Theologische Existenz. Erinnerung an Karl Barth (1986)
Von Eberhard Jüngel
Nennt Ihr ihn groß? Er war es durch die Grenze. Was er getan und was er sich versagt, wiegt gleich schwer in der Schale seines Ruhms…« – Wolfgang Amadeus Mozart, dem Franz Grillparzer diese Sätze zugedacht hat, und der leidenschaftliche Mozart-Liebhaber Karl Barth waren, jeder auf seine Weise und doch in einem unüberhörbaren Zusammenklang, geprägt durch die Erfahrung und – mehr noch – durch die Bejahung der Grenze. Barths Bekenntnisse zu Mozart sind wohl auch theologische Selbstbekenntnisse. Sie sprechen aus, was ihm entscheidend war, was ihn bewegte: »Es gibt bei Mozart keine ›Moral von der Geschieht‹, weder eine grobe noch eine sublime … Es gibt keine mozartische Metaphysik … Gott, die Welt, die Menschen, sich selbst, den Himmel und die Erde, das Leben und vor allem den Tod vor Augen, in den Ohren und im Herzen, war er ein im tiefsten … freier Mensch.«
In Mozarts Musik nahm Barth das wahr, was für ihn als die siegreiche Überlegenheit des göttlichen Ja-Wortes über jedes Nein der Inbegriff des Evangeliums war: »Die Sonne scheint, aber sie blendet, verzehrt, verbrennt nicht. Der Himmel wölbt sich über der Erde, aber er lastet nicht auf ihr, er erdrückt und verschlingt sie nicht. Und so ist und bleibt die Erde die Erde, aber ohne sich in einem titanischen Aufruhr gegen den Himmel behaupten zu müssen. So machen sich auch die Finsternis, das Chaos, der Tod und die Hölle bemerkbar, sie dürfen aber keinen Augenblick überhandnehmen. Mozart musiziert, wissend um alles, aus einer geheimnisvollen Mitte heraus, und so kennt und wahrt er die Grenzen nach rechts und nach links, nach oben und nach unten …«
»Es ist die mozartische Mitte nun jedoch nicht wie etwa bei dem großen Theologen Schleiermacher die des Ausgleichs, der Neutralität und schließlich der Indifferenz. Was sich in ihr ereignet, ist vielmehr eine herrliche Störung der Balance, eine Wendung, in deren Kraft das Licht steigt und der Schatten, ohne zu verschwinden, fällt, die Freude das Leid, ohne es auszulöschen, überholt, das Ja stärker als das immer noch vorhandene Nein zum Klingen kommt … Ist da nicht jedes noch so tief unten ansetzende Kyrie oder Miserere wie getragen von der Zuversicht, daß das angerufene Erbarmen längst Ereignis ist? Benedictus qui venit in nomine Domini! In Mozarts Version ist er schon gekommen. Dona nobis pacem! Das ist bei Mozart allem zum Trotz schon erfüllte Bitte …«
2
»Welt ist Welt. Aber Gott ist Gott.« Mit solchen Sätzen, vielmehr: Fanfarenstößen, hat der »junge Barth« einst Aufsehen erregt. Das Evangelium vom fremden Gott war seine Botschaft. Auch »Jesus als der Christus ist« nur »die uns unbekannte Ebene, die die uns bekannte senkrecht von oben durchschneidet«. Gegenüber einer viel zu unkritischen »historisch-kritischen« Schultheologie – »Kritischer müßten die Historisch-Kritischen sein!« – wurde der »unendlich qualitative Unterschied von Zeit und Ewigkeit« eingeschärft: »Gott ist im Himmel, und Du bist auf Erden« (Prediger 5,1). Was sollte es da zu verwechseln, zu vermischen, zu verwirren geben? Indessen, die Frage verrät schon, daß eben dies, ohne überhaupt bemerkt zu werden, der Fall und die Regel ist.
Und Religion ist keineswegs die Ausnahme von der Regel, sondern die raffinierteste und hybrideste Gestalt der »Vergöttlichung des Menschen und der Vermenschlichung Gottes … Der religiöse Mensch ist der Sünder im anschaulichsten Sinne des Wortes. An den religiös Interessierten, nicht an der Masse der Gleichgültigen, an den Pfarrern und ihren Freunden, nicht an den Schiebern und Zuhältern, an der Kirche, nicht am Kino, an der theologischen Fakultät, nicht an der Gottlosigkeit der Mediziner, an den Religiös-Sozialen und Aktivisten, nicht an den Kapitalisten und Militaristen, an Büchern wie diesem Buch, nicht an der Unterhaltungsliteratur der Weltkinder kommt der Schaden Josephs zum Ausbruch« – schreibt der Verfasser des »Römerbriefes«. Theologie als die schärfste Form aller Religionskritik? Gewiß, auch dies.
An Vater und Sohn Blumhardt in Möttlingen und Bad Boll lernte Barth nicht zuletzt dies schätzen, daß dort das »unglückliche Wort ›Religion‹ … nicht mehr vorkam«. Dafür gab man dort Gott, was Gottes ist, und der Welt, was ihr gebührt. Suum cuique! Wo begriffen wird, daß Welt Welt, Gott aber Gott ist, da kann man beides: »die Welt lieb haben und doch Gott ganz treu sein«. Eben dies hat Karl Barth in immer neuen Anläufen versucht.
3
Wir denken in Jahrhunderten – denkt die Kurie. Das ist klug und verschafft der solchem Denken entspringenden Kirchenpolitik einen langen Atem. Ebenfalls Atem, aber von anderer Art, hat jene theologische Existenz, die – statt in Jahrhunderten zu denken – ihren Sitz im Leben »zwischen den Zeiten« hat und deshalb ganz der Gegenwart gilt. Karl Barth war im 20. Jahrhundert ein exemplarischer Fall solcher »theologischen Existenz heute«.
4
Theologische Existenz ist ausschließlich und kompromißlos theologische Existenz – nicht mehr und nicht weniger. Man verwechsle sie nur ja nicht mit irgendeiner Weise heroischer Existenz! Was Barth von Calvin sagt, gilt auch für ihn selbst: Er »war kein Held und eignet sich nicht zur Heldenverehrung«. Er war ein Lehrer der Kirche Jesu Christi, der sich auch in einer das Leben in Staat und Kirche erschütternden Umbruchsituation wie der von 1933 nur eben dazu berufen wußte, »als wäre nichts geschehen … Theologie und nur Theologie zu treiben«.
Also Hieronymus im Gehäuse? Weltfremder Gottesdienst in einer gottlosen Welt? Theologische Existenz gleich apolitische Existenz? Weit gefehlt. Theologische Existenz ist zwar mit gesammelter Aufmerksamkeit bei ihrer ureigenen Sache. Sie sucht und will nicht vielerlei, sondern allein den in der heiligen Schrift bezeugten Jesus Christus als »das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben«. Theologische Existenz ist konzentrierte Existenz. Nichts ist ihr fremder als die – sei es gedankenlose, sei es gedankentiefe – Zerstreutheit, die heute vor diesem und morgen vor jenem Götterbild in die Knie geht. Konzentriert auf das eine Wort Gottes, vertraut sie darauf, daß sie »in und mit diesem Einen ganz bestimmt Alles bekommen werde«. Konzentriert auf das Evangelium, in dem Gott uns mit seinem Sohn zugleich alles zuspricht (Römer 8,32), weiß sie sich zugleich in Anspruch genommen »zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen«.
5
Man hat Barth beides vorgeworfen: keine konkrete Ethik entwerfen zu können und zuviel an ethischer Konkretheit theologisch angemahnt zu haben. Der zweite Vorwurf wiegt schwerer. Was er tadelt, könnte immerhin, wenn der Tadel berechtigt wäre, zur – jedenfalls nach Martin Luther – schlimmsten theologischen Fehlleistung führen: zur Vermischung von Gesetz und Evangelium. Man hat denn auch auf lutherischer Seite sozusagen mit spitzen Fingern Barths Behauptung zitiert, es folge »aus dem Glauben an die Gerechtigkeit Gottes schnurgerade (!) eine sehr bestimmte politische Problematik und Aufgabe«. Mein Vorschlag zur Verständigung: Man lese – wenigstens diesmal – mit derselben hermeneutischen Sorgfalt, mit der man Martin Luther zu lesen pflegt, den Barthschen Satz in seinem Kontext – er steht in der Kirchlichen Dogmatik II/1, Seite 434 – und vergleiche im übrigen einmal gerade unter diesem Aspekt Barth mit Luther selbst…
6
»Wo lagen wir eigentlich unsererseits schief?« –damals, als der Satz »Gott ist Gott« wie eine fensterlose Tautologie geltend gemacht wurde gegen »alles, was auch nur von ferne nach Mystik und Moral, nach Pietismus und Romantik oder gar nach Idealismus schmeckte«. Worin hatte die »dialektische Theologie« bei ihrem stürmischen Aufbruch zu neuen Ufern ihrerseits versagt? »Ich meine … darin, daß wir eben dort Unrecht hatten, wo wir Recht hatten, daß wir nämlich eben die uns und auch Andere so aufregende neue Erkenntnis der Göttlichkeit Gottes zunächst lange nicht sorgfältig und vollständig genug zu vollziehen wußten.«
Denn: »Gottes recht verstandene Göttlichkeit schließt ein: seine Menschlichkeit … Da ist ja der Vater, der sich seines verlorenen Sohnes – der König, der sich seines zahlungsunfähigen Schuldners – der Samariter, der sich des unter die Räuber Gefallenen erbarmt…: da ist Einer – eben der, der in diesen Gleichnissen redet! – der sich die Schwachheit und Verkehrtheit, die Ratlosigkeit und das Elend des ihn umgebenden Menschenvolkes zu Herzen gehen läßt… Im Spiegel dieser Menschlichkeit Jesu Christi offenbart sich die in seiner Göttlichkeit eingeschlossene Menschlichkeit Gottes. So wie er ist Gott … Ist Jesus Christus das Wort der Wahrheit, der »Spiegel des väterlichen Herzens Gottes‹, dann ist Nietzsches Satz, der Mensch sei etwas, was überwunden werden muß, eine freche Lüge…«
Der »späte Barth« hat vor allem und in allem der Menschlichkeit Gottes und der ihr entsprechenden Menschlichkeit des Menschen nachgedacht. Der in der Frühzeit schroff betonten göttlichen Bewegung »senkrecht von oben« korrespondiert nun das »senkrecht von unten« zu Gott emporsteigende Gebet als Urakt menschlichen Handelns. An dieser seiner »Theanthropologie« und ihren Implikationen will Barth gemessen werden. Auf sie muß sich beziehen, wer ihn verstehen, wer ihn kritisieren oder – auf welchen Wegen auch immer – überholen und überwinden will.
7
Daß Gott »selbst nicht fertig, sondern in freiester lebendiger Bewegung« Gott ist, ermutigt den Theologen dazu, statt mit der ihm aufgetragenen und anvertrauten Rede von Gott je fertig werden zu wollen, immer wieder mit dem Anfang anzufangen. »Theologische Arbeit unterscheidet sich von anderer dadurch – sie könnte aber auch für alle geistige Arbeit darin exemplarisch sein – daß, wer sie tun will, nie mit freiem Rücken von schon erledigten Fragen, von schon erarbeiteten Resultaten, von schon gesicherten Ergebnissen herkommen, daß er heute keineswegs auf gestern schon von ihm gelegten Fundamenten weiterbauen, heute keineswegs von den Zinsen eines gestern angesammelten Kapitals leben kann, sondern darauf angewiesen ist, jeden Tag, ja zu jeder Stunde neu mit dem Anfang anzufangen … Fortfahren heißt in der theologischen Wissenschaft immer: noch einmal mit dem Anfang anfangen.«
Deshalb kann und darf die Theologie sich auch »kein Dogma, keinen Bekenntnissatz der kirchlichen Vorzeit ungeprüft, ohne ihn ab ovo an der heiligen Schrift und so am Worte Gottes gemessen zu haben, zu eigen machen … – auf den Ruhm einer überlieferungstreuen ›Orthodoxie‹ also darf sie es, wenn es ihr mit der Wahrheitsfrage ernst ist, unter gar keinen Umständen abgesehen haben: keine schlimmere Häresie als solche Orthodoxie!«
8
Barth hat diese königliche Regel nicht zuletzt auch im Blick auf das Verhältnis der Konfessionen zueinander zu befolgen versucht. Von Hause aus reformiert und in der Schule Calvins ein durchaus eifriger Schüler war ihm doch dessen »Autorität… nicht das Maß aller Dinge, wie es die Luthers für die Seinigen … bis auf diesen Tag geblieben ist« Ja, Barth sah sich bereits, als das noch Anstoß erregte, sehr wohl in der Lage, auch katholische Autoritäten »ohne Zeichen des Abscheus zu zitieren« – was nicht ausschloß, daß er deren kritisches – aber eben auch selbstkritisches – evangelisches Gegenüber blieb.
Sein Hauptwerk war als »Kirchliche Dogmatik« für die ganze Kirche Jesu Christi gedacht und insofern streng auf deren wahre Einheit bedacht. »Ich nehme für mich in aller Bescheidenheit in Anspruch, daß meine Kirchliche Dogmatik weder eine lutherische noch eine reformierte Dogmatik ist, sondern – ich will den Mund nicht zu voll nehmen – ich hab’ sie eigentlich geschrieben als eine ökumenische Dogmatik. Und ich hoffe, ich wage zu hoffen, daß die Entwicklung in der Richtung des wirklich ökumenischen Denkens weitergeht …«
9
Theologische Existenz ist nach Barth kirchliche und gerade deshalb kirchenkritische Existenz. »Wie die Erde überhaupt, so hat auch die Kirche – nicht Pfeffer, aber Salz nötig. Als Glied der Kirche ist der Christ es ihr schuldig, an seinem Ort und Teil Salz zu sein.« Indem er zum Salz der Kirche und so auch zum Salz der Erde wird, beginnt seine theologische Existenz.
10
»Nur keine langweilige Theologie!«
Quelle: Evangelische Kommentare 19 (1986), Heft 5, S. 258-260.