Verfolgen – nicht folgen! Wenn alle gängigen Bibelübersetzungen Psalm 23,6 falsch übersetzen
Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die nationalsprachlichen Bibelübersetzungen in den Westkirchen sind wesentlich von der lateinischen Vulgata geprägt, auch da, wo sie als Übersetzungen aus den biblischen Ursprachen ausgegeben werden.
Ein weiteres Beispiel hierzu ist der Halbvers 6a in Psalm 23, der in der Luther-Bibel wie folgt heißt: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang“. Im Hebräischen ist allerdings nicht von einem Folgen, sondern von einem bedrängenden Verfolgen (יִ֭רְדְּפוּנִי) die Rede. Dazu schreibt Christian Frevel: „In den Psalmen wird das Verb rādap fast ausschließlich zur Feindschilderung in den Individualpsalmen gebraucht. Es gehört als Terminus aus der Kriegssprache zu den Begriffen, die sich um die Feindbezeichnung ’ôjeb anlagern.“[1] Damit gewinnt der Psalm eine ganz andere, paradoxe Dynamik: „Nur Güte und Gnade/Huld werden mich verfolgen mein Leben lang / und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.“
Die treibende Kraft der Heimkehr in das Haus des HERRN sind göttliche Güte und Huld, die zudringlich sind. Ist hingegen von einem Nachfolgen die Rede, gelten Güte und Huld als eigene Errungenschaften, die im Lebenstross mitgeführt werden. Die Heimkehr scheint sich – hirtenlos – dem eigenen Vermögen zu verdanken.
In der griechischsprachigen Septuaginata ist korrekt von einem Verfolgen (καταδιώξεταί) die Rede, dem im Lateinischen persequitur (englisch persecute) entspricht; aber in der Vulgata hat Hieronymus יִ֭רְדְּפוּנִי mit subsequetur in der Bedeutung „unmittelbar (nach)folgen“ fehlerhaft übersetzt, um dem Paradoxon einer bedrängenden Güte zu entgehen. Alle gängigen deutsch- bzw. englischsprachigen Bibelübersetzungen folgen ihm wortgetreu.
Martin Buber hat es natürlich hingekriegt:
„Nur Gutes und Holdes
verfolgen mich nun
alle Tage meines Lebens,
ich kehre zurück
zu DEINEM Haus
für die Länge der Tage.“
Und auch Fridolin Stier weiß korrekt zu übersetzen:
„Nur Gutes und Huld mich verfolgen
all meines Lebens Tage.
Und ich wohne im Hause JHWHs,
solang die Tage währen.“
[1] Art. rādap, ThWAT 7 (1993), Sp. 362-372.369f. In neueren Kommentaren – Zenger, NEB bzw. Spieckermann, ATD – wird dies nicht thematisiert, anders Hans-Joachim Kraus im BKAT: „Erstaunlich ist nun die Aussage in 6a. Geht man von der Tatsache aus, daß ein Bedrohter und Verfolgter vor seinen „Feinden“ den Schutz des Tempelasyls gefunden hat, so stellt die Vertrauens- und Bekenntniserklärung in 6a jetzt eine totale Wende fest: Nicht die Feinde, sondern טוב וחסד „verfolgen“ (רדף) forthin (כל ימי חיי) den Beter.“ (S. 191)
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