des Unheils, das er ihnen anzusagen hatte, meinten: „Lasset uns essen und trinken; wir sterben doch morgen.“ (22,13) Und Paulus hat dieses Wort dann wieder angeführt, in der Gestalt, wie es uns noch geläufiger ist: „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (1.Korinther 15,32). Es gibt die Gefahr eines solchen Missverstehens. Das will ich gerne zugeben. Aber so meint es der Prediger nicht.

Sein Ja zum Leben ist immer auch ein Ja zu dem Gott, der dieses Leben gibt und das Gute, das uns in diesem Leben begegnet. Das sagt er sehr deutlich, hier und auch in dem folgenden Stück. Um das geht es hier, was Gott dem Menschen zugemessen hat: „Denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne.“

Es ist gut, dass unser Leben sich nicht ausrechnen lässt. Dort in der schlaflosen Nacht, da ist dieses Leben ein Unglück: Der eine stirbt wie der andere, und kein Mensch kann dahinter kommen, warum das gut sein soll! Und muss doch gut sein, denn es ist Gottes Werk – das jedenfalls steht für den Prediger felsenfest; daran lässt er nicht rütteln. „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (3,11)

In der schlaflosen Nacht ist das ein Unglück, und treibt hinein in ein Grübeln und Fragen, das keine Antwort findet. Doch auch eine solche Nacht geht vorbei. Und dann ist der Tag da; ein guter Tag, und vielleicht viele gute Tage und Jahre hintereinander. Da fordert das Leben sein Recht, so sagen wir. Und der Prediger will das gerne zugeben. Gerade darauf kommt es ihm ja an, dass das Leben so sein Recht bekommt. Denn Gott sagt nicht Nein zu seinen Menschen. Er sagt Ja! Er lässt uns leben, auch und gerade im Schatten des Todes.

Gut ist das und schön, wenn das Leben so läuft, wenn unser Lebensgefühl im Einklang ist mit der Glaubensgewissheit: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit.“ Nicht nur töricht, sondern auch undankbar ist, wer das vergisst und missachtet: wie Gott es ihm gut gehen lässt. Und wie wir darum gerne dabei sind bei diesem Leben. Wie gut kann ein Essen schmecken, wenn es mit Liebe zubereitet ist, und der rechte Appetit da ist. Was für ein Genuss kann ein Glas Wein sein, oder ein kühles Bier. Wie wohl fühlt sich einer, wenn er verschwitzt und verdreckt nach Hause kommt, und stellt sich unter die Dusche oder legt sich in die Badewanne, und kann dann die frischen Kleider anziehen. Welche Freude ist es, die liebe Frau in den Armen zu halten!

Vielleicht ist das mit die tiefste Weisheit, die uns dieser weise Mann, der Prediger mitgibt: Das Leben will gelebt werden! Schon mehrfach ist uns das begegnet, gerade dort, wo sich das Denken in die tiefsten und unlösbaren Fragen verwickelt hat; und hier begegnet uns dieser Rat nun besonders ausführlich: Gelebt werden will das Leben!

Wenn einer dieses Leben bloß bedenkt, wenn er ihm nachdenkt, wenn er ihm vorausdenkt – in der schlaflosen Nacht oder am hellen Tag -, dann kommt er nicht zum Leben. Aber die Gedanken, gute Gedanken, schlimme Gedanken, Fragen und Antworten, kluge Sprüche und Ratlosigkeit, in die einer ganz tief hineinfallen kann: das ist alles noch nicht das Leben! Gott sei Dank, dass er uns leben lässt! Und das ist die Klugheit des Predigers, dass er darauf hinweist, damit wir auch das beachten, und es nicht undankbar und töricht versäumen. Solches Leben, das gelebte, das nicht bloß gedachte Leben, das ist dann nicht bloß der Lebensgenuss, es ist nicht bloß Essen und Trinken, die frischen Kleider, und auch nicht nur die Frau, mit der einer ein Leben lang in Liebe verbunden ist, – wohl dem, dem Gott auch das gegeben hat! Leben, das ist dann auch dies, dass einer etwas zu tun hat. Gut ist das. Gut gerade auch dort, wo einer ins Grübeln gerät. Gott gibt uns zu tun. Das Menschenleben ist ein tätiges Leben.

Jetzt, wo du lebst, tu, was Gott von dir will! „Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Weisheit.“ So hat das die rechte Ordnung. Jesus hat das aufgenommen, wenn er sagte: „Ich muss die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ (Johannes 9,4)

Das Leben fordert sein Recht, sagen wir. Es ist gut, wenn wir dies Selbstverständliche nicht vergessen. Wenn wir dankbar erkennen, wie dieses Leben sein Recht nicht nur fordert, sondern wie es dies Recht bekommt, reichlich oft und über die Maßen. Da ist dann die schlaflose Nacht vorbei, und die Fragen sind vergessen, die keine Antwort finden. Da muss es nicht erdacht und ergrübelt werden, das Leben. Da wird es gelebt. Gott sei es gedankt.

An den Propheten Elia will ich erinnern. Der hatte genug vom Leben, genug und übergenug von aller Mühe und allen Kämpfen, die ihm dies Leben gebracht hatte. Und setzte sich unter den Wacholder, weit weg, und wollte sterben. Und dann bekam sein müdes und erschöpftes Leben sein Recht: Er aß und trank und schlief und aß und trank wieder, und bekam wieder Boden unter die Füße und machte sich auf den Weg nach Gottes Willen. So geht es zu im Leben.

Schlagen wir also diesen guten Rat des Predigers nicht in den Wind. Es will gelebt werden, dieses Leben, das uns von Gott her zukommt. Wir wissen ja nun: Das ist nicht jenes eitle Leben, hinter dem sie alle her sind, das bessere, das gute Leben, das morgen kommen soll und übermorgen und nächstes Jahr. Das Leben ist das, was jetzt da ist. Damit wir das nicht vergessen, setzt der Prediger noch einmal einen seiner klugen Sprüche zu diesem Rat hinzu.

Prediger 9,11-12

Wiederum sah ich, wie es unter der Sonne zugeht: zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein; dass einer angenehm sei, dazu hilft nicht, dass er etwas gut kann, sondern alles liegt an Zeit und Glück. Auch weiß der Mensch seine Zeit nicht, sondern wie die Fische gefangen werden mit dem verderblichen Netz und wie die Vögel mit dem Garn gefangen werden, so werden auch die Menschen verstrickt zur bösen Zeit, wenn sie plötzlich über sie fällt.

Was meint er mit diesem Spruch? Das gibt es doch, dass einer schnell ist und besser laufen kann, und der andre ist stärker, jener ist geschickt in seinem Geschäft und dieser klug; und der ist gut dran, der etwas kann! Sicher ist das richtig. Wer wollte das bestreiten. Aber mit all dem lässt sich das Gelingen nicht erzwingen. Was kommen muss, das lässt sich nicht machen. „Alles liegt an Zeit und Glück.“ Das sagt er uns hier, der Prediger, und erinnert uns damit an das, was er immer schon gelehrt hat: „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ Das gilt gerade auch hier, wo das Leben gelebt werden soll.

Da übt sich einer und trainiert. Da lernt einer, soviel in den Kopf hineingeht. Und alle wollen sie damit erreichen, dass das Leben gelingt. Aber der Prediger hebt den Finger: Halt! vergiss nicht: Solches Gelingen, das kann der Mensch nicht erzwingen. Dazu braucht es den richtigen Tag und die gute Gelegenheit. Die kann einer nicht machen. Auf die muss er warten.

„Gut Ding will Weile haben“ – so sagen wir. Warum? Nicht zu allem ist immer Gelegenheit. Und nur dort kann es gelingen, wo die rechte Gelegenheit da ist. „Wer es erzwingen will, dem missrät es.“ Auch darüber haben wir uns schon Gedanken gemacht.

Nicht gedacht werden will das Leben, es will gelebt werden. Jawohl, das ist richtig. Aber dass es dann auch gelebt werden kann, dies Leben, das ist Gottes Gabe. Das soll einer nicht vergessen. Sonst kann es böse hinauslaufen, wie das hier in einigen Bildern gesagt wird: Wie der Fisch im Netz, wie der Vogel im Garn, so hängt dann einer fest. Und nicht die guten Tage sind da, die er suchte, sondern die böse Zeit, die plötzlich über ihn fällt.

Jawohl: Weil Gott Ja sagt zu seinen Menschen, darum ist es gut, dieses Leben. Nimm es, wie es dir zukommt! Nimm Arbeit und Freude, sag Du auch Ja, weil Gott Ja gesagt hat. Leb gerne, weil Gott dir dieses Leben gibt. Und hüte dich zu nehmen, was dir nicht zusteht.

Wir beten:

Du unser Gott! Du gibst uns viele gute Tage. Dafür danken wir dir. Wir danken dir für die Lebenskraft, die du in uns gelegt hast, dass wir leben wollen. Für deine guten Gaben danken wir, mit denen du unseren Leib erquickst. Für all die Menschen danken wir, mit denen zusammen das Leben gut ist. Für unsere Arbeit und alles Gelingen danken wir dir. Hilf uns, dass wir dich nicht vergessen gerade in den guten Tagen, und lass uns jeden Tag aus deiner Hand annehmen.

Amen.

Denk nicht in deiner Drangsalshitze,

dass du von Gott verlassen seist

und dass ihm der im Schoße sitze,

der sich mit stetem Glücke speist.

Die Folgezeit verändert viel

und setzet jeglichem sein Ziel.

Es sind ja Gott sehr leichte Sachen

und ist dem Höchsten alles gleich,

den Reichen arm und klein zu machen,

dem Armen aber groß und reich.

Gott ist der rechte Wundermann,

der bald erhöhn, bald stürzen kann.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,

verricht das Deine nur getreu

und trau des Himmels reichem Segen,

so wird er bei dir werden neu.

Denn welcher seine Zuversicht

auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

(EG 369,5-7)

4.3. Im Hören findet sich die rechte Lebensweisheit

Prediger 9,1-18

Ich habe unter der Sonne auch diese Weisheit gesehen, die mich groß dünkte: Da war eine kleine Stadt und wenig Männer darin, und es kam ein großer König, der belagerte sie und baute große Bollwerke gegen sie. Und es fand sich darin ein armer, weiser Mann, der hätte die Stadt retten können durch seine Weisheit; aber kein Mensch dachte an diesen armen Mann. Da sprach ich: Weisheit ist zwar besser als Stärke, doch des Armen Weisheit wird verachtet und auf seine Worte hört man nicht. Der Weisen Worte, in Ruhe vernommen, sind besser als des Herrschers Schreien unter den Törichten. Weisheit ist besser als Kriegswaffen; aber ein einziger Bösewicht verdirbt viel Gutes.

In meiner Bibel steht vor dem elften Vers dieses Kapitels die Überschrift: „Von der Wertlosigkeit der Weisheit.“ Und diese Überschrift soll anscheinend auch noch für diesen Abschnitt gelten. Der, der diese Überschrift gemacht hat, der hat nicht genau hingesehen. Es geht da doch nicht um die wertlose Weisheit. Um die verachtete Weisheit geht es. Ihren Wert hat sie schon. Der arme Mann hätte mit seiner Weisheit die Stadt retten können: Wenn eine solche Weisheit nicht eine wertvolle Sache ist, was soll dann wertvoll sein? Dazu erzählt uns der Prediger also eine Geschichte, von einer kleinen Stadt, die von einem großen König belagert wurde, von dem armen Mann, der diese Stadt mit seiner Weisheit hätte retten können; aber die Leute in dieser Stadt dachten in ihrer Panik an alles andere, nur nicht an diesen armen, weisen Mann. Wann das passiert ist und wo das passiert ist, weiß man nicht mehr. Vielleicht ist es nicht nur einmal passiert, wer weiß. Und der Prediger zieht daraus seine Folgerung, die gewiss nicht bloß damals und ein einziges Mal gegolten hat: „Weisheit ist zwar besser als Stärke, doch des Armen Weisheit wird verachtet, und auf seine Worte hört man nicht.“

Dabei ist es doch wohl geblieben bis heute. Wie das aussieht? Ich will die kleine Geschichte hier einmal als ein Gleichnis dafür verstehen, wie es zugeht in unserer Welt. Die kleine Stadt und die große Welt, das macht nicht den entscheidenden Unterschied. Warum? Da ist der große König, der die Menschen bedroht. Sollen wir so sagen: Das ist der Tod? Von dieser Bedrohung des Todes haben wir ja schon viel gelesen und geredet.

Weil das so ist, weil die Leute diese Bedrohung durch den Tod kennen, darum ist da ein großes Rennen und Laufen, ein Hin und Her, Durcheinander und Panik. Soll ich das noch einmal ausführlich schildern? Der Prediger hat das ja genug getan, und wir sind ihm mit unseren Gedanken gefolgt. Wir kennen das, die Eitelkeit des menschlichen Lebens, dies, dass sie alle hinterherlaufen hinter dem Glück, hinter dem besseren, dem guten Leben, das bald kommen soll, morgen, übermorgen, im nächsten Jahr. Das wissen wir nun zur Genüge.

Mit wem sollen wir dann aber jenen armen und doch weisen Mann vergleichen, der die Stadt hätte retten können, wenn sie bloß an ihn gedacht hätten in ihrer Panik? Sicher gehört der Prediger selbst hierher, mit seinen guten, weisen Worten. Und es gehören andere mit dazu, die uns Gottes Wort gesagt haben und weiter sagen können in seiner Weisheit und in seiner Wahrheit.

Von diesem Wort Gottes gilt das, was der Prediger sagt. Dazu muss ich wieder einmal an Paulus erinnern und an das, was er im ersten Korintherbrief über die Weisheit zu sagen hat: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben: Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.“ (1,18-21)

Sie ist in der Welt, Gottes Weisheit in seinem Wort, im Evangelium unseres Heilandes. Und ganz so schlimm wie in der Geschichte hier ist es doch wohl nicht: Dass das niemand bemerkt hätte und sich niemand um diese Weisheit Gottes in seinem Wort kümmerte. Es sind doch einige Menschen, oft sind es gar nicht wenige, die sich an dieses Wort erinnern, und danach fragen und dort Hilfe suchen.

Das stimmt dann ja auch, wie in unserer kleinen Geschichte: Dass da Hilfe ist, Rettung vor dem großen König, der die kleine Stadt bedroht. Sicher, die Hilfe hier im Evangelium, die kommt nicht mit großen Worten daher, lautstark. Wer laute Worte hören will, der muss anderswo hinhören, dorthin, wo die Aushilfen angeboten werden, die unsere Welt retten sollen. Aber das hat der Prediger ja auch sehr genau beschrieben: „Der Weisen Worte, in Ruhe vernommen, sind besser als des Herrschers Schreien unter den Törichten.“ Wohl auch das kennen wir, in Wahlkampfzeiten und auch sonst, wie sich unsere Herren da anpreisen. Aber ich bin froh, dass ich nicht der Sprecher solcher Herren sein muss, Regierungssprecher, Parteisprecher, hier bei uns oder anderswo; sondern dass ich Sprecher dieses Evangeliums sein darf, das wirkliche Rettung bringen kann!

Mit dem Hinweis auf das Hören begannen wir, mit jenem Spruch: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörest. Das ist besser, als wenn die Toren Opfer bringen“ (Prediger 4,17). Mit dem Hinweis auf das Hören will ich auch schließen. Denn was hier zu lesen und zu hören und zu sagen war, das ist nur ein kleiner Anfang gewesen. Ein kleiner Anfang mit diesem Buch des Predigers. Und erst recht ein kleiner Anfang mit diesem rettenden Evangelium. Es ist da in unserer Welt. Gott sei Dank! Und wir können lesen und hören, können lernen und finden, damit wir klug werden.

Wir beten:

Du unser Gott! Wir danken dir für dein Wort. Wir danken dir dafür, dass du uns hören lässt. Gib diesem Hören Frucht, die bleibt. Um deinen Segen bitten wir für all unser Tun. Wir bitten dich für die Menschen, die du jedem von uns besonders ans Herz gelegt hast. Lass uns dir vertrauen in guten und in bösen Tagen und führe uns durch dieses Leben zu dir.

Amen.

Wohl denen, die da wandeln

vor Gott in Heiligkeit,

nach seinem Worte handeln

und leben allezeit;

die recht von Herzen suchen Gott

und seine Zeugniss’ halten,

sind stets bei ihm in Gnad.

Von Herzensgrund ich spreche:

dir sei Dank allezeit,

weil du mich lehrst die Rechte

deiner Gerechtigkeit.

Die Gnad auch ferner mir gewähr;

ich will dein Rechte halten,

verlass mich nimmermehr.

Mein Herz hängt treu und feste

an dem, was dein Wort lehrt.

Herr, tu bei mir das Beste,

sonst ich zuschanden werd.

Wenn du mich leitest, treuer Gott,

so kann ich richtig laufen

den Weg deiner Gebot.

Dein Wort, Herr, nicht vergehet,

es bleibet ewiglich,

so weit der Himmel gehet,

der stets beweget sich;

dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit

gleichwie der Grund der Erden,

durch deine Hand bereit’.

(EG 295,1-4)

Es ist gut, gelebt zu haben

Wir beten:

Du begegnest uns Tag für Tag in dem, was du uns zuschickst. Du lässt uns leben vor dir. Öffne uns Ohren und Herzen, dass wir dein Wort hören und darin deine Güte erkennen, durch unsern Herrn und Bruder Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert in Ewigkeit.

Amen.

Prediger 11,9-12,8

So freue dich Jüngling in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt; aber wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird. Lass den Unmut fern sein von deinem Herzen und halte fern das Übel von deinem Leibe; denn Kindheit und Jugend sind eitel. Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: Sie gefallen mir nicht; ehe die Sonne und das Licht, Mond und Sterne finster und Wolken wiederkommen werden nach dem Regen, – zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, und wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, und wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leiser wird, und wenn sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesangs sich neigen; wenn man sich vor Höhen fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. Es ist alles ganz eitel, spricht der Prediger, ganz eitel.

Liebe Gemeinde!

Manches klingt beim ersten Hinhören fremd und ungewohnt, was der Prediger zu sagen hat. Auch mit dem letzten Stück seines Buches kann es so gehen. Aber ich bin froh, dass gerade auch dieses Buch, der Prediger, in der Bibel steht. Ungewohnt und fremd auf den ersten Blick ist nicht nur die Sprache, gerade hier, die Bilder, die er gebraucht. Ungewohnt und fremd auf den ersten Blick ist doch auch die Sache.

Aber sehen wir genauer zu, dann begreifen wir rasch: Von uns selber ist da die Rede. Von den Alten ist die Rede, die einmal jung gewesen sind, und von den Jungen ist die Rede, die einmal alt sein werden. Und ihnen allen, den Jungen wie den Alten, und natürlich auch denen, die da irgendwo dazwischen sind, denen sagt er: Gut ist das, wenn einer einmal sagen kann: „Ich habe gern gelebt!“ Die Jungen redet er hier an, dieser weise Mann, dessen Buch als der Prediger Salomo in unserer Bibel steht. Natürlich redet er die Jungen an, denn er ist ja selbst ein alter Mann, und denkt sich darum, wenn er redet: Die Alten, die werden mich sowieso verstehen. Und hoffentlich sind sie mit mir einer Meinung: So, wie ich das mache, so müssen wir Alte mit den Jungen reden. Und gibt also diesen Jungen seinen Rat:

„So freue dich, Jüngling in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt.“ Und er setzt dazu – weil einer das ja missverstehen könnte, wie wenn er da nun gleich alles tun sollte und tun dürfte, was ihm gerade in den Sinn kommt – setzt also dazu: _“Aber wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird.“

Ich weiß nicht, ob die Jungen es gewöhnt sind, dass sie so etwas von den Alten gesagt kriegen: „Freu dich in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen.“ Heißt es da nicht eher so: „Wartet’s nur ab! Ihr werdet euch schon auch noch die Hörner abstoßen, und werdet merken, dass das Leben kein Zuckerlecken ist!“ So sagt er nicht, der Prediger. Er macht die Jungen nicht schlecht, und er macht auch das Leben nicht schlecht. „Freu dich,“ sagt er, „tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt.“

Er sagt es so. Vielleicht denkt da mancher, und denkt auch mancher von den Alten: „Das brauchst du denen doch nicht zu sagen. Das wissen die selber schon viel zu gut, und sind sowieso viel zu schnell dabei. Noch nicht trocken sind sie hinter den Ohren, da schauen schon die Buben nach den Mädchen und die Mädchen nach den Buben, und können es nicht erwarten, bis sie etwas miteinander haben. Nur ihre Dummheiten haben sie im Kopf. Und wenn es nicht die Mädchen sind, dann fahren sie mit ihren Mofas und mit ihren Mopeds durch die Gegend, dass einem die Ohren wehtun von dem Krach. Und können’s nicht erwarten, bis sie achtzehn sind und den Führerschein haben, und mit ihren Autos und Motorrädern die alten Leute erschrecken. Und womöglich rennt sich einer dann den Schädel ein, weil es ihm nicht schnell genug gehen kann. Und die Eltern, die ihn aufgezogen haben, die haben dann den Kummer!“

„Eben!“ Genau das meint ja auch der weise Prediger hier. „So ist das nicht gut! Darum muss ich ja mit den Jungen reden, muss ihnen raten – damit auch sie das einmal sagen können: Ich habe gern gelebt!“ Das kommt nicht von selbst. Das muss einer lernen. Darum sagt er ja nicht bloß: „Freu dich, Jüngling, in deiner Jugend!“ Es geht weiter: „Lass den Unmut fern sein von deinem Herzen und halte fern das Übel von deinem Leibe. Denn Kindheit und Jugend sind auch eitel!“ Eitelkeit des menschlichen Lebens, die ist an kein Alter gebunden. Wie die Alten, so sind auch die Jungen versucht, dem besseren, dem guten Leben nachzulaufen, das immer erst kommen soll, morgen und übermorgen und nächstes Jahr. Ja, gerade die Jungen sind besonders in der Gefahr, mit Kopf und Herzen nicht bei dem zu sein, was gerade da ist. Immer woanders ist einer, und meint: Dann erst fängt das Leben richtig an, wenn ich aus der Schule bin. Dann erst fängt es richtig an, wenn ich auch weinen Freund habe, oder eine Freundin. Dann erst kommt das gute Leben, wenn ich den Führerschein habe und mein Auto oder das Motorrad. Dann erst wird gelebt, wenn ich die Lehre hinter mir habe und richtig Geld verdiene, wenn ich die eigene Wohnung habe, und kann kommen und gehen, wie ich will und mit wem ich will, ohne dass immer noch jemand aufpasst und fragt, wann ich heimkomme!

Nein! So kommt einer gerade nicht zum Leben. So kommt er gerade nicht dazu, dass er schließlich einmal sagen kann: „Ich habe gern gelebt.“ Und das ist gut, wenn einer einmal so sagen kann. Darum sagt es der alte weise Mann noch einmal, und das ist nun der wichtigste Satz, den er den jungen Leuten zu sagen hat: „Denk an deinen Schöpfer in der Jugend – ehe das Alter kommt!“ Ja! Denk an deinen Schöpfer! Wer denkt schon an ihn? Wer weiß schon, was das heißen soll? „Ich habe gern gelebt!“ Das heißt doch gewiss nicht: „Ich habe aus meinem Leben etwas Rechtes gemacht.“ Ich? Nein! Gott macht etwas aus diesem Leben, oder es wird nichts draus. Gott macht etwas aus diesem Leben, aus jedem Tag, aus jeder Stunde, aus jedem Augenblick. Darum die Mahnung: „Denk an deinen Schöpfer – jetzt! Sieh, was er dir gibt – jetzt! Und was er dir geben wird, morgen und übermorgen und im nächsten Jahr. Aber er! Sonst gerät dein Leben in die Eitelkeit!“

So also redet dieser weise alte Mann die Jugend an: „Denk an deinen Schöpfer in der Jugend!“ Und dann redet er vom Alter, um seine Mahnung recht dringlich zu machen. Er macht es nicht besser, als es ist. Aber liebevoll redet er davon. Auch das gehört ja zum Leben, das Alter. Der Schöpfer schafft nicht nur Kindlein. Er lässt sie auch heranwachsen und lässt sie alt werden. Und ein altes Gesicht kann ein gutes Gesicht sein, so haben wir gehört, gereift im Lebensernst, das ein gutes Herz verrät, und Vertrauen einflößt.

Wie der Winter dort in Palästina ist das Alter. Da ist das Licht der Sonne und des Mondes und der Sterne verhangen von dichten Wolken. Und hat es geregnet, dann kann einem nicht wieder warm werden in der hellen Sonne. Nein, die Wolken kommen wieder, und der Regen und die Kälte. So ist das Alter.

Und dann beschreibt er dieses Alter in Bildern: Die Hüter des Hauses, die zittern. Die Arme meint er damit. Was haben sie nicht alles angepackt, weggeräumt, hergeholt, diese Arme. Sie haben gearbeitet und geschafft ein Leben lang. Sie haben die liebe Frau umfangen, und haben die Kinder hochgehoben und ans Herz gedrückt. Die guten Arme, die Hüter des Hauses: Jetzt zittern sie.

Die Starken krümmen sich, die Beine. Viele Wege sind sie gegangen, sind gerannt im jugendlichen Übermut. Zur Arbeit haben sie getragen und tanzten beim Fest. Weit in Gottes Natur haben sie getragen, auf die Berge und in den Wald. Und auch zum Gotteshaus, wie es der Prediger gesagt hat: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörest“. Jetzt krümmen sie sich, und das Gehen wird beschwerlich.

Die Müllerinnen, die Zähne: Müßig sind sie, weil es so wenig geworden sind. Es geht nicht mehr so recht, auch mit den dritten Zähnen nicht. Da muss einer auswählen, und überlegt sich, ob er ihn auch beißen kann, ehe er einen Bissen in den Mund schiebt. Ja, was haben sie nicht alles zerkaut, die Zähne, und es hat geschmeckt: Manchen guten Bissen, manches Festessen, und erst recht das kräftige schwarze Brot, Tag für Tag.

Finster werden sie, die durch die Fenster sehen, die Augen, und erkennen nicht mehr genau, auch wenn wir uns Gläser aufsetzen. Ja, was haben sie nicht alles hereingelassen in Kopf und Herz, die Augen: Haben gesehen, wie das Licht der Morgensonne den Tau aufblitzen ließ auf den Gräsern. In die Weite des Landes haben sie geschaut vom Bergesgipfel aus. Und ganz nahe haben sie in die anderen Augen gesehen, fragend, verstehend, in Freundschaft und in Liebe. Da brauchte es keine Worte. Ein Blick hat genügt: Wir verstehen uns! Nun werden sie trübe, die Augen, und die Welt rückt uns ferner.

Die Ohren, die Türen an der Gasse, sie schließen sich. Vogelgesang haben sie gehört und Donnergrollen, Schüsse und Schreie im Krieg vielleicht. Und Worte, viele Worte ein Leben lang, unwichtige oft genug, aber auch dies: Ja, ich will dir gehören ein Leben lang, bis der Tod uns scheidet. Und Gottes Wort haben sie gehört und haben’s zu Herzen genommen. Jetzt schließen sie sich, und die Welt draußen wird leiser.

Auch die Stimme wird leiser, die Worte, die aus dem Innern kommen. Was hat sie nicht alles gesagt, die Stimme, hat gerufen im Übermut, hat gesungen in Freude und Leid. Nun geht sie zurück. Liebevoll beschreibt das der Prediger: Wie ein Vogel singt, leise und hoch, so klingt sie, eine solche Greisenstimme. So sieht es aus, das Alter.

Gewiss kommt der Frühling wieder. Der Mandelbaum blüht, die Heuschrecke belädt sich, die Kaper bricht auf. Oder, wie wir es eher sagen würden: Der Flieder duftet wieder, die Schwalben tragen zum Nest, und die Erdbeeren röten sich. Aber für den, der alt geworden ist, gibt es den Frühling nicht mehr, der Jahr für Jahr die Natur erneuert.

 Es wird immer beschwerlicher, das Leben. Da bleibt einer stehen und muss verschnaufen unterwegs, wo er früher nicht einmal gemerkt hat, dass es den Berg hinauf geht. Es wird schwieriger unterwegs. Er findet sich nicht mehr zurecht auf der Straße und bleibt lieber daheim, bis das Leben vollends zu Ende geht. Mit Bildern sagt er es wieder, der Prediger: Der silberne Strick zerreißt, die goldene Schale bricht, der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad fällt zerbrochen in den Brunnen. Da geht der Mensch weg, dorthin, wo er für immer bleibt, und die Totenklage erschallt auf der Straße, wie das im Orient üblich ist.

Dies vor Augen, das Alter: Wird einer da sagen können: „Ich habe gern gelebt?“ Das müssen sie wissen, die Jungen, damit sie ihr Leben nicht in Eitelkeit versäumen. Damit sie es beizeiten lernen, auf das zu achten, was Gott, der Schöpfer, ihnen gibt. Nicht, dass sie einmal klagen müssen:

Ach, dass ich dich so spät erkennet,

du hochgelobte Schönheit du,

und dich nicht eher mein genennet,

 u höchstes Gut und wahre Ruh;

es ist mir leid, ich bin betrübt,

dass ich so spät geliebt.

(EG 400,3)

„Ich habe gern gelebt!“ Es ist gut, wenn einer das einmal sagen kann. Wenn er das sagen kann: Mein Schöpfer hat es gut gemacht, mein Leben, Freude und Leid, Alter und Jugend. Zeitig hat er mir die Augen aufgetan, und ich kann es ihm verdanken, wie es gewesen ist, dieses Leben. Nein! Ich wollte es nicht anders gehabt haben, dies Leben, als es gewesen ist. Aber ich wollte es auch nicht noch einmal leben, wollte nicht noch einmal von vorne anfangen. Es war gut so, wie es gewesen ist bisher. Aber es ist auch gut, dass ich nun soweit bin. O du mein Schöpfer! Alles hast du schön gemacht zu seiner Zeit. Ich danke dir für mein Leben, für die Jugend und für das Alter. Ich danke dir für die Sonne, und dass ich sie sehen kann. Ich danke dir für die Freude, dass ich vor dir leben darf. Ich danke dir für diesen Tag und für dein heilsames Wort. Ich danke dir dafür, dass ich gern gelebt habe.

Amen.

Bis hierher hat mich Gott gebracht

durch seine große Güte,

bis hierher hat er Tag und Nacht

bewahrt Herz und Gemüte,

bis hierher hat er mich geleit’,

bis hierher hat er mich erfreut,

bis hierher mir geholfen.

Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank

für die bisher’ge Treue,

die du, o Gott, mir lebenslang

bewiesen täglich neue.

In mein Gedächtnis schreib ich an:

Der Herr hat Großes mir getan,

bis hierher mir geholfen.

Hilf fernerweit, mein treuster Hort,

hilf mir zu allen Stunden.

Hilf mir an all und jedem Ort,

hilf mir durch Jesu Wunden;

damit ich sag bis in den Tod:

durch Christi Blut hilft mir mein Gott;

er hilft, wie er geholfen.

(EG 329,1-3)

Hier der Text als pdf.

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