Johannes Hamel, Christenheit unter marxistischer Herrschaft (1959): „Es werden dann die politischen Mächte hüben und drüben ihr dunkles Spiel mit einer Christenheit treiben, die darum in feindliche Parteien auseinander­fällt, weil sie gemeinsam sich nichts mehr sagen läßt. Hinter kirchlichen Gegnern erschei­nen die Schatten oder gar die Leiber der Poli­tiker des Kalten Krieges in der Gegenwart und eines drohenden Heißen Krieges in der Zu­kunft. Ein unheimlicher Sog verwandelt dann die Botenschar des souveränen Herrn in Reli­gionsgemeinschaften, die nachträglich das religiös-theologisch-christlich ‚untermauern‘, was die Politiker vorher entschieden, verkündet und getan haben. Man spricht es nicht aus, aber es liegt unausgesprochen in der Luft: es wird hüben die ‚Weltrevolution‘ und drüben ein Kampf für die ‚Freiheit‘ und die ‚Be­freiung‘, auch mit Atombomben, für christlich möglich, erlaubt, vielleicht sogar geboten er­achtet.“

Christenheit unter marxistischer Herrschaft

Von Johannes Hamel

unterwegs. eine evangelisch Zeitbuchreihe, Bd. 7, Berlin: Käthe Vogt Verlag, 1959

STICHWORTE

DIE VERKÜNDIGUNG DES EVANGELIUMS IN DER MARXISTISCHEN WELT

Die Grundfrage — Blick in die Bibel — Fremde Mächte kommen über Gottes Volk — Was antworten Propheten und Apostel?

Ja zum Instrument! Ja zur Rufe! Ja zur neuen Stunde! Ja zur gegebenen Situation! Nein zum Götzendienst!

Die gute Botschaft an uns — Die Marxisten: Dienstmänner des Herrn. Signal des Geiichts. Chance der Mission. Gesandt zu Ordnung und Frieden. Sie fordern unser Bekenntnis.

DAS GEHORSAME LEBEN IN DER MARXISTISCHEN WELT

Unmöglich? — Vom Gehorsam der Christen — Gehorsames Leben ist Streit — Was wird bekämpft? Fleisch. Welt. Mächte! — Wir kämpfen, Er siegt! — Er selbst ist die einzige Voraussetzung — Gehorchen unter marxistischer Herrschaft: Die Angst vor dem „Totalen Staat“. Das Schlag­wort vom „Seelenmord“. Leben unter der Diktatur. Glaube entdeckt Mög­lichkeiten zu gehorchen. Bis an den Rand gehen! Schuld und An­sprüche. Die Aufrichtung des Rechtes.

Vorwort

Die folgenden Überlegungen beschränken sich auf den marxistisch geführten Bereich in Mittel­europa, also auf den Teil des marxistischen Herrschaftsbereiches, in dem die Hauptmasse der Bevölkerung römisch-katholisch oder evan­gelisch ist. Dagegen werden die UdSSR und China ausgeklammert: beide Gebiete haben für Wort und Existenz der Christenheit so an­dere — historische, ethnische, politische und nicht zuletzt kirchengeschichtliche — Voraus­setzungen, daß die Probleme in beiden jeweils ganz verschieden liegen. Selbst in dem be­grenzten Gebiet Mitteleuropas einschließlich Polens, der CSR und Ungarns, das historisch, kulturell, wirtschaftlich, politisch und kirchlich weitgehend zusammengehörte und gehört, be­stand und besteht innerhalb dieser Zusammen­gehörigkeit eine sehr große Mannigfaltigkeit. Man denke z. B. an die recht verschiedene poli­tische Lage in den genannten Ländern! Ebenso sind Geschichte und jetzige Situation der Chri­stenheit in diesen Staaten so mannigfaltig, daß Stand und Aufgabe der evangelischen Verkün­digung und Existenz in ihnen nicht unwesent­lich variieren. Die einzelnen Kirchentümer haben schon in diesem kleinen Raum ein so beson­deres Gesicht und so verschiedene Nöte, Mög­lichkeiten und Aufgaben, daß vor der in der kirchlichen Literatur so beliebten Vereinfachung des Problems nur gewarnt werden kann. Auch die „marxistische Welt“ ist keine Einheit, sondern umfaßt sehr verschiedene Räume, in denen allerdings Parteien regieren, die sich in ihrer Ideologie vor allem auf Marx, Engels und Lenin berufen (aber schon in China liegen die Dinge ein wenig anders!). —

„Der Verfasser bekennt dankbar, daß er Entscheidendes dem Vortrag verdankt, den Martin Fischer am 8. 10. 1952 auf der Synode der EKiD in Elbingerode gehalten hat: „Die öffentliche Verantwortung des Christen heute“, erschienen 1952 im Lettner Verlag, Berlin.“

Der erste Teil dieser Schrift ist eine etwas ver­änderte und ergänzte Wiedergabe meines Bei­trages in der Festschrift zum siebzigsten Ge­burtstag Eduard Thurneysens („Gottesdienst — Menschendienst“, Zollikon 1958).

Naumburg/Saale, im Januar 1959

Johannes Hamel

DIE VERKÜNDIGUNG DES EVANGELIUMS IN DER MARXISTISCHEN WELT

Die Grundfrage

Nimmt die Christenheit die marxistische Welt vom Evangelium her an? Hört sie die Freuden­botschaft in ihrer Souveränität und ganzen Reichweite, so daß sie sich diese marxistische Welt mit ihren harten Realitäten vom Evange­lium geben und erklären lassen will? Kann sie deshalb ihre eigene Situation und ihre Aufgabe in dieser Welt recht begreifen? Oder versteht die Christenheit die über sie herrschenden Mächte etwa schematisch von ihrer eigenen kirch­lichen, politischen, sozialen und geistigen Ver­gangenheit und Überlieferung her und verfehlt damit ihre Aufgabe? Gewährt die Christenheit dieser marxistischen Welt durch eine faktische Leugnung der totalen Überlegenheit des Evan­geliums Gottes über alles, was im Himmel und auf Erden ist, gleichsam die Erlaubnis, sich selbst nun auch atheistisch zu verstehen und zu benehmen, oder proklamiert diese Christenheit im Kleinen und Großen, in öffentlichen und pri­vaten Bereichen, die schon geschehene Über­windung und Gefangennahme aller Mächte und Gewalten durch die Auferstehung Jesu Christi und macht damit allen Atheismus offen­bar als den vergeblichen Fluchtversuch und die vergebliche Auflehnung gegen die Realität des Herrn und Schöpfers? In dem weithin üblichen Denken — typisch sind die Bücher von Arthur Koestler — spielt der „Bolschewismus“ ja die Rolle der Hölle mit all ihren Quälgeistern. Ab­gesehen von dem, was erfahrungsgemäß da­gegen zu sagen wäre, ist zu fragen, ob man nicht merkt, daß man auf diese Weise selbst heimlich atheistisch geworden ist, noch bevor man den Mund auftut: das Selbstverständnis des Marxismus in seinem atheistischen Bestand­teil ist vom christlichen Partner übernommen, ehe er gefragt hat, wie dieser Marxismus eigentlich, das heißt unter der Verkündigung der Wahrheit, ist und von uns erkannt wird, und wie ihm dann recht, das heißt entsprechend dem Evangelium, begegnet werden muß. Es ist also zu fragen, ob die Christenheit in der marxistischen Welt an dieser Stelle ein Stück aus Gottes Schöpfung und Vorhersehung, die ja den Raum des Evangeliums bis zu Gericht und Errettung hin bezeichnen, gleichsam aus­klammert und auf eigene Faust, von vielen Grö­ßen, nur nicht vom Evangelium selbst beraten, den Marxismus interpretiert, beantwortet und dann gerade seinen atheistischen Bestandteil verstärkt, ja ihm zum Leben verhilft. Das Pro­blem liegt also gerade umgekehrt: nicht der marxistische Atheismus ist eine Gefahr für die Verkündigung, sondern die Nichtanerkennung dieser Verkündigung in der Dynamis Gottes durch die bestehende Christenheit könnte den Atheismus verbreiten!

Wenn man viele Darstellungen und Berichte über das Leben der Kirche im Ostraum liest, so wird man an Erzählungen von Überschwem­mungskatastrophen erinnert: die Wasser bre­chen in fruchtbare Felder und friedliche Dörfer ein, verwüsten und zerstören alles ebene Ge­lände, und nur einige höher gelegene Hügel und Häuser bleiben zunächst im Trockenen, aber wie lange noch? Wie lange wird der Mut, die Geschicklichkeit, die Kraft der Bewohner reichen, den alles unter sich begrabenden Flu­ten zu widerstehen? Wer analog einem solchen Flutbericht den Marxismus versteht und erlebt, verbaut sich selbst den Weg zur viva vox evangelii. Wer Gespenster sieht, soll sich nicht wundern, wenn die Angst vor Gespenstern alle Gottesfurcht und alles Gottvertrauen ver­schlingt. Wer den Marxismus mit den gleichen atheistischen Kategorien analysiert, die ihn be­stimmen, verkündet die Lügenbotschaft von der Macht eines Gegengottes. Je nachdem, wie die Christenheit diese Grundfrage beantwortet, fällt die Entscheidung darüber, ob sie bleiben oder ausgetilgt werden wird, ob das Wort von den Pforten der Hölle oder das von dem dumm gewordenen Salz sich erfüllt, ob sie leben und die Werke des Herrn verkündigen oder schwei­gen und sterben wird.

1. Blick in die Bibel

Was heißt es aber nun, sich die marxistische Welt vom Evangelium geben zu lassen? Wir haben jene Geschichte des Volkes Israel vor Augen, über das seit dem achten Jahrhundert Welle auf Welle fremder Herrschaftsmächte herabstürzen und eine Katastrophe der anderen folgt. Wir denken auch an die Lage der Ur- chrsstenheit im Römerreich. Gottes Volk im Alten und Neuen Bunde war vor die Frage gestellt, wer und was denn über es gekommen oder ge­setzt sei und welches denn nun seine rechte Ant­wort sei auf die neue Ordnung und die neuen Herren, die den wirklichen Gott selbst nicht kennen und verkündigen?

Fremde Mächte kommen über Gottes Volk!

Als in der zweiten Hälfte des achten Jahrhun­derts die Großmacht Assyrien in den palästini­schen Raum einbricht, Völker verpflanzt, Sitten und Gesetze ändert, ihre Götterbilder als Sym­bole der Herrschaft einführt, reagierte das Volk mit König, Priestern und Adel völlig ver­ständlich: hier greift die fremde Macht, die Götzen hörig ist, das Volk an, dos sich Gott erwählt hat zum Dienst. Gegen diesen Einbruch des Bösen gilt es, sich im Namen des Herrn zu widersetzen — solange der Mut reicht —, vor dieser Übermacht muß man aber zähneknir­schend mit allen Konsequenzen kapitulieren, wenn sich herausstellt, daß man sich geirrt hat und die fremden Götter stärker sind. Zu dem Bild jenes Reagierens gehören wechselnde Illu­sionen über den Ernst der Lage, immer wieder­holte Versuche, die Großmacht Ägypten zur Er­haltung Israels zu gewinnen und auszuspielen und Siegestaumel über vorübergehende Teil­erfolge ebenso wie tiefe Verzweiflung allen Verstand wegnehmende „metaphysische“ Angst und tiefste Skepsis an Gottes gnädiger Wahl. Jesaja, Kap, 1-39 geben ein farbiges Bild dieser Aktio­nen und Reaktionen.

Das gleiche Schauspiel wiederholt sich, noch klarer erkennbar und schärfer konturiert, im letzten Drittel des 7. Jahrhunderts und im ersten Drittel des 6. Jahrhunderts in und um Jerusa­lem, als die assyrische Großmacht zerfällt und Babylon aufsteigt. Noch eindrucksvoller als hundert Jahre vorher reagieren König, Adel, Volk, Priesterschaft und — als zwar nicht neue, aber sehr viel ausschlaggebendere Gruppe — „Propheten“ gemeinsam auf die neue Lage mit ihren neuen Möglichkeiten, Bedrohungen, Hoff­nungen und Aufgaben. „Hier ist des Herrn Tempel“ (Jer. 7,4) ist der sammelnde Ruf, unter dem man sich zur Wehr setzt und gegenseitig Mut macht, Stadt und Religion zu verteidigen. Die Überzeugung, daß Gott doch gar nicht anders könne, als das Volk zu behüten, das seinen Namen anruft, bestimmt auch das Ver­halten zu dem Nonkonformisten Jeremia, dem echten Propheten Gottes. Er ist um so mehr des Defaitismus verdächtig, als es natürlich mit der wachsenden Macht Babylons Kollaborateure gibt, die aus pragmatischen Gründen zur auf­steigenden Macht halten (selbst Emigranten gibt es im Feldlager Nebukadnezars!). Wie kann Jeremia aber etwas anderes als ein weichherzi­ger Verräter sein, da dieses Volk unter Josia soeben eine kirchliche Reformation gewagt hat, die die Götzenbilder Assurs aus dem Tempel entfernte? Es war ja die erneuerte Kirche, die sich zum Herrn bekannt und das alte faule Wesen abgetan hatte, die nun von außen her in ihrer Existenz bedroht wurde. Und als Jerusalem zum ersten Mal von Nebukadnezar erobert und die Elite an den Euphrat deportiert worden ist, lebt diese Gruppe im Lande der fremden Götter von der prophetischen Verkündigung, daß es nur gelte, eine kurze Zeit zu überwintern, weil Gott die alten Verhältnisse bald wiederherstel­len werde. Wie könnte Er auch anders (vgl. Jer. 29)!

Mitte des 6. Jahrhunderts steigt in atemrauben­dem Tempo Persien zur Weltmacht auf. Die Herrschaft Babylons gerät ins Schwanken. Die resignierten Epigonen der zweimal Deportier­ten aus Jerusalem ergreift das Grauen: hatten sie mehr oder weniger schlecht und recht in ihren Synagogen den alten Gottesglauben bewahrt und überwintert, so droht jetzt die neue Weltmacht mit ehernen Schritten alles zu zer­treten. Die Wogen der Geschichte wollen das kümmerliche Schifflein Israels in der Fremde überspülen. Wie sollte es für dies Volk noch irgendeine Hoffnung geben? Ist sein Glaube nicht ein Überrest vergangener Zeiten, der nun endgültig von zukunftsträchtigen Mächten und Anschauungen vernichtet werden wird?

Im Jahr 168 vor Christi Geburt kommt es er­neut zur Katastrophe: der Seleukide Antio­chos IV., aus Ägypten vertrieben und von den Römern bedroht, überfällt Jerusalem, plündert und zerstört es, verkauft viele Jerusalemer in die Sklaverei und richtet im folgenden Jahr im Tempel Gottes einen fremden Kult ein, wäh­rend die Heilige Schrift eingezogen und ver­brannt wird. Wer aber diesen Anordnungen zu­widerhandelt, wird mit der Todesstrafe bedroht. Wir kennen die Ereignisse dieser Jahre aus den Makkabäerbüchern, aus Josephus und haben im Danielbuch ein Zeugnis damaliger Predigt in wirrer Zeit.

Wir weisen noch auf einen fünften historischen Vorgang hin, der sich von der zweiten Hälfte des ersten bis in die ersten Jahrzehnte des zweiten Jahrhunderts nach Christi Geburt abgespielt hat. Die junge Christenheit entsteht zunächst als jüdische Sekte und ist als solche „religio licita“. Zwar ist ihr Herr von einem römischen Gouverneur verurteilt und hingerichtet — und jüdische Polemik fehlt nicht —, aber sie fristet ihr bescheidenes Dasein in der ersten Zeit im wesentlichen unbeachtet in Winkeln. Das ändert sich allmählich, je stärker sie missioniert, je lebhafter der Kampf der Judenschaft gegen diese Abtrünnigen wird und je mehr sie die jüdischen Aufstandsversuche in Palästina, zu­nächst endend im jüdischen Krieg 68/70, vor die Frage stellen, wie sie denn mit dem Pro­blem fertig wird, als Gemeinde des Herrn der Welt unter Kaisern, Behörden und Gesetzen zu leben, die vom Götzendienst geprägt sind. Zwischen einem so naheliegenden kampfberei­ten Zelotentum und einer gnostisierenden Ver­achtung aller äußeren Realitäten, zwischen Re­volte einerseits und einer — den Kaiser zwar verachtenden — äußerlichen Anpassung ande­rerseits scheint es keinen dritten Weg zu geben.

Was antworten Propheten und Apostel?

So stand das Volk Gottes in diesen Zeiträumen vor der Frage, ob mit den angedeuteten wirk­lichen oder möglichen Reaktionen auf die Unter­werfung unter Assyrien, Babylon, das Perser­reich und den Kaiser das letzte Wort gespro­chen sei? Ob die Alternative Widerstand oder Anpassung letztes Gesetz seines Verhaltens sei? Die Verkündigung Jesajas, Jeremias, jenes unbekannten Predigers um die Mitte des 6. Jahrhunderts (Jes. 40-55), und die Predigt­zusammenfassungen aus den verschiedenen Schichten des Neuen Testamentes leugnen diese Alternative, ohne ein nur zwischen den beiden Extremen liegendes Verhalten zu propa­gieren (das war die Haltung der pharisäischen Partei bis zum jüdischen Krieg!). Sie setzen tiefer an und verkünden ein vierfaches gött­liches „Ja“ und ein einfaches „Nein“.

Ja zum Instrument

Sie verkünden erstens die Träger jener jeweils neuen Mächte und Ordnungen als Instrumente des Herrn Israels, der das All geschaffen hat. In der Begegnung mit Assur, Babylon, dem Perserkönig, dem Seleukiden und dem Kaiser begegnet das Volk Gottes seinem Herrn selbst; das ist die gute Botschaft, zu deren Anerken­nung Propheten und Apostel einhellig rufen. Wie unheimlich diese Botschaft immer wieder dem Volke Gottes ist, erkennt man an den Abänderungen, die die Septuaginta an den be­treffenden Stellen bei Jesaja, Jeremia und Deuterojesaja dem hebräischen Text gegenüber vorgenommen hat: es erschien der Judenschaft allzu kühn, daß Assur als Gottes „Zornesrute“ proklamiert wurde, „in dessen Hand meines Grimmes Stecken ist. Ich will ihn senden wider ein Heuchelvolk und ihm Befehl tun wider das Volk meines Zornes…, wiewohl er’s nicht so meint und sein Herz nicht so denkt“ (Jes. 10,5 ff.). Ebenso ging es immer wieder schwer ein, daß Jeremia ausgerechnet Nebukadnezar als den Knecht Gottes verkündet (25,9): „Ich habe die Erde gemacht und Menschen und Vieh, so auf Erden sind, durch meine große Kraft und meinen ausgestreckten Arm, und gebe sie, wem ich will. Nun aber habe ich alle diese Lande gegeben in die Hand meines Knechtes Nebu­kadnezar, des Königs zu Babel, und habe ihm auch die wilden Tiere auf dem Felde gegeben, daß sie ihm dienen sollen. Und sollen alle Völker dienen ihm und seinem Sohn und seines Sohnes Sohn… Darum so gehorchet nicht euren Propheten, Weissagern, Traumdeutern, Tageswählern und Zauberern, die euch sagen: Ihr werdet nicht dienen müssen dem König zu Babel (27,5 ff.).“ Und ebenfalls haben sich die Übersetzer der Bibel ins Griechische durch Aus­lassungen und Abänderungen gegen die Pre­digt gewehrt, die den heidnischen Cyrus als den zu erwartenden Messias des Herrn verkündete! Es liegt sachlich genau auf der gleichen Linie, wenn Paulus die römische Behörde als Gottes Dienerin und die römischen Steuereinzieher als Gottes „Liturgen“ ausruft (Röm. 13,1 ff.) und wenn diese gute Botschaft in den folgenden Jahrzehnten durchgehalten wird bis hin zu den Pastoralbriefen, dem 1. Petrusbrief und der Offenbarung. Denn auch im 13. Kapitel der Offenbarung des Johannes, dem Trostwort an die Gemeinde, die unter der antichristlichen Gewalt des Tieres aus dem Abgrund zu leiden hat, wird evangelisch verkündet: diese Macht ist dem Tier nur gegeben (v. 5. 7. 15) eine kurze Zeit lang, nämlich 42 Monate (v. 5.). Die Gemeinde aber, die wehrlos dem Tier preis­gegeben ist, wird in V. 10 zum Glauben und zur Geduld der Heiligen aufgerufen, die ganz und gar in der Hand des Heiligen sind, der auch dem Tier Macht und Grenze bestimmt. Auch im Gefängnis und im Tod wird die Ge­meinde diesen guten, von Gott behüteten Weg gehen können. „So jemand in das Gefängnis geht, der gehe ins Gefängnis; so jemand mit dem Schwert getötet wird, der werde mit dem Schwert getötet“ — so nach der alten, wohl richtigen Lesart —, das heißt, die Gemeinde geht nicht in die Hölle, sondern bleibt auch dann unter der Siegesgewalt des Lammes, das überwunden hat. Sie geht auch in der Gestalt des wehrlosen Leidens hinter ihrem Herrn her, ja gerade so erst recht.

Auch die Passionsberichte weisen dieses Stück evangelischer Verkündigung auf: Priester und Pontius Pilatus dürfen als Instrumente des gnä­digen und barmherzigen Handelns Gottes mit der Welt geglaubt werden. Bevor Matthäus von dem Beschluß der Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten berichtet, Jesus zu verhaften und zu töten, läßt er Jesus sagen: „Ihr wisset, daß nach zwei Tagen Ostern wird; und des Menschen Sohn wird überantwortet werden, daß er gekreuzigt werde.“ Die jüdi­schen Autoritäten werden so als die Exekutoren des Heilswillens des Herrn verkündigt und geglaubt (s. Matth. 26,1 ff.). Johannes legt Jesus gegenüber Pilatus das Bekenntnis in den Mund, daß er tatsächlich ein König, daß sein Reich nicht von dieser Welt sei — daß also seine Herrschaft jeder anderen Herrschaft so unendlich überlegen ist wie der Schöpfer sei­nen Geschöpfen — und daß der römische Gou­verneur keine Macht über ihn haben würde, „wenn sie dir nicht wäre von oben herab ge­geben“ (Joh. 18,36 f. und 19,11). Es sei schließ­lich auch noch an die Verkündigung der Apo­stelgeschichte mit ihrer angeblich staatsfreund­lichen Tendenz erinnert. Der Verfasser wieder­holt in vielen Geschichten das alte Evangelium, daß ihr Herr und Gott die römischen Behörden in seinen Dienst nimmt, ohne daß sie Ihn ken­nen. Am Bilde der ersten Geschichte der Kirche predigt er ein unerhörtes Zutrauen, das sich auf die verkündigte Umklammerung und In­dienststellung der herrschenden Gewalten durch den Gott und Vater Jesu Christi gründet. Mag sein, daß eine gewisse apologetische Tendenz dem Verfasser in den neunziger Jahren die Feder geführt hat — der Sache nach ist er Wiederholer der früheren Verkündigung, die er nur farbig und oftmals legendär illustriert.

Ja zur Rute

Nun beschränkt sich freilich diese Verkündi­gung, die auch die fremden Mächte und Ord­nungen in den von Gott, dem Herrn, souverän bestimmten Umkreis seiner geschaffenen Welt hineinnimmt, nicht mit der Proklamierung die­ser Männer und Mächte als Dienstleute Gottes, dem Volk Gottes zugute. Von Jesaja bis zum Neuen Testament ist diese Botschaft zugleich die Ankündigung des kommenden und gegen­wärtigen Richters über sein eigenes Volk, das seinem Herrn nicht gehorchen will. Assur ist ja die Zornesrute, Nebukadnezar wird ausge­sandt, „weil ihr denn meine Worte nicht hören wollt“, durch Cyrus wird der Herr die Verzagt­heit und den Unglauben seines Volkes be­schämen, und die römische Behörde „trägt das Schwert nicht umsonst, sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut“. Das schreibt Paulus zur Warnung für die Chri­stenheit in Rom! Ganz ähnlich wiederholt der 1. Petrusbrief (2,11 ff.) diese Warnung und ver­schärft sie noch für den Fall, daß die Gemeinde aus der Hand der Gewaltigen Schläge erhält: „Niemand aber unter Euch leide als ein Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder der in ein frem­des Amt greift. Leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht; er ehre aber Gott in sol­chem Falle. Denn es ist Zeit, daß anfange das Gericht an dem Hause Gottes (4,15 ff.)!“ Gerade weil der Herr sein Volk nicht in Ewigkeit verdammen, sondern es in Ewigkeit erretten will, ruft Er es in der Begegnung mit den über es kommenden Mächten zur Einsicht und Um­kehr. Der Ruf zur Standhaftigkeit erwächst aus dem Ruf zur Umkehr zum Herrn, der vergeb­lich nach der Treue seines Volkes gesucht hat oder vergeblich suchen könnte. Weil die Syna­goge den Bußruf Johannes des Täufers und des Christus abweist, verfällt sie schließlich der Revolte gegen die fremden Römer im Na­men des Gottes Israels. Weil und sofern die Gemeinde Jesu sich dem Bußruf Gottes beugt, in dessen Hand ihre Regenten und Bedränger sind, entgeht sie der Scylla der Revolte und der Charybdis der Anpassung und Verleug­nung. In alle mögliche und wirkliche Erbitterung der Christenheit über den Kaiser hinein wird die Umkehr verkündet, die sich dem Gericht Gottes unterstellt und die Mächtigen unter dem gleichen Gericht weiß.

Ja zur neuen Stunde

Ein weiteres Moment dieser Verkündigung ist zu beobachten: denkt das Volk immer von neuem, daß die über es kommende Herrschaft einer den Götzen dienenden Macht die Gottesver­ehrung und den Glauben beendet und seine Existenz vernichtet, mindestens stark gefährdet, so enthält die Ansage des göttlichen Handelns durch diese Dienstmänner Gottes und Exekutoren seines Gerichtes auch die Verheißung einer neuen Stunde des Heiles für das Volk und alle Völker der Gott entfremdeten Welt. Die sehr verschiedenen Formen dieser Zusage einer neuen Heilszeit sind bekannt: man denke an Jesaja 4,9 und 11, an die Verkündigung des Neuen Bundes in Jeremia 31,33 ff., an Jesaja 40-55, die ja eine einzige Ansage der Heils­stunde für die Völker und Israel sind, und schließlich an alle Zusammenhänge, in denen der Kaiser, seine Beamten und seine Gerichte im Neuen Testament vorkommen: sie erschei­nen als Adressaten des Evangeliums, als Stät­ten, da der Geist das Wort zur rechten Stunde gibt, als die Herbeiführer der großen Gelegen­heiten, durch die das Wort weiter laufen kann und muß.

Wieder bietet die Apostelgeschichte reiches Material einer solchen Verkündigung: die Un­tersuchung der Tätigkeit des Petrus und des Johannes durch das Synedrium gibt die Stunde des freimütigen, geistgewirkten Bekenntnisses (4,1 ff.) und des vom Geist inspirierten Gebetes der Gemeinde (4,23 ff., ebenso die Dublette 5,17 ff.). Die Anklage gegen Stephanus bewirkt sein vollmächtiges Zeugnis, das die Gewissen trifft, und seine Nachfolge in der Fürbitte für die, die ihn umbringen (6,8-7,59). Saulus zerstört die Gemeinde nach Kräften, und viele fliehen: „Die nun zerstreut waren, gingen und predigten das Wort“ (8,4; 11,19). Des Saulus unheimliches Antichristentum mit allen Schrecklichkeiten von Folterkellern und Ermordungen (siehe vor allem den stärksten Hinweis darauf in 26,9 ff.) ist nur die kurze Minute der Dunkelheit vor der Helle von Damaskus und den langen Jahren seines Apostolates. Seine schließliche Gefangennahme in Jerusalem wird in der Apostelgeschichte ge­nauso als die Eröffnung des Weges zum Zeug­nis in Rom und vor dem Kaiser verkündet (23,11; 27,23), wie er selbst im Philipperbrief die besorgte Anfrage der dortigen Gemeinde nach seinem Ergehen im Gefängnis mit dem Evan­gelium beantwortet: „Ich lasse euch aber wis­sen, liebe Brüder, daß, wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evange­liums geraten, also daß meine Bande offenbar geworden sind in Christo in dem ganzen Richthause und bei den andern allen, und viele Brüder in dem Herrn aus meinen Banden Zu­versicht gewonnen haben und desto kühner geworden sind, das Wort zu reden ohne Scheu“ (1,12 ff.). Für die umkehrende Ge­meinde, die dem Evangelium über die Mäch­tigen glaubt, hält Gott das köstliche Geschenk der Ausbreitung seines Wortes durch diese Gemeinde bereit.

Ja zur gegebenen Situation

Ein Viertes wird in dieser Verkündigung der Gemeinde gegeben: sie darf es hören, glauben und erfahren, daß ihr Herr durch seine Dienst­männer, Exekutoren und Wegbereiter wunder­barerweise und entgegen allen Befürchtungen den Seinen immer wieder Raum und Möglich­keiten zum Leben, zum Tun des Guten, zum Wahrnehmen des Rechtes, zur Behauptung eines kleineren oder größeren Stückes mensch­licher Freiheit, zur Betätigung im öffentlichen Leben schenkt, und das alles mitten unter Ver­folgungen. Hierher gehört jener Brief, den Je­remía (29,1 ff.) an die deportierten Juden in Babylon schreibt und in dem er ihnen Mut macht, Häuser zu bauen, Weinberge anzule­gen, Familien zu gründen und das Beste ihrer Stadt (Babylon ist gemeint!) zu suchen und für sie zu beten, „denn wenn es ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl“. Wie geschieht es, daß Israel und Babel derartig zusammen sein kön­nen, wie dieser damals wie heute so anstößige Brief es verkündet? Offenbar verkündet Jere­mía den Gott, der auch der gute und gnädige Herr Babels ist und inmitten allen Götzen­dienstes (der in Babel nicht geringer als heute war!) paradoxerweise seinen Leuten die Möglichkeiten verschafft, trotz dieser Abgötterei rings­um zusammen mit jenen blinden Babyloniern zu existieren. Die Strenggläubigen haben auch damals leidenschaftlich protestiert und diesen merkwürdigen Propheten einer seltsamen Ko­existenz brieflich aus Babylon bei den staats­kirchlichen Behörden Jerusalems angezeigt mit der freundlichen Aufforderung, ihn in den Ker­ker und in den Stock legen zu lassen.

Denn die Strenggläubigen aller Zeiten folgern ja aus der Realität des Götzendienstes und sei­ner Reichsideologie ganz logisch, daß damit die Existenz der Gemeinde Gottes unmöglich gemacht sei, weil das ganze Leben dann unter dem Anspruch dieses Götzendienstes stehe. Sie gehen von der Anerkennung der schreck­lichen Realität der Abgötterei aus und landen bei einem erdichteten Gott und einer illusio­nären Existenz, die mitunter die Gestalt des Eiferertums annimmt, das die Gottlosen aus­tilgen will. Die evangelische Verkündigung da­gegen weist von Tag zu Tag den Raum auf, in dem wir beten, glauben, handeln — und leiden können. Die fromme Menge will die Theokra­tie errichten, die Verkündigung aber erzählt uns von Gottes guter Herrschaft auch über Babylon. Die Eiferer bauen das Reich Gottes und zerstören dabei die menschlichen Mög­lichkeiten des Handelns; das Evangelium aber läßt uns allein mit der Herrschaft Gottes rech­nen und schenkt uns durch seine Wunderkraft das menschliche Tun.

Von da aus ist die Positivität zu verstehen, mit der jene erwähnten Stellen des Neuen Testa­mentes die Aufgaben und Handlungen der Be­hörden wie die Beteiligung der Gemeinde an dieser Ordnung zu ihrem Teile beschreiben. Alle diese Stücke sind Aufruf zum Glauben, zum Gehorsam und zum Gebet und rechnen offenbar damit, daß der Herr die Behörden trotz ihrer Abgötterei dazu anstellen will und wird, daß das Verhalten und Handeln der Chri­sten ihnen gegenüber und unter ihrer Führung möglich und sinnvoll ist. Gott schafft gleichsam immer wieder Lücken und freie Stellen inmitten der Geschlossenheit der Systeme des Unglau­bens und des Gotteshasses, wo das Tun des Guten, Vernünftigen und Wohlgefälligen geboten wird und erfolgen kann, obwohl diese Systeme theoretisch für solches Handeln keinen Raum mehr zu lassen scheinen. Aber nur in der Hölle haben Lob Gottes und Gehorsam auf­gehört, hier auf Erden wird die Gemeinde von den Pforten der Hölle nicht überwältigt werden, so sie an dem Bekennen seines Namens bleibt.

Nein zum Götzendienst

Man wäre versucht, die Überschrift umzuformu­lieren in „Ja zu Gott dem alleinigen Herrn“. Denn wenn von Amos und Jesaja an bis zu Daniel und dem Neuen Testament hin das Volk, seine führenden Schichten, die Menge und je­der einzelne in unüberbietbarer Schärfe von allem Götzendienst weggerufen werden, dann erfolgen diese Buß- und Warnrufe so, daß die Kennzeichnung der Abgötterei in frommem oder in heidnischem Gewände, in feinerer oder grober Form, auf kultischem, sozialem, ethi­schem oder auch politischem Gebiet in die Pro­klamation des allmächtigen Herrn Israels ein­geschlossen wird, der der Herr aller Herren ist. Darum ist das Nein der Propheten so be­weglich, darum sehen sie bei dieser Konkre­tisierung der Sünde wider Gott nach allen Seiten und sind nicht auf eine Erscheinungs­form des Ungehorsams fixiert. Sie brandmar­ken mit Unerbittlichkeit den Kult fremder Mächte, dem sich Israel gezwungen oder frei­willig hingibt, aber sie decken nicht weniger wachsam den verborgenen Götzendienst derer auf, die „Jahwe Zebaoth“ sagen, aber durch die faktische Leugnung seiner freien Barm­herzigkeit aus ihm eine jener vielen Gottheiten machen, deren sich die umwohnenden Völker bedienen. Und sie ziehen weiterhin erbar­mungslos alle Hüllen weg, mit denen Fromme und Unfromme den widergöttlichen Charakter ihrer großen und kleinen Taten bedecken: „Was soll mir die Menge eurer Schlachtopfer? spricht der Herr… Wenn ihr kommt, mein An­gesicht zu schauen, wer hat das von euch ver­langt, daß ihr meine Vorhöfe zertretet? … Und wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch; auch wenn ihr noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voll Blut …“ (Jesaja 1,11 ff.).

Übernahme fremder Gottesbilder (aus politi­schen oder anderen Gründen), Tarnung fakti­scher Anbetung des Geschaffenen durch fromme Vokabeln und frommes Tun, Verharm­losung von Rechtsbruch und Gewalttat, von Lebensgenuß unter Mißachtung der Armen und Elenden, von Selbstüberhebung wie von Ver­zagtheit — gegen diese drei Erscheinungen zu­sammen predigen sie den reinen Gehorsam gegen den freien, barmherzigen und allmäch­tigen Herrn Israels und Vater Jesu Christi.

Dabei richtet sich der Hauptstoß des Bußrufes zweifellos gegen die Gemeinde Gottes und nicht gegen die in Abgötterei versunkenen Völ­ker ringsum. Jesu (apokryphes) Wort: „Wer mir fern ist, ist fern vom Reich; wer mir nahe ist, ist nahe dem Feuer (des Gerichtes Got­tes)“, gilt auch im Alten Testament. Freilich: die Völker sind vom Wort Gottes nicht ausge­klammert. Sie sind weder von der Verheißung noch von der Ankündigung des Richters aus­geschlossen. Schon bei Amos (1,1 bis 2,16) wird Damaskus, Gaza, Tyrus, Edom, Ammon und Moab wegen einiger alle Sitte überstei­genden Greueltaten Gottes Zorn angekündigt, über Juda aber heißt es bezeichnend einfach: „… weil sie das Gesetz des Herrn verworfen und seine Satzungen nicht gehalten haben … Ich lasse Feuer los wider Juda, daß es Jerusa­lems Paläste verzehre“ (2,4 f.). Und Israel wird die Vernichtung angedroht, „weil sie den Un­schuldigen um Geld verkaufen und den Armen wegen eines Paars Schuhe“ (2,6).

Gottlose und Frevler haben keine Zukunft. Mit der (wahrscheinlich) gleichen Post, mit der Jeremia jenen Brief aus dem 29. Kapitel an die deportierten Juden schreibt, in dem ihnen die „Koexistenz“ mit Babylon geboten wird, gibt der Prophet einen zweiten Brief mit, den der Reisemarschall Seraja heimlich mitnehmen soll: „Und Jeremia sprach zu Seraja: Wenn du nach Babel kommst, so sei darauf bedacht und lies alle diese Worte (sc. des Unheils, das über Babel kommen wird). Und hast du dieses Blatt zu Ende gelesen, so binde einen Stein daran und wirf es in den Euphrat und sprich: So soll Babel versinken und sich nicht wieder er­heben!“ (51,59 ff.).

Im Neuen Testament tritt diese Abstufung von Gnadenangebot und Bußruf noch deutlicher hervor. Wie innerhalb Israels die Pharisäer, Schriftgelehrten und Priester von Jesus sehr viel strenger und ausführlicher ihrer Sünde gezie­hen werden als die Zöllner, Dirnen und Sünder, so richtet sich der apostolische Warnruf sehr viel intensiver und schärfer an die Gemeinde Jesu als an die da „draußen“, die von Gott nichts wissen und in der Blindheit ihres Herzens mit Sünde gestraft sind (s. Römer cap. 1, v. 18ff.). Aber wie das Strafwort an die Gemeinde sie bei der Vergebung halten will, so werden Gottes Güte und Erbarmung denen „draußen“ gepredigt, damit sie umkehren und von ihren bestimmten Sünden lassen. Beides ist in beiden Fällen untrennbar ineinander, die Akzent­setzung ist aber denkbar verschieden. Die Greuel der Heiden werden gleichsam en passant in dem an sie gerichteten Wort vom Heil genannt (denn von ihnen gilt es sich zu tren­nen), die geschehenen oder drohenden Sünden der Christenheit dagegen werden ausführlich konkretisiert (um sie zum Trauen auf die Ge­rechtigkeit Gottes allein zurückzurufen oder sie in diesem Vertrauen zu halten). Dem absoluten Ernst dieses Nein ist damit weder etwas ge­nommen noch hinzugefügt. Die verschiedene Akzentuierung aber ist in dem Ja begründet, das dem Herrn aller Herren und dem Erretter der Welt gilt.

2. Die Gute Botschaft an uns

Wenn wir uns nach diesem Exkurs in die Bibel nun wieder der Frage der Verkündigung in der marxistischen Welt zuwenden und dabei den Einsichten der Bibel entsprechend weiterdenken wollen, so gilt es, sich zunächst von jener Art und Weise freizumachen, mit der das christ­liche Bürgertum, das weitgehend in der Kirche dominiert, auf die politischen Gewalten des Marxismus-Leninismus reagiert. Wir brauchen jene Reaktion nicht weiter zu beschreiben, sie ist nur allzu bekannt und verbreitet, und es macht wenig Unterschied, ob sie mehr in katho­lischem, liberalem oder evangelisch-nationalem Gewände erscheint. Gemeinsam ist allen drei Gestalten dieser Reaktion der gleiche bekannte Fehler, den so manche Predigt zeigt: im ersten grundlegenden Teil wird sehr farbig und an­schaulich die Macht und Gewalt der Sünde be­schrieben, um auf diesem anscheinend sicheren Fundament die göttliche Vergebung zu be­gründen, die dann nicht allzu glaubwürdig erscheint. Daß der „Bolschewismus“ das Ende der Freiheit, der Menschlichkeit, der Kultur und des Christentums sei, und daß es dafür aus einer vierzigjährigen Geschichte viele unwiderleg­liche Beweise gebe, weshalb der Bolschewis­mus als schlechthin unchristliche Erscheinung radikal zu verneinen und unter Umständen sogar mit Waffen zu bekämpfen sei, um den von ihm beherrschten Völkern die Freiheit und mit ihr auch die Möglichkeit einer christlichen Existenz wiederzugeben, scheint eine nicht auf­zuhebende geistige und geistliche Grundent­scheidung diesseits und jenseits des „Eisernen Vorhangs“ zu sein. Denn der totale Staat mache, wie ja schon dieser Begriff aussagt, je­dem in ihm wohnenden Menschen äußerlich und in zunehmendem Maße auch innerlich eine nonkonformistische Lebensweise unmöglich. Wer hier widerspricht, wird, anscheinend über­zeugend, mit Zitaten aus der kommunistischen Literatur und den kommunistischen Zeitungen selbst matt gesetzt.

Es gibt freilich in all den Kirchen unseres Rau­mes nicht wenige Stimmen von Christen und Theologen, die diesen Widerspruch doch an­melden und den angeführten Tatsachen und Belegen gegenüber auf andere Erscheinungen hinweisen, die das Gegenteil zu beweisen scheinen. Man weist auf das Leben der ortho­doxen Kirche in der UdSSR hin, das nach sicher sehr leidvollen Jahrzehnten in den letzten 15 Jahren etwa einen großen Aufschwung ge­nommen habe. Man erinnert an die zahlrei­chen, regelmäßigen Zuschüsse und an die Son­derzuwendungen innerhalb der marxistischen Welt seitens des Staates an die Kirchen. Man denkt an die vollen Kirchen etwa in der CSR, Ungarn und Polen. Man führt die enormen Beträge an, die die DDR Jahr für Jahr für sechs staatliche Theologische Fakultäten einschließ­lich riesiger Summen für Stipendien aufwendet. Man weist auf die — verglichen mit den Zu­ständen im Hitlerreich — außerordentlich gro­ßen Freiheiten der Kirchen hin. Man sollte — so sagt man — auch nicht die Privilegien der Kirchen vergessen, die keinen anderen nicht­marxistisch geführten Organisationen zugestan­den werden. Es sei auch unbestreitbar, daß ge­rade in den Kirchen der DDR die Wahlen zu den Synoden und zu den leitenden Ämtern, zu schweigen von den Pfarrbesetzungen, so frei und unbeeinflußt von staatlicher oder sonstiger Seite nun seit 1945 vor sich gegangen seien, wie kaum je in der Vergangenheit dieser Kir­chen. Ebenso sei es eine Tatsache, daß niemand gehindert werde, die Gottesdienste zu besu­chen. Und Sonntagsarbeit, die es natürlich in einer Reihe von Betrieben und Produktions­genossenschaften gäbe, sei ja auch in der Bun­desrepublik in der Stahlindustrie und anderswo üblich und teilweise erst vor kurzem gegen den Widerstand der Kirchenleitungen dort einge­führt worden.

Mit diesen Hinweisen auf die mannigfachen Zeugnisse aus dem Leben der Kirche in diesen Staaten, die ja begründet sind, wird außerdem oftmals eine ganz andere Schau des marxi­stisch-leninistischen Gesellschaftsaufbaus ver­bunden, als jene bürgerlich-christliche Reaktion sie hat. Ich erinnere nur an alles, was etwa Professor Hromadka seit Jahren versucht, den Kritikern der marxistischen Welt klar zu ma­chen, indem er zugleich die Verlegenheiten und Schäden der „westlichen“ Welt, die er ja aus langjähriger Anschauung kennt, aufdeckt. Man braucht nicht einmal auf den Neubau in China und den Aufschwung in der UdSSR hin­zuweisen — Räume, die von unseren Betrach­tungen ausgeklammert werden sollen —, es genüge schon, hören wir, auf die sozialistischen Errungenschaften in den Volksdemokratien hin­zuweisen, die wenigstens zum Teil auch von den sozialdemokratischen Parteien des We­stens positiv beurteilt werden. Einzelheiten sind bekannt genug.

Man wird aus diesem Dilemma so völlig ent­gegengesetzter Schauen und Reaktionen auf die marxistische Welt, die beide sich auf Tat­sachen stützen, die die andere Seite nie ganz widerlegen kann, nur dann herauskommen, wenn man bereit ist, jenseits aller negativen und positiven Beurteilung, diese Welt sich neu aus der Predigt der Propheten und Apostel geben zu lassen und vor allen Dingen aufzu­hören, das Christentum und seine Lehren je­weils in eine der beiden Karten des christ­lichen Antibolschewismus und des christlichen Prokommunismus einzuzeichnen. Es wird ein Umdenken nötig sein, das keinem erlaubt, bei seinen bisherigen Positionen stehen zu bleiben. Evangelische Verkündigung hat damit zu rech­nen, daß uns Gottes Evangelium angesichts dieser ganzen Welt des Marxismus etwas Neues sagt, das weder so noch so in Dienst genommen werden kann und schwerlich den Beifall und die Zustimmung der Massen und der Gewaltigen hüben und drüben finden wird, es sei denn, der Geist treibt in die Umkehr. Es geht dabei um keine Deutung dieser Welt. Eine Deutung ist immer ein Versuch, ein vor­liegendes Faktum in vorhandene Karten einzu­zeichnen, damit zu verstehen und zu bewälti­gen. Das Evangelium aber deutet nicht Ge­schichte, sondern setzt Geschichte, meldet uns zugleich die von ihm gesetzte Geschichte und bereitet uns damit den schmalen Weg, auf dem wir hinter unserem Herrn hergehen können.

Die Marxisten — Dienstmänner des Herrn

Als erstes ist die Christenheit innerhalb der marxistischen Welt gefragt, ob sie frei bekennt (weil sie es nicht mehr unterdrücken kann, ohne den Glauben zu verleugnen), daß sie es in der Begegnung mit jenen Mächten und Ordnungs­gefügen zuerst und zuletzt mit ihrem Herrn und Meister selbst zu tun hat, der diese Män­ner in seinen Dienst genommen und als seine Instrumente gebraucht hat und brauchen will. Was auch sonst über den Marxismus zu sagen ist: wir befinden uns in der Begegnung mit ihm nicht in einem gott-losen Raum, nicht in einem Niemandsland, wo das Evangelium nicht hin­reichte, nicht in einer Provinz, wo Gottes Wort neutral wäre, auch nicht in einem Inferno, aus dem uns Gott, wenn er kann, heraushelfen möchte, sondern wir verkündigen als die Ge­sandten Jesu Christi, daß Gott mit dem Überunskommen jener Welt ein weiteres Blatt sei­ner Geschichte mit uns aufgeschlagen hat, in der wir von Ostern her seiner Wiederkunft entgegengehen. Auf dem Kreuzesweg der Ge­meinde ruft uns Gott angesichts dieser Mächte zu neuem Gehorsam, zu neuem Lob, zu neuem Gebet, zu neuer Bewährung, zur Erneuerung unserer Kirche und zum Wandel ihrer Gestalt, um Ihm in neuer und besserer Treue zu dienen. Es geht, das ist evangelische Verkündigung heute, nicht um Abwehr der zahlreichen und unheimlichen Angriffe auf Kirche, Christentum und Gottesglauben, sondern zunächst — bevor wir unser Verhalten gegenüber diesen Angrif­fen bedenken — um Gottes heilvollen Angriff auf sein Volk mittels dieser Männer und Mächte. Er — das Instrument wird demgegen­über völlig nebensächlich — schlägt auf uns ein aus Gnaden; Er läßt uns nicht unserem bösen Willen, der uns die Verdammnis auf den Hals zieht, und wirbelt uns durcheinander, daß uns Hören und Sehen vergeht; Er scheucht uns aus den faul und morsch gewordenen volkskirchlichen Palästen vergangener Jahr­hunderte auf und treibt uns durch seine „Knechte“ dazu, Pilgrime und Fremdlinge zu werden, die dem Herrn entgegenwandern. Er kehrt mit eisernem Besen — was bedeutet der Besen etwa neben dem, der ihn führt? —, da­mit sein Haus rein werde.

Die Marxisten als die Dienstmänner des Herrn! Wer glaubt das? Wer will diese Tatsache an­erkennen? Wer hört diese Predigt? Diese Ver­kündigung ist weder eine Legitimierung der Marxisten in dem, was sie denken, sagen und tun, schon gar nicht eine Verklärung, aber noch viel weniger ihre Herabwürdigung und Degra­dierung. Denn diese Verkündigung verleiht ihnen ja eine Würde, in der sie, gleichsam reichsunmittelbar, direkt im Auftrag unseres Herrn der Christenheit gegenübertreten, die sie in diesem Auftrag und Dienst zu ehren hat, in­dem sie Gott die Ehre gibt mit Furcht und Zit­tern. Das Evangelium rückt uns diese Männer in ihrer Gewalt und Machtausübung so nahe, daß wir in unseren Gebeten und unserem Han­deln an dem lebendigen Gott vorbeigehen würden, wenn wir mit ihnen nichts zu tun haben wollten.

Um uns vor einem Mißverständnis zu sichern: wir haben es mit Gesandten und Knechten Gottes, mit seiner Axt und seiner Rute, mit seinem Stab und Instrument zu tun, denen Er Gewalt und Macht über uns übertragen hat! Wir haben es in ihnen und in ihrem Ordnungs­gefüge aber nicht mit einer Enthüllung des Vaters Jesu Christi zu tun, nicht mit einer Offenbarung Gottes, nicht mit seiner gnädigen und barmherzigen Anrede, nicht mit einem „Weltwort Gottes“ an uns. Die Axt allein könnte auch in den Händen des Satans ge­schwungen werden, die Rute könnte auch töten und nicht zum Heile züchtigen, das Instrument könnte auch vernichten. Aber daß Er es ge­braucht, uns, sein Volk, zu retten und nicht unseren Sünden zu überlassen, das ist sein Wort und seine Verkündigung, in der Er als Herr dieser seiner Knechte und Diener prokla­miert wird: „Mag sich auch eine Axt rühmen wider den, der damit haut, oder eine Säge trotzen wider den, der sie zieht? Als ob die Rute schwänge den, der sie hebt, als ob der Stecken höbe den, der kein Holz ist(Jes. 10,15)1“ Der Herr ist frei, Knechte zu rufen und wieder zu entlassen, die Axt zu schwingen und wieder wegzulegen, den Stecken zu gebrauchen und wieder zu zerbrechen.

Es ist dieser Verkündigung gegenüber nun unwesentlich, ob man sich ihr in der einen oder der entgegengesetzten Form verweigert: ob man anstelle dieser Verkündigung die Anschauung vertritt, der Marxismus sei etwas Böses oder er sei etwas Gutes. Wir verkündigen in einer an­deren Dimension, in der Gut und Böse sich anders verteilen, als es jenes heimliche atheisti­sche Denken in seinen beiden sich feindlichen Formen bestimmt. Es ist die gleiche Verschlos­senheit, die sich in der Kirche breit macht: ob man sich nun ängstlich gegen den Angriff des Marxismus wehrt, oder ob man ihn im Namen Christi fördert. Das Evangelium macht uns zu freien Menschen, die sich der Heimsuchung des Gottes nicht weigern, der uns mit der Sen­dung dieser Knechte zur Umkehr ruft. Das Evangelium löst unsere Lippen, so daß wir weder verbissen schweigen noch schwatzend glorifizieren, sondern Gottes Majestät preisen, dessen Wort und Verheißung auch die Marxi­sten und der Marxismus dienen müssen, sollen und dürfen.

In der gegenwärtigen Diskussion kann man öfters Erörterungen darüber hören, ob eine kommunistische Regierung (samt ihrem Polit­büro und Zentralkomitee) als „Obrigkeit‘ nach Römer 13 anzusehen sei oder nicht. Man stellt einige Spielregeln auf, die beachtet sein müs­sen, wenn das Prädikat „Obrigkeit“ von der Kirche erteilt werden kann. Aber wie man sich nun auch entscheiden mag: schon im Ansatz hat man nicht begriffen, daß wir in Römer 13 die Behördenmacht in Gottes Wort eingerahmt und gefaßt verkündigt bekommen, um Gott die Ehre zu geben, der sich uns zum Guten dieser seiner — uns mehr oder weniger zusagenden — Dienstleute bedient. Die Kirche hat nicht über den Staat im allgemeinen und im besonderen zu urteilen. Das Neue Testament nach seinem Urteil über den Staat zu befragen, ist natürlich möglich, muß aber notwendig an dem Kern der evangelischen Verkündigung in dieser Sache vorbeiführen. Wir sitzen nicht auf den Stühlen, von denen her Prädikate ausgeteilt werden, sondern stehen in dem Unterworfensein unter jene Männer und Mächte vor dem Richterstuhl, von dem her uns Befehlswort und Urteil ge­sprochen werden.

Daß es so und nicht anders ist, ist ja gerade das freimachende Evangelium, das uns aus jenem schrecklichen Alleinsein befreit, in dem das Volk Gottes sich zusammen mit der herr­schenden marxistischen Gruppe befinden könnte. Das ist ja immer wieder die Versuchung, die an die Christenheit herantritt: „Sind wir nicht doch in Wirklichkeit dieser Macht ausgeliefert auf Gedeih und Verderb? Hängt nicht im Grunde von ihrer Gnade oder Ungnade unser Ergehen ab? Hat nicht vielleicht doch der Marxismus die Gewalt und ist es nicht doch seine Stunde, in der Gott schweigt und verstummt ist?“ Und mit dieser versucherischen Stimme — wer hätte sie nicht schon im eignen Innern und von außen mit seinen Ohren in diesen Jahren ge­hört? — vereinigt sich dann, wenn man dieser Stimme gefolgt ist — und wer hat nicht von uns wahrgenommen, wie dieser und jener, wenige oder viele diese Wege gegangen sind und gehen? —, jene unheimliche Konsequenz in ihren zwei Gestalten, die sich aber genau ent­sprechen: denn keine wird je ohne die andere sein. Es stehen in der Kirche die einen auf und beginnen den Marxismus positiv zu beurteilen, entdecken eine geschichtsphilosophische Schau, nach der es eben seine Stunde zum Heile der Menschheit sei, daß ihm die Zukunft gehöre und der „Westen“ seinem Grab entgegen­wanke. Ihnen treten jeweils andere gegenüber, die mit Empörung und Grimm all das anpran­gern, was mit dem Bilde eines Rechtsstaates unvereinbar ist, und das Bekenntnis gegen den Marxismus im Sinn seiner moralischen und kirchlichen Verurteilung zum unabdingbaren Wesenszug des christlichen Glaubens erklären. In beiden Gestalten hat man das Hören mit dem Urteilen, das Glauben mit einer An­schauung, den Gehorsam mit einer Stellung­nahme auf eigene Faust vertauscht. Kein Wun­der, daß das Schifflein der Kirche, wenn ihre Glieder jener versucherischen Stimme folgen, hin und her zu schwanken beginnt. Es werden dann die politischen Mächte hüben und drüben ihr dunkles Spiel mit einer Christenheit treiben, die darum in feindliche Parteien auseinander­fällt, weil sie gemeinsam sich nichts mehr sagen läßt. Hinter kirchlichen Gegnern erschei­nen die Schatten oder gar die Leiber der Poli­tiker des Kalten Krieges in der Gegenwart und eines drohenden Heißen Krieges in der Zu­kunft. Ein unheimlicher Sog verwandelt dann die Botenschar des souveränen Herrn in Reli­gionsgemeinschaften, die nachträglich das religiös-theologisch-christlich „untermauern“, was die Politiker vorher entschieden, verkündet und getan haben. Man spricht es nicht aus, aber es liegt unausgesprochen in der Luft: es wird hüben die „Weltrevolution“ und drüben ein Kampf für die „Freiheit“ und die „Be­freiung“, auch mit Atombomben, für christlich möglich, erlaubt, vielleicht sogar geboten er­achtet. Am Ende stünden dann Feldprediger auf beiden Seiten, die vieles reden, nur nicht mehr verkündigen könnten. Es ist der gleiche Unglaube, der aus Angst vor dem Weiter­greifen des Bolschewismus der Kirche und ihrem Wirken die Aufgabe zuweist, die ethisch-weltanschauliche Gesinnung zu produzieren und zu erhalten, die zum Widerstand, zur Be­waffnung und zur möglichen Anwendung der Waffen nötig ist, und jener Unglaube, der so fasziniert ist vom Phänomen der marxistischen Welt, ihrem so vieles wandelnden Fortschritt, ihren eindrucksvollen Erfolgen und vor allem von ihrer ungeheuren und rasch wachsenden Macht, daß er geistig und geistlich vor dieser imposanten Wirklichkeit kapituliert und zum christlichen Parteigänger einer weltrevolutio­nären Bewegung wird.

Zu Jeremias Zeiten gab es in Israel die ägyp­tische und die babylonische Partei, die das Heil von Norden oder Süden erhofften. Der Prophet — so sehr er als Parteigänger Nebukadnezars und als Defaitist verschrien wurde — hat das Volk weg von seinen Träumen und Sehnsüch­ten zu jener Umkehr gerufen, die im Babylo­nier mit seiner harten Faust den Knecht des alleinigen Gottes erkennen und anerkennen lernt. Es gibt angesichts der marxistischen Welt und ihrer Gegenwelt nicht einfach einen „dritten Weg“. Aber wir sollen auf jene Botschaft hören, die aller Welt und uns den Herrn ver­kündigt, der auch die marxistischen Regime als Instrumente seines guten und gnädigen Willens zu verwenden weiß. Und aus dem Hören folgt dann das jeweilige Finden des schmalen Weges, auf dem die Friedfertigen Retterdienste leisten, Gott über alle Dinge fürchten, die Mächtigen ehren und die ewige Seligkeit ge­winnen.

Die Marxisten — Signal des Gerichts

In der Begegnung mit der marxistischen Welt steht nun die Christenheit in ihr vor einer wei­teren Frage: ob sie sich im Zusammenhang mit der Erscheinung jener Mächte das prüfende, sichtende, urteilende und verurteilende Eingrei­fen Gottes in seinem lebendigen Wort gefal­len läßt oder nicht? In der Erscheinung des Marxismus tritt ja der Richter auf den Plan, der mit seiner Gemeinde in strenger Barmherzig­keit Rechnung halten will und sich dabei seiner Knechte bedient, die ihm die Angeklagten zu­zutreiben haben. Predigen wir dieses richtende Wort unseres Herrn über all unser bisheriges Tun als Gemeinde und ihre einzelnen Glieder und geben wir seinem kräftigen Wort Raum zur kritischen Prüfung unserer Kirche? Stoßen wir mit unserer Verkündigung durch alle marxi­stische Kritik an uns und der Kirche hindurch zur göttlichen Kritik, die ¡a viel ernster, aber auch viel barmherziger und heilender ist als die treffendste oder wohlwollendste Kritik des Marxismus oder auch als unsere Selbstkritik? Wiederum geht es um die Überwindung eines Dilemmas, in das wir nur zu leicht und jeweils neu geraten. Es ist das Dilemma der Über­nahme der marxistischen Kritik an der Kirche und der Verteidigung gegen alle ihre Angriffe. Beides ist für die Christenheit tödlich, denn beides macht sie stumm und unbrauchbar für das Evangelium.

Es läge und liegt allzu nahe, die kritische Stimme des Marxismus und seine entsprechen­den Handlungen gegenüber der Christenheit mit Gottes Stimme und mit seinen Aktionen gegen die Kirche zu verwechseln und beides zu identifizieren. Die christliche Religion der kirchlichen Gruppen ein Restbestand gewisser soziologisch bestimmbarer Schichten, erklärlich aus untergehenden Gesellschaftsstrukturen? Christentum heute nichts anderes als Verzie­rung zu Ende gehender bürgerlicher Existenz­weise? Der Glaube ein vorläufiger Ersatz für die aufsteigende Haltung wissenschaftlicher Er­kenntnis? Die Kirche ideologischer Schildhalter liberal-kapitalistischer Gesellschaftsordnung? Die Christenheit im marxistisch gelenkten Raum die „fünfte Kolonne“ des „Kapitalismus“? Ihre Glieder Parteigänger des „Westens“ gegen­über dem „Osten“? Die Kirche — letzter Hort und Zuflucht liberaler Denkweise und Lebens­form? Die Restbestände christlichen Brauch­tums — vor allem also Kindtaufe, Konfirmation der Vierzehnjährigen, Trauung, Beerdigung, die Kirchensteuern, der Besuch der Festgottes­dienste zu Weihnachten, Ostern und Ernte­dankfest, der Religionsunterricht an Schulkin­dern und anderes mehr — nicht Ausdruck des Glaubens an das Evangelium, sondern nur christlich verbrämte, zum Teil heidnische Ge­wohnheit, die dem sonstigen Verhalten der gleichen Menschen absolut nicht mehr ent­spricht? Die Wirkung kirchlichen Redens und Handelns das ständig schlechte Gewissen derer, die im Grunde doch nicht glauben? Die großen Kirchengebäude leer, die auch heute noch den Großteil der Bevölkerung umfassen­den Mitgliedzahlen eine Fassade, die Zahl der Pfarrer und Katecheten viel zu groß, deren Erhaltung nur durch Staatszuschüsse, durch das Kirchsteuerprivileg und Hilfen aus westlichen Kirchen möglich wird? Ein Koloß also auf tönernen Füßen? Ein niederbrechendes Haus, das man getrost abbrechen kann, und wenige werden klagen, vor allem, wenn der Abbruch schrittweise und behutsam erfolgt? Die Predigt eine langweilige, die moderne Existenz nicht treffende Rede, von bezahlten Funktionären der Kirche gehalten, mit keiner allzu tiefgehen­den Gewißheit? Die Gegenwehr der kirchlichen Leitungen und Organe aus dem politischen Ressentiment geboren? Der Bekennermut ein so seltenes Phänomen, daß man es getrost als die Ausnahme von der Regel buchen kann?

Nietzsche sagte: „Was fällt, soll man noch stoßen“ — hat der Marxismus nicht recht, wenn er mit Tatkraft, Weisheit, Zähigkeit, Geduld und Geschick daran geht, dies Geschäft zu be­sorgen? Hat seine These, daß es natürlich noch längere oder kürzere Zeit Menschen geben wird, die ihre religiösen Bedürfnisse befriedi­gen wollen und denen man das auch bis zu ihrem Absterben durchaus ermöglichen wird, nicht allzuviel für sich? Die Kirche versteht sich als Volk Gottes — aber wo tritt es denn in Er­scheinung? Sie nennt sich Gemeinde Jesu Christi — aber wo handelt diese? Trifft der Marxismus, wenn man von dem rein passiven Hinnehmen der Predigt und der Amtshandlun­gen absieht, nicht fast nur auf Aktivität kirch­lich bezahlter Spezialisten?

Nur allzu verständlich, wenn diese sieges­gewisse Kritik und ihre fortschreitenden Erfolge so faszinieren, daß kirchliche Gruppen und Kreise nun entschlossen das Bündnis mit dieser Macht suchen, daß sie um jeden Preis die Be­teiligung an dieser großen Bewegung erstre­ben, daß sie Ausschau halten, wo sie denn einen geduldeten oder gar zugewiesenen Platz in diesem System erhalten und wo sie begrüßte und geschätzte Mitarbeiter sein können. Allzu verständlich, wenn daran gegangen wird, die Gemeinsamkeit bestimmter Ziele bei Marxis­mus und Christentum („Die Humanisierung der Gesellschaftsordnung“, die Gewinnung des „Friedens“, die Beseitigung der „Ausbeutung“, der Kampf gegen den „Imperialismus“ und „Kolonialismus“, die Verwirklichung der „Ge­rechtigkeit auf Erden“, der Kampf gegen die „Kriegshetzer“, den „Faschismus“ usw.) von der Bibel her zu erarbeiten und zu erhärten! „Ein Christ sagt Ja zu Karl Marx!“ Ist das alles so abwegig? Wir werden diesen Gruppen und Kreisen weitgehend nicht absprechen können, daß in ihnen tiefe Erkenntnis der vom Marxis­mus anvisierten Schäden der Kirche und ein entschlossener Wille leben, das Christentum und seine unvergänglichen Werte religiöser und moralischer Art innerhalb der marxisti­schen Welt zu erhalten und zu erneuern.

Demgegenüber erhebt sich außerhalb und in­nerhalb des marxistischen Raumes die Gegen­bewegung. Bei aller Anerkennung der Fehler und Schwächen des bestehenden Kirchentums vermag sie im Auftreten des Marxismus letztlich nur den Angriff des Atheismus und Antichristen­tums zu erblicken, gegen den man sich ent­schlossen zur Wehr setzen muß. Jetzt ist nicht die Stunde fataler Selbstkritik, die die Reihen nur schwächt und verwirrt! Jetzt gilt es zusam­menzustehen und standzuhalten! Unter Berufung auf Bibel und Bekenntnis, unter Hinweis auf ana­loge Vorgänge in der Kirchengeschichte ruft diese Gegenbewegung zum geistigen und geistlichen Widerstand, zum Durchhalten bis auf bessere Tage. Dem „totalen Staat“, dem Tier aus dem Abgrund, mag es auch manches Positive und an sich Gute propagieren und leisten, ist letzt­lich nur ein Nein entgegenzuschleudern. Ist man ihm unterworfen, so gilt es leidend zu widerstehen. Ist man — noch nicht! — von seiner Macht überwältigt, gilt es, sich geistig, geistlich, politisch und — wenn es sein muß — mit den Waffen zu verteidigen. Hinter allen marxistischen Angriffen und Kritiken steckt ja doch nur der alte, böse Feind, der allen Got­tesglauben austilgen will. Wenn die Stunde ge­kommen ist, dann galt es damals gegen Assur und gilt es heute gegen den Bolschewismus: „Auf Rennern wollen wir reiten (Jes. 30,16)!“ Gegen das Böse ist mit allen Mitteln, auch mit den Waffen, wenn es nicht anders geht, zu kämpfen.

Diese so zerrissene Christenheit hungert nach dem Bußruf, der sie vor den richtenden Gott stellt und von der doppelgestaltigen Bindung an den Marxismus frei macht. Allein die verkün­digte Umkehr bringt zusammen, was heute hoffnungslos und unheilvoll für die Kirche und die Menschheit auseinanderzufallen droht. Es geht ja in der Begegnung mit dem Marxismus Gott selbst mit uns ins Gericht. Er ist der Schmelzer, der Reines vom Unreinen scheiden will. Er ringt ja um eine neue Gestalt der Chri­stenheit, die in Scham und Reue sich von ihren bisherigen Sünden lossagen sollte. Da wir den Marxismus nicht mit dem richtenden Gott und seinen Anfragen verwechseln können, ist es eben nicht damit getan, das Heil der Kirche in der Übernahme seiner Kritik und dem An­schluß an seine Bewegung zu suchen. Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren, das gilt auch in diesem Fall. Aber hinter den menschlichen Anklagen will Gottes Anklage gegen uns gehört und anerkannt werden. Hin­ter den fanatischen Ideologen steht der Hei­lige, der uns droht, unseren Leuchter von sei­nem Platz zu stoßen und uns aus seinem Munde auszuspeien. Es genügt nicht, Schwä­chen und Sünden der bestehenden Christen­heit, die sie „natürlich hat, denn alles Irdische ist auch sündig“, zuzugeben und zur Verteidi­gung anzutreten und aufzurufen. Wir werden dann mit untauglichen Waffen streiten und den uns in der Tat verordneten geistlichen Streit nicht bestehen. Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den bösen Gei­stern unter dem Himmel, die nicht auf eine Gestalt menschlicher Gottesfeindlichkeit fest­zulegen sind. Wer das Böse fixiert, den hat der Böse längst selbst am Kragen! Professor Hromadka formulierte einmal: Vor einer gott­losen Welt brauchen wir keine Angst zu haben, aber wohl vor einer gottlosen und un­gläubigen Kirche.

Es geht um die innere und äußere Bereitschaft, jenen göttlichen Schmelzprozeß als unsere Erret­tung zu predigen und zu glauben, sich ihm nicht zu entziehen und es Gottes Gnade zuzutrauen, daß Er uns durch das Gericht hindurch aufrichtet. Mit dem Ja zu diesem zweischneidigen Schwert erhält die Christenheit die rechten Waffen gegen alle Anschläge zur Rechten und zur Linken. In der Umkehr und Abkehr von ihren Verfehlun­gen wird die Christenheit stark bleiben und allen Versuchungen entgehen. Der Satz, daß eine Christenheit unter dem Bolschewismus nicht mehr existieren kann, ist ebenso unbuß­fertig wie der Gegensatz, daß dieses Leben selbstverständlich bei einigen Konzessionen oder tiefer greifenden Wandlungen ihrer Ord­nung und ihrer Anschauungen möglich sei. Immer lebt die Christenheit, auch unter dem Marxismus, von der Bereitschaft Gottes, es mit ihr nicht garaus zu machen, sondern sie aus dem Wort zu erneuern, das in der Umkehr ge­glaubt wird. Ruft Er uns zur Umkehr und hören wir auf Seine Stimme, dann werden wir uns nicht weigern, die unbequemen Anfragen des Marxismus an uns nüchtern und ernst zu prü­fen, inwieweit sie uns darauf hinweisen, was Gott anders bei uns haben will. Wir werden auf weite Strecken hin mit seiner Kritik kon­form gehen können, aber es wird Jesus Chri­stus sein, der auch diese Kritik umschmilzt zu seinem erneuernden Ruf an die Kirche. Unter der Zusage, daß unser Richter uns auf diesem Weg der Umkehr behütet und beschützt, wer­den wir von Tag zu Tag darum herumkommen — durch sein wunderbares Eingreifen —, daß wir uns selbst verteidigen und dem Freund-Feindschema der Marxisten anpassen müssen. Er gibt uns in seiner Person unsere Feinde als die zu Liebenden, und so erkennen wir stau­nend, daß „Christus nicht gegen Karl Marx, sondern für uns alle gestorben ist“, wie es Dr. Heinemann in jener denkwürdigen Stunde, Januar 1958 vor dem Bundestag in Bonn, for­muliert hat. In der Umkehr erhalten wir jene Freiheit, die uns den schmalen Weg führt, auf dem wir weder Parteigänger des Marxismus noch seine Feinde sein müssen. Und nur so wird die Aussage glaubwürdig, daß es der Kirche eben nicht um die Erhaltung oder Wie­dergewinnung des Bestehenden geht, sondern allein um den Fortgang des Evangeliums in einem verdrehten und verkehrten Geschlecht.

Die Marxisten — Chance der Mission

Geht Gottes Wort weiter? Auch diese Frage stellt uns der Marxismus durch seine Ansage, daß die Sterbestunde der Christenheit nach un­widerleglichen Gesetzen geschlagen habe. Glauben wir das etwa auch? Oder wohnt in un­serer Brust wenigstens insgeheim der Zweifel: „Sollte es wirklich so sein? Stehen wir tatsäch­lich auf verlorenem Posten? Ist mit dem Ende des christlichen Abendlandes nicht auch das Ende des Glaubens gekommen?“ Wer wird nicht zu Zeiten müde und verzagt? Wer möchte nicht so manchesmal aufgeben? Wer hat sich noch nicht in jenem Ausbruch Elias wiedergefunden: „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; denn ich bin nicht besser als meine Väter (1. Kön. 19, 4)?“ Lockt nicht die westliche Welt mit ihren imponierenden Mög­lichkeiten für alle kirchliche Tätigkeit und ihrem Schutz des christlichen Glaubens, ¡a ihren Pri­vilegien der Christenheit und ihrer Glieder? Sind nicht der Vordere Orient und Nordafrika, in denen es einst blühende Kirchen gab, dro­hende Zeichen, daß die Geschichte auch diese Wege nehmen könnte? Ist es etwa nicht wahr, daß in der marxistischen Welt — aber nicht nur in ihr! — Schar um Schar von jener Re­signation erfaßt wird, die Paulus die Traurig­keit dieser Welt nennt, die zum Tode leitet?

Natürlich wäre auch anderes zu zeigen: An­sätze einer erneuerten Missionskraft der Kirche. Aber das dürfte nicht der Halt sein, an den wir uns klammern. Diese Zeichen sind gleich­sam freundliche Zugaben unseres Gottes, die ihren Wert nur in Verbindung mit dem Haupt­geschenk erhalten und bewahren. Andere hel­fen sich damit, daß ja im Nu sich alles wenden und der kirchlichen Arbeit alle zur Zeit ver­schlossenen Gelegenheiten gegeben werden könnten. Aber von allen anderen Einwänden gegen diesen „Trost“ abgesehen: das Bild der Kirchen, die diese größeren Möglichkeiten haben, und das Bild der Christen, die in ihrem Bekenntnis und in ihrer christlichen Lebens­weise und Anschauung staatlich „geschützt“ oder gar bevorzugt sind, und die beide diesen größeren Raum allzu schlecht, das heißt, so wenig evangelisch auszufüllen vermögen, raubt diesem „Trost“ seine Kraft und seine Wahr­heit. Sehe ich recht, so ist in jenen anderen Räumen die Besorgnis, ob denn das Evange­lium seinen Fortgang nehme, nicht weniger be­drängend und berechtigt als in der marxisti­schen Welt. Es geht um eine ganz andere Er­kenntnis und eine ganz andere Verheißung des Trostes.

Wie können wir in der marxistischen Welt die Geschichten, Gebote, Psalmen, Propheten­sprüche, Gleichnisse und Briefe der Bibel eigentlich anders verstehen als direkt auf die Christenheit in dieser Welt bezogen? Ob nun in der Christenlehre bei den Kindern, ob in der Predigt, im Gottesdienst, ob in der Bibelstunde oder im Einzelgespräch, und nicht zuletzt bei den mannigfachen Gesprächen mit atheisti­schen Parteimitgliedern, überall ist Gottes Zu­spruch seltsam direkt geworden. Die dicken Wände — neunzehnhundert Jahre — sind gefallen, zwischen uns und dem Bibelwort steht nichts mehr, die Bibel redet in unsere Situation hinein wie lange nicht. Es ist, als ob die Figu­ren der Bibel unter und um uns lebendig ge­worden sind, so daß wir in Gottes Drama mit­spielen müssen, fast möchte man sagen: ob wir wollen oder nicht. Wir finden uns — wer wüßte davon gar nichts zu erzählen? — un­versehens in der Schrift wieder und mit uns die Entfremdeten, Gleichgültigen und Feinde. Jene Stunde, in der ein Katechet das 24. Kapitel des Matthäus unter atemlosem Schweigen der Ju­gendlichen vorlas und diese antworteten: „Das ist gerade so, als wenn es für uns geschrieben worden ist“, ist typisch. Es ist ¡a auch der an­griffsfreudige Atheismus ein Zeichen dafür, wie unheimlich das Wort „Gott“ und mit ihm seine Anrede geworden ist. „Die Anfechtung lehrt aufs Wort merken“: Luther hat bekanntlich falsch übersetzt, und es ist auch nicht selbstver­ständlich, daß dies geschieht. Die Versuchung könnte auch verschlingen. Aber daß sich Gottes Trost und Warnung so bemerkbar machen beim Lesen der Bibel, im Beten, Predigen, Hören und Unterrichten, ist ein Wunder. Er sendet sein Wort und wirft es unter die Menge. Die Vielen kehren sich ihm, mit Ablehnung oder mit Zutrauen, zu und achten auf das Be­kenntnis der Christen. Es ist für die Glauben­den seltsam einfach geworden, ihren Lebens­kommentar zum Evangelium zu liefern. Die Problematik christlicher Existenz im Unterschied zu nichtchristlicher Existenz hat sich über­raschend vereinfacht, auch wenn sie darum nichts von ihrer Schwere eingebüßt hat. Die Erkenntnis bricht durch, daß das Feld reif zur Ernte ist und Gott sich aufmacht, das Verlorene zu suchen und zu retten. Man mußte seine Augen schon schließen, um nicht beglückend zu merken, daß Gott eine neue Stunde der Evangelisation ansagt. Aus dem Evangelium können wir nur dies und nichts anderes ent­nehmen.

Aber freilich: schließen wir etwa in Trotz und Angst unsere Augen vor seinem Wort? Stoßen wir vielleicht diesen großen Segen Gottes be­wußt zurück? Haben wir unseren Unglauben und unser Fleisch (und die Fleischtöpfe Ägyp­tens!) lieber als die viva vox evangelii? Ver­säumen wir etwa durch unsere eigene, durch nichts zu entschuldigende Herzenshärtigkeit die Heimsuchung Gottes? Sehen wir uns um, wie Lots Weib nach ihrem brennenden Haus zu­rücksah und zur Salzsäule wurde? Ist es uns zu wenig, daß Christus durch uns die Sünder zu sich ruft? Murren wir etwa, daß Erste Letzte und Letzte Erste werden? Haben wir etwa nicht genug an Gottes Gnade, die zum Leben aus­reicht, sondern halten ihm unentwegt einen Wunschkatalog mit allen möglichen Zugaben vor, die Er uns zur Stunde nicht geben will? Sind wir leidensscheu und meinen wir, daß Gottes gute Wege etwas weniger rauh sein müßten, wenn wir sie mit Freuden gehen soll­ten? Erbosen wir uns etwa darüber, daß die Gottlosen so gottlos, die Gleichgültigen so gleichgültig, die Frommen so passiv sind? Kom­men wir an den Menschlichkeiten der Pasto­ren, der Konsistorien, der Bischöfe zu Fall und machen das Kleine groß und das Große klein? Verzweifeln wir etwa, wie Israel es in der Wüste tat, als es auf dem Wege, der ja doch zum Ge­lobten Land führte, immer wieder gemurrt und sich damit selbst um das Ziel gebracht hat? Ver­schließt uns vielleicht Menschenangst die Ohren zu hören und den Mund zu verkündigen? Trei­ben wir etwa im Privaten und Privatesten Allo­tria, fremde Dinge, und treiben dadurch an der Gnade vorüber in die Verdammnis? Predigen wir die Errettung von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels, weil allein diese Predigt uns selbst errettet vor dem kom­menden Zorn? Haben die dunklen Bilder von — möglicherweise — kommenden Katastrophen unseren Sinn so gefangen, daß wir dem kom­menden Herrn, der Himmel und Erde neu machen wird, nicht entgegen sehen? Predigen wir etwa anderen und werden selbst unbe­währt?

Wir müssen diese Fragen stehen lassen. An ihrer Beantwortung hängt es, ob gerade die marxistische Welt der Boden wird, auf dem das Wort hundertfältig Frucht trägt. An dieser Stelle entscheidet sich die Missionierung, die uns vor den Füßen liegt. Wenn die christlichen Kirchen Afrikas und des Vorderen Orients bis auf geringe Reste zusammengeschrumpft sind, so entschied sich das ja längst vor dem Aufkommen des Islam und nicht an der gewiß sehr eindrucksvollen Gewalt Allahs, seines Prophe­ten und seiner Nachfolger!

Die Marxisten — gesandt zu Ordnung und Frieden

Viertens: unter der Verkündigung dürfen wir, das ist das uns geschenkte Gnadenrecht, die marxistischen Inhaber der Staatsmacht als die anerkennen, die von Gott gesandt sind, zur Strafe der Bösen und zum Lob der Frommen. Wir dürfen damit rechnen und sollen das auch sehen und dafür danken, daß Gott durch sie für ein Maß des Friedens, des Rechtes, der Freiheit und der Menschlichkeit sorgt, ohne welches menschliches Leben physisch unmöglich würde. Das Evangelium rückt die Wirklich­keit an ihren Ort und gibt uns gesunde Augen, Recht, Freiheit, Menschlichkeit, Frieden und Ordnung als die guten Gaben Gottes im marxi­stischen Raum mit Dank wahrzunehmen. An dieser Stelle, unter der Verheißung Gottes, daß Er sich von seiner Schöpfung nicht lossagen und keine Sintflut kommen lassen wird, kön­nen und sollen wir von all dem Positiven dank­bar reden und daraufhin unseren Platz inner­halb der marxistischen Welt beziehen, um Gutes zu tun, wo immer es gilt, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Um des Evange­liums willen ist auch dieser Raum ein Raum zum Leben und nicht eine Hölle. Auch die Marxisten setzen, ob nun analog oder im Gegensatz zu ihren theoretischen Erkenntnis­sen, die göttliche Justiz durch, die nicht vor der marxistischen Ideologie kapituliert. Dem Griff des Schöpfers und Erhalters sind wir niemals, auch nicht in jener Welt entzogen! Auch sie stehen unter seiner Ordinatio und müssen die Guten belohnen und die Bösen strafen. Dem Chaos zu wehren hat der Herr übernommen, obwohl wir auf allen Seiten es dauernd her­aufführen wollen.

Die Grunderkenntnis, daß wir wunderbarer­weise Gutes tun können, obwohl wir böse sind, gilt auch hier. Wenn die Marxisten meinen sollten, sie könnten Gott beseitigen — das, was sie unter „Gott“ verstehen—, so gilt. „Aber der im Himmel wohnt, lacht ihrer, und der Herr spottet ihrer“, denn die Heiden toben und die Völker reden vergeblich. Was ist das bei Chri­sten für eine glaubenslose Rede, daß auch das Stück Recht und Ordnung im marxistischen Raum im Grunde kein Recht und keine Ord­nung sei, weil alles unter dem Vorzeichen einer materialistischen Weltanschauung stehe und alles im Sinn des historischen Materialismus begründet werde? Daß die Tugenden der Hei­den nur glänzende Laster seien, hat zwar Augustin behauptet, aber nicht im Glauben. Der Glaube entdeckt mit Staunen, wie auch der ideologische Fanatiker, ohne einen Aus­weg für ihn, umklammert ist von dem Vater im Himmel, der nur in Ausnahmefällen unser böses Herz das tun läßt, was es will. Zur Ver­kündigung paßt nur, daß die Christen auch bei höchst unchristlichen Obrigkeiten und Ordnun­gen an dieser Zusage festhalten und unter ihr dann frei dazu sind, von diesen selben Obrig­keiten das Gute und nicht das Böse zu erwar­ten und sie in diesem hohen Amt zu respektie­ren und ihnen zu helfen.

Wir haben uns noch nach zwei Seiten abzu­grenzen, um Mißverständnisse zu vermeiden. Natürlich ist es richtig, daß der Staat, der vom Marxismus geführt wird, in vielen und wichti­gen Punkten von dem Bild abweicht, das sich in Mittel- und Westeuropa und Nordamerika im Lauf der letzten Jahrhunderte herangebildet hat und als Norm eines ordentlichen und an­zuerkennenden Staates gilt. Freilich ist auch in diesen Bereichen der Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit allezeit, mehr oder min­der, schmerzhaft zu merken gewesen und zu merken. Der Begriff einer liberalen Demokra­tie ist sorgfältig von ihrer jeweiligen Wirklich­keit zu unterscheiden. Doch diese Tatsache hebt nicht auf, daß in den genannten Ländern den einzelnen Christen und den christlichen Ge­meinschaften mit ihren den Geboten Gottes entsprechenden Grundsätzen ein mehr oder weniger großer Raum zur Betätigung und auch zur Geltendmachung ihrer Grundsätze im politi­schen Leben eingeräumt wird, so wie es ihren Ansichten und Vorstellungen entspricht.

Die Anforderungen an die Christen, im politi­schen Leben gemäß ihrem Glauben und ihrer Ethik Verantwortung zu erkennen und zu über­nehmen, entspricht aber den Möglichkeiten, die ihnen faktisch jeweils dafür gegeben sind. Aus allem bisher Gesagten geht hervor, daß alle Christen verpflichtet sind, den Raum des Rechtes und der Menschlichkeit, der Freiheit und des friedlichen Miteinanderlebens in einem Staat gegen alle Wandlung in Willkür, Bar­barei, Sklaverei, Kampf aller gegen alle und Tyrannei einer Gruppe über alle anderen zu erhalten und zu mehren. Diese grundsätzliche Verpflichtung besteht für Christen in allen politischen Lebensformen und für alle Christen, in welcher Ausgangssituation sie sich auch bei diesem gebotenen Handeln befinden mögen: sie reicht vom Kaiser, der Christus bekennt, bis zum Gefangenen in der Zelle, der den Herrn anruft. Das Maß und die Art, wie dieser Ver­pflichtung nachzukommen ist, wechselt freilich von Raum zu Raum, von Generation zu Gene­ration und von Staat zu Staat. Entlassen ist die Christenheit aus dieser Verantwortung im poli­tischen Leben aber in keinem Fall, und zufrie­den wird sie sich mit dem Erreichten nie geben können; denn es ist dafür gesorgt, daß sie die Hände nie in den Schoß legen kann, auch nicht dann, wenn ein Staat sich christlich nennt und die Kirche privilegiert. Ja, gerade in einem solchen Fall wird sie argwöhnisch und miß­trauisch darüber wachen, daß nicht urmensch­liche Bosheit mit dem Namen Jesu Christi zu­gedeckt wird, wie die Geschichte in reichem Maße beweist.

Sie wird auf Grund jener gnädigen Verheißung aus Römer 13 frisch und getrost ans Werk gehen, weil sie dabei Mitarbeiter dessen ist, der seine gute Anordnung in Kraft gesetzt hat und setzen wird bis zum Jüngsten Tage. Darum wird sie auch erhebliche Unterschiede in der Staatsgestaltung, auch wenn ihr Glaube und das Gebot Gottes tangiert werden, nicht ins Unendliche überschätzen und eine Art Staats­metaphysik entwickeln. Sie wird auch in Räumen, in denen die herrschenden und bestimmenden Gruppen im Zusammenhang mit einer fremden Religion, wie in der Arabischen Republik und im Iran oder mit einem römischen Kirchentum regieren wie in Spanien und Kolumbien, und also auch in der marxistischen Welt an ihrem Teile und nach den ihr dort gegebenen Mög­lichkeiten zum Guten am politischen Leben mitarbeiten, in der Gewißheit, daß derselbe Gott, der seine Diener und Knechte dort be­nutzt, der Vater Jesu Christi ist, der sie in den Gehorsam auch im öffentlichen Leben ruft. Diese Gewißheit hebt also für sie die Unterschiede zwischen besseren und schlechteren Möglich­keiten und Gestaltungen, schon gar nicht den Unterschied zwischen Gut und Böse, keines­wegs auf. Sie müßte ja verstockt das Schreien der „Fremdlinge, Witwen und Waisen“ über­hören, zu deren Fürsorge und Rechtsschutz sie verpflichtet ist, auch wenn es den Einsatz von Gut, Beruf, Fortkommen, Freiheit oder — in Extremfällen — das Leben kosten könnte. Es wird sich darum eine gehorsame Christenheit alle Zeit bei denen finden, die Unrecht leiden und zu kurz kommen. Daß die Geschichte aller Kirchen hier an Versäumnis und schwerer Schuld reich ist, kann nicht geleugnet werden. Die Christenheit würde aber neue Schuld zur alten häufen, wenn sie heute diesem Punkte gegenüber wie in der marxistischen Welt mit der Feststellung resignierte, daß in diesem Raum alles vergeblich sei. Eine solche Fest­stellung paßt zu denen, die an ein liberales Ideal glauben, der Glaube an Jesus Christus dagegen eröffnet überall Möglichkeiten zu ver­antwortlichem Tun.

Die Marxisten fordern unser Bekenntnis

Welches Bekenntnis? Haben wir uns bisher auf einem schmalen Grat bewegt, von dem der Absturz zur Rechten und Linken droht, so scheint der Weg noch schmaler und die Möglichkeit des Sagbaren noch geringer zu werden, ohne hüben wie drüben eine Flut von Einreden Gut­gesinnter, aber auch übelwollender heraufzu­rufen. Schon das ist fatal, daß sich Christen wie Marxisten nun vor allem für dieses Thema in­teressieren, freilich mit sehr verschiedenen Mo­tiven und sehr ungleichem Argwohn. Ob wohl das „Nein“ des Glaubens nicht zu kurz ge­kommen sei in jenem vierfachen „Ja“? Oder: ob nicht nun doch der Pferdefuß herauskomme und wir trotz jenes vierfachen Ja nicht doch in jene breite christlich-katholisch-bürgerlich-libe­ral-westlich-kapitalistisch-amerikanische Front einschwenkten, von der wir uns im Vorherge­henden — vergeblich — versucht hätten zu distanzieren? Oder: ziehen wir uns auf die be­kannte „innere Linie“ zurück, predigen wir „nur Evangelium“ (wie es manche Pfarrer 1933—1945 zwischen der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen stolz von sich behaupteten!) und verzichten wir aus besseren oder schlech­teren Gründen darauf, die Sünde auch im Marxismus bei Namen zu nennen? Oder: be­lasten wir, leider, die Verkündigung des Wor­tes Gottes mit leidiger Politik und vertauschen das Erstgeburtsrecht mit einem Linsengericht? Sind wir vielleicht „angerötet“ und gebundene Leute? Oder: beginnen wir nun doch mit den Kirchenwölfen wider die Gottlosen leise oder laut zu heulen? Gehen wir allem Konflikt aus dem Wege oder spritzen wir — wenn auch nur ein wenig — Öl ins Feuer des Kalten Krie­ges? Waren wir nicht bisher zu „positiv“ im Blick auf unsere Situation? Oder zeigen wir jetzt endlich eine „negative Einstellung“ zu unserer neuen Gesellschaft — zur Beruhigung aller mißtrauischen Kirchenmenschen wie zur Bestätigung des Satzes, daß Pfarrer und Chri­sten nun einmal „Feinde“ des Marxismus sein müssen? Siehe 2. Korinther 6,8!

Der Marxismus ist eine Herausforderung an uns zum Bekennen des Namens über allen Namen, in dem allein unser Heil beschlossen ist. Wenn das vielfach so verstanden wird, als ob die Marxisten versuchten, die Übel der — nach ihrer Lehre bisherigen Menschheitsepoche — Welt des Todes und der Sünde aus eigener Kraft zu beseitigen, und wir dem entgegen glaubten und bezeugten, daß wir den kennen, der in Wahrheit all diese Übel beseitigen wird, so ist damit zweifellos die Dimension des Be­kennens nicht begriffen. Mit der Botschaft vom Heil werden wir unter den Allmächtigen ge­stellt, von dessen barmherziger Entscheidung über uns und alle Welt unser Leben, jetzt und in allen Zeiten abhängt. Es geht nicht um Beseitigung von Übeln, sondern um den Freispruch im Gericht. Und es kommt alles darauf an, daß unser Name vor dem Richter bekannt wird, daß der Herr für uns bittet, daß Jesus uns zu den Seinen zählt und uns das reine Kleid zueignet, in dem allein wir vor Gott stehen können. Um es einmal in mönchisch-zeitgebundener Einseitigkeit und doch tief neutestamentlich mit Luther zu sagen: Es geht dar­um, daß wir einen gnädigen Gott haben. Diese eine große und allumfassende Entscheidung des Allmächtigen zu kennen, zu glauben und wei­terzugeben, dies ist Bekennen seines Namens. Mit Gottes gnädigem Urteil und Freispruch ist diese Welt des Todes, des Sündenfluches und der bösen Mächte aus den Angeln gehoben, und wir, die wir diese Botschaft von Tag zu Tag hören, sind nun an diese gute Entschei­dung gebundene und nicht mehr uns oder dem Marxismus überlassene Leute. Wir können nicht davon lassen, dies zu glauben — laut in alle Welt, auch in die marxistische Welt — hin­auszurufen und dies Wort mit unseren kleinen Entscheidungen laufend zu bekräftigen.

Frage an uns ist, ob wir wirklich dieses Bekenntnis meinen, wenn wir unser „Nein“ gegenüber dem Kern und Ansatz der marxi­stischen Lehre aussprechen. Oder verteidigen wir nur einen christlichen Abgott gegen einen anderen, sicher sehr unchristlichen Götzen? Es wird dieses Bekenntnis (mit dem darin einge­schlossenen Nein) zu allen Zeiten bei Men­schen auf wenig Gegenliebe stoßen. Als der fromme Professor Tholuck vor 120 Jahren vor den Theologiestudenten Halle’s den Versöh­nungstod Jesu für uns vom Katheder lehrte, protestierten die künftigen Pastoren jahrelang mit Scharren gegen das christliche Urbekennt­nis! Die Zeiten sind doch noch nah, als dies Bekenntnis mindestens auf mildes Lächeln — in der Kirche! — stieß. Wer das bekennende Nein gegenüber der marxistischen Heilslehre proklamiert, muß sich fragen lassen, ob er statt Jesus Christus im Grunde nur das Christliche Abendland oder etwa nur die traditionelle, einflußreiche Stellung der Kirchen Europas oder — noch bescheidener — nur eine Form des Zu­sammenlebens meint, die wir im wesentlichen zweifellos der Aufklärung, der französischen Revolution und dem Liberalismus verdanken? Oder sollten wir schon heimlich römisch ge­worden sein und darum, kraft der Naturrechts­lehre der Papstkirche, dem Marxismus nur ein „Nein“ auf der ganzen Linie entgegen­schleudern können? Nur wer diesen Fragen standhält, wird den tiefen Abgrund, der christ­lichen Glauben und christlichen Wandel vom Marxismus trennt, kennzeichnen können, dann freilich auch müssen, wo immer mit den geist­gegebenen Waffen nicht gegen Menschen, wohl aber gegen die bösen Geister gestritten werden muß — siehe Epheser 6. Denn es geht um ewige Errettung aus ewiger Verdammnis, koste es was es wolle!

Zweitens: in dieses Bekenntnis und Lob Gottes eingeschlossen ist die einsichtige, um­greifende und nicht verheimlichte Erkenntnis unserer Schuld. Es geht einmal um die Über­nahme der Schuld unserer Väter — vergleiche etwa die Bücher und Schriften Professor Kupisch’s —, aber ebensosehr auch um ein Frei­werden von Gegenwärtigem: Wo bleiben wir, die Christenheit, den Marxisten unser Bekennt­nis wirklich schuldig, so daß wir ihnen den Weg zu Glauben und Umkehr versperren? Wo machen wir es ihnen allzu schwer, in uns nicht den christlichen Bürger, sondern den Bür­ger in Christus zu erkennen? Hegen wir neben der einen Hoffnung auf den Herrn, der ist und war und kommt, auch noch andere Hoffnungen in der Weise, daß diese Surrogate uns heim­lich bestimmen im Denken, Planen, Wollen und Handeln? Wo scheiden wir nicht klar zwischen Lasten, die wir — auch wenn wir sie als Un­recht empfinden müssen — im Glauben zu tragen haben, und zwischen Handlungen im Marxismus, die wir als böse zur rechten Zeit und am rechten Ort bei Namen nennen müs­sen? Wo sind wir einfach Attentisten, die auf „bessere Zeiten“ warten und sich darum um gegenwärtige Entscheidungen herumdrücken? Wo scheuen wir uns, ihnen das gute Wort der Wahrheit liebend zu bezeugen, auch wenn es nur mit persönlicher Gefährdung gesagt wer­den könnte? Wo zeigen wir — die christliche Gemeinde — ihnen das Bild einer Gemein­schaft, die einzeln und zusammen vom Herrn regiert wird und mehr tut, als alle Moral und Gesetze billigerweise fordern können?

Drittens: auf dem Wege des Bekennens betritt die Christenheit einen Pfad, der von einer Überraschung zur anderen führt. Sicher sieht es so aus, als ob die Kirche einem nur noch auf Abbruch stehengelassenen Gebäude gleicht, und sicher ist es verständlich, daß Re­signation und Angst, Flucht und heimlicher Grimm sich breitmachen. Aber die Bekennende Kirche im NS-Staat war in ihren guten Stunden von etwas anderem bewegt und fixiert: von der zitternden und freudigen, sicher erschrockenen und getrosten Erwartung, daß Gott sie in ein Neuland führen werde, zu neuen For­men, neuen Orten, neuer Predigt, neuem Ge­horsam und neuer Dankbarkeit. Im Wunder des Bekennens erwartet man viel von Gott und wenig von Menschen. Man befiehlt seine Seele dem treuen Schöpfer und tut, was vor die Hand kommt. Eine bekennende Kirche traut dem ver­kündigten Wort alles zu und verläßt sich auf dieses in der Versammlung ausgerufene Wort. Wo um dieses Wortes willen gelitten wird, da weiß sie sich von ihrem Herrn reich beschenkt, und in dem Mitleiden mit verhafteten oder sonst leidenden Brüdern und Schwestern lobt sie Gott aus der Tiefe, der so große Dinge an ihr tut — siehe das Heft von Martin Fischer, „Das Zeugnis der Verhafteten“ — Berlin 1953 —. So wenig sie sich von den Leidenden distan­zieren könnte — sie vergäße ja ihr eigenes Evangelium —, so wenig läßt sie sich in dieser Lage von dem Vater alles Guten trennen, der seinen Geist dann verheißen hat, wenn die Christenheit und der einzelne Christ am Ende ihres Weges angekommen zu sein scheinen. Das trifft auch für den Einsatz zu, mit dem die Christen sich aller Leidenden, die ihnen in den Weg gestellt werden, annehmen, gleich welcher Weltanschauung und gleich welchen Grundes ihres Leidens. Auf dem Weg des Be­kennens übt sie Diakonie an allen und ver­sucht nach dem Maß des Erreichbaren, den Ohnmächtigen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Und schließlich: es lassen sich Zeiten und Verhältnisse denken, auch in der marxisti­schen Welt, wo den Christen kein Raum mehr gelassen wird, sich ihrer Erkenntnis gemäß am politischen Leben im weitesten Sinn aktiv zu beteiligen. Ja, die Christenheit hat nicht ganz selten Zeiten erlebt, in denen allein schon das persönliche Bekenntnis zu Jesus Christus die Verurteilung nach sich zog. In Kolumbien und Indonesien sterben zur Zeit Menschen um des Namens des Herrn willen! Die Sorge ist nicht unberechtigt, daß wohl auch die marxistische Welt eines Tages sich dahin entwickeln könnte. Aber auch in diesen Grenzsituationen ist die Christenheit ihren Mitmenschen und ihren Her­ren die rettende Botschaft schuldig und diese Verpflichtung geht allen anderen möglichen und gebotenen Handlungen schlechthin vor!

Die Christenheit ist entstanden aus dem Zeug­nis, dem Martyrion Jesu Christi, und sie lebt von diesem Martyrion. Mögen ihr alle ande­ren Möglichkeiten verschlossen sein, das Martyrion bleibt und hat zu bleiben und steht dann unter der besonderen Zusage des Geistes, der die Worte in ihre Münder legen wird, mit denen sie das Zeugnis ausrichtet. Auch ihr Leiden wird ihr den Mund nicht schließen: das Lob Gottes geht vor. Der schwerste Einwand gegen jede Revolte in solchen Zeiten aber ist ein sehr zen­traler: wie soll sie den Menschen die Botschaft von der Rechtfertigung der Gottlosen glaub­haft machen, die sie mit den Waffen in der Hand bekämpft? Als Petrus dies exemplarisch in Gethsemane tat, erreichte er nur, daß Malchus das Ohr verlor, das die gute Botschaft vom Gekreuzigten hören sollte. So manches Mal hat ein Teil der Christenheit, der sich in dieser Weise zur Wehr setzte — manchmal mit sehr ein­leuchtenden, ja zwingenden Gründen — nicht nur ihren Gegnern das Hören unmöglich gemacht, sondern selbst ihr Ohr für den Ge­kreuzigten verloren! Die Abschiedsbriefe des hingerichteten Grafen Moltke aus Kreisau an seine Frau im Jahre 1944, in denen er noch einmal bekräftigt, daß er innerlich und äußer­lich gegen die Verschwörung vom 20. Juli ge­standen habe, bis er, Monate vor dem Atten­tat, verhaftet wurde (erst danach entschloß sich der Kreisauer Kreis zur Teilnahme an der Be­seitigung Hitlers), sind eine klarere und ein­deutigere Verkündigung des Gekreuzigten als Tat und Wort der Verschworenen. Den Marxi­sten ist die Christenheit unter und außerhalb ihrer Herrschaft dies Evangelium auch dann schuldig, wenn ihr alles andere Tun unmöglich werden sollte. Das Zeugnis der Christenheit i n der marxistischen Welt wird aber unglaubhaft und gerät mit Recht in den Verdacht bloßer Taktik, wenn die Christenheit außerhalb dieser Welt nicht zuerst und zuletzt in den Marxisten die Adressaten des Evangeliums sieht, was dann seine einschneidenden Konse­quenzen für eine Wandlung ihres bisherigen Redens über und gegen den Marxismus und für ihre politischen Entscheidungen haben dürfte.

DAS GEHORSAME LEBEN IN DER MARXISTISCHEN WELT

Unmöglich?

Kann man denn überhaupt unter dem Marxis­mus ein Gott wohlgefälliges Leben führen? Die Frage ist weder so unsinnig, daß wir uns ihr nicht zu stellen hätten, noch ist sie so selbst­verständlich mit einem „Nein“ zu beantworten, wie das unzählige Christen hüben und drüben theoretisch oder praktisch tun. Wir denken an Flüchtlinge, die ihren Weggang damit begrün­den, daß ihnen als Christen das Leben in der DDR nicht zumutbar erscheine, und dabei auf die Pilgerväter, die Hugenotten unter Ludwig XIV. und die Salzburger Exulanten im 18. Jahr­hundert verweisen. Wir denken an die These, die oft in der Presse und mitunter auf den Kan­zeln vertreten wird, daß christliches Leben auf die Dauer ohne ein gewisses Maß von poli­tischer Freiheit unmöglich sei. Wird nicht — so fragt man aus jenem großen Lager mit Nach­druck — im marxistischen Herrschaftsbereich die Würde des Menschen zertreten, die Rechts­sicherheit des einzelnen Schwachen gegenüber dem mächtigen Staat grundsätzlich eliminiert, die Gewissensfreiheit zwar nicht in Worten, aber de facto aufgehoben und der Mensch äußerlich, noch viel schwerwiegender aber auch innerlich in seinem Denken, Fühlen und Wollen zu einem manipulierbaren und zu manipulierenden Wesen herabgedrückt und so ent-menscht? Herrschen nicht in unserem Raum — so kann man alle jene Fragen zu­sammenfassen —, im Unterschied zu anderen Räumen, die Dämonen, morden „Seelen“ und zerstören Gottes geschaffene Welt mit ihren Ordnungen? Wie sollten Christen aber dann noch dort leben wollen und leben können, wie es Gott gefällt? Wenn es aber so steht, könnte die Gestalt christlichen Gehorsams nur die Flucht aus jener Welt, oder — wenn Flucht un­möglich sein sollte — wehrloses Leiden oder — wo es möglich wäre — der Aufstand bzw. außerhalb dieser marxistischen Welt die gei­stig-geistliche und politisch-militärische Bewaff­nung zur Eindämmung oder gar Vernichtung dieser Welt sein. Es ist auch mit den Händen zu greifen, daß sich zu diesen Stimmen, die von evangelischen Theologen wie Asmussen bis zum katholischen „Rheinischen Merkur‘ reichen, die Überzeugungen breitester Kreise gesellen, die dieses Zeugnis christlicher Men­schen als religiösen Ausdruck ihres politischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder allgemein weltanschaulichen Standortes ansehen und schätzen, den sie im übrigen fernab des Glau­bens an Jesus Christus, den Gekreuzigten, be­zogen haben. Womit in gewissem Sinn all diese Kreise der marxistischen These Recht geben, nach der im Zeitalter der „sterbenden bürgerlich-kapitalistischen Welt“ die in ihr be­stimmenden Gruppen das geistige und poli­tische Bündnis mit der Kirche eingehen — gegen die sie vor etwa hundert Jahren noch grimmig gestritten haben —, um sich ihre Herr­schaft zu erhalten.

1. Vom Gehorsam der Christen

Es wird nicht genügen, gegenüber diesen An­fragen auf den Gehorsam all der Christen hin­zuweisen, die in unserem Raum tatsächlich Tag für Tag versuchen, Gott die Ehre zu geben und seinen Geboten die Treue zu halten. Auch der Hinweis auf jene vielen einzelnen Christen, die bewußt im Glauben in den marxistischen Raum hinübergehen — wir denken etwa an Ärzte, Pastoren und all die jungen Ehefrauen, die den Weg ihrer Männer bei uns teilen —, wird die Frager nicht überzeugen. Wir werden vielmehr die Grundfrage stellen müssen, was es um ein gehorsames Leben in Christus ist.

Gehorsames Leben ist Streit

Der Wandel der Christen wird im Neuen Testament an vielen Stellen als ein Kampf ohne Ende, als ein Ringen beschrieben, das erst im Tode des einzelnen und mit der Wiederkunft Jesu Christi für alle Welt sein Ziel findet. Die Bilder vom Soldaten und seiner Rüstung, vom olympischen Kämpfer, von Krieg, Sieg und Niederlage sind dafür bezeichnend. Ebenso finden wir auf Schritt und Tritt den Hinweis auf das Gedränge und die Bedrängnis, Leiden, Bedrückung und selbst Verfolgung bis zum Zeugentod als Kennzeichen der Nachfolge des Herrn: „Den guten Kampf habe ich gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt. Fortan liegt für mich bereit der Kranz der Ge­rechtigkeit, den der Herr, der gerechte Richter, mir an jenem Tage verleihen wird, nicht aber allein mir, sondern auch allen, die sein Erscheinen liebgewonnen haben“ (2. Timotheus 4,7 f.). Dieser Kampf ist die Lebensform der Kirche Jesu Christi wie der einzelnen Christen je an ihrem Ort. Kein Gedränge der Ge­meinde, von dem nicht ihr Glied mitbetroffen ist! Und kein Kämpfen der einzelnen, das nicht die ganze Kirche anginge!

Wir kommen nun aus einem Jahrhundert pro­testantischer Kirchengeschichte, in dem diese Grundform kirchlich-christlichen Gehorsams in der Welt von den Kathedern kaum gelehrt, von den Kanzeln kaum gepredigt und im All­tag kaum gelebt worden ist, sehr zum Unter­schied zur Reformationszeit, aber auch zum 17. Jahrhundert (man denke an die Fülle un­serer im Dreißigjährigen Krieg entstandenen Kirchenlieder!), aber auch zu den Erkenntnis­sen des älteren und neueren Pietismus. Von der Kirche und ihren Glaubenden singt Ernst Gott­lieb Wolfersdorf (1725—1761):

„Verfolgt, verlassen und verflucht,
Doch von dem Herrn hervorgesucht;
Ein Narr vor aller klugen Welt
Bei dem die Weisheit Lager hält;
Verdrängt, verjagt, besiegt und ausgefegt,
Und doch ein Held, der Palmen trägt.“

Und Zinzendorf dichtet:

„Mit Liegenbleiben wird Schönheit nicht bewahrt.
Das Mühn und Treiben macht Streiter frisch und hart,
die Augen klar, die Sinne heiter.
Schöner ist nichts als bestäubte Streiter.
Die Streitertreue will, daß kein Arbeitsfleiß,
noch Müh uns reue, kein langer Weg noch Schweiß.
Zum Wachen und Fasten sauer sehen,
macht einen leichtlich vom Posten gehen.“

Aus dem 19. Jahrhundert sei die Stimme Christoph Blumhardts wiedergegeben, der 1888 (!) schrieb:

„Und wenn es weiter gilt zu kämpfen,
wir kennen dich, du Siegesheld,
der alle Feinde noch wird dämpfen,
und Heil bringt bald der ganzen Welt.
Du aber, unser Heiland, stärke
mit heilgem Geist die Herzen heut,
daß hinfort wir in deinem Werke
mit ganzer Treue stehn bereit.“

Nicht zu leugnen, daß die breite Menge in der Kirche und Theologie ganz andere Lieder sang und ganz andere Zeugnisse vom gehorsamen Wandel ablegte! Und daß daraus dann An­sprüche an Gott und Welt erwuchsen, die erst einmal erfüllt sein müßten, ehe man versuchen könne, Gott über alle Dinge zu fürchten, zu lieben und zu vertrauen!

Wer wird bekämpft?

Dieser gehorsame, uns alle Zeit bestimmte Streit kann nun unter drei Gesichtspunkten be­schrieben werden, ohne daß vergessen werden darf, daß es sich jedes Mal um den gleichen Kampf handelt. Zu streiten ist gegen unser eigenes „Fleisch“, gegen die „Welt“ und gegen die „Mächte“. Unter allen drei Gesichtspunkten hat das gehorsame Leben eine innere und eine äußere Seite, die niemals voneinander zu tren­nen sind, auch wenn das Gewicht bald mehr auf der einen, bald mehr auf der anderen zu liegen scheint.

„Fleisch“

„Die aber, welche Christus Jesus angehören, ha­ben ihr Fleisch samt seinen Leidenschaften und Lüsten gekreuzigt (Galater 5.24)“. Was heißt das? Fleisch sind wir, von Gott geschaffene und gegen Gott rebellierende Wesen, Men­schen des Aufruhrs gegen den, von dessen all­mächtiger Güte wir leben. Fleisch ist die Kreatur, die ihrem Schöpfer Feind ist, die Ihn haßt und den zunichte machen will, der sie über dem Nichts hält. Es ist der sich gegen den Zugriff Gottes mit Vernunft, Fühlen und Wollen weh­rende Mensch, der sich darum um so leiden­schaftlicher wehrt, als er unentrinnbar in Got­tes Hand ist und bleibt, über diesen Menschen, über mich, ist das Urteil Gottes gesprochen und vollzogen. Das haben wir aus der Botschaft von Jesus Christus gehört und geglaubt, näm­lich daß wir mit Ihm gekreuzigt worden sind, damit wir nun nicht mehr dem Fleisch zu wil­len sind, sondern Gott leben. Unter Berufung auf das Urteil von Golgatha über uns selbst gilt es nun, Tag für Tag gegen dieses rebel­lierende, zwar zum Tode verurteilte und darum gestorbene Ich, das aber stets von neuem lebendig spielen will, anzugehen. Wir sollen nicht mehr unseren Willen, den des Gestorbe­nen, tun, sondern den Willen dessen, der lebt und Leben schenkt. Der eigene Wille, der sich gegen das Todesurteil Gottes auflehnt, kann diese Rebellion nun in sehr mannigfaltiger Weise ins Werk setzen und diese Methoden auch dauernd wechseln: das eine Mal in Ge­stalt der „Leidenschaften und Lüste“, das an­dere Mal in der Form der „guten Werke“, der Askese, der Selbstüberwindung und Vergeisti­gung des Lebens, wieder ein anderes Mal im Rückzug auf die Innerlichkeit, den „göttlichen Funken“ in uns, und schließlich auch auf dem f Gebiet der Vernunft, etwa der Theologie, eines i idealistischen oder materialistischen Denkens. Der uns gebotene Streit gegen dieses eigene Ich bleibt derselbe, so wie das Urteil über dieses Ich ergangen ist, versuche es nun auf tausend Weisen diesem Urteil zu entfliehen.

„Welt“

In dieser Rebellion steht mit mir nun aber auch alles, was Menschenantlitz trägt: die Völker­welt, die Menschheit, die menschliche Gesell­schaft, die sich politisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell und religiös ordnenden Menschen, die von der Botschaft angerufen werden und aus denen sich das Volk Gottes sammelt, zu dem der Herr sagt: „In der Welt habt ihr Be­drängnis, aber seid getrost, Ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16, 33). Die Christenheit und die Christen sind ein Fremdkörper in dieser „Welt“ der Rebellion, und sie wird auf tausend Weisen versuchen, diesen Fremdkörper / auszuscheiden oder einzukapseln oder aufzu­saugen und sich zu assimilieren. In der Kirchen­geschichte wechseln die Figuren, die dieses dreifache Geschäft der Welt gegen die Chri­stenheit besorgen, in atemberaubender Schnel­ligkeit: bald sind es jüdische Priester und Theo­logen, bald christliche Gnostiker, bald römische Beamte, ja römische Kaiser, bald die Pöbelhau­fen in den Städten, bald Bischöfe und Papst, bald deutsche Kaiser, englische Könige oder französische Monarchen, bald Philosophen, bald Theologen. Das eine Mal sind es Hunnen, Mongolen oder Türken, das andere Mal In­quisitoren im Namen Jesu. Heute papistische, morgen protestantische Fürsten, hier die Revo­lution mit ihrem Kult des höchsten Wesens, dort der Diktator mit seiner Geheimpolizei und dort dann wieder die Restauration mit ihrer In­anspruchnahme des mißverstandenen Christen­tums. Jetzt als Feind, dann wieder als Freund der Christenheit sich gebärdend, mal im Talar, mal im Gewände der Gottlosigkeit auftretend, an jenem Ort den Kirchen Privilegien, Geld und Macht gewährend, an diesem wiederum die Kirchen bedrückend und verfolgend, und am dritten Ort in geistig-vornehmer Weise die Botschaft der Kirche verharmlosend und neutra­lisierend: immer rebelliert die alte „Welt“ gegen Gottes Volk und das Evangelium, die doch nur das Spiegelbild unseres eigenen Gott hassenden Herzens ist. Die Christenheit wird gut daran tun, in diesem gegen sie geführten Kampf beweglich zu bleiben, nach jedem Sieg den Helm fester zu binden und wachsam auf allen drei Fronten — der der versuchten Elimi­nierung, der Einkapselung und der Aufsau­gung — nach dem nächsten Angriff auszu­schauen. Besonders wach wird sie sein, wenn die Welt sich christlicher Vokabeln bedient und vorgibt, „christliche Werte und Anschauungen“ zu vertreten: heimliche Verführung ist noch ge­fährlicher als brutaler Frontangriff!

„Mächte“

„Unser Ringkampf geht nicht gegen Fleisch und Blut (d. h. gegen Menschen), sondern wider die Gewalten, wider die Mächte, wider die Be­herrscher dieser Welt der Finsternis (Epheser 6,12)“: so gewiß sich das „Fleisch“ in ganz be­stimmten Gedanken, Worten und Taten zeigt und bekämpft sein will, und so sicher die „Welt“ jedesmal bestimmte menschliche Figu­ren in den Vordergrund schiebt, deren Metho­den und Kampfesweisen es zu erkennen und denen es in concreto zu begegnen gilt, so wenig dürfen die Gehorsamen die dritte Di­mension übersehen, in der sich Widerstand und Kampf abspielen. Gott hält seine Schöpfung über dem Abgrund und aus dem Abgrund steigen die Mächte auf, die verderben und zer­stören wollen, was Gott erhalten will. Wo Christus regiert, da regen sich Dämonen und versuchen, unseren Gehorsam zu zerbrechen, unsere Freiheit in Christus zu beseitigen und das Lob Gottes in Fluch und Jammer zu ver­kehren. „Ich sah den Satanas vom Himmel fal­len wie einen Blitz“, heißt es Lucas 10, 18! Die Warnung, diesen Ansturm der von Christus be­siegten Mächte des Unsichtbaren zu übersehen, bewahrt uns davor, im Streit wider „Fleisch“ und „Welt“ uns in menschliches Wesen und Unwesen zu verbeißen, so wie eine Dogge sich in ihren Gegner verbeißt: Epheser 6, 11 ff. er­innert uns im Bild der sogenannten geistlichen Waffenrüstung daran, daß die eigentlichen Ent­scheidungen im Kampf um den Gehorsam da fallen, wo Gottes Wahrheit und Rechtstaten be­zeugt werden, wo das Evangelium des Frie­dens unseren Wandel bestimmt, wo Gott und seinem Wort getraut wird, wo es uns um die ewige Errettung geht, und wo schließlich der Geist reden, beten und flehen lehrt. Denn die „Mächte sind allein von Christus überwunden.“ Darum überwinden die Christenheit und der Christ sie so, daß sie sich an den Sieger klam­mern.

Wir kämpfen — Er siegt

Es ist uns genug, daß wir dem gehorsamen Streit nicht ausweichen können, da wir vom Siege Christi über Tod, Sünde und Teufel gehört und Ihm vertraut haben. Unser ist das Streiten, unsere Schuld ist das jeweilige Versagen, die Eigenwilligkeit, die Blindheit für Gottes Wege mit uns, die Starrköpfigkeit, die sich nicht beugen will — Sein ist die Verwirklichung des Gehorsams auf unseren Wegen. Wir müssen uns je und dann anklagen, daß wir unsere Aufgaben nicht begriffen, unsere Aufträge nicht oder schlecht ausgeführt haben — Ihn rühmen wir, daß Er auf dem Plan ist mit seinem Geist und Gaben. Denn unser Unge­horsam ist unser eigenes Werk und kommt aus unserem ungläubigen Herzen (wie alle bösen Gedanken aus uns stammen), der Gehorsam dagegen ist untrennbar mit der Person und dem Werk Jesu verknüpft: Wohl merken wir auch etwas von unserem gehorsamen Leben, aber daß unser anfangendes Tun, unser stän­dig neuer Versuch zu gehorchen wirklich von Ihm zu seinem vollkommenen Gehorsam und zu seiner Überwindung gerechnet wird, das hören wir im Evangelium, das von Ihm er­zählt, und das können wir nur glauben; wie wir darüber uns nur täglich neu wundern kön­nen, daß Er uns als seine gehorsamen Diener haben und anstellen will. Unser Versagen ist ¡e und dann eindeutig und offenbar und kann von den Kirchengeschichtlern fixiert werden. Vom Gehorsam der Christen können wir nur so reden, daß wir die großen Taten des Herrn ausrufen, der unsere Schuld auf sich nimmt und seine Siege und Erfolge inmitten unserer Nie­derlagen gewinnt, wie es einmal Martin Kähler formuliert hat.

Er selbst ist die einzige Voraussetzung

Welchen Boden brauchen wir, um auf ihm stehend gehorsam zu handeln? Welchen Weg müssen wir unter den Füßen haben, um ent­sprechend dem Evangelium wandeln zu kön­nen? Welche Voraussetzungen müssen da sein, damit eine Christenheit im ganzen und im einzelnen dem Herrn dienen kann? Was ermög­licht uns ein gehorsames Leben? Was müssen, können und sollen wir verlangen, damit das Volk Gottes und der einzelne Glaubende ihres Glaubens leben können? Was muß alles zu­nächst oder wenigstens zugleich da sein, da­mit es zum gehorsamen Leben, das ein Kämp­fen ist, überhaupt kommen oder damit es Wirk­lichkeit sein kann?

Es gilt, die Versuchung klar zu erkennen, die in dieser Frage liegt. Antworten wir nämlich auf diese Frage — ob nun laut oder leise, öffentlich oder nur in unserem heimlichen Füh­len, Wollen und Denken, ob nun erkennbar ungläubig oder auch sehr fromm — anders als das Evangelium selbst, so haben wir uns die Tür zum Gehorsam selbst versperrt. Es ist dann alles verspielt und vertan und wir sind zum „dummen Salz“ geworden, das einmal fortgetan und zertreten werden muß. Es liegt uns allen ¡a so unendlich nahe, wenn nicht ge­stern, dann heute, und wenn heute nicht, dann jedenfalls morgen oder übermorgen, einen klei­neren oder größeren Katalog über alles aufzu­stellen, was wir nötig haben, um Gott ehren zu können. Ist ein solcher Katalog aber erst ein­mal aufgestellt, so werden wir sehr bald ganz offensichtlich damit beschäftigt sein, intensiv und leidenschaftlich erst einmal die notwendi­gen Voraussetzungen zu schaffen, damit wir später christlich leben können. Der Gehorsam wird verschoben, da zunächst einmal seine Basis hergestellt werden muß.

„Trachtet zuerst nach der Königsherrschaft Gottes und seiner Gerechtigkeit, und es wird euch dieses alles hinzugetan werden“: Sören Kierkegaard hat in der berühmten Novelle „Erst das Reich Gottes“ (erschienen im „Augenblick“ XIV S. 248 f.) am Lebensweg des cand. theol. Ludwig Fromm satirisch gezeigt, was dabei herauskommt, wenn — in diesem Fall durch den einzelnen, aber alles Gesagte gilt genau so- für die Christenheit im ganzen — je­nes „Zuerst“ aus Matth. 6,33 an die zweite Stelle gerückt wird und man darangeht, zunächst jenen Katalog aufzustellen und zu verwirklichen: nämlich ein leeres christliches Geschwätz und der Schein eines gehorsamen Lebens.

Zunächst einmal menschenwürdige Zu­stände, politische Freiheit und Gerechtigkeit, zunächst einmal Brot und Arbeit, Friede und Ordnung, zunächst einmal Gesundheit, Beruf, Einkommen, Familie, Lebensstandard, Sicherheit unter vielen Gesichtspunkten, und dann ein gehorsames Leben, wie es Gott ge­fällt. Nun ist es freilich richtig, daß eine ge­horsame Christenheit von diesen guten Gaben ein Mehr oder Weniger immer empfangen hat, wo sie nun auch existierte, und es ist ebenso richtig, daß wir uns im Gehorsam darum zu mühen haben, daß die Nahrung erzeugt, der Friede erhalten, die Ordnung nicht zerstört, die Arbeit gesichert, der Raum der menschlichen Freiheit vergrößert, die Hoheit des Rechtes zu­gunsten der Schwachen respektiert werde, so wie nur eigene Arbeit und nicht Faulheit zum Glauben paßt, aber wo aus Gottes freiem Ge­ben und unserer uns gebotenen Mühe und Sorgfalt jene Voraussetzungen gemacht werden, ohne die man als Christ im Gehorsam meint, nicht existieren zu können, ist der Gehorsam an seiner Wurzel schon zerstört, ehe er über­haupt begonnen hat.

Denn das Evangelium sagt es uns anders: unser Gehorchen ist einzig und allein in dem begründet, was unser Herr getan hat, tut und tun wird. Wenn wir in seine Nachfolge gerufen werden, so stehen wir damit unter der Hut des Schöpfers, der uns die Sorge um die Welt, die anderen und uns selbst abnimmt. Unser anfan­gender Gehorsamsversuch in seiner ganzen Fragwürdigkeit steht unter der Botschaft des­sen, der für uns gestorben und auferstanden ist und uns so trägt, wie wir waren, sind und sein werden. Unser gehorsames Leben wartet auf den, der Himmel und Erde neu machen wird. Und wo uns der Raum zum gehorsamen Leben ganz und gar genommen zu werden droht, erhalten wir die Verheißung desGeistes, der mit dem Gott gewirkten Zeugenwort uns unter den Schutz unseres Vaters stellt. Er selbst ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, Er selbst ist die Tür, der Friede, das Brot, die Ge­rechtigkeit, Heiligung und Erlösung und Er selbst ist auch die Weisheit, die der Gehorsam Tag für Tag nötig hat. Wer an dieser Stelle anders antwortet, verführt die Kirche. Wider alle vernünftige Berechnung und Erwartung macht Er das Unmögliche möglich und gibt uns das gehorsame Leben mitten in der modernen Welt mit ihren furchterregenden Systemen, mit ihrem drohenden Chaos und ihrer nicht weni­ger schrecklich drohenden Verschlossenheit in sich selbst.

2. Gehorchen unter marxistischer Herrschaft

Glauben heißt nüchtern und wach sein, und also nicht schläfrig und betrunken. Wir sehen ringsum berauschte oder schlafende Massen, die von Propaganda und Schlagworten faszi­niert werden und die Wirklichkeit verfehlen, wie sie uns Gottes Leuchte zeigt, damit wir ge­wisse Tritte tun können. Darum gilt es, zunächst gewisse moderne Mythen zu entlarven, die sich im Zusammenhang mit unserem Thema als an­geblich selbstverständliche Erkenntnisse in den Hirnen vieler Christen festgesetzt haben. Und die Furcht vor diesen Mythen lähmt ihr Han­deln oder treibt sie in hektische Reaktionen, wenn nicht die Furcht mit dem Rausch ver­tauscht wird und man das enthusiastisch preist, was man gestern noch mit Grauen betrachtet hat.

Die Angst vor dem „Totalen Staat“

Kein Zweifel, daß mit diesem Schlagwort eine Erscheinung anvisiert ist, die für das gehorsame Leben die Kennzeichen des „Fleisches“, der „Welt“ und der „Mächte aus dem Abgrund“ trägt. Aber bezeichnenderweise übersteigt das Wort vom „Totalen Staat“ als Kennzeich­nung bestimmter politischer Systeme im Unter­schied zu anderen politischen Systemen, die nicht als „total“ angesehen werden, die ge­meinte Wirklichkeit in Richtung einer metaphy­sischen Aussage. Das Reale — furchtbar und schrecklich genug — wird damit überhöht und zugleich werden entsprechende andere irdisch-politische Phänomene dadurch verharmlost und die Christenheit in Illusionen gewiegt, wo sie nicht weniger wachsam und gewappnet zu sein hätte. „Total“ ist Gottes Herrschaft: sie umfaßt alle Menschen, sie umgreift sie ganz nach Leib, Seele und Geist, sie war vor allem Anfang und ist die alles wandelnde Zukunft, auf die hin wir alle zusammen mit dem Kosmos zulaufen. Dieser Herrschaft kann keiner entrinnen. Wer sie leugnet, ist ihr nur noch unvermeidlicher verfallen zu seinem eigenen Unheil „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußer­sten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten.“ Und „total“ ist, gleichsam als drohender Schat­ten, den das Evangelium vom Reich wirft, die Hölle, das ewige Ausgeschlossensein von der Gegenwart Gottes unter den Seinen. Aber diese Ausgeschlossenheit vom Herrn ist kein selbständiges Reich Ihm gegenüber, sondern Vollzug seines Verurteilens. Unser Fleisch, die Welt und die Mächte des Abgrundes wollen uns wohl total abziehen vom Lob, vom Gehor­sam, von der Liebe, vom Trauen und der Hoff­nung, sie alle wollen uns völlig beherrschen, aber sie unternehmen kraft der Auferstehung Jesu damit etwas Vergebliches. Sie lügen, wenn sie sich total gebärden, und diese Lüge haben wir nicht mitzumachen, weder durch Beteiligung noch durch Angst vor dieser Totalität in ihren individuellen oder gesellschaftlichen Spielarten, wo immer „total“ gespielt wird. Verengen wir gar diese böse und doch so vergebliche Totali­tät auf eine geschichtlich-politische Erschei­nung im Unterschied zu anderen, so werden wir schläfrig und merken gar nicht mehr, daß Satanas, der totale Aufrührer, uns in einer an­deren Form längst beim Kragen hat. Wir ver­säumen dann, im Rahmen des uns jeweils poli­tisch Möglichen, entschlossen und besonnen zu­gleich das heute Nötige zu tun, damit wir im industriellen Massenzeitalter mit seinen techni­schen Möglichkeiten der Lenkung, ideologischen Beeinflussung und Kontrolle aller Staatsbürger von Morgen bis Abend eine Lebensform Schritt für Schritt finden, die dem Individuum hilft — sicher nur in vorläufiger und beschränkter Weise —, zu eignem Menschentum zu finden und es zu bewahren, ohne das menschlich-geselIschaftl¡che Miteinander zu sprengen und in ein Chaos zu verwandeln.

Das Schlagwort vom „Seelenmord“

Der Warnung vor dem atomaren Massenmor­den in einem neuen Krieg begegnen katholische und protestantische Theologen da und dort mit dem Satz: „Schlimmer als die allerdings furcht­bare drohende Vernichtung unzähliger Leben in einem Atomkrieg ist der Seelenmord, der hinter dem Eisernen Vorhang Tag für Tag an unzähligen Menschen begangen wird.“ Nun ist mit diesem Satz ein Vorgang gemeint, von dem dasselbe gilt wie zum Schlagwort vom „Tota­len Staat“ ausgeführt worden ist. Aber wieder­um ist ein weltweiter Vorgang in unserer mo­dernen Massengesellschaft, nämlich der Ver­lust eigenständigen Menschentums zugunsten einer Nivellierung in Sitte, Denkweise, Welt­anschauung und ethischem Verhalten — her­beigeführt durch die „Öffentliche Meinung“, die Industrie, den Drang zum Lebensstandard, die Wandlung ganzer Völkergesellschaften in „Endverbrauchergemeinschaften“ und nicht zu­letzt durch die Anwendung vieler technischer Mittel seitens der einen Staat beherrschenden Gruppen gegenüber der brodelnden Vielheit atomisierter und bindungsloser Individuen zum Zweck ihrer Neutralisierung und Uniformierung — ins Absolute überhöht und mit dieser Über­höhung ein propagandistisches Schlagwort für die politische Auseinandersetzung gewonnen: Pervertierungen, die dieselben Theologen ge­rade dem Marxismus vorhalten. Wieder ist diese Überhöhung im Munde von Christen eigentümlich blasphemisch. Denn dies Schlag­wort ist in seiner Entstehungsgeschichte unmög­lich von dem Herrenwort zu trennen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib morden, die Seele aber nicht morden können. Fürchtet euch vielmehr vor dem, der Seele und Leib ver­derben kann in der Gehenna (Matthäus 10,28)“. Verständlich, wenn das liberale Bürgertum die Furcht vor dem Gott, der ewig verdammen kann, längst mit der Angst vertauscht hat, zu einer Masse entpersönlichter Wesen herab­gedrückt zu werden, die all das nicht mehr sein und tun können, was liberale Denkweise als Menschen­würde und Menschenrecht geglaubt und gefordert hat. Wir schelten diese Denk­weise sicher nicht. Wir Christen haben in Ost und West allen Anlaß, einige dieser liberalen Grunderkenntnisse des 18. und 19. Jahrhun­derts zu erhalten und zu vertreten — nota bene: auch in Gegenden wie Spanien, Kolum­bien, Italien, Österreich, der Bundesrepublik usw.! —, aber daß die Furcht Gottes der Weis­heit Anfang ist, ahnte und ahnt dieser Libera­lismus nicht und hat darum diese gottlose Angst vor dem „Seelenmord“ östlicher Spielart. Wenn man in jenem Lager schon nicht auf die Bibel hört mit ihrer Aufforderung zu einer ganz an­deren Furcht vor dem, der allein die Seele ver­derben kann, so sollte man doch von Orwell („1984“), Evelyn Waugh („Tod in Hollywood“), Aldous Huxley („Schöne neue Welt“), Graham Greene („Ein Sohn Englands“), Constantin Virgil Gheorghiu („25 Uhr“), Franz Werfel in sei­ner bedrängenden Zukunftsvision und vielen anderen lernen, daß die Gefahr dessen, was mit dem Schlagwort „Seelenmord“ anvisiert ist, auf uns von allen Seiten zukommt und viel zu ernst ist, um als Kampfmittel im Kalten Krieg verwandt zu werden. Wo Menschen in der Furcht vor ihrem Richter stehen, der ewig ver­dammen könnte, werden ihre Seelen hier lebendig und dort gerettet und nicht gemordet, auch wenn sie in einem lückenlosen politisch-ideolo­gisch-technischem System lebten, das Freiheit und Recht des Individuums total vernichten wollte. Diese eine große Furcht gilt es zu er­bitten und zu erlernen, um von der lähmenden Angst vor dem Marxismus frei und gehorsame Menschen unter Gott zu werden, die das Lei­den um dieses Gehorsams willen nicht scheuen. Welch eine Verführung der Seelen aber, wenn man ihnen ihre gottlose Angst noch von kirch­licher Seite bestätigt und sie damit gegen die Erkenntnis immun macht, daß Einer allein zu fürchten ist.

Leben unter der Diktatur

Es gehört zu den Köstlichkeiten des Gehorsams gegen den lebendigen Gott, daß man irdische Gegebenheiten gelassen in Kauf nehmen kann, die die Glaubenslosen für schlechthin untrag­bar halten und zu deren Beseitigung sie all ihre Intelligenz, Leidenschaft und Wirken ein­setzen. Von Jesus ist mit keinem Wort berich­tet, daß ihn die zelotische Frage nach Beseiti­gung der römischen Fremdherrschaft samt Hei­dentum, kultureller Verführung, Grausamkeit, Unrecht und erbarmungsloser Aussaugung er­griffen hat, und die Urgemeinde in Palästina hat es offenbar ebenso gehalten. Paulus und seine Mitarbeiter haben zwar in ganz besonders hingebender Weise die Sklaven angeredet, und es gibt einen ganzen Sonderbrief im Neuen Testament (Philemonbrief), den Paulus dem ent­laufenen Sklaven Onesimus mitgibt, als dieser von Paulus zu seinem Herrn zurückkehrt. Wir wissen auch, daß die erste Gemeinde schon früh daran ging, die zu ihr gehörenden Skla­ven im Rahmen des finanziell Möglichen frei­

zukaufen: aber die damals immer wieder sich stellende Frage nach der Beseitigung der Skla­verei, die auch zu jener Zeit als menschen­unwürdig empfunden wurde, wird nicht aufge­rollt. Ebenso finden wir im Neuen Testament nicht die Spur einer Lehre, wie ein rechter Staat beschaffen sein müsse, obgleich von den älte­sten Schichten des Neuen Testamentes an die Gemeinde politisch in höchstem Grade inter­essiert ist. Auch hat sie es nicht unternommen, die soziale Stellung der unterdrückten Frau zu reformieren, obwohl die Frauen in sehr konkreter Weise auf ihre Freiheit in Christus lau­fend angeredet werden. Man könnte diese Liste noch fortsetzen. Natürlich hat man versucht, diese merkwürdigen Unterlassungen aus dama­ligen Zeitumständen oder auch aus der Nah­erwartung — „Es lohnt sich nicht, für die kurze Zeit bis zum Kommen des Reiches Gottes noch an den Zuständen auf Erden etwas zu verbes­sern“ — zu erklären. Beide Versuche sind ge­scheitert: die sogenannte Naherwartung mit ihrer Interesselosigkeit für die zeitliche Existenz ist eine moderne Erfindung, die man aus dem Auftreten gewisser Sektierer im Lauf der Kir­chengeschichte gewann. Aber diese Sektierer hat es schon in den fünfziger Jahren gegeben: sie werden von Paulus in den Thessalonicherbriefen bekämpft. Andererseits beobachten wir im Gang der Gemeinde durch die Jahrtau­sende immer wieder jene Gelassenheit im Hin­nehmen von Zuständen aller Art, obwohl diese gelassenen Christen weder resigniert noch in sich versponnen gelebt und gelehrt, sondern höchst aktiv und spannungsgeladen ihre Le­benszeit ausgekauft haben. Es gilt, diese Ge­lassenheit allen Aufgeregten gegenüber zu be­wahren, die uns heute einreden wollen, „daß man doch unter einer Diktatur des Marxismus nicht leben könne, sowohl als Mensch wie als Christ.“

Sicher, wir leben unter einer umfassenden Dik­tatur, die sich dazu noch auf einem Wege weiß, auf dem sich Produktionsverhältnisse, staatliche, gesellschaftliche, rechtliche und kul­turelle Formen wie auch das Bewußtsein derer, die unter dieser Diktatur leben, ständig wan­deln und zu wandeln haben auf das mit enthu­siastischer Sicherheit anvisierte Ziel einer klas­senlosen Gesellschaft hin, in der Freiheit, Ge­rechtigkeit und Frieden sich vereinen. Wird unter einer solchen Herrschaft der Weg des Gehorsams nicht unmöglich? Nicht unmöglich, aber freilich mitunter in sehr schmerzhafter und leidvoller Weise sehr, sehr schmal, so schmal, wie er uns im Evangelium angekündigt und von der Urchristenheit vorausgegangen worden ist. Er wird psychisch und physisch freilich von vornherein ungangbar, wenn man in Illusionen befangen bleibt und die politische Wirklichkeit nicht sehen und respektieren will, in die uns Gott gesetzt hat. Ist es in liberalen Staaten Recht und noch mehr Pflicht jedes halbwegs verständigen Staatsbürgers, sich in freier und, wo es geboten ist, auch kritischer Weise an dem Zustandekommen des Parlaments, der Re­gierung und der Gesetze, an der Art und Weise des Regierens und Verwaltens, der Handhabung der Justiz öffentlich und ver­antwortlich so zu beteiligen, wie es der per­sönlichen Überzeugung entspricht, auch wenn diese Überzeugung diametral eine andere sein sollte, als sie die Regierung und die Regierungspartei(en) vertreten, so gelten in einer Diktatur andere Normen und Gesetze. Sich ihnen nicht zu fügen wäre genauso illusionär, wie wenn man zwar die liberale Demokratie beibehalten wollte, aber sich der oben um­schriebenen Pflicht praktisch entzöge. In der marxistischen Diktatur haben sich verantwort­liche Diskussion pro et contra, politische Ent­scheidungen und Maßnahmen viel mehr, fast ausschließlich in geschlossene Gremien und nach oben hin verlagert. Wer daran ginge, es anders einzurichten, unternähme den Versuch die Diktatur zu stürzen und muß die Folgen eines solchen Versuches tragen. Man wird als Christ den Opfern solcher Versuche die allen Leidenden gegenüber gebotene Teilnahme nicht versagen. Die Christenheit wird im Rah­men des Möglichen und Erreichbaren versu­chen, Härten zu lindern und auch die Diktatur daran erinnern, daß Herrschen zur rechten Zeit auch Milde und Gnade einschließt und ihrer nicht entbehren kann, aber sie hat sich klar und unmißverständlich von all denen zu schei­den, die es im Namen der „Freiheit“ unterneh­men, die Diktatur zu unterhöhlen oder zu stür­zen. Sie geht diesen Weg des Gehorsams, weil sie dem folgt, dessen Souveränität über diese Diktatur sie verkündigt und dem sie mehr ge­horcht als allen staatlichen Gesetzen und An­ordnungen zusammengenommen. Auch unter der Diktatur ist und bleibt sie die freigemachte Schar, sofern sie ihr Evangelium noch versteht und befolgt. Nur ihr eigner Unglaube zusam­men mit Feigheit, Faulheit, Blindheit oder Eigen­nutz könnte sie zu einer versklavten Kirche machen, die sich damit ganz sicher ihren eigenen Untergang bereitet. Mag sich der Diktator wie ein Gott gebärden — sie weiß besser, wie es um ihn in Wahrheit bestellt ist! Unterdrückt dies Wort Gottes nicht und traut ihm in allen Situationen.

Der Glaube entdeckt Möglichkeiten zu gehorchen

Das System dieser vergehenden Welt ist dar­auf aus, dem Gehorchen um Jesu willen keinen Raum zu lassen. Schon Jesus hatte keinen Raum in der Herberge, keinen Ort, da er sein Haupt hinlegen konnte und schließlich kein Lebens­recht im jüdischen Lande unter dem Römer­reich. In der Auferstehung und in der Einset­zung der Freudenbotschaft zu Pfingsten schafft Gott majestätisch den jeweiligen Raum zu loben, zu danken, zu preisen und zu gehor­chen. Von da aus gleichen die Christen Ölsuchern, die sich viel vergebliche Mühe nicht verdrießen lassen, weil sie wissen: einmal wer­den wir finden, was wir suchen. So ist die Christenheit und der einzelne Christ in seinem Lebensgang ständig auf dem Pirschgang: wo gewährt der Herr heute und morgen Raum, unter seinem Gebot zu existieren? Nur in der Hölle wird solches Suchen vergeblich sein. Im Raum der geschaffenen Welt, in der der Böse alles daran setzt, uns jeden Raum zu nehmen, gibt uns die Freundlichkeit unseres Gottes bald einen weiten, bald einen kleineren, bald einen winzigen Raum, unseren Glauben zu bewähren, so wie wir es uns vor Ihm zu verantworten getrauen. Dieser jeweilige Raum ist freilich im System dieses Äons nicht vorgesehen. Die Kirche übernimmt sich, wenn sie von der Welt einen solchen Raum fordert: er wird ihr, wie das Manna in der Wüste, immer nur vom Allmächtigen von Tag zu Tag gegeben. Man verwechsle doch die großen Freiheiten und Privilegien, die den Kirchentümern in Vergan­genheit und Gegenwart oft so reichlich gege­ben worden sind und gegeben werden, nicht mit diesem legitimen Platz, dem jeweiligen Willen Gottes konkret zu folgen! Meistens sind das trügerische Räume, die uns dazu verführen, den Streit zu meiden und einzuschlafen! „Der Boden der Kirche in der Welt“ (so der nicht genug zu rühmende Aufsatz von Martin Fischer in „Evangelische Theologie“, München, Jahr­gang 1936) wird ihr je und dann geschenkt, „wenn Gott es will. Wird die Kirche aber als solche ‚anerkannt‘ in den ‚Ordnungen‘ der Welt, so wird sich erweisen müssen, ob die Welt die Kirche als Kirche wirklich anerkennen wollte oder nicht, und ob zweitens die Kirche Kirche dieses Bekenntnisses bleibt (ebenda S. 23)“.

Darum hat der Glaubende wie die Kirche im ganzen von Tag zu Tag danach zu spähen, wo sich uns Möglichkeiten zur innerlich betei­ligten und verantwortlichen Mitarbeit unter der Diktatur bieten. Keiner, der unter uns lebt, wird behaupten, daß dieses Suchen leicht und be­quem sei! Keiner wird darüber hinwegsehen können, daß sich ganze Berufsgebiete den be­kennenden Christen zu verschließen scheinen oder wirklich verschließen. Keiner wird die Fragwürdigkeit dieses Suchens und Findens verkennen dürfen. Keiner wird darunter nicht leiden, daß aus den das staatliche Leben an höchster Stelle und an weniger hohen Stellen leitenden Gremien in der Regel bekennende Christen ausgeschlossen sind, da die führende Partei, die diese Gremien stellt, sich zum Athe­ismus bekennt. Aber jeder unter uns, der be­griffen hat, daß Gottes Gnade zum Leben ge­nügt, muß bekennen, daß Gott überraschender und wunderlicherweise dafür sorgt, daß ihm Raum zu existieren in Lob und Dank gegeben worden ist, auch wenn des Bittens, des Flehens, ja des Schreiens und der Tränen auf diesem Wunderwege viel gewesen sind. Zinzendorf hat schon recht mit seinen Versen:

Der Glaube bricht durch Stahl und Stein
und kann die Allmacht fassen.
Der Glaube wirket alls allein,
wenn wir ihn walten lassen.

Wenn einer nichts als glauben kann,
so kann er alles machen;
der Erde Kräfte sieht er an
als ganz geringe Sachen.

… Wie gut und sicher dient sichs nicht
dem ewigen Monarchen!
Im Feuer ist er Zuversicht,
fürs Wasser baut er Archen.“

Wir sollten unter diesem Gesichtspunkt auf­merksam hören, was uns Männer wie Profes­sor D. Fuchs und Professor D. Hromadka seit Jahren vorhalten, wenn sie zu zeigen ver­suchen, daß sich innerhalb des marxistischen Systems in reicher Zahl echte Möglichkeiten und Chancen auftun, an der Vermenschlichung unseres Zusammenlebens mitzuarbeiten. Sicher, wir werden unsere Gegenfragen anmelden müssen und unsere Geneigtheit, von ihnen zu lernen, wird streckenweise eine sehr kritische Geneigtheit sein. Beide Männer würden nur froh sein, wenn andere noch besser, überzeu­gender, biblischer und zugleich noch konkreter in den einzelnen wirtschaftlichen, rechtlichen, kulturellen, schulischen, kirchenpolitischen und anderen Bereichen uns die Voraussetzungen zu zeigen vermöchten, kraft deren wir uns äußer­lich und innerlich jeweils aktiv und verantwort­lich beteiligen könnten. Sicher drohen auch bei diesem Suchen und Zeigen die Versuchung, Si­tuationen zu verharmlosen, Realitäten zu übersehen, Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten zu überfliegen, mit Verschwommenheiten der wirk­lichen Problematik zu echappieren und Propagandismen zu erliegen. Aber Abgründe drohen auch auf der anderen Seite und dort sind sie nicht weniger gefährlich: daß wir — siehe Hromadka in „Evangelium für Atheisten“, Ber­lin 1958 — in den 1933—1945 gegenüber dem Hitlerstaat befahrenen Geleisen weiterdenken und entscheiden und über den guten und blei­benden Erkenntnissen des damaligen Kampfes der Kirchen vergessen, daß die Christenheit wohl allezeit einen kämpfenden Gehorsam zu erringen hat, die Gegebenheiten unserer ge­schichtlichen Situation aber sich ständig ändern. Wir sollten in unseren Wertungen der Gesamt­erscheinung „Marxismus“ zurückhaltender wer­den — Gott hat ihn längst seinem Urteil unter­worfen —, um im Einzelnen und Kleinsten die Inseln und Freiplätze innerhalb dieses Systems zu entdecken, die uns für ein gehorsames Le­ben gegeben werden.

Bis an den Rand gehen!

„Aber da können wir doch nicht mitmachen! Noch einen Schritt weiter und wir geben uns als Christen auf! Wir sind am Rande des großen Grabens angelangt, wenigstens dicht davor, und sehen in Zukunft für uns keinen Weg mehr“. Folge solcher Haltung ist entweder die Flucht in den Westen oder — wo das unmög­lich ist oder erscheint — die innere Kapitulation vor einer dem Glaubenden widerstreitenden Ideologie, der die äußere Kapitulation voraus­ging. Nun gibt es zweifellos diesen Rand des Abgrundes, in den man nur hineinstürzen könnte, wenn man den eingeschlagenen Weg weiter verfolgte. Einmal kommt jeder Mensch in noch totalerer Weise an jenen Rand, wo es weder vorwärts noch rückwärts geht und das dunkle Nichts uns verschlingen will: die Chri­stenheit des 16. und 17. Jahrhunderts hat sich, wie die Kirchenlieder zeigen, auf diese letzte Bewährungsprobe unseres irdischen Lebens in sehr viel besserer Weise eingeübt als wir. Wohl deshalb hatte sie eine größere Tapfer­keit, auch im Laufe des Lebens jeweils bis an den Rand zu gehen und nicht zehn Meter vor­her abzubiegen und so der Prüfung ihres Gehorsams aus dem Wege zu gehen. Heute aber hört man: „Ich wurde zum Lügen gezwun­gen, ich hätte Aufträge übernehmen müs­sen, die nicht zu einem Christen passen, ich konnte mich dem oder jenem nicht entzie­hen, es gab doch keine andere Möglich­keit für mich, was blieb mir anderes übrig …“ Wir verkennen nicht die seelische Bedrängnis, die oftmals hinter solchem Schrei steht. Aber dieses Faktum ändert nichts daran, daß echter Glaube sich anders äußert und an­ders entscheidet — nachzulesen im Psalm 37! Gott wartet auf das Schreien und Flehen seiner Elenden und Geplagten, um sie wunderbar zu erretten und in einen freien Raum zu führen, wo Er ihnen voranschreitet und Bahn macht, wo keine Bahn ist. Aber Er wartet oftmals umsonst. Statt zu Ihm zu schreien, geht man zum Fahr­kartenschalter oder kapituliert oder gesellt sich zu denen, die einen anderen Geist und Glau­ben haben als den des Evangeliums.

Aber nicht allein Gott wartet auf einen letzten Schritt, auch die Marxisten warten, ihnen selbst oft nicht bewußt, auf dieses Gehen der Chri­stenheit bis an den „Rand“. Diese Sehnsucht spricht jener himmlische Staatsanwalt im Buch Hiob aus, wenn er skeptisch und enttäuscht dem Herrn entgegenhält: „Haut um Haut! Alles, was der Mensch hat, gibt er um sein Leben. Aber recke einmal deine Hand aus (nämlich gegen den frommen Hiob) und rühre sein Fleisch und Gebein an; fürwahr, er wird dir ins Angesicht fluchen (Hiob 2,4)“. Es liegen allerlei Anzei­chen dafür vor, daß nicht wenige marxistische Funktionäre ein Gefühl dafür bekommen haben, daß Glaube und Gehorsam doch etwas ganz an­deres sind als das, was sie nach ihrer Lehre unter „Religion“ verstehen, die zum „überbau“ ge­hört, der mit der schwindenden „Basis“ nach und nach zerfallen wird. Die Forderung ist klar: wenn wir wissen, daß wir Freudenboten an alle sind, dann hat unser gehorsames Leben unter der Herrschaft des Marxismus auch jenen letzten Schritt einzuschließen, bei dem man sich in) Gottes Hand fallen läßt, die man nicht sieht. Aber freilich: dieser letzte Schritt ist nicht mit , einer Glaubensanstrengung zu verwechseln, zu der ein Christenmensch sich schließlich noch zwingen könnte, um dann heroisch oder verkrampft von sich selbst zu zeugen, statt das Loblied Gottes zu singen. Wir reden von einem Wunder von oben her. Aber wir hören die Zu­sage, daß Gott Wunder tun will.

Gehorsam nimmt Schuld auf sich und verzichtet auf Ansprüche

Das gehorsame Leben unter marxistischer Herr­schaft hat nun für die Christen in der DDR noch einen besonderen Hintergrund, nämlich den der deutschen Aktion 1933—1945. Es liegt an unserer bösen Menschenart, daß wir eigene Schuld im Kleinen, aber auch im Großen selten zugeben, meist mildernde Umstände geltend machen, Gegenrechnungen aufstellen, die Wie­dergutmachung selbst festsetzen und möglichst rasch zu vergessen suchen, was wir angerich­tet haben. Schuld gehorsam auf sich zu nehmen ist aber etwas anderes, als einfach Folgen des Begangenen zu spüren und zu erleiden. Jenes spüren und Erleiden könnte freilich einer Christenheit helfen, Gottes Rechnung mit ihr anzuerkennen und auf Ansprüche zu verzichten, die Kennzeichen unserer verkehrten und verdreh­ten Menschenart sind. Das Neue Testament nennt sie das „Mehrhabenwollen“, die Epithymia, die nie befriedigt werden kann und alles Lob Gottes erstickt. Unser natürlicher Mensch hört es nicht gern: die sowjetische Armee kam in unser Land nach Wortbruch und Überfall durch Hitler, sie durchschritt 1942 bis 1944 Hunderte und aber Hunderte von Kilometern planmäßig verbrannter Heimaterde, sie marschierte an den Gräbern von Millionen ihrer Landsleute vorbei und fand bei uns Hun­derttausende, ja Millionen ihrer kriegsgefange­nen Kameraden — unter der Erde, planmäßig verhungert. Es ist eine lästerliche Illusion, wenn wir meinen: hier habe es sich um eine kurze Episode unserer Geschichte gehandelt, die wir allmählich vergessen hätten und die die andern — hier werden wir gern ärgerlich oder gar bitter — endlich auch vergessen könnten, zu­mal wir 1945 ff. unser reichlich Teil zu tragen abbekommen hätten, auch heute noch abbe­kämen und im übrigen nun fast 15 Jahre be­wiesen hätten, daß wir gerade so manierliche Menschen seien, wie die anderen, vielleicht so­gar manierlichere als viele unter ihnen, jeden­falls tüchtiger, fleißiger, strebsamer, ordent­licher und in punkto sanitäre Anlagen („W.C.“) höchstens vom Amerikaner übertroffen.

Nicht verwunderlich, wenn die Kinder dieser Welt in West- und Ostdeutschland so unverständig fühlen und reden. Der Gehorsam aber vergißt nicht, sieht nüchtern das nur allzu be­rechtigte Mißtrauen in den Herzen der nahen und ferneren Völker und deren Staatsmänner mit ihrem entsprechenden Verhalten gegenüber den beiden deutschen Teilstaaten, und ist innerlich bereit, einen langen, langen Weg zu gehen mit allen Demütigungen, um tropfenweise zu sammeln, was wir einmal eimerweise verschüttet haben. Es wird Generationen dauern, bis unsere Nachbarn bei dem Namen „Deutsch“ das Gefühl des Grauens und des Abscheus, der Verachtung und der Sorge vor einer Wieder­holung jenes Ausbruchs aus der Tiefe unter ein neu gewonnenes Vertrauen auch uns gegen­über eingeordnet haben. Ob wir allerdings in Ost und West bei diesem tropfenweisen Sam­meln sind, ist mehr als eine Frage. Eine gehor­same Christenheit aber sollte es an diesem Punkt entschieden anders machen: „Es ist gut, in Stille zu harren auf die Hilfe des Herrn. Es ist dem Manne gut, ein Joch zu tragen in seiner Jugend. Er sitze einsam und schweige, wenn Er es ihm auferlegt. Er beuge seinen Mund in den Staub, vielleicht ist noch Hoffnung. Er biete dem, der ihn schlägt, den Backen, lasse sich sättigen mit Schmach. Denn der Herr wird nicht auf ewig verstoßen … Worüber sollte klagen der Mensch, der da lebt? Ein jeder über seine Sünde! (Klagelieder Jeremiä 3,26ff. und 39)“.

Die Aufrichtung des Rechtes

Wir sind bei diesem Thema daran gewöhnt, einerseits sogleich an die Herstellung recht­licher, verfassungsmäßiger und gesetzlicher Zustände zu denken (die Verfassung als Grundgesetz verstanden, das von der großen Masse der Wähler in freier Entscheidung gebilligt worden ist und das so dauerhaft und be­sonnen gehalten wurde, daß es nur in äußer­ster Not und nur sehr vorsichtig abgeändert werden sollte), andererseits an das „Rechts­zeugnis“, das die Gemeinde in Nachfolge der Propheten gegenüber geschehenem Unrecht, Gesetzesverstoß und Verfassungsbruch abzu­legen hat, dabei für alle die eintretend, die sich nicht selbst helfen können und ihren Mund in Angst und Sorge verschließen. Daß die Christenheit beiden Aufgaben nicht ausweichen kann, hat sie seit 1933 wenigstens in Teilen der Bekennenden Kirche begriffen, mindestens ge­ahnt. Die Christenheit im besetzten Norwegen, Holland, Frankreich und anderswo hat das ab 1940 nach beiden Seiten eindrücklich prakti­ziert. Die theologische Arbeit Karl Barths, und die Entwürfe des Kreisauer Kreises (Graf James Moltke und seine Freunde) dienten vornehmlich der ersten, das Zeugnis Martin Niemöllers, der Einsatz Propst Grübers für die bedrängten Ju­den, die Tapferkeit Bischof Wurms-Württem­berg (in seinen Briefen an die Reichskanzlei wegen Wahlschwindel und Judenverfolgungen) und das Eintreten von Männern wie Bodelschwingh, Präses Wilm, P. Braune-Lobetal zum Schutz der Geisteskranken wider ihre befoh­lene Ermordung — um nur einige Namen aus Deutschland zu nennen — waren dem zweiten Auftrag gehorsam. Vor allem ist aber auch jene berühmte Denkschrift der Vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche 1936 zu nennen, in der u. a. gegen die Einrichtung der Konzentrationslager protestiert wurde.

Wir sind seitdem ein Stück weiter gegangen und befinden uns in einer neuen Lage, ungeachtet der Tatsache, daß die Welt Welt bleibt und „das Menschenherz“ auch in der marxi­stischen Welt „böse ist von Jugend auf“. Der Auftrag, für die Aufrichtung des Rechtes in unserem Staat einzutreten, bleibt, aber die Suche nach der heute gegebenen Gestalt der Ausführung liegt neu vor uns, zumal wir in der marxistischen Theorie und Praxis einem Rechts­verständnis begegnen, das so begründet, ent­faltet und durchgeführt wird, wie es mit christ­lichem Glauben nicht in Harmonie gebracht werden kann, — was nicht bedeutet, daß libe­rales, idealistisches oder positivistisches Rechts­verständnis unserem Glauben näher stünde! Es geht — wir tasten uns nach vorn — um fol­gende Erkenntnisse aus der Heiligen Schrift, die angewendet werden müssen:

Zunächst: wenn die Propheten von Amos an gegenüber tyrannischen Königen, unge­treuer Priesterschaft, gewalttätigem Adel, hab­süchtigen Reichen und bestechlichen oder feigen Richtern ihr Zeugnis auf den Kopf zu ablegen, so gehen sie davon aus, daß Gott, der Herr Israels, sich dieses Volk zu seinem besonderen Eigentum gewählt und es mit Erweisungen sei­ner Barmherzigkeit überschüttet hat. Diesem so reich begnadeten Volk sagten sie in ihrem Rechtszeugnis das kommende Gericht seines Gottes an, dem ohne jeden Grund von seinen geliebten Kindern durch diese Rechtsbrüche ins Gesicht geschlagen wird. Ihr Rechtszeugnis ist also Moment der Proklamation des Herrn, des­sen Güte wohl ohne Grenzen ¡st, der aber mit seinen Geliebten darum besonders streng ins Gericht geht. In ihrem Zeugnis geht es primär um den heiligen Gott, der in seiner bewiesenen und nicht zurückgenommenen Liebe frei ist und frei bleibt. Sie gehen also nicht davon aus, daß sie Handlungen und Praktiken der Mächtigen als im Widerspruch zu bestimmten Rechts­normen stehend — die aus den Geboten Gottes abgeleitet werden — vorfinden und anprangern und die Beachtung dieser Normen fordern. Es geht ihnen nicht zunächst um Aufrichtung und Wiederherstellung von Rechtsnormen (Prinzi­pien, Gesetzen, Idealen usw.), sondern um die Anerkennung von Gottes heiligem Tun in Güte und Strenge, den sie verkündigen. Freilich rufen sie Gottes Gnade und Gericht ¡e in Gegenüberstellung zu bestimmten Rechts­brüchen im Volk und Staat aus, ihre Predigt geht an den einzelnen passierten Verletzungen der Gebote und des gesetzten Rechtes nicht vorbei, aber ihr Zeugnis von Gott berührt diese einzelnen Verstöße so, wie eine Tan­gente den Kreis berührt. Die Aufdeckung des bestimmten Rechtsbruches gehört zu ihrem Wort, wie die Nebensache zur Hauptsache ge­hört und doch Nebensache ist und bleibt. Sie treten damit ganz anders für die Aufrichtung des Rechtes ein, als es uns Kleist in seinem „Michael Kohlhaas“ geschildert hat. Prophetisches Zeugnis zielt nicht in erster Linie und nicht nur auf die Wiederherstellung des Rech­tes, sondern auf die Anerkennung des Gottes, der sein Heil und sein Recht für uns und gegen uns aufrichtet, aufgerichtet hat und aufrichten wird, und also auf die Umkehr zum lebendigen Gott! Daß aus dieser Anerkennung dann als Nebenfrucht auch die Aufrichtung und Respek­tierung geltender Rechtsnormen folgt und zu folgen hat, ist freilich klar. Das Erste nicht ohne dieses, sich freilich je wandelnde Zweite. Aber es ist das Zweite — vorläufig, relativ — und dient dem — unwandelbaren — Ersten.

Damit unterscheidet sich das christliche Rechtszeugnis nach Ausgangspunkt und erstrebtem Ziel von allem Eintreten für den liberalen Rechtsstaat gegenüber einer marxistischen Dik­tatur. Unser Rechtszeugnis kann nie so aus­sehen, daß wir der Diktatur gleichsam zurufen: „Im Namen Gottes —werde endlich ein Rechts­staat, wie wir ihn früher einmal gehabt haben und wie ihn die Westdeutschen wieder haben“. So wird freilich heute das Rechtszeugnis der Kirche in der DDR weithin verstanden und lei­der auch formuliert.

Das ist in der deutschen Kirchengeschichte nicht neu: die Art, wie die Wortführer der Kirche nach 1813 der „Revolution“ ein christliches Verständnis vom Staat entgegensetzten — vgl. Karl Kupisch „Zwischen Idealismus und Massendemokratie“, Berlin 1955 —, die Weise, wie sie dann einige Jahrzehnte später der Sozial­demokratie marxistischer Prägung die Botschaft von „Thron und Altar“ entgegenschleuderten, und schließlich die Gestalt, in der in den 60er und 70er Jahren die „Hessische Renitenz“ in vollem Bewußtsein über dem Bismarckstaat als dem großen Tier aus dem Abgrund ihr vermeintlich biblisches Rechtszeugnis aufrichtete — siehe das schöne Buch von Rudolf Schlunck „Ein Pfarrer im Kriege“, Kassel 1931, in dem ein renitenter Pfarrer der zweiten Generation in Form der Kriegserlebnisse 1914 ff. das Rechts­und Staatsverständnis dieses kleinen, tapferen Häufleins dargestellt hat —, diese ganze Art zeigt nur zu deutlich, daß die Vertauschung des prophetischen Zeugnisses mit der Entfal­tung eines politischen Programms gegenüber anderen Programmen der Christenheit in Deutschland im Blute liegt.

Sodann: unser Verständnis der inneren Ge­wichtsverteilung im prophetischen Zeugnis wird durch die Gestalt des Rechtszeugnisses im Neuen Testament bestätigt: wir suchen ver­geblich, wenn wir dort eine direkte Fortsetzung jener prophetischen Linie erwarten. Das aposto­lische Evangelium meldet nämlich in Erfüllung aller Verheißungen und Gerichtsandrohungen des Alten Testamentes, daß Gott am Ende aller Tage sein Urteil über alle Ungerechtigkeit und allen Rechtsbrauch auf Golgatha ausgesprochen und vollzogen hat und durch die Einsetzung des Evangeliums kraft der Auferstehung Jesu seinen Freispruch allen verkünden läßt, damit sie den Namen des Herrn anrufen und errettet werden. Er hat seine Gerechtigkeit aufgerich­tet und sein Recht gegen uns so durchgesetzt, daß wir auf seine Gnade hin leben sollen. Gott hat in Bestätigung seines bisherigen Handelns an Israel dieses sein Volk als Ort seines gnä­digen Gerichtsaktes und seiner rettenden Exe­kution erwählt und es zugleich mit Vorrang zum ersten Adressaten des Wortes von der Versöhnung bestimmt. Auch während seiner Verstockung gegen die Gute Botschaft — ganz entsprechend seiner Verwerfung des propheti­schen Rechtszeugnisses von Amos an — bleibt Israel auf die Auferstehung und seine Umkehr hin bewahrt und lebt in der Mitte der Völker, wenn auch gegen seinen Willen, als Zeuge des göttlichen Ernstes, mit dem die Erbarmung des Herrn über alle in Kraft gesetzt ist.

Diese Heilstat Gottes — von der Fleischwer­dung des Wortes bis zur Einsetzung des Evan­geliums für alle Völker — geschieht in der Welt, in der Kaiser regieren, Gouverneure ver­walten, Truppen marschieren, tribulieren und kriegen, Rechtsordnungen aufgerichtet und zerstört, Gesetze erlassen, befolgt und nicht beachtet werden. Herrscher herrschen gewalttätig und lassen sich lügnerisch dafür noch Wohltäter nennen (Lucas 22,25). Man prozes­siert ums Erbe (Lucas 12,13 ff), sucht sein Recht bei den Gerichten und klagt an (1. Korintherbrief 6,1 ff), erlebt mit Erbitterung grausame 1 Willkür des Pontius Pilatus (Lucas 13,1), bereitet sich zur Revolte im Namen des Herrn vor und greift zum Schwert (Lucas 22,35 ff; 49 ff). — Welches ist das Tatzeugnis der Gemeinde in dieser Umwelt des gesetzten und gebroche­nen Rechtes?

Drittens: „Ihr aber nicht also (Lucas 22, 26)“ — so geht es bei dieser Frage durch das ganze Neue Testament hindurch. Die Christenheit hat in ihrem persönlichen Verhalten und Zeugnis wie in der Ordnung der Gemeinde Jesu Christi in einer Welt, die ihr eignes und eigensinniges Recht aufstellt und von Gottes heiligem Recht nichts weiß oder nichts wissen will — das gilt auch von unserer Umwelt —, aus jener Auf­richtung von Gottes Gerechtigkeit am Kreuz Jesu Christi die jeweiligen Regeln und Normen zu suchen, zu finden und zu befolgen, die die­sem Evangelium entsprechen. Drei Wesens­züge ihres Verhaltens lassen sich vor allem erkennen: Einmal kennzeichnet es den Ge­horsam der Christenheit, daß ihre Glieder wil­lig Unrecht aller Art erleiden. Sie lassen sich also nicht einreden, daß ihnen geschehendes Unrecht unter einem höheren Gesichtspunkt irdisch doch noch Recht genannt werden könne, sondern lassen sich von Gottes Wort ihre Ge­wissen scharf machen, um jeweiliges Recht von Unrecht zu unterscheiden. Ebensowenig aber lassen sie sich beirren, wenn das Maß des ihnen gewährten Rechtes im Staat ihren Er­wartungen — vielleicht herkömmlichen, berech­tigten, nur billigen Erwartungen — nicht entspricht, oder ihnen, einzelnen oder der Ge­meinde zusammen, von der Seite her krasses Unrecht zugefügt wird, von der nach Gottes Anordnung Recht zu erwarten ist. Die Aufrich­tung von Gottes Gerechtigkeit im Namen Jesu proklamiert die Christenheit mit eherner, un­beirrter Gewißheit, um die Wahrung und Wie­derherstellung des auch ihr zu gewährenden Rechtes wird sie nur bescheiden und besonnen bitten. Bitten heißt, sie ist zugleich bereit, bei Nichterfüllung ihrer Bitten weiterhin — relativ gehorsam den Mächtigen, über alle Dinge ihrem Herrn gehorchend — im Bezeugen der Rechtstat Gottes und Erleiden des Unrechts fortzufahren, „als wenn nichts geschehen wäre“. Dieses willige Aufsichnehmen des Un­rechtes ist zugleich das allerstärkste und wirk­samste Zeugnis für die Erhaltung und Herstel­lung irdischen Rechtes überhaupt. Denn sie folgt in dem Ertragen des Unrechtes ihrem Herrn, der in den Passionsgeschichten als der, menschliches Unrecht par excellence Erleidende dargestellt wird und den Gott erhöht hat, weil er den niedrigen Weg des Gehorsams bis zum Ende gegangen ist. „Selig sind die Sanftmüti­gen, denn sie werden das Erdreich ererben.“

Sodann wird die Christenheit durch die Ge­stalt ihrer jeweiligen Ordnungen (in erster Linie in der Gestaltung und Ordnung ihrer gottesdienstlichen Versammlungen, dann in der Grundordnung, Gemeindeordnung, Lebens­ordnung usw.), durch die Handhabung der Rechtsregel gegen ihre eigenen Glieder, inson­derheit gegen ihre Beauftragten (Kirchenzucht), schließlich durch die Art und Weise, wie die Einzelnen in ihrem jeweiligen Auftrag die an­deren leiten und diese anderen dem Wort und den Weisungen derer folgen, die im jeweiligen Dienst „zu sagen haben“, der Durchsetzung göttlicher Gerechtigkeit entsprechen und da­durch mitten in dem andersartigen politischen Leben ein Vorbild entwerfen. Sie darf hoffen, und hat es im Lauf der Jahrhunderte reichlich erfahren, daß dieses lebendige Vorbild in die Gestaltung des staatlichen Rechtslebens hinein­wirkt. Es ist dieser stille, indirekte Weg, die nicht weniger wirksame Weise, in der marxi­stischen Welt das Recht aufrichten zu helfen.

Schließlich ist die Christenheit in der mar­xistischen Welt, die sich dem Evangelium bewußt verschließen will, beauftragt, wie alle Menschen, so auch die Mächtigen zur Abkehr von der Ungerechtigkeit und zur Hinwendung zum richtenden und Recht setzenden Gott zu rufen, dem Vater der Witwen, Waisen und Be­drängten. „Fürchte dich nicht Paulus, du mußt vor den Kaiser gestellt werden“, heißt es in der Apostelgeschichte (27, 24 vgl. 23, 11). So hat Jesus vor Pilatus und dem Synedrium, Paulus vor den Bürgermeistern vieler griechischer Städte, vor Provinzgouverneuren auf Cypern und in Cäsarea, vor Richtern und hohen Offi­zieren die Gerechtigkeit Gottes bezeugt, alle zur Buße gerufen und die Konsequenzen ge­tragen. Die winzige Urgemeinde hat von An­fang an in den jüdischen wie in den römisch­griechischen politischen Führern die Adressaten ihrer Botschaft gesehen, dabei von der Erkennt­nis begleitet, daß die Verwalter staatlicher Macht von Gott dem Recht und rechtlichen Ge­setzen, und nicht dem Unrecht, willkürlichen Verordnungen und willkürlicher Handhabung zugeordnet sind und bleiben — bis zum Kom­men des Herrn in Herrlichkeit.

Johannes Hamel, geb. 19.11.1911 in Schöningen (Braunschweig), Vater Oberstudiendirektor. Schul­besuch in Neukölln und Erfurt, Theologiestudium 1930 bis 1935 in Tübingen, Königsberg (bei Prof. Schniewind) und Halle. Ab Oktober 1935 bis 1945 „illegaler“ Vikar und Hilfsprediger der Be­kennenden Kirche, Reisesekretär der DCSV in Berlin, Vikar im Büro des Provinzialbruderrates in Mag­deburg, Adjunkt am Auslandseminar in Ilsenburg/Harz (unter Prof. Hermann Schlingensiepen), Studentenamtsleiter der Be­kennenden Kirche in Halle/S.; ab Oktober 1939 Hilfsprediger in Dörfern bei Torgau und Zeitz. 1941 für 14 Monate dienstver­pflichtet von der Gestapo in die Leunawerke. Soldat 1942 bis 1945. Kriegsgefangener und Lagerpfarrer in Italien bis Oktober 1946. Danach bis Ende 1954 Studentenpfarrer in Halle/S. Seit 1955 Dozent für Praktische Theologie am Katechetischen Ober­seminar in Naumburg/S.

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