Wilhelm Freiherr von Pechmann, Evangelisches Christentum in lutherischer Ausprägung (1926): „’Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat.‘ Wozu? Dass ich ein Werkzeug Seines heiligen Willens sei, unbedingt tauglich, unbedingt willig in freiem, freudigem Gehorsam. Unablenkbar wie die Magnetnadel ihren Pol, so sollte unser Wille den Willen Gottes suchen, nichts anderes. Aber wie weit sind wir davon entfernt! Unser Wille vergisst und seiner selbst nicht mächtig. Wohl ist ein Suchen nach Gott in ihm; aber es ist kraftlos. Von einer unentrinnbaren Gewalt an das eigene Ich gebunden, macht er dies Ich an Gottes Stelle zum beherrschenden Mittel- und Zielpunkt seines Begehrens und trägt damit die zersetzenden Keime des Bösen auf tausend Wegen in unser Dichten und Trachten, in unser Fühlen und Denken, in unser Reden und Tun.“

Wilhelm Freiherr von Pechmann (1859-1948) war von 1919 bis 1922 der erste gewählte Präsident der bayerischen Landessynode und stand zudem von 1921 bis 1930 den Deutschen Evangelischen Kirchentagen vor. Politisch war Pechmann als deutsch-national gesinnter Monarchist der Weimarer Demokratie gegenüber skeptisch eingestellt. Als konservativer Lutheraner widersetzte er sich jedoch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten entschieden deren Bestrebungen, Einfluss auf die Evangelische Kirche zu gewinnen. Ebenso verurteilte er die beginnende Verfolgung von Jüdinnen und Juden aufs Schärfste.

Evangelisches Christentum in lutherischer Ausprägung

Von D. Wilh. Frhr. v. Pechmann, München

Zum weitaus größten Teil ist dies Werk von Theologen geschrieben. Das liegt ebenso in der Natur der Sache wie die wenigen Ausnahmen, von welchen sich jede einzelne durch ihren Gegenstand erklärt. Alle: nur nicht die hier vorliegende, für die ich mich mit dem Herrn Herausgeber in die Verantwortung teile. Denn irgend ein Thema, so hätte dieses nach einer theologischen Feder verlangt: nach der des Systematikers oder des Kirchenhistorikers oder auch eines Mannes aus dem geistlichen Amte. So sollte man meinen, und an berufenen und berufensten Kräften aus allen drei Kreisen wäre wahrlich kein Mangel gewesen.

Warum trotzdem die Wahl auf mich gefallen ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, warum ich sie angenommen habe. In dem Briefe mit der Einladung standen die Worte: „Ich hoffe, daß es Ihnen selbst lieb sein wird, über das, was der Inhalt Ihres Lebens ist, auch in diesem Sammelwerke sich auszusprechen.“ Diese Worte waren entscheidend; als zündende Funken haben sie einen Brand angerichtet, der den ganzen Wald meiner Bedenken verzehrte wie ein Häuslein dürres Stroh.

Nun ist es aber natürlich ein ander Ding, ob ein Theologe berufen wird oder ein Jurist; die Aufgabe selbst verändert ganz und gar ihren Charakter. Darüber wäre viel zu sagen, auch manches, was mir am Herzen läge. Allein ich beschränke mich auf die eine Frage, was denn billigerweise von unsereinem zu erwarten sei; und ich finde darauf doch nur die Antwort, die mir mit seiner freundlich zuredenden Aufforderung der verehrte Herausgeber selbst nahelegt: eine Aussage darüber, inwiefern mir nicht nur das Christentum, auch nicht nur das evangelische Christentum, sondern gerade die lutherische Ausprägung des evangelischen Christentums recht eigentlich zum Inhalt meines Lebens je länger je mehr geworden ist.

Ein persönliches Zeugnis also? Gewiß! Doch wird es mir ein ernstes Anliegen sein, soweit es irgend geht, die Person zurücktreten und die Sache selbst reden zu lassen. Ich unterdrücke darum auch jedes Wort über das Mißverhältnis, in welchem zu der überwältigenden Größe dieser Sache die Kräfte stehen, die ich in ihren Dienst zu stellen vermag, zumal die Kräfte, wie sie mit zunehmendem Alter immer noch mehr und noch schwerer belastet worden sind. Sollten aber unter den geneigten Lesern solche sein, denen eine der kraftvollsten Oden unseres Klopstock, die an das Vaterland, noch gegenwärtig ist, so bitte ich sie herzlich, aus seinen Versen auf die Empfindungen zu schließen, die mich bei dieser Arbeit von Anfang bis zu Ende begleitet haben. —

Ich spreche von einem dreifachen Verhältnis des lutherischen Christen: von dem zu Gott, zur Welt, zur Kirche. Wenn das zweite, das Verhältnis zur Welt, den breitesten Raum einnehmen wird, so erklärt sich dies nicht nur daraus, daß ich meine Jahre in weltlicher Arbeit zugebracht habe, daß also die Erfahrung, aus der ich schöpfe, hier besonders reichlich fließt. In der Hauptsache sind dafür zwei andere Momente bestimmend, auf die ich schon an dieser Stelle hinweisen darf. Das eine ist sachlich. Irre ich nicht, so liegt gerade in dem Verhältnis des Christen zur Welt ein Problem, das, so alt wie das Christentum selbst, für unsere Tage und nicht zuletzt für das Luthertum unserer Tage wieder einmal eine Bedeutung gewonnen hat, die kaum ernst genug genommen werden kann. Das andere ist persönlich.

In meiner Werkstatt war von jeher nicht nur viel zu tun, sondern auch vielerlei. Doch mein Leben lang habe ich mich darum bemüht, für alles Vielerlei jene vollkommene innere Einheit zu finden, deren Sinnbild der Kreis ist: eine bis hin an das Unendliche sich ausdehnende Zahl von Punkten in der Peripherie, und doch keiner davon, der nicht sein festes Gesetz hätte in der Beziehung auf das allbeherrschende Zentrum. Im Suchen dieser inneren Einheit und im Nachdenken darüber bin ich mit immer noch wachsender Überzeugung geworden, was ich von Jugend aus war: bewußter Lutheraner.

So glaube ich denn Sinn und Ziel meiner Aufgabe nicht zu verfehlen, wenn ich in der Auswahl aus einem unübersehbar weitschichtigen Stoffe und in seiner Verteilung auf die drei Abschnitte dieser Arbeit auf Gleichmäßigkeit verzichte. Nur so kann ich stärker hervortreten lassen, was mir von der Sonderart des Luthertums und von seiner Sendung für unsere Zeit durch meine Lebensarbeit, die äußere und die innere, besonders deutlich und besonders wichtig geworden ist. Doch soll, so hoffe ich, über dem Mangel an Gleichmaß in der Behandlung das innere Gleichgewicht der drei Abschnitte nicht zu kurz kommen, und am wenigsten die alles tragende Fundamentalbedeutung des ersten Abschnittes, dem wir uns nun zuwenden.

I.
Der Christ und Gott

Bei aller Unsicherheit unseres Wissens ist doch vieles sicher und gewiß. Sollte ich aber sagen, was mir von allem Gewissen das Gewisseste ist, so würde ich sagen: die Sünde!

Wir sind von Wundern umgeben. Je weiter die Forschung vordringt, je tiefer sie eindringt, desto überwältigender wird der Eindruck: Wunder über Wunder! Darf ich aber bekennen, was mir von allen Wundern, ohne jede Ausnahme, immer und immer wieder als das größte erscheint; darf ich das Wunder nennen, das mich mehr als irgend ein anderes die Erfahrung nacherleben läßt, die der Göttinger Physiker Lichtenberg dereinst in die Worte gekleidet hat: „Der sich erhebende Geist wirft den Leib auf die Kniee“, so nenne ich die Gnade: die Gnade, mit der Gott mich, den Sünder, trägt. Sünde und Gnade: in diesen beiden Wirklichkeiten von unten und von oben ist der Inhalt der Offenbarung beschlossen. In dem Verständnis der einen wie der anderen; in der täglich neuen, von Tag zu Tag tieferen Erfahrung davon erkennen wir den Herzschlag alles Christentums, und in der besonderen Art dieses Herzschlags unter allen unterscheidenden Merkmalen des lutherisch-evangelischen Christentums das entscheidende.

1. Sünde! Wir denken dabei gemeinhin nur an die einzelnen Sünden: an alles, was wir getan, gesagt, gedacht, auch an alles, was wir unterlassen haben, was wir aber nicht hätten tun, sagen, denken, unterlassen sollen. Auch so ist es eine todesernste Sache um die Sünde. Denn jede einzelne Sünde, sie sei groß oder, wie wir meinen, gering, wird zur Schuld, und jede Schuld scheidet uns von Gott und stellt uns unter sein Gericht.

Aber wir müssen weiter denken. Wir dürfen nicht an den argen Früchten hängen bleiben; erst wenn wir erkennen: der Baum selbst, bis in die letzten Wurzeln hinab, ist faul, erst dann enthüllt sich uns in seinem finsteren Geheimnis das Wesen der Sünde.

„Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat.“ Wozu? Daß ich ein Werkzeug Seines heiligen Willens sei, unbedingt tauglich, unbedingt willig in freiem, freudigem Gehorsam. Unablenkbar wie die Magnetnadel ihren Pol, so sollte unser Wille den Willen Gottes suchen, nichts anderes. Aber wie weit sind wir davon entfernt! Unser Wille vergißt und seiner selbst nicht mächtig. Wohl ist ein Suchen nach Gott in ihm; aber es ist kraftlos. Von einer unentrinnbaren Gewalt an das eigene Ich gebunden, macht er dies Ich an Gottes Stelle zum beherrschenden Mittel- und Zielpunkt seines Begehrens und trägt damit die zersetzenden Keime des Bösen auf tausend Wegen in unser Dichten und Trachten, in unser Fühlen und Denken, in unser Reden und Tun.

Wir sind Sünder: nicht nur und in der Hauptsache nicht darum, weil wir trotz allem und allem immer wieder sündigen, sondern weil wir im innersten Kern unserer Persönlichkeit, in den verborgensten Antrieben unseres Willens Widerspruch und Auflehnung tragen gegen Gott. Wir haben dies Verderben als böses Erbstück mit Fleisch und Blut in die Welt gebracht. Mit jeder einzelnen Sünde wächst seine Kraft, und immer wieder müssen wir uns an das furchtbare Wort erinnern, das der römische Dichter seiner Medea in den Mund legt:

„Ich weiß den rechten Weg, und heiß’ ihn gut,
Und gehe doch den schlechten …!“

Dies alles ist nicht weltfremde Theorie, aus umdüsterter Einbildungskraft geboren. Ach, nur allzusehr ist es, von der Erfahrung aller Zeiten bezeugt, härteste Wirklichkeit, an der alle dagegen ausgebotenen Theorien zerschellen wie das Schifflein in der Brandung am Felsenriff.

Mit immer neuer Schuld und mit der immer noch stärker werdenden alten Sünde stehen wir vor Gott, Seinem Gerichte verfallen und Gegenstand Seines heiligen Zornes. Wir ahnen von ferne die verzehrende Gewalt dieses Zornes, wenn wir uns selbst beobachten, wie wir als schlechthin unerträglich empfinden, was uns draußen in der Welt oder im Grunde des eigenen Herzens als abstoßende Sünde erscheint: uns, den Sündern, mit unserem geschwächten und abgestumpften Gefühl. Und nun dagegen Gott, der heilige Gott!

„Wollen in der Höllen Angst unser’ Sünd’ uns treiben;
Wo soll’n wir denn fliehen hin, da wir mögen bleiben?“

2. Auf diese Frage aller Fragen schallt durch die Jahrhunderte hin aus dem Munde unseres Herrn und Heilands die gewaltige Antwort: „Kommet her zu mir alle!“ In Ihm erschließt sich uns das selige Geheimnis der Gnade. Er ist nicht nur ihr Verkündiger: sie ist Sein Werk, besiegelt durch Sein heiliges teures Blut und durch Sein unschuldiges Leiden und Sterben; Er ist ihr alleiniger Mittler.

Dreifach ist das Wunder dieser Gnade.

Der Zorn des Heiligen über die Sünde gibt der erbarmenden Liebe Raum, die den Sünder trägt; die ihn sucht wie der treue Hirte das verlorene Schaf; die ihn in die Arme schließt wie der Vater den verlorenen Sohn.

Alle Schuld wird vergeben. Was das heißt, lehrt uns am besten das Kind, das keine Ruhe findet, bis es der Verzeihung der Eltern gewiß ist; lehrt uns aber bis ins Alter hinein die unerschöpfliche Erfahrung: beschließen wir doch keinen Tag unseres Lebens anders denn als vergebungsbedürftige Kinder.

Und das Verderben selber wird geheilt. Nicht so, daß wir schon in diesem Leben sündenfrei würden. Aber durch die Kraft des Heiligen Geistes wird inmitten unseres alten Herzens mit seinen argen Gedanken ein Neues geboren: ein Leben von oben, auf das wir in anbetender Ehrfurcht das Wort des Herrn anwenden dürfen: „Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ Ein Leben von oben, nicht mehr gebunden an das eigene Ich, sondern in all seinen Regungen einzig und allein bestimmt und getrieben von dem Geiste, dem es entstammt. Ein, solange wir die vergängliche Hülle dieses Leibes tragen, tief verborgenes Leben des inwendigen Menschen, erkennbar nur an den Früchten des Geistes, in welchen es sich bezeugt und bewährt. Aber wahrhaft Leben, ewiges Leben: der Himmel steht offen über ihm, und die Engel Gottes fahren herab und hinaus. Und nicht nur die Engel. Wo in der armen Menschenseele dies Leben geboren ist und wächst und reift, da erfüllt sich die Verheißung des Herrn: „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“

3. Wie aber werden wir dieser dreifachen Gnade teilhaftig und gewiß?

Allein durch den Glauben.

„Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubet, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohne nicht glaubet, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.“

So können wir nur von ganzem Herzen dankend, lobend und preisend bekennen, was unser Vater Luther 1537 im Zweiten Teil der Schmalkalder Artikel, im „ersten und Hauptartikel“ dieses Teils, niedergeschrieben hat:

„Daß Jesus Christus, unser Gott und Herr, sei um unserer Sünde willen gestorben und um unserer Gerechtigkeit willen auferstanden.“ Röm. 4, 24.

„Und Er allein das Lamm Gottes ist, das der Welt Sünde trägt.“ Joh. 1, 29.

„Und Gott unser aller Sünde auf Ihn gelegt hat.“ Jes. 53, 6.

„Item: Sie sind allzumal Sünder und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung Jesu Christi in seinem Blute“ und so weiter. Röm. 3, 23 ff.

„Dieweil nun solchs muß gegläubt werden und sonst mit keinem Werk, Gesetze noch Verdienst mag erlanget oder gefasset werden, so ist es klar und gewiß, daß allein solcher Glaube uns gerecht mache, wie Röm. 3, 28 St. Paulus spricht: Wir halten, daß der Mensch gerecht werde ohne Werk des Gesetzes durch den Glauben. Item Vers 26: Auf daß er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist des Glaubens an Jesum.“

„Von diesem Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erden oder was nicht bleiben will … Und auf diesem Artikel stehet alles, was wir wider den Papst, Teufel und Welt lehren und leben. Darum müssen wir des gar gewiß sein und nicht zweifeln, sonst ist es alles verloren …“

Es ist neuerdings Streit darüber, worauf die „hochberühmten Lutherworte“ des letzten Absatzes zu beziehen seien: ob auf die Rechtfertigung allein durch den Glauben oder nicht vielmehr lediglich auf die „Erlöserlehre, die alleinige Mittlerwürde Jesu Christi“. (Thieme in Z. f. Th. u. K., Neue Folge, Jahrg. 6, Heft 5, S. 351 ff.) Wir sind der unmaßgeblichen Meinung, daß dieser Streit nicht im Wege der Auslegung des vorliegenden Textes oder auch des Ganzen der Schmalkaldener Artikel zu schlichten, daß vielmehr die zweifellos feststehende Grundanschauung Luthers entscheidend, und daß hiernach der Streit gegenstandslos sei. Denn in ihr ist beides, Christi Erlösungswerk und der Glaube, der allein es sich aneignet, unauflöslich zu der Einheit verschmolzen, welche uns auch in den fünf Absätzen des „ersten und Hauptartikels“ mit überzeugender und herzüberwindender Kraft vor Augen tritt. Doch lassen wir an dieser Stelle allen Streit auf sich beruhen! Versenken wir uns vielmehr mit allem, was in uns ist, in den abgrundtiefen Ernst lutherischer Sündenerkenntnis: in den Ernst, der nach der ersten The­se Luthers unser ganzes Leben zu täglich neuer lebendiger Buße werden läßt; aber auch in den aufjauchzenden Jubel, mit welchem der Glaube beides, ein Kind und ein Held, die Gnade Gottes in Jesu Christo täglich neu ergreift: in den Jubel, wie er in Luthers ältestem Liede, dem „Hauptliede der ganzen Reformation“, aus den Tiefen der erlösten Seele brach:

„Nun freut euch, lieben Christen gemein
Und laßt uns fröhlich springen,
Daß wir getrost und all in ein
Mit Lust und Liebe singen,
Was Gott an uns gewendet hat,
Und Seine süße Wundertat;
Gar teu’r hat er’s erworben.“

II.
Der Christ und die Welt

1. Die Schlacht auf den katalaunischen Feldern war geschlagen. Nicht von Regengüssen, nein, von Männerblut zum Strome geschwellt, trug der Bach rot aufschäumend die Leichen davon. Aber nur auf dem Erdboden war der gewaltige Kampf zu Ende; in den Lüften tobte er fort: die Geister der Gefallenen ließen nicht voneinander ab.

Wieder und wieder, wenn ich die Runen der wild verworrenen Zeit zu lesen suche, steht jene alte Gotensage vor mir auf. In dem grandiosen Bilde, wie es W. von Kaulbachs Meistergriffel gezeichnet hat, sehe ich verborgene, aber entscheidungsvolle Vorgänge der Gegenwart sich spiegeln. Auch hier, wenn man so will, ein fortwogender Kampf in den Lüften: freilich nicht unter den Geistern der Gefallenen, aber ein Kampf der Ideale, für welche die Besten von ihnen und die Besten der Überlebenden im Weltkriege gestritten haben oder doch allein haben streiten wollen. Wir erleben etwas von dem, was in seiner Weltgeschichte der achtundachtzigjährige Ranke zu jener Sage bemerkt hat: „Momentanen Entscheidungen zum Trotze dauert der Kampf der idealen Gegensätze doch immer fort.“ Nur daß zu den Gegensätzen, die im Weltkrieg ausgetragen wurden, andere kommen, welche durch die fortwirkenden Erschütterungen zwar nicht entstanden, aber zu neuer Kraft und Bedeutung gelangt sind.

Zunächst sind es weltliche Ideale, deren Ringen uns in Atem hält. Ich nenne nur beispiels­weise das alte heroische Ideal, ausstrahlend von Volkstum und Vaterland, und ihm gegenüber die Ideale von Völkerbund und ewigem Frieden; und ich erinnere an den Streit um die Staats­form und um die Ordnungen in Gesellschaft und Wirtschaft.

Aber mit den im Kampfe liegenden weltlichen Idealen sehen wir christliche sich verbinden: bestimmte Vorstellungen darüber, wie nach Gottes Willen die Dinge dieser Welt zu gestalten seien. So werden weltliche Ideale, etwa Demokratie, Völkerbund, auch Sozialismus, zu christ­lichen Postulaten; der Kampf vertieft und verschärft sich; die Kirche Jesu Christi aber steht vor einer ernsten Gefahr: hineingezogen und tief verflochten in den Widerstreit von Interessen, von Meinungen und Überzeugungen, von Tendenzen und Zielen, welche ganz und gar der Zeit an­gehören, in ihr entstehen und mit ihr vergehen, wird sie unausbleiblich in Versuchung geführt, die ihr anvertraute Autorität des göttlichen Wortes für umstrittene, zweifelhafte und wandelbare Menschengedanken einzusetzen und solchen Menschengedanken die Weihe ewiger Wahrheit zu geben.

Diese Versuchung war dem Urchristentum fremd; es sah sich unmittelbar vor der Wieder­kunft des Herrn und dem Ende der Welt. Aber der Bräutigam verzog und die Versuchung stellte sich ein; in den verschiedensten Formen ist sie dann zu allen Zeiten an die Kirche heran­getreten und in den verschiedensten Formen ist diese ihr erlegen. Man wird jedoch sagen dürfen: stärker ist die Versuchung nie gewesen und schwächer nie der Widerstand als in unseren Tagen. Mit elementarer Gewalt geht durch die ganze Christenheit eine Bewegung, welche auf nichts Geringeres abzielt als auf die Heilung aller Schäden der menschlichen Gesellschaft: nicht auf dem mittelbaren Wege der Bekehrung, sondern unmittelbar: durch Verchristlichung aller Ord­nungen dieser Gesellschaft, der nationalen und der internationalen. Nicht als sollte die Predigt von Sünde und Gnade vernachlässigt, zurückgestellt oder gar fallen gelassen werden. Aber neben sie tritt als selbständige Aufgabe, und zwar als Aufgabe der Kirche als solcher, die Reformation der Welt als solcher: die Umgestaltung und Erneuerung aller Zustände durch ihre Unterwerfung unter die Norm des Evangeliums.

Im einzelnen den stärksten Abwandlungen unterworfen, von Land zu Land, von Volk zu Volk, von Kirche zu Kirche in einer nicht zu übersehenden Mannigfaltigkeit von Abstufungen auftretend, steht die Bewegung doch unter einem gemeinsamen Grundgedanken, der nicht selten mit solchem Enthusiasmus verkündigt und aufgenommen wird, daß man sich an die Kreuzzüge gemahnt fühlt: es ist der große Gedanke der Königsherrschaft Christi, welche nicht allein in den Herzen der Gläubigen aufzurichten sei, sondern „über die Gesellschaft selbst, über die Stämme, Der Protestantismus der Gegenwart über das gesamte öffentliche Leben“ sich erheben solle. (So zum Beispiel, unter Berufung schon auf Leo XIII., P. Constantin Noppel S. I. in einem Aufsatze über das „soziale Königtum Christi“: Stimmen der Zeit, Bd. 109, S. 245.)

Es war mir vergönnt, von den evangelischen Trägern und Führern dieser Bewegung viele mehr oder minder nahe persönlich kennen zu lernen und die Wucht ihrer Überzeugung, die Glut ihrer Hingebung, die hinreißende Kraft ihres Glaubensgehorsams auf mich wirken zu lassen. So in den letzten Jahren: 1924 in Birmingham und in Mürren, und im denkwürdigen August 1925 in Stockholm; so schon viel früher, Jahre vor dem Kriege, als ich zum Beispiel Leonhard Ragaz in Zürich aufsuchte und mündlich, darnach auch schriftlich, alles aufbot, mit dem auf­richtig verehrten Manne mich zu verständigen. Aber gerade in der Auseinandersetzung mit ihm ist mir zuerst ganz deutlich und im Laufe langer Jahre ist mir immer noch gewisser geworden: so echt christlich die Gesinnungen sind und so edel die Absichten, welchen jene Bewegung Ursprung und Kraft verdankt, so wenig ist es möglich, die Versuchung und die ernsten Gefahren zu ver­kennen, womit sie uns bedroht, und so viel kommt darauf an, ihrem Ideal mit seiner bedenklichen Vermischung von Geistlichem und Weltlichem ein anderes entgegenzustellen, in welchem beides, Geistliches und Weltliches, jedes für sich zu seinem vollen Rechte kommt. Dieses Ideal läßt sich in ein einziges Wort fassen: in das Wort Freiheit; und wenn wir uns umsehen, wo inner­halb der vielgestaltigen Christenheit die Freiheit ihre Heimat habe und ihre gesicherte Stätte, so finden wir beides in der lutherischen Gestalt des evangelischen Christentums.

Dieser Satz mag vielen paradox klingen. Er ist darum nicht weniger wahr. Es sei mir gestattet, ihn grundsätzlich zu beleuchten und darnach an praktischen Beispielen zu erhärten.

2. Frei sein heißt von nichts anderem — schlechterdings von nichts anderem — ab­hängig sein als von den gottgegebenen Gesetzen des eigenen Lebens. Das ist der Sinn des Goetheschen Wortes:

„… gehorsam fühlt’ ich immer meine Seele
Am schönsten frei.“

Auf den kürzesten Ausdruck gebracht: „Deo servire libertas“ oder in freier, aber genauer Übertragung: In Gottes Willen aufgehen ist Freiheit.

Nun gilt es aber zu unterscheiden. In einer dreifachen Ordnung von Gesetzen entfaltet und offenbart sich der Wille Gottes über dem Leben der Menschen.

Die erste Ordnung ist die der Naturgesetze im engeren Sinne. Wir sind ihnen unterworfen wie alles Lebendige, wie alles Geschaffene: doch so, daß es innerhalb weiter Grenzen in unsere Wahl gestellt ist, ob wir uns nach diesen Gesetzen richten wollen oder nicht. Tun wir’s nicht, so werden wir freilich von ihnen gerichtet; denn ihre Geltung ist unverbrüchlich.

Die zweite Ordnung ist die der Kultur. In dem Sinne, in dem man allein von ihr sprechen sollte, umfaßt sie teils mehr, teils weniger, als was gemeinhin Kultur genannt wird; sie umfaßt alles, was in Auswirkung der Gedanken und Kräfte geschieht, die Gott als Schöpfer in die Menschen gelegt hat. Diese Auswirkung vollzieht sich unter Hemmungen und Trübungen von innen, wie unter Widerständen von außen: in stetem Kampfe mit dem Sündenverderben in uns
und mit dem Urheber dieses Verderbens, dem Fürsten dieser Welt, und seinen bösen Geistern unter dem Himmel. Auf Kampf sind darum auch die Gesetze der Kultur angelegt: nicht anders, und in noch tieferem Sinne, als die Gesetze der Natur, obwohl auch in diesen ein nie rastender Kampf das Bild des Friedens zerstört, das wir träumend und sehnend von ihr im Herzen tragen.

Die Gesetze des Kulturlebens haben zunächst in der Schöpfung selbst ihren Ursprung. Dem Kerne nach unwandelbar, wie der Wille des Schöpfers, sind sie in ihrer Ausgestaltung von unerschöpflicher Mannigfaltigkeit und immer neuer Veränderung unterworfen. Nur so bleiben sie mit der Verschiedenheit und dem Wechsel der Verhältnisse in Einklang, welche sie zu nor­mieren bestimmt sind. Sie leben und wandeln sich im Bewußtsein der Besten: derer, in welchen die schöpfungsmäßigen Gedanken und Kräfte am reinsten und am stärksten erscheinen. Aber, bei allem Wandel nach Ort und Zeit: ihre Wurzeln liegen in einer Tiefe, in welche menschliche Willkür, Sünde, Torheit nicht hinabreichen, und ihre Geltung ist nicht minder unverbrüchlich wie die der Naturgesetze: Völker und Generationen gedeihen oder vernichten sich selbst, je nach­dem sie jenen verborgenen und doch wieder so offenkundigen Gesetzen Folge leisten oder widerstreben.

Im Alten Bunde hat Gott selbst nicht nur den Dienst, den Sein Volk Ihm schuldig sei, sondern das ganze öffentliche und private Leben dieses Volkes als Gesetzgeber geordnet. In diese Ordnungen ist ein unvergleichlicher Schatz von sittlichen Normen eingeschlossen: ein Schatz, dem nach dem Zeugnis des Herrn selbst und Seiner Apostel allgemeine und bleibende Geltung zukommt. Aber gerade dies Zeugnis hebt die vom Herrn bestätigten und vertieften Normen zwar nicht über Welt und Zeit hinaus, jedoch über allen Wechsel der Verhältnisse und den An­schauungen: sie sind ein Ausdruck des unbedingten heiligen Willens Gottes, den wir nicht mißachten können, ohne unsere Kultur dem Untergange preiszugeben.

Die dritte Ordnung führt aus der Zeit in die Ewigkeit. Wir stehen vor den Gesetzen, von welchen in jener wundersamen Nacht der Herr zu Nikodemus gesprochen hat: den Gesetzen des Lebens von oben; den Gesetzen, nach welchen in der Tiefe sündiger Menschenherzen die Gnade ein neues Leben werden und wachsen und für die Ewigkeit reifen läßt.

Niemand stoße sich daran, daß ich auch hier von Gesetzen rede! Es geschieht nicht im Sinne einer falschen Gesetzlichkeit, welche meint, durch Erfüllung göttlicher Gebote oder menschlicher Satzungen kraft eigenen Verdienstes die Gerechtigkeit vor Gott zu erlangen. Es geschieht unter ausdrücklicher und nachdrücklicher Ablehnung jeder Art oder Unart von gesetzlichem Wesen, die zwar das alleinige Verdienst unseres Herrn und Heilandes gelten läßt, die aber nicht davon lassen kann, immer wieder den Weg des Christen durch diese Welt willkürlich zu verzäunen. Dieser Weg ist freilich schmal; wir wissen es wohl und kennen nur allzugut die rechts und links drohenden Abgründe, vor denen keiner sicher ist, solange er lebt. Doch vor Abgleiten und Sturz bewahrt uns keinerlei Geländer, wie es von alten und neuen Pharisäern, das heißt von ernsten Leuten, die es streng nehmen, immer und immer wieder gezimmert wird und doch nur allzuleicht die Seele mehr gefährdet als schützt, sondern allein die in Glaubens­zuversicht ergriffene und in Glaubensgehorsam festgehaltene Gnade Gottes.

Allein diese Gnade wirkt nicht willkürlich. Seit dem ersten Augenblick, da Gott sprach: „Es werde Licht!“ und es ward Licht, durchwalten Seine heiligen Gesetze die Natur. Seit dem Augenblick, da Gott sprach: „Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei!“ durch­walten Seine heiligen Gesetze die Kultur, auch die von der Sünde vergiftete Kultur. Und seit dem Augenblick, da das Wort, durch welches alle Dinge geschaffen sind, Fleisch ward und unter uns Wohnung nahm, um durch Selbsterniedrigung und durch Gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuze den durch Sünde Betörten zur Weisheit zu werden, den unter Gottes Gericht Liegenden zur Gerechtigkeit, den durch Sünde Verdorbenen zur Heiligung, den hart Gebundenen zur Erlösung; seit dem ersten Augenblick, da die heilsame Gnade Gottes allen Menschen erschien, sind es heilige Gesetze Gottes — Naturgesetze höchster Ordnung, nach welchen diese Gnade den Empfänglichen sich mitteilt, die Schwachen trägt, die Gefallenen aufrichtet und in allen, welche sie nicht, schrecklich zu sagen, vergeblich empfangen, den „inwendigen“ oder den „geistlichen“ Men­schen schafft, in dem sich das verlorene Ebenbild Gottes leibhaftig erneuert.

Naturgesetze, sei’s auch höchster Ordnung? Leibhaftige Erneuerung? Auch daran wolle sich niemand stoßen! Ich denke dabei keineswegs allein oder auch nur zunächst an den tiefsinnigen Oetinger und an sein allbekanntes Wort: „Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes.“ Im Gegenteil: dies Wort, wenn es aus dem Zusammenhänge der Gedankenwelt seines Urhebers genommen wird, kann leicht irreführen und genügt nicht, um der Wirklichkeit gerecht zu werden, auf welche uns in voller Übereinstimmung mit unserem Vater Luther alles ankommt. Es ist die leibhaftige, schon jetzt leibhaftige Wirklichkeit der göttlichen Dinge: der Gnade Gottes in Christo und dessen, was diese Gnade in dem Menschenherzen schafft, in welches sie Eingang findet.

Wir liegen im Banne der durch und durch unbiblischen Vorstellungen, welche wir mit dem Worte Geist verbinden. Geist ist für uns der ausschließende Gegensatz zu allem, was in irgend einem Sinne Natur heißt. Aber wir vergessen dabei, was uns doch die Heilige Schrift von Anfang bis zu Ende bezeugt, daß über der irdischen Natur, die uns umgibt, und der wir mit unserem sterblichen Leibe selbst angehören, eine höhere, göttliche Natur, eine himmlische Leiblich­keit vorhanden ist: um so viel wirklicher als unsere irdische Natur, wie das Unvergängliche wirklicher ist als das Vergängliche. Diese himmlische Leiblichkeit gilt es festzuhalten, wenn wir nicht vom ersten bis zum letzten die in Jesu Christo offenbar gewordenen Geheimnisse Gottes und von den Wirkungen Seiner Gnade alles preisgeben wollen, was ihr Wesen ausmacht und ihre Kraft. —

Wir müssen uns hier mit diesen Andeutungen begnügen, die wir nur bitten können, an der Hand der Schrift und unserer Bekenntnisse (Sakramente!) unbefangen nachzuprüfen, und wen­den uns der großen Frage zu, an der sich die Geister scheiden: der Frage nach dem Verhältnis des Evangeliums zu jener dreifachen Gottesordnung.

Nach lutherischer Auffassung gehört zum Evangelium alles, aber auch nur das, was sündigen Menschen das Heil bringen kann und soll, das im Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen des Heilands für uns bereitet ist. Es gehören dazu also, um in unserem Gedankengange zu bleiben, unmittelbar nur die Gnadengesetze der dritten Ordnung. Dagegen kommen die Gesetze der ersten und zweiten Ordnung nur mittelbar in Betracht. Wir wissen uns als Christen von allem, was wir als Willen Gottes in Natur und Kultur erkennen, nicht ausgenommen, sondern haben im Gegenteil auch hier und gerade hier uns als gehorsame und treue Kinder Gottes zu erweisen.

Unser Urteil indessen über Inhalt, Richtung und Ziel weltlicher Arbeit, zumal unser Urteil darüber, wie die vergänglichen Dinge dieser Welt da oder dort jeweils am besten zu ordnen seien, dies Urteil sollen und dürfen wir nicht aus dem Evangelium schöpfen; es ist dazu, wie jedes Wort des Herrn und Seiner Apostel bezeugt, schlechterdings nicht bestimmt. Unbeschadet aller noch so tiefgehenden Einwirkungen, welche von christlichem Glauben und christlichem Leben auf die schöpfungsmäßigen Gedanken und Kräfte der Kultur ausgehen (Joh. Seb. Bach!), sollen sich diese aus ihren eigenen Lebensgesetzen heraus entfalten: nur so können sie zu der Ausreifung kommen, welche ihnen, wenn wir den verborgenen Sinn der Weltgeschichte richtig deuten, vom Schöpfer selbst bestimmt ist.

Anders nach der Auffassung, die in anderen evangelischen Kirchen vorherrscht und, wenn gleich mit Abschwächungen, auch in die lutherischen Kirchen unverkennbar einzudringen beginnt. Sie findet vielleicht ihren stärksten Ausdruck in dem Satze:

„Die moderne Kirche hat die Pflicht, zurückzukehren zu Christus, in dessen Lehre das Verlangen nach einer idealen Gesellschaft den ersten Platz hat.“

So am 20. August 1925 in Stockholm Sir William Ashley, „der berühmte Lehrer der Universität Birmingham“. (H. Siegmund-Schultze, Die Weltkirchenkonferenz in Stockholm, S. 33.)

Man begnügt sich nicht damit, daß lebendige Christen als solche an jedem Platze, an den sie gestellt sind, als Salz wirken und als Licht. Nein, man sucht und findet im Evangelium die Normen, nach welchen das ganze öffentliche Leben der Völker und der Völkerwelt zu ordnen sei.

Und man geht einen bedeutungsvollen Schritt weiter. Von einer diesen Normen entsprechenden Erneuerung aller Zustände und Einrichtungen dieser Welt erwartet, in ihr erkennt man die Aufrichtung des Reiches Gottes. Auf dieser alten Erde, innerhalb dieser unserer Weltzeit soll die zweite Bitte des Vaterunsers auf solche Weise zur Erfüllung gebracht werden. So wird die Grenze getilgt, welche Kultur und Gnade voneinander scheidet; das Neue Testament wird zum Fundamentalgesetzbuch für die Völker dieser Zeit nicht anders als es das Alte Testament für das Volk des Alten Bundes war; und im Lichte eines grenzenlosen Optimismus erscheint das Reich Gottes auf Erden als erreichbares Ziel einer diesseitigen Entwicklung.

Die Lehre ist nicht neu. Man braucht nicht allzuviel von Kirchen- und Weltgeschichte zu wissen, um sie in mancherlei Formen auf viele Jahrhunderte zurück zu verfolgen. Aber wir vermögen sie mit der Schrift so wenig wie mit aller Erfahrung in Einklang zu bringen.

Gewiß hebt das Reich Gottes schon hienieden an: aber nur in der Verborgenheit der Herzen; in Herrlichkeit erscheinen wird es erst mit der Wiederkunft des Herrn, und die gegenwärtige Welt geht nicht der allmählichen Verklärung zum Reiche Gottes entgegen, sondern dem Gericht, dem das Böse in ihr zusehends entgegenreift.

Gewiß wird jeder wahre Christ die ihm von oben zuströmende Kraft neuen Lebens allenthalben bewähren, wo er berufen ist, an dem Werke der Kultur mitzuarbeiten. An Schärfe des Blicks für Mißstände jeglicher Art und an ernster Willigkeit, an ausharrender Treue und Geduld im Kampfe gegen alles Unkraut wird er sich von niemanden übertreffen lassen; niemand wird selbstloser, opferwilliger, freudiger Hand anlegen, um zu bessern, was immer zu bessern ist. Ja, so gewiß die Früchte des Geistes allem überlegen sind, was schöpfungsmäßig auf dem Boden dieser Welt an Gutem gedeiht: so gewiß wird jeder lautere Jünger Christi in den Kreis seines weltlichen Wirkens, er sei groß oder klein, Kräfte leiten, über die kein anderer gebietet.

Aber wir vergessen nicht das Wort des Herrn: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, ein Wort, in welchem nur auf den kürzesten und schärfsten Ausdruck gebracht ist, was die ganze Heilige Schrift Neuen Testaments lückenlos und widerspruchslos bezeugt.

Wir lehnen jede Art von Weltflucht ab, so stark wir uns dazu versucht fühlen; so wichtig uns die Warnung des Apostels bleibt: „Habt nicht lieb die Welt —“; und so tief wir mitempfinden, wenn ein Tersteegen (ein evangelischer Heiliger, wenn wir von sterblichen Heiligen wüßten) seiner Harfe die Klänge eines Heimwehs entlockt, von dem auch unsere Seele ganz und gar erfüllt ist. Warum läßt Gott den Tag oder, wie wir lieber sagen möchten, die Nacht dieser Weltzeit so viel länger währen, als es die ersten Christen erwartet und die Frommen aller Jahrhunderte von Herzen gewünscht und ersehnt haben? Es gibt mancherlei Antworten auf diese Frage. Eine davon ist jedenfalls die, daß noch viel zu arbeiten und viel zu kämpfen bleibt, ehe unter Kampf und heißem Streit herausgearbeitet ist, was Gottes Schöpferwille in diese Welt gelegt hat, und was unter den Bedingungen dieser Zeit, daß wir so sagen, fertig werden soll. In dieser Arbeit und in diesem Kampf und Streit unseren Mann zu stellen, dazu hat Gott uns ebenso gewiß berufen wie dazu, daß wir durch Seine wundersame Gnade aus vergänglichen Kindern der Zeit Erben des ewigen Lebens werden.

Aber mindestens so bestimmt wie die Weltflucht lehnen wir alle Schwarmgeisterei ab, sie sei grob oder fein. Und nichts anderes als Schwarmgeisterei ist für unser christliches Urteil jeder Versuch, im Widerspruch zu den klaren Worten des Herrn Sein Reich sichtbar aufzurichten, ehe er selbst wiederkommt. Der Versuch hätte keine Verheißung, wenn er mit geistlichen Mitteln unternommen würde. Was sollen wir aber dazu sagen, daß man Geistliches und Weltliches vermengt und durch Veränderungen in der Struktur weltlicher Ordnungen das Kommen des Reiches Gottes herbeiführen will? Wird damit nicht beiden Gewalt angetan: den weltlichen Dingen, die man unter die wesensverschiedenen Gesetze einer höheren Lebensordnung zwängt, an relative und veränderliche Erscheinungen der Zeit unwandelbare, absolute Maßstäbe der Ewigkeit anlegend; nicht minder jedoch den Gesetzen des Reiches Gottes selbst, die mißdeutet, vielleicht sogar mißbraucht werden, um sie auf Verhältnisse anzuwenden, die sich kraft göttlichen Schöpferwillens nach Gesetzen einer ganz und gar anderen Ordnung zu entfalten haben? Und welche Verirrung der Gewissen, ja welcher Gewissenszwang ist die unausbleibliche Folge, wenn für bestimmte Ideale von Wirtschaft, Gesellschaft, Staat und so weiter die Autorität des Evangeliums in die Waagschale gelegt wird!

Auf einem amerikanischen Flugblatt von 1917 habe ich gelesen, Luther sei der erste Amerikaner gewesen. Der Verfasser wollte sagen, Luther sei der Vater der Freiheit gewesen; und damit hat er recht gehabt, wie man auch im übrigen von Amerika und Freiheit denken möge. Mit unbeirrbarer Klarheit und Festigkeit wie keiner zuvor hat unser Vater Luther uns die zweifache Einsicht errungen, auf welcher alle Freiheit in dieser Welt beruht: die Einsicht in die Wesensverschiedenheit des Geistlichen und des Weltlichen und in das göttliche Eigenrecht der schöpfungsmäßigen Ordnungen dieser Welt. Es gehört zur Sendung des Luthertums, daß es, dies Erbe bewahrend, ein Hort der Freiheit auf Erden bleibe, die vielleicht noch nie so schwer bedroht war wie in unseren Tagen.

3. Im vorstehenden war ich bemüht, die Grundgedanken herauszuarbeiten, auf welchen die reife und freie Auffassung von unserer Stellung zur Welt beruht, die wir Luther verdanken. Ich versuche nun, diese Gedanken durch einige Beispiele zu erläutern, und wähle dieselben so aus, daß ich in der Hauptsache von Dingen spreche, mit welchen ich mich im Laufe eines nun schon recht langen Lebens hinlänglich beschäftigt habe, um sie gründlich kennen zu lernen.

a) Aus dem Wirtschaftsleben. Als ich vor bald 40 Jahren ausersehen wurde, in die Leitung einer Hypothekenbank einzutreten, zunächst als Hilfsarbeiter, fiel es mir schwer genug, dem Rufe zu folgen. Ich hatte auf alle eigenen Pläne, Neigungen, Hoffnungen zu verzichten und stand vor einer fremden, mir fast unheimlichen Welt. Nur die ernstesten Gründe konnten mich bestimmen, den Schritt in diese Welt zu wagen, die mich dann dauernd festgehalten hat. Viele Jahre später bat mich die Frau eines jüngeren Kollegen, ihr das innerste Geheimnis eben dieser Welt mit einem kurzen Worte zu erklären. Da sie lateinisch versteht, habe ich ihr zur Antwort gegeben:

„Post equitem sedet atra cura!“

Hinter dem Reiter sitzt die schwarze Sorge. Ich habe damals nicht geahnt, wie furchtbar diese Sorge auf meine alten Tage sich noch auswachsen würde. Soll ich aber sagen, was mir in allem Wandel der Zeiten möglich und je länger je mehr doch auch lieb gemacht hat, mit dem drohenden Gespenst hinter mir den Gaul meines Berufs weiterzureiten, so kann ich nur die zunehmende Einsicht in die großen Zusammenhänge nennen und die sich immer noch vertiefende Überzeugung, daß es auch auf dem weiten Felde der Wirtschaft keine Stelle gibt, auf der es nicht möglich wäre, in dem oben besprochenen Sinne Kulturarbeit zu tun. Ich habe mich nie dabei zu beruhigen vermocht, daß jeder Beruf, wenn er nur treu erfüllt werde, Gottesdienst sei. Jahre- und jahrzehntelang habe ich mich mit der Frage gequält, ob es denn wirklich nur auf die Art des Arbeitens ankomme und auf die darin sich aussprechende Gesinnung; ob der Inhalt gleichgültig, oder was etwa von dem Inhalt einer Arbeit wie der meinigen zu halten sei. Erst im Begreifen der Kultur als der durch die Völker und durch die Jahrhunderte hingehenden Auswirkung schöpfungsmäßiger Gedanken und Kräfte und in der Beziehung aller Arbeit in der Welt und für die Welt auf den Zentralbegriff dieser Kultur ist mir der Beruf an sich und mein eigener Beruf nicht nur der Form, sondern der Sache nach als Gottesdienst verständlich und heilig geworden.

Von dem, was ich gelernt habe, und was mir in allem Wandel der Zeiten immer noch deutlicher geworden ist und noch gewisser, hebe ich dreierlei hervor.

Erstens: Die Kultur in jenem tiefen Sinne schließt die Privatwirtschaft, das heißt die Richtung der Arbeit auf Erwerb und Gewinn, nicht aus, sondern ein. Auch unsereinem, und gerade unsereinem, steht die Entartung des Erwerbstriebs nur allzu anschaulich vor Augen: in all ihren abstoßenden Gestalten, in ihrer erschreckenden Verbreitung unter allen Schichten, in ihren zerstörenden Wirkungen. Aber es heißt den Teufel mit Beelzebub austreiben, wenn man versucht, im Wege der Verdrängung der Privatwirtschaft durch Gemeinwirtschaft die Menschen und Zustände zu bessern; mit beiden wird es eher schlimmer als besser (zumal in Staaten, in welchen die tief und fest eingewurzelte Autorität von ehedem gestürzt, die von ihr getragene Überlieferung und Sitte ins Wanken gekommen und alle öffentliche Gewalt Parteigewalt geworden ist). Auch hier gilt das alte Juristenwort, daß der Mißbrauch den rechten Brauch nicht aufhebe. Auf alle für uns absehbare Zeit wird die Privatwirtschaft bleiben, was sie seit Menschengedenken gewesen ist: nicht nur das Fundament jeder gesunden Wirtschaft, sondern ein durch nichts zu ersetzendes wesentliches Element der schöpfungsmäßigen Ordnung dieser Welt, mit andern Worten der Kultur.

Zweitens: Alle Privatwirtschaft kann indessen, und sie soll und muß getragen sein von dem Gedanken des Dienstes am Volke und von dem Bewußtsein der Verantwortung für das Wohl des Volkes; sie gräbt sonst sich selbst ihr Grab und bereitet, wie der Gesamtwirtschaft, so dem ganzen Volke den Untergang.

Dies gilt nicht zuletzt auch von denjenigen Formen der Privatwirtschaft, welche, oberflächlich betrachtet, allein dazu bestimmt sind, Gewinn zu erzielen: nur Gewinn und möglichst hohen Gewinn; also von Erwerbsgesellschaften aller Art, insbesondere von Aktiengesellschaften.

Der geniale Gedanke der pfandbriefmäßigen Organisation des Realkredits, zuerst unter Friedrich dem Großen in Gestalt der „Landschaften“ ins Leben getreten, ist von dem Polen Wolowski nach Frankreich gebracht, ist dort in die Form der Aktien-Hypothekenbank übertragen worden und ist in dieser Form nach Deutschland zurückgekommen. Er hat doch vielleicht in deutschen Hypothekenbanken seine vollkommenste Verwirklichung gefunden. Die planmäßige Heranziehung des mittleren, kleinen und kleinsten Sparkapitals, die nie ablassende Sorge für den Pfandbrief und seinen Kurs, die Weiterleitung des Pfandbriefkapitals an den kreditbedürftigen Grundbesitz aller Arten und Größen, die opferwillige Pflege der Tilgungshypothek, die zweckentsprechende Speisung des Betriebs durch Aktienkapital und Reserven: ich wüßte jedenfalls nicht, wo dies alles harmonischer vereinigt, und wo den Bedürfnissen der Sparer wie der Grundbesitzer besser gedient worden wäre. Aber dieser Dienst war und ist nur möglich, wo die Hypothekenbank im Realkredit nicht ein Objekt sieht, den höchstmöglichen Gewinn herauszuwirtschaften, sondern sich als ein mit hoher Verantwortung belastetes Organ der Gesamtwirtschaft betrachtet, das allen Beteiligten die bestmöglichen Dienste leistet und mit einem sicheren, aber bescheidenen Nutzen vorlieb nimmt. In der Leitung einer solchen Hypothekenbank habe ich je länger je mehr die Berufsfreude finden dürfen, auf die ich lange Jahre gemeint hatte, verzichten zu müssen.

Drittens: Die Gesetze, in welchen die Privatwirtschaft ihr Recht, ihre Aufgaben, ihre Schranken findet, sind, wie alle wirtschaftlichen Gesetze, ihrem Wesen nach sittlicher Natur; sie binden unser Gewissen. Aber wie sind sie zu erkennen? Nicht aus dem Evangelium. Dieses schärft uns das Gewissen; es lehrt und hilft uns von dem sündhaften Eigennutz loszukommen, der nur das Seine sucht; es pflanzt schon mit den ersten Anfängen des neuen Lebens von oben eine Gesinnung in uns, die hoch genug über den Dingen dieser Welt steht, um sich nicht von ihnen gefangen nehmen zu lassen; hoch genug, um in allem wirtschaftlichen Tun die Zwecke der Privatwirtschaft den höheren Zwecken der Gesamtwirtschaft und des Gemeinwohls ein- und unterzuordnen. Aber darüber hinaus hat das Evangelium mit der Wirtschaft nichts zu tun. Nicht nur die Technik des Wirtschaftslebens, wie man vielfach hört, steht außerhalb des Evangeliums, sondern auch seine Ethik: der Inbegriff der sittlichen Normen, von deren Beobachtung es abhängt, ob das Wirtschaftsleben, die äußeren Bedingungen der Kultur schaffend, sich selbst als ein Element der Kultur bewährt oder ob es kulturwidrige und kulturzerstörende Kräfte hervorbringt. Diese Normen haben ihren letzten Ursprung in Gott, aber in dem Schöpferwillen Gottes; sie sind ein Teil der schöpfungsmäßigen Weltordnung. In den vielverzweigten Strom der Zeit eintauchend, offenbaren sie sich in Geschichte und Erfahrung; sie lassen sich nie und nirgends mit unfehlbarer Sicherheit feststellen, noch viel weniger in allgemein und dauernd gültige Formeln bringen; aber wir erkennen sie im Urteil der Besten darüber, was unter den jeweils gegebenen Verhältnissen da oder dort möglich und nötig ist, wenn die Wirtschaft ihre Bestimmung erfüllen soll. Freilich geht auch das Urteil der Besten oft genug auseinander. Doch das ist ja unser Loos und unabtrennbar von unserem Dasein in der Zeit, daß nur durch den Streit der Meinungen, auch nur durch immer neue Irrtümer, von denen keiner frei ist, hindurch der schwer zu findende Weg führt, auf dem wir uns der Erkenntnis der Wahrheit nähern. Immerhin: wir sind auf dem rechten Wege, solange wir uns nur klar bewußt bleiben, daß die Wirtschaft einer anderen Ordnung der Dinge angehört als das Himmelreich; daß wir ihre Gesetze nicht aus der Offenbarung des Neuen Bundes abzulesen haben, auch nur mit besonnener Unterscheidung aus der Offenbarung des Alten, und daß wir in der Hauptsache darauf angewiesen bleiben, mit den Lehren der Geschichte die Zustände, die Bedürfnisse, die wirtschaftlichen und sittlichen Kräfte der Gegenwart zusammenzuhalten, um zu ermitteln, was jene Gesetze heute von uns verlangen.

b) Von der Gesellschaft. Ich glaube nicht, daß ich als Kind das Wort „sozial“ jemals gehört habe: jedenfalls nicht im elterlichen Hause. Um so mehr ist mir durch das Beispiel der Eltern und durch alles, was ich aus Generationen zurück von der Überlieferung beider Familien, der väterlichen und der mütterlichen, habe hören dürfen, soziales Handeln und Empfinden von früher Jugend an in dem ausgeprägt, was sich von selbst versteht. Später habe ich im bürgerlichen und im militärischen Leben, im Frieden, in vier schweren Jahren des Feld- und Frontdienstes und in den noch schwereren Jahren, welche wir seit der Revolution durchleben, unter den aller verschiedensten Verhältnissen Anlaß gehabt, mich mit den unerschöpflichen Problemen auseinanderzusetzen, welche man die soziale Frage nennt. In einem Punkte bin ich doch nie irre geworden: darin nämlich, daß unser Herr und Heiland nicht gekommen sei, um die menschliche Gesellschaft als solche zu reformieren oder Weisungen und Grundsätze für ihre Reform zu hinterlassen. Es ist mit der gesellschaftlichen Ordnung und ihren Gesetzen nicht anders als mit der wirtschaftlichen; und ich wiederhole nicht, was ich über die letztere gesagt habe. Nur ein paar kurze Einzelbemerkungen seien mir gestattet.

Erstens. Die Gliederung der Stände ist im Flusse der Geschichte. Eine Tendenz zur Abschwächung der Unterschiede ist unverkennbar und ist in mancher Hinsicht, vor allem in ihrem Kampfe gegen jegliche Verhärtung, vollauf berechtigt. Daß sie auch Gefahren mit sich führt, die teils lächerlich, teils recht ernst zu nehmen sind, halte ich für zweifellos: Gefahren für das Ganze und Seelengefahren für die Einzelnen und für ganze Schichten! Wichtig bleibt auch hier die Erinnerung daran, daß die Menschheit so wenig wie die Natur auf Gleichförmigkeit angelegt ist. Aber das wichtigste ist mir in diesem Zusammenhang der Widerspruch gegen jeden Versuch, gesellschaftliche Gleichmacherei im Namen Christi und Seines Reiches zu verlangen.

Zweitens. Es muß und wird in der menschlichen Gesellschaft immer ein Oben und Unten geben. Wir fühlen uns dabei wohl, wofern nur von Oben nicht ein ungerechter und liebloser Druck ausgeht. Wer nicht von Herzen bereit ist, mit aufrichtiger Ehrerbietung nach Oben zu sehen, der taugt nichts. Damit ist keinerlei falsche und unwürdige Unterwürfigkeit das Wort geredet, wohl aber die ernste Verantwortung ins Licht gesetzt, welche auf denen lastet, die oben stehen.

Drittens. Es ist eine Lieblingswendung vieler Sozialreformer, auch christlicher, daß sie für die unteren Schichten Recht verlangen und nicht Liebe. Sie haben damit recht und unrecht. Recht, insofern nichts unerträglicher ist als Ungerechtigkeit, und vieles an sich Schwere zu ertragen ist, solange nur das Vertrauen besteht, daß gerecht verfahren werde. Aber sie haben unrecht, wenn sie, wie ich es so oft mit Schmerz und Unwillen habe beobachten müssen, aus den Beziehungen der Stände, der Vorgesetzten und der Untergebenen, der Arbeitgeber oder Arbeitleiter und der Arbeitnehmer, alles entfernen wollen, ja nicht selten mit Fanatismus alles bekämpfen, was nicht auf Recht gestellt ist, sondern auf Liebe: auf frei geübte Liebe und auf Dankbarkeit: gegenseitige Dankbarkeit! Die Seelen frieren; an innerer Kälte geht die Gesellschaft zugrunde.

Es ist ja ohnehin eine kalte Welt, in der wir leben; jedes gute Wort, jeder freundliche Blick, jede Aufmerksamkeit und Rücksicht, die uns zeigt, daß es noch Leute gibt, die nicht nur an sich denken, tut uns wohl wie ein erwärmender Sonnenstrahl. Nichts ist mir gewisser, als daß ein ganz großer, vielleicht der größte Teil der „sozialen Frage“ in dem Mangel an solchen Sonnenstrahlen seinen Ursprung hat und nur von hier aus zu heilen ist. Im Evangelium haben wir die Höhensonne zu suchen, die wir in die kalte Welt ausstrahlen sollen, nicht aber Reformprogramme für die gesellschaftliche Ordnung.

c) Vom Recht und vom Staate. Recht und Staat hängen gegenseitig voneinander ab. Das Recht ist unvollkommen ohne einen Staat, der den Willen und die Macht hat, es gegen jeden Widerstand durchzusetzen; nicht minder unvollkommen der Staat, dessen Gewalt der Weihe des Rechtes entbehrt.

Aber nicht nur der äußeren Macht bedarf das Recht. Sein Wesen beruht auf der inneren Macht, vermöge deren es die Gewissen bindet. Das Recht, sofern es seiner Idee nahekommt, ist der Ausdruck einer sittlichen Überzeugung: der Überzeugung, daß ein Volk nicht allein auf den guten Willen seiner Angehörigen und der näheren und entfernteren Nachbarvölker angewiesen bleiben könne, sondern einer von staatlicher Macht getragenen Ordnung bedürfe, und daß diese Ordnung den oder jenen Inhalt haben müsse, um den Bedürfnissen und Anschauungen des Volkes zu entsprechen.

Für den Staat wiederum ist es zwar wesentlich, daß die oberste Gewalt in Händen liege, deren rechtmäßige Berufung feststeht; fehlt dieses Fundament, so ist ein wirklicher Staat nicht vorhanden, sondern besten Falls ein staatsähnliches Gebilde, aus welchem unter Umständen mit der Zeit ein Staat im Rechtssinne werden kann. Nicht minder wesentlich ist für den Staat die Macht; ein Staat ohne Macht ist ein Widerspruch in sich: ein wesenloses Gebilde; eine Seifenblase, die sich bei dem geringsten Zusammenstoß mit der harten Wirklichkeit der Dinge in Nichts auflöst. Aber auch hier genügt nicht, so unentbehrlich sie ist, die äußere Macht: wie das Recht zum Rechte, so wird auch der Staat zum Staate erst durch die innere Macht, die Macht über die Gewissen, die mit dem sittlichen Charakter, mit den sittlichen Kräften des Staates steht und fällt.

Woher stammen nun aber die sittlichen Kräfte, die das Recht zum Rechte werden lassen und den Staat zum Staate? Und woher die Gesetze, nach welchen diese Kräfte wirken?

Auch hier kann ich nur mit ernster Bestimmtheit aussprechen: nicht aus dem Evangelium; nicht aus dem Reiche, das nicht von dieser Welt ist. Gewiß, je mehr in der Arbeit am Rechte, im Dienste des Staates lebendige Christen stehen, desto stärker wird der Zustrom von Kräften sein, welche sie aus dem in ihnen quellenden Leben von oben auch in diese Arbeit, in diesen Dienst leiten. Aber alles kommt darauf an, daß sie sich auf das klarste der Wesensverschiedenheit bewußt bleiben, welche diese irdische Welt, auch Recht und Staat und die sie tragenden sittlichen Gesetze, von der Welt des Ewigen trennen. Wird dieses Bewußtsein gestört, getrübt, zum Verlöschen gebracht, so entsteht nur Unheil.

Auch die in Recht und Staat sich auswirkenden sittlichen Gesetze stammen von Gott. So gut wie ein anderer wissen wir, daß die Welt im Argen liegt, und daß Recht und Staat so wenig von Unkraut frei sind wie irgend ein anderer Acker dieser Welt. Aber wir lassen uns nicht daran irre machen, daß die Wurzeln von Recht und Staat in Gottes Ordnung liegen; und nicht nur ihr Ursprung, sondern ihre Bestimmung: gerade dazu sind sie berufen, daß durch ihr Werk dem Überwuchern des Unkrauts in der Welt gewehrt und die gottgeschaffenen Kräfte in der Welt geschützt und geschirmt werden.

Nur daß es die Schöpfungsordnung ist, in welcher Recht und Staat gründen, und nicht die Ordnung des Himmelreichs; und daß es schöpfungsmäßige Gesetze sind, nach welchen, inmitten alles Sündenverderbens, in Recht und Staat ein Göttliches sich durchringt, und nicht die Gesetze des ewigen Lebens: daran gilt es festzuhalten.

Auch Recht und Staat stehen im Flusse des geschichtlichen Werdens. Wohl schließen sie, wie alle Kultur, gewisse Elemente in sich, die jedem Wechsel entzogen sind; das entspricht ihrem immer und überall sich gleichbleibenden Wesen und Ziel. Aber nimmermehr würden sie ihr Wesen rein entfalten und nimmermehr, auch nur annäherungsweise, ihr Ziel erreichen, wenn nicht in ihrer geschichtlichen Erscheinung das harte Metall des Unwandelbaren immer neue Verbindungen einginge mit dem unendlichen Wandel der menschlichen Dinge in Raum und Zeit. Jene innere Macht, die von Recht und Staat aus die Gewissen ausüben kann und soll, beruht ganz und gar auf diesen Verbindungen, das heißt darauf, daß wir in der Ordnung, welche Achtung, Gehorsam, Hingebung bis zum letzten von uns verlangt, gerade das finden, was allein uns innerlich zu binden vermag: bleibende Gesetze alles Völkerlebens, aber so ausgestaltet, wie es der besonderen Art und Lage unseres Volkes entspricht.

Es war und bleibt der Grundirrtum des rationalistischen „Naturrechts“, das wandelbare, das geschichtliche Moment in Recht und Staat zu verkennen und dem Irrlicht einer Ordnung nachzujagen, die „vernunftgemäß“ so zu konstruieren wäre, daß sie über den ganzen Erdkreis hin allgemeine und dauernde Geltung beanspruchen könnte. Dieser Irrtum, tieferer Einsicht längst überwunden und für die Wissenschaft, wenn sie nicht auf eine fast primitiv zu nennende Stufe zurücksinken will, ein für allemal abgetan, ist aus der öffentlichen Meinung nie ganz verschwunden; in nicht wenigen Ländern wird sie noch heute von ihm beherrscht (ein beträchtlicher Teil der geistigen Mobilmachung gegen das durch und durch friedfertige kaiserliche Deutschland mit seiner gesicherten Freiheit ist mit Waffen aus diesem Arsenal bestritten worden); und von den trüben Wogen der Revolution getragen, schwimmt er auch bei uns wieder obenauf.

Doch nicht mit dem Irrtum an sich haben wir es hier zu tun; um so mehr aber mit der gefährlichsten von allen Formen, in welchen er auftritt: mit der Vorstellung nämlich, daß jene allgemein gültigen Normen aus den Weisungen unseres Herrn und Heilands abzuleiten seien.

Ich bin doch sehr erschrocken, als ich im April 1924 in Birmingham im Laufe einer der hervorragenden Schlußreden, mit welchen die Verhandlungen über einen bestimmten Gegenstand zusammengefaßt und noch einmal auf die Höhe geführt wurden, einen verehrten, lieben Freund sagen hörte, die Demokratie sei von allen Staatsformen diejenige, die dem Willen Christi am nächsten komme.

Demokratie und Demokratie ist nicht zweierlei, sondern vielerlei. Die denkbar verschiedensten Erscheinungen in Geschichte und Gegenwart fallen unter ein und dasselbe Wort. Ehrwürdige und widerwärtige Erinnerungen verbinden sich damit. Was man heute bei uns Demokratie nennt, ist dem Namen nach die Herrschaft des Volkes, der Sache nach eine unumschränkte und unkontrollierte Parteiherrschaft. Darüber, ob eine solche wünschenswert, und was von ihr zu erwarten sei, mögen die Meinungen auseinander gehen. Für mich bedeutet es das Ende aller Freiheit wie aller Autorität; für mich bedeutet es die ernsteste Bedrohung der Zukunft des Volkes, wenn der Stimmzettel zur letzten Quelle des Rechts, die Mehrheit zur alleinigen Trägerin der Staatsgewalt wird, und wenn es keine Macht mehr gibt, die, unabhängig von den Stimmen und Stimmungen der Massen, unabhängig von jeglicher Demagogie, über den Parteien stünde: die letzte Zuflucht der Minderheiten, ein Hort des Rechts. Ich habe diese Überzeugung aus alter und neuer Geschichte gewonnen; alles, was ich seit langer Zeit, vollends aber in den letzten Jahren beobachtet und erfahren habe, war nur geeignet, die eindringlichen Lehren der Geschichte zu bestätigen. Doch liegt es mir ferne, für mein historisch-politisches Urteil allgemeine Geltung zu beanspruchen. Aber mit allem, was in mir ist, widersetze ich mich jedem Versuche, für irgend ein Urteil über das richtige Recht oder über die beste Staatsform die Autorität Jesu Christi oder Seiner Apostel anzurufen.

Dies gilt nicht zuletzt vom Völkerbunde. Ein bestechender Gedanke; doch nur für zweierlei Leute. Einmal für die Gutgläubigen, die es aufrichtig und ernstlich für möglich halten, nach Analogie des Staates die ganze Völkerwelt zu organisieren und die Leitung dieser weltumfassenden, weltbeherrschenden Organisation in Hände zu legen, welche jenseits alles Widerstreits der Interessen, unabhängig von allen Einflüssen der Mächtigen das Vertrauen rechtfertigen würden, daß sie selbstlos und gerecht, weise und stark genug seien, um in einem Weltreiche wahren und dauernden Friedens jedem Volke sein Genüge zu tun. Dann aber ist jener Gedanke bestechend für die Politiker, die es verstanden haben, aus dem Völkerbunde ein wirksames und schon jetzt vielbewährtes Werkzeug ungerechter Politik zu machen.

Wir anderen vermögen in dem Völkerbunde nur die schwerste Gefahr zu erkennen, von welcher die Freiheit der Völker seit Menschengedenken bedroht war, können uns aber unter allen Umständen nicht bestimmt genug dagegen zur Wehr setzen, daß in der Propaganda für eine im besten Falle so fragwürdige Einrichtung der Weltpolitik unter Berufung auf das Reich Gottes an unser christliches Gewissen appelliert werde. Für uns Lutheraner wenigstens ist ein solcher Appell das lehrreichste Schulbeispiel einer unzulässigen Vermischung von Geistlichem und Weltlichem, einer hochbedenklichen Herabziehung des Reiches Gottes in die Händel dieser Zeit.

d) Von Volk und Staat. Von Krieg und Frieden. „Für meine Deutschen bin ich geboren; ihnen will ich dienen.“ So Martin Luther, von dem im vierten der sieben Vorträge über die Wiedervereinigung der christlichen Kirchen (1872) kein Geringerer als I. von Döllinger gesagt hat: „… es hat nie einen Deutschen gegeben, der sein Volk so intuitiv verstanden hätte und wiederum von der Nation so ganz erfaßt, ich möchte sagen eingesogen worden wäre, wie dieser Augustinermönch zu Wittenberg. Sinn und Geist der Deutschen waren in seiner Hand wie die Leier in der Hand des Künstlers. Hatte er ihnen doch auch mehr gegeben, als jemals in christlicher Zeit ein Mann seinem Volke gegeben hat: Sprache, Volkslehrbuch, Bibel, Kirchenlied …“

Bei alledem würden wir uns in den stärksten Widerspruch zu Luther setzen, wenn wir irgend welcher Übersteigerung des Volksgefühls das Wort reden oder wenn wir vergessen oder unterschätzen wollten, wie tief auch in allem Volkstum die Sünde sitzt. Aber wir bleiben ganz und gar in der Bahn, die er gebrochen hat, wenn wir Volk und Vaterland als das Höchste ehren, was uns Gott für diese Welt gegeben hat. Trotz aller Sünde ist das Volkstum der, wir dürfen wohl sagen, heilige Naturboden, aus dem gedeiht und nach Gottes Willen gedeihen soll, was Er an schöpferischen Kräften in die Menschheit gelegt hat. Alle wahre Kultur ist nationale Kultur und erreicht nur als solche ihre höchste Blüte. Wohl geht durch alle Zeiten hindurch auf bekannten und auf verborgenen Wegen ein unablässiger Austausch von Volk zu Volk, den ganzen Erdkreis umziehend; die gottgewollte Entfaltung der Kultur ist ohne solchen Austausch nicht denkbar. Aber nur so dient er der Kultur, daß jedes Volk, was es an Fremdgut übernimmt, selbständig verarbeitet und in Eigengut umwandelt. Wir haben auf Erden, für diese Zeit, keine Pflicht, die der gleichkäme, daß wir unserem Volk und Vaterlande dienen.

Der gemeinsamen Erfüllung dieser Pflicht dient der Staat. Er ist die Form, in welcher das Volk Willen und Kräfte zusammenschließt, um in der eigenen Mitte alles Volkswidrige unschädlich zu machen und alles Volksmäßige zu pflegen, nach außen aber zu behaupten, was ein Volk nicht preisgeben kann, ohne sich selbst auszugeben: Ehre und Freiheit. Ist solche Selbstbehauptung in Frieden nicht möglich, so tritt der Krieg in sein Recht und wird zur heiligen Pflicht: für den Staat selbst und für jeden waffenfähigen Bürger. Daß Ehre und Freiheit höher stehen als das Leben; daß es des Mannes höchster Stolz ist, für das bedrohte Vaterland die Waffe zu tragen; und daß es der schönste Tod ist, auf dem Felde der Ehre zu fallen, sind Grundsätze, ohne welche kein Volk bestehen kann. Das alte Friesenwort: „Lieber tot als Sklav’!“ spricht nicht nur aus, was immer und überall Gemeingut aller Völker gewesen ist, in welchen der Schöpferwille lebendig war, dem sie nach Blut und Geschichte ihr Dasein verdankten; es ist der schlagende Ausdruck eines auf diesem Willen beruhenden Grundgesetzes des Völkerlebens; ein Volk, das dieses Gesetz verleugnet, stirbt den schimpflichen Tod, dem nach altem deutschem Rechte der Feigling verfiel: es versinkt im Sumpfe.

Niemand kann unbefangener über diese Dinge reden und niemand mit besserem Gewissen als ein Deutscher. Ich brauche nur an Herder zu erinnern und an alles, was im Sinne dieses echten Deutschen geschehen ist, um mit Verständnis und liebevoller Hingebung in fremde Eigenart einzudringen. Aber auch daran, daß von allen mutwilligen und frevelhaften Friedensstörungen auf Jahrhunderte zurück nicht eine einzige uns Deutschen zur Last fällt.

Wiederum hat freilich, Gott sei’s geklagt, niemand mehr Anlaß, von jenem Grundgesetze zu reden, als ein Deutscher von heute. Denn bis ins Mark hinein ist unserem Volke das tödliche Gift gedrungen, das den Willen zur Selbstbehauptung gelähmt und uns von einer Selbsterniedrigung zur anderen geführt hat. Und die gefährlichste Form dieses Giftes ist wieder die eines vermeintlich christlichen Pazifismus. Es ist aber nichts an ihm christlich, wenigstens nicht der Sache nach, so hoch viele seiner Träger als Christen zu stellen sind.

Unser Herr Jesus Christus hat vom Kriege gesprochen, doch nur im Sinne der Voraussage, daß die Jünger von Kriegen und Kriegsgeschrei hören werden; mit der Mahnung, sich nicht zu fürchten, und mit der Erklärung: „Es muß also geschehen.“ Mit keinem Worte hat Er über den Krieg als solchen ein Urteil ausgesprochen; mit keinem Worte Seinen Jüngern zur Pflicht gemacht, gegen den Krieg zu predigen. So wenig wie schon Johannes der Täufer hat der Heiland oder einer der Apostel daran gedacht, die Kriegsknechte oder Hauptleute an ihrem Berufe irre zu machen, als wäre er sündhafte Teilnahme an sündhaftem Tun: eine überzeugende Bestätigung — wenn es einer solchen bedürfte — dafür, daß Christus selbst, Sein Vorläufer und Seine Jünger weit davon entfernt waren, das gegen Mord und Totschlag und gegen alle Gehässigkeit gerichtete fünfte Gebot auf den Krieg zu beziehen, mit dem es im Neuen Bunde so wenig zu tun hat wie im Alten.

Man kann — ich spreche aus Erfahrung — in heißem Kampfe vor dem Feinde stehen und dabei den tiefsten Gottesfrieden im Herzen tragen. Wiederum kann — wir beobachten es ja fort und fort — der Mund von Frieden überfließen, während arge Gedanken im Herzen wohnen.

Was den Krieg sündhaft macht, genauer gesprochen, was ihn zum grauenvollen Ausbruch menschlicher Sünde werden läßt, das sind sündhafte Gesinnungen, wenn solche ihn vorbereiten, herausführen, begleiten; das sind sündhafte Mittel im Kampfe; das ist jeder Mißbrauch des Sieges. Wenn es einen Krieg gegeben hat, so sündhaft wie kaum einer zuvor, so war es der Weltkrieg; war es, von anderem zu schweigen, die wahrhaft teuflische Kunst, womit Lüge und Verleumdung gegen uns aufgeboten und unlöschbare Flammen des Hasses gegen uns geschürt wurden; war und ist es endlich der sogenannte Vertrag, den man noch immer Frieden zu nennen wagt, und die von diesem „Vertrag“ ausgehende Vergewaltigung eines wehrlosen Volkes. Wir lernen gründlich, daß unter dem Namen und Scheine des Friedens Dinge geschehen können, die schlimmer sind als der Krieg; was allem den urdeutschen Südtirolern widerfährt, ist himmelschreiend.

Vor mehr als 60 Jahren hat Ch. Kingsley in seinen „Water of Life Sermons“ gepredigt:

„Manche Leute sagen, die Zeit des Rittertums sei dahin. Die Zeit des Rittertums ist nie dahin, solange auf dieser Erde ein Unrecht bleibt, dem nicht abgeholfen wird; und solange ein Mann oder eine Frau da ist, die sagt: ‚Ich will diesem Unrecht abhelfen oder an den Versuch dazu mein Leben setzen.‘ Die Zeit des Rittertums ist nie dahin, solange Menschen so ernstlich an Gott glauben, daß sie sagen: ‚Gott wird mir beistehen, diesem Unrecht abzuhelfen, oder, wenn nicht mir, so wird Er sicher denen beistehen, die nach mir kommen. Denn es ist Sein ewiger Wille, das Böse mit Gutem zu überwinden.‘“

Man sollte nicht den Krieg an sich verdammen; man sollte auch nicht den Frieden an sich, das heißt den Zustand, da die Waffen ruhen, als höchstes Gut preisen; wie unvergleichlich höher steht eine Auseinandersetzung mit ehrlichen Waffen, steht vollends der Heldenkampf eines Volkes um seine Freiheit als der Kirchhofsfrieden, unter welchem die Feinde des deutschen Volkes seine Ehre, seine Freiheit, sein gutes Recht für immer begraben möchten. Man sollte vielmehr das furchtbare Unrecht erkennen, das unserem Volke geschehen ist und geschieht, und sollte alles daran setzen, es gutzumachen.

Wir selbst aber sollen wissen, daß Gottes Ordnung für diese Welt nicht auf Frieden gestellt ist um jeden Preis. Wir sollen klar und scharf unterscheiden zwischen dieser Ordnung und dem kommenden Reiche Dessen, der unser Friede ist. Mit Furcht und Zittern sollen wir darüber wachen, daß wir durch nichts in der Welt und vor allem nicht durch die eigene Sünde den Frieden im Herzen stören, den Gottes Gnade in uns ausgießt. Keinen Augenblick aber sollen wir vergessen, daß uns in dieser Welt Gott selbst an das Volk weist, in das er uns gestellt hat, und daß wir Ihm dienen, wenn wir unserem Volke dienen. Dazu gehört, daß wir, soviel an uns ist, treuer als ein liebevoller Gärtner seine Blumen, alles pflegen, was unser Volk an Leib und Seele gesund und zur Ausrichtung seines Berufes tauglich macht, und daß wir alles Schädliche und alle Schädlinge bis zum letzten Atemzug bekämpfen. Pietätvolle Ehrfurcht vor aller Größe in unserer Vergangenheit, eine tiefe, innige Liebe zu unserem Volke (die doch weder für die eigenen Fehler blind ist noch für Vorzüge der anderen); Treue bis in den Tod, auch Treue gegen den rechtmäßigen Herrn; dazu Mannhaftigkeit, unerschrockene Tapferkeit und nicht zuletzt das lebendigste Gefühl für die eigene und für des Volkes Ehre: dies sind Pflanzen, die nicht aus dem Himmelreich stammen, und doch Pflanzen aus Gottes Garten, aus dem Garten Seiner Schöpfung; von ihrem Gedeihen hängt alles ab: die Zukunft des Volkes und die Erfüllung seines Berufs; und jeder von uns soll sich dafür verantwortlich wissen. Wird jeder dieser Verantwortung gerecht, so wird auch der Staat, was er sein soll: der zusammengefaßte Wille, die zusammengefaßte Kraft, womit das Volk den Weg geht, den ihm Gott in der Geschichte weist.

Zu den unauslöschlichen Erinnerungen aus meiner Jugendzeit gehört die an einen Pommerschen Landwehrmann, der mit abgeschossenem Arm im Krankenhause meiner lieben Vaterstadt Memmingen lag. Als Rekonvaleszent an unserem elterlichen Tische erzählte er uns, wie er im Juli 1870, auf dem Felde arbeitend, zu ungewohnter Stunde seine Frau kommen sah. Sie hielt ein weißes Papier in der Hand; es war der Gestellungsbefehl. Keines Wortes mächtig, fiel sie ihm schluchzend um den Hals. Er aber richtete sie auf: „Du mußt nicht weinen, Marieken! Der König ruft, so muß ich kommen, und unser Herrgott wird dich und die Kinder nicht verlassen!“

III.
Der Christ und die Kirche

Durch immer neue Hindernisse, die sich über alle schlimmsten Befürchtungen hinaus dieser Arbeit in den Weg stellten, ist sie so oft unterbrochen, so lange aufgehalten worden, daß ich die Geduld des Herausgebers und des Verlegers auf kaum erträgliche Proben habe stellen müssen. Nun ist die letzte Frist am Ablaufen, und es bleibt mir nur übrig, was ich in dem dritten und letzten Teile von der Kirche sagen wollte, für die ich seit langen Jahrzehnten im Nebenamte habe arbeiten dürfen, auf das kürzeste Maß zusammenzudrängen.

Es sei mir gestattet, aus einer in den letzten Monaten des Jahres 1919 geschriebenen Abhandlung „Zur neuen Kirchenverfassung“ (Deichert, Leipzig 1920) einen Abschnitt auszuheben, der mir besonders am Herzen liegt, und daran noch ein paar Bemerkungen zu knüpfen.

1. Ich habe am angeführten Orte ausführlich und mit der Pietät, die wir, wie ich glaube, den ersten vier Jahrhunderten unserer evangelischen Kirchengeschichte schulden, vom landesherr­lichen Kirchenregimente gesprochen, habe erklärt, daß und warum mir seine Wiederkehr als ausgeschlossen erscheine, und bin dann auf die Beziehungen der Kirche zum heutigen Staate eingegangen. Daran schließt sich (S. 49 f.) was folgt:

„Ist die Kirche nach außen, dem Staate gegenüber, frei, so ist sie dagegen nach innen gebunden; nicht an eine bestimmte Form kirchlicher Verfassung — dann unterscheiden wir uns von der dogmatisch festgelegten katholischen Lehre von der Kirchenverfassung“ (und nicht von dieser allein) — „wohl aber insofern, als es eine Sphäre gibt, in welche unsere Verfassungsänderung unter keinen Umständen übergreifen kann und darf. Es ist die zentrale Sphäre, die wir mit dem Worte Bekenntnis mehr andeuten als ausschöpfen oder auch nur in ihrem ewigen objektiven Wesenskern erfassen. – – –

„Auf wunderbare Weise ist in der Kirche Göttliches und Menschliches, Bleibendes und Vergängliches miteinander verbunden. So auch in ihren Bekenntnissen. Sie sind der Niederschlag göttlicher Geheimnisse im Spiegel des Bewußtseins der Kirche, festgehalten und ausgeprägt in der Sprache der Zeiten, welche berufen waren, den für die Kirche konstitutiven“ (ihr Wesen begründenden) „Glaubensinhalt mit der Autorität der Kirche selbst zu formulieren. Wir wissen: auch von diesen Bekenntnissen gilt das Wort des Apostels: βλέπομεν γὰρ ἄρτι δι’ ἐσόπτρου ἐν αἰνίγματι (wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort); es ist darin noch nicht das Schauen πρόσωπον πρὸς πρόσωπον (von Angesicht zu Angesichte), dessen wir warten. Wir verbergen uns nicht, was an dem und jenem Bekenntnis einer Zeit angehört, die für uns Vergangenheit geworden ist. Wir haben nie daran gedacht, die Bekenntnisse zu kanonisieren: diese so wenig, wie wir unsere Reformatoren kanonisieren. Aber lebenswichtig bleibt uns ich sage nicht der religiöse Gehalt und Wert der Bekenntnisschriften: diese Worte, so zutreffend sie an sich sind, dienen zu oft den Tendenzen moderner subjektivistischer Verflüchtigung; ich sage auch nicht, das aus den Bekenntnisschriften zu uns sprechende Bewußtsein der Väter um Wesen und göttliche Sendung der Kirche — nein, lebenswichtig bleiben uns die Bekenntnisse selbst als die Stiftungsurkunden unserer Kirche, von welchen wir uns nicht lösen können, ohne diese unsere Kirche selbst aufzugeben. Man fragt, ob die Kirche Anstalt sei oder Korporation: sie ist beides; sie ist jedenfalls insofern Anstalt, als der Schwerpunkt“ (ich würde lieber sagen: das bestimmende Gesetz) „ihres Seins und Wirkens nicht auf dem Willen ihrer Glieder, sondern auf dem Willen ihres Herrn und Heilands ruht und auf dem Auftrag, den sie für diese Welt und Zeit von Ihm empfangen hat. Sie ist von Ihm eingesetzt als … eine Verwalterin von Geheimnissen Gottes, welche sie in den heiligen Schriften des Alten und Neuen Bundes verehrt, zu welchen sie sich aber mit ihren Vätern auch in jenen Urkunden bekennt, die in Verbindung mit der Heiligen Schrift die objektive Grundlage ihres Ganges durch die Geschichte und ihrer Sendung in der Geschichte geworden sind. So steht und fällt die Kirche mit der Treue, mit welcher sie die ihr anvertrauten Geheimnisse verwaltet: in anderem und höherem Sinne noch, als ein weltliches Reich mit der Treue steht und fällt, mit welcher es die Kräfte pflegt, die es geschaffen haben.

„Das Bekenntnis gehört nicht in die Verfassung. Keine Änderung der Verfassung hat mit ihm zu tun. Wir haben weder Recht noch Beruf, bei unserer Verfassungsänderung daran zu rühren. Es ist das für uns unverrückbare Fundament, auf welchem die Kirche selber ruht und mit der Kirche ihre Verfassung. …

„Es ist nicht zufällig, daß es im großen und ganzen die nämlichen kirchenpolitischen Kreise sind, welche die Demokratisierung der Kirche und zugleich eine Modernisierung ihres Bekenntnisses als Ziele der Verfassungsänderung ausstellen. Mancherlei Beweggründe, unter sich zusammenhängend, sind dabei im Spiele. Ich gehe nur auf einen ein, der in der Tat nicht ernst genug genommen werden kann. Er entspringt der Liebe zu Volk und Kirche und der Sorge um Volk und Kirche: die schon längst weit fortgeschrittene Entfremdung eines großen Teils des Volkes von der Kirche, insbesondere die Entkirchlichung der unter dem Einfluß der Sozialdemokratie herangewachsenen Massen soll ausgehalten, das Volk soll in seiner Weite und Breite bei der Kirche gehalten und für die Kirche zurückgewonnen werden: und dazu hält man weitgehende Anpassung der Kirche an die herrschenden Einrichtungen und Vorstellungen für notwendig.“ (Dazu, füge ich heute bei, meint man auch im Verhältnis zu Wirtschaft, Gesellschaft, Recht, Staat und so weiter über die Grenzen hinausgehen zu müssen, welche, wie wir zu zeigen bemüht waren, nach lutherischer Auffassung der Kirche als solcher gezogen sind.)

„Wir teilen Liebe und Sorge. Wir teilen den Jammer um unser Volk, dessen Verderben und Verderbnis auch uns das Herz zerreißt, und wir kennen kein Opfer, das wir nicht willig, ja freudig bringen würden, wenn wir damit unsere evangelischen Kirchen zu wahren Volkskirchen ausbauen könnten: zu Kirchen, aus deren Stimme auch die jetzt kirchenfremden, kirchenfeindlichen Massen mit Vertrauen hören; zu Kirchen, von welchen jene Erneuerung ausgeht und das Volksganze durchdringt, ohne die alle Hoffnung auf eine Wiedererhebung der zugrunde gerichteten Nation für immer verloren bleibt. Auch verschließen wir uns keineswegs gegen jedes Verlangen nach Anpassung. Wir erkennen ein solches im Gegenteil an und sind ernstlich bemüht, ihm gerecht zu werden. Wir werden nicht müde, an Mittel und Wege zu sinnen, um auch über diejenigen Hindernisse hinweg, die in den besonderen Verhältnissen, Strömungen und Stimmungen der Zeit liegen, den Zugang zu Herz und Gewissen des Volkes zu finden.

„Aber für diese Anpassung gibt es Grenzen. Die Kirche muß Kirche bleiben. Sie kann neue Weisen suchen, die alte Wahrheit zu lehren; aber sie darf nicht die alte Wahrheit selbst preisgeben. Sie kann in ihren Einrichtungen vieles tun, um auf neue Bedürfnisse, auch auf neue Empfindungsweisen einzugehen; aber sie darf sich nicht so einrichten, daß sie Gefahr läuft, ihren stiftungsmäßigen Charakter zu verlieren und aus einer Verwalterin göttlicher Geheimnisse zu einem Tummel- und Kampfplatze menschlicher Meinungen zu werden.

„Die Krankheit wird nicht zur Gesundheit, auch wenn sie mit der unwiderstehlichen Kraft einer Pandemie alle Länder und Völker überzieht. Und der Irrtum wird nicht zur Wahrheit, auch wenn er sich der Vorstellungen ganzer Generationen mit einer Gewalt bemächtigt, gegen welche, solange die geistige Infektion anhält, die Weisheit der Jahrtausende ebenso vergeblich wie die unwidersprechliche Erfahrung des Tages angerufen wird.

„So grassiert seit langen Jahren der pandemische Irrtum, der meint, der Staat sei um des Wahlrechts willen da, und nicht das Wahlrecht um des Staates willen; der von vermeintlich absoluten Rechten der einzelnen ausgeht und nicht von der Frage: was verlangt und verträgt das Wohl des Ganzen, der gesicherte Bestand von Volk und Staat. Dieser Irrtum … pocht nun auch an das Tor der Kirche, und mit ihm, aus der nämlichen Wurzel emporgewachsen, jener andere Irrtum, der in der Kirche und ihrer Lehre nichts ertragen will, was objektive Geltung hat: die subjektive Überzeugung allein soll alles bestimmen, auch den Inhalt dessen, was von den Trägern des kirchlichen Amtes verkündigt wird.

„Man verspricht uns viel, wenn die Kirche ihr Tor weit auftut — mindestens doch weit genug, um ein neues Bekenntnis einzulassen: ein freieres, wie sie’s nennen, richtiger ein inhaltleereres, aus dem alles entfernt wäre, was den einen ein Ärgernis ist und den anderen eine Torheit. Man verspricht uns das Vertrauen der weitesten Kreise und die Einheit einer großen allumfassenden Volkskirche. Kein Zweifel: es sind ehrliche und wohlgemeinte Stimmen, welche sich selbst und uns so hohen Gewinn versprechen. Aber sie beruhen auf Selbsttäuschung, und wir können und dürfen ihnen kein Gehör schenken.

„Zu dem Versuche, sich auf ein neues Bekenntnis zu einigen, könnte kaum eine Zeit weniger geeignet, weniger berufen sein als die gährungsvolle, zerrissene, zerspaltene Gegenwart. Der Versuch würde nicht zur Einigung führen, sondern zur unheilbaren Spaltung, zum Zerfall. Und Vertrauen? Ach, es wächst auf einem ganz anderen Boden als auf dem von Bekenntniskompromissen oder gar auf dem Boden einer demokratisierten Kirchenverfassung. Sieht man denn noch immer nicht, wie wenig alle noch so radikalen Einrichtungen, wie wenig gerade auch die exzessivste Ausdehnung des Wahlrechts imstande war, das Vertrauen zu den gewählten Versammlungen zu mehren; wie alles vielmehr nur dahin gewirkt hat, unser öffentliches Leben immer noch ärmer an Vertrauen werden zu lassen? Männer sind not, wo Vertrauen aufkommen soll, in der Kirche nicht anders als im Staate, und auch das Vertrauen der Massen ist für die Kirche nur durch Männer zu gewinnen: durch Männer, welchen jedermann abfühlt, daß sie nicht das Ihre suchen: durch Männer, aus welchen in Streit und Verwirrung der Zeit hinein der Frieden der Ewigkeit spricht. Solche Männer aber wird die Kirche durch Anpassung an die Irrtümer der Zeit nur verlieren, nicht gewinnen.“

2. Was ich damals, vor mehr als sieben Jahren, niedergeschrieben habe, sollte zunächst der Verständigung über Ziele und Aufgaben der kirchlichen Verfassungsänderung dienen und ist in mancher Hinsicht überholt. Die neuen Verfassungen sind allenthalben in Kraft; und wenn auch, nach meiner wohlerworbenen Überzeugung, die Warnung vor demokratisierenden Tendenzen in der Kirche immer noch angebracht ist: zurzeit haben wir vielleicht mehr Anlaß, auf eine andere Gefahr zu achten: auf die Gefahr einer unlutherischen Betonung des hierarchischen Elements, einer immer noch schärfer sich ausprägenden Zurückdrängung des Gedankens des allgemeinen Priestertums.

Immerhin mag der Ausschnitt aus jener älteren Abhandlung auch hier am Platze und auch heute noch geeignet sein, einen Grundsatz ins Licht zu setzen und verständlich zu machen, der für unsere lutherische Auffassung von der Kirche obenan steht: das unbeirrbare Festhalten am Bekenntnis.

Auf diesem Fundamente baut sich unsere Kirche auf, menschlich in ihrer Verfassung und ihrer ganzen äußeren Gestalt, göttlich nach der Sendung, in welcher beschlossen liegt, was die Kirche auszurichten hat: das Evangelium zu predigen und die heiligen Sakramente zu verwalten.

Nichts anderes ist ihr befohlen. Dafür allein trägt sie die Verantwortung.

Es wird immer wieder von den Versäumnissen der Kirche gesprochen und die Kirche zur Buße gerufen oder im Namen der Kirche Buße getan. Das ist recht und tut not: nicht für die Kirche als solche, um so mehr aber für alle, welche in irgend einem Sinne für sie verantwortlich sind und mit Grund verantwortlich gemacht werden.

Nur ist ein schwerwiegendes Mißverständnis abzuwehren. Es hängt mit der Bewegung zusammen, von der ich oben gesprochen, und der ich versucht habe, im zweiten Abschnitt die lutherische Auffassung entgegenzustellen. Wenn das Evangelium die Gesetze enthielte, nach welchen Kraft des in Jesu Christo offenbar gewordenen Gotteswillens die Ordnungen dieser Welt zu erneuern und die Menschheit auf die Stufe einer „idealen Gesellschaft“ zu heben wäre, so würde die Kirche als Predigerin des Evangeliums zur Reform aller weltlichen Ordnungen berufen und für alle noch immer vorhandenen Mißstände in der menschlichen Gesellschaft verantwortlich sein.

So ist denn auch jener Bußruf vielfach gemeint. In diesem Sinne ist er jedoch nicht berechtigt.

Die Kirche steht in der Welt, um von Jesu Christo zu zeugen: durch ihr Amt und durch alle, die sich zu ihr bekennen; in dem lauten Zeugnis des Wortes und in dem schweigenden Zeugnis des Wandels, der ganzen Person. Wenn wir diesen Gedanken nachdenken, so tritt wieder die erste von Luthers Thesen vor unser Auge; wir wissen: unser ganzes Leben muß noch immer mehr zu täglich neuer Buße werden; und so wird und bleibt die rechte „Buße der Kirche“ in unser aller Herzen wach und lebendig.

Ich habe, wie es mein Auftrag war, von der besonderen Ausprägung gesprochen, welche das evangelische Christentum in der Kirche erfahren hat, die gegen seinen Willen den Namen Martin Luthers trägt. So mangelhaft der Versuch ausfallen mußte — nach dem Maß meiner Kräfte und unter dem überschweren Druck, der seit langer, langer Zeit auf mir liegt: das eine wird, so hoffe ich, deutlich geworden sein, daß ich mit der ganzen Kraft einer tiefgewurzelten Überzeugung an dem Luthertum hänge, das mir in der Tat zum „Inhalt meines Lebens“ geworden ist.

Aber ich kann nicht schließen, ohne mich, wie zu diesem Luthertum, so zu der einen heiligen christlichen Kirche zu bekennen, der Gemeinschaft aller Gläubigen, die wir jetzt nicht sehen und doch glauben (ein Glaube, der trotz allen noch so tiefgehenden Verschiedenheiten des Denkens und Empfindens auf der Weltkonferenz in Stockholm eine mich nicht selten überwältigende Stärkung erfahren hat). Und ich kann nicht schließen, ohne über alle Grenzen der Kirchen und Länder, auch über alle Schranken der persönlichen Auffassung hinweg aller zu gedenken, Bekannter und Unbekannter, die ich zu sehen hoffe, wenn der Herr Seine Kirche, die eine, die allumfassende, vom Glauben zum Schauen führen wird.

Quelle: Gotthilf Adolf Schenkel (Hrsg.), Der Protestantismus der Gegenwart unter Mitwirkung führender Persönlichkeiten des kirchlichen und theologisch-wissenschaftlichen Lebens, Stuttgart: F. Bohnenberger, 1926, S. 316-341.

Hier der Text als pdf.

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