Jonathan Z. Smith über Religion: „Religion ist einzig und allein eine Schöpfung des Gelehrten, der sie studiert. Sie wird für die analytischen Zwecke des Gelehrten durch seine imaginative Vergleichs- und Verallgemeinerungshandlungen geschaffen. Die Religion hat keine unabhängige Existenz außerhalb der Akademie.“

Immer noch provokant ist, was der Religionshistoriker Jonathan Z. Smith 1982 – oft zitiert – im Vorwort zu Imagining Religion: From Babylon to Jonestown gleich zu Beginn geschrieben hatte:

„Wenn wir die archäologische und textliche Überlieferung richtig verstanden haben, hatte der Mensch während seiner gesamten Geschichte die Möglichkeit, sich Gottheiten und Formen der Interaktion mit ihnen vorzustellen. Aber der Mensch, genauer gesagt der westliche Mensch, hatte erst in den letzten Jahrhunderten die Möglichkeit, sich Religion vorzustellen. Es ist dieser Akt der reflexiven Vorstellungskraft zweiter Ordnung, der das zentrale Anliegen eines jeden Religionswissenschaftlers sein muss. Das heißt, es gibt zwar eine erstaunliche Menge an Daten, an Phänomenen, an menschlichen Erfahrungen und Ausdrucksformen, die in der einen oder anderen Kultur nach dem einen oder anderen Kriterium als religiös bezeichnet werden könnten – aber es gibt keine Daten für Religion. Religion ist einzig und allein eine Schöpfung des Gelehrten, der sie studiert. Sie wird für die analytischen Zwecke des Gelehrten durch seine imaginative Vergleichs- und Verallgemeinerungshandlungen geschaffen. Die Religion hat keine unabhängige Existenz außerhalb der Akademie. Aus diesem Grund muss der Religionswissenschaftler und insbesondere der Religionshistoriker unablässig selbstbewusst sein. Dieses eigene Selbstbewusstsein ist in der Tat sein wichtigstes Fachwissen, sein wichtigster Studiengegenstand.“

In der englischsprachigen Originalfassung:

„If we have understood the archeological and textual record correctly, man has had his entire history in which to imagine deities and modes of interaction with them. But man, more precisely Western man, has had only the last few centuries in which to imagine religion. It is this act of second order, reflective imagination which must be the central preoccupation of any student of religion. That is to say, while there is a staggering amount of data, of phenomena, of human experiences and expressions that might be characterized in one culture or another, by one criterion or another, as religious — there is no data for religion. Religion is solely the creation of the scholar’s study. It is created for the scholar’s analytic purposes by his imaginative acts of comparison and generalization. Religion has no independent existence apart from the academy. For this reason, the student of religion, and most particularly the historian of religion, must be relentlessly self-conscious. Indeed, this self-consciousness constitutes his primary expertise, his foremost object of study.“

Jonathan Z. Smith, Imagining Religion. From Babylon to Jonestown, Chicago-London: Chicago University Press, 1982, S. XI.

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