Predigt über 1.Petrus 2,21b-25 (Miserikordias Domini)
Von Walter Eisinger
Liebe Gemeinde!
Was Christus getan hat, das hat er nicht für sich oder allein für Gott oder seiner Sache zuliebe getan. Er hat es für euch getan. Erst wenn man das begreift, daß er mit allem, was er euch tat, uns gemeint hat, nicht etwa nur seine Zeitgenossen, erst dann kann man ermessen, wer er war und ist. Immer bist Du gemeint, liebe Schwester, lieber Bruder. Ihr kennt vielleicht Bilder von Menschen, die sich haben porträtieren oder photographieren lassen: Manchmal hat es den Anschein, wir könnten uns hinstellen, wohin wir wollten – sie schauten uns immer an. Es gab bei meinem Großvater auch ein solches Bild. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, stand ich auf und sah es mir im fahlen Nachtlicht an. Das war dann immer fast unheimlich. Bei Jesus ist das ganz anders: Da gibt es nicht den unheimlichen Blick, sondern den gütigen Blick des Hirten. So schaut er Dich immer an und meint Dich mit dem, was er tut und sagt.
Das meint der erste Petrusbrief, wenn er sagt: Christus hat uns eine Hinterlassenschaft zurückgelassen. Er hat sich eingeschrieben in unsere Weltgeschichte und in unsere eigene Lebensgeschichte – und man kann die Unterschrift nicht mehr entfernen, sie hat sich zu tief eingegraben. Seine Fußstapfen sind deutlich zu sehen. Weder Regenstürme noch Erdbeben können sie auslöschen.
Ihr seht seine Fußspuren überall: Wenn die Vögel unter dem Himmel singen, staunen wir, wie der himmlische Vater für sie sorgt – wie Jesus es in der Bergpredigt sagte. Wenn Kinder getauft werden wie heute Morgen, hören wir ihn sprechen: Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie … oder: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes. Und wenn Menschen verschiedener Hautfarben einander Unrecht und Böses antun, dann hören wir, wie er den fremden Samariter lobt, obschon er nicht dem eigenen Volk und der eigenen Religion angehört, und wie er mit der Samariterin am Jakobsbrunnen selbstverständlich spricht, obschon sie ganz fremder Herkunft und Weltanschauung ist.
So hat er seine Spuren hinterlassen. Wir leben nicht in irgendeiner Welt, sondern in der Welt, in der er gelebt und gelitten hat – und das ist eingezeichnet in unsere Welt und kann nicht mehr ausgelöscht werden.
Das deutlichste Zeichen, das er uns hinterlassen hat, ist das Folterwerkzeug aus Holz: das Kreuz, an das sie ihn angehängt und angeheftet haben. Man kann es nie mehr aus der Welt hinausdenken oder hinausdiskutieren. Immer wieder zieht dieses Kreuz die Blicke aus aller Welt auf sich. Und noch stärker der, der daran hängt. Leidende und Kranke finden ihren Menschenbruder, der bis zuallerletzt bei ihnen ist und bleibt.
Da wird die Wahrheit über uns und unsere Welt deutlich: nur so kann diese Erde, können wir überleben, wenn wir es halten wie in diesem Vermächtnis zu sehen ist: er hat nicht wiedergeschmäht, als er geschmäht wurde. Er hat Drohungen nicht mit Gegendrohungen beantwortet. Er hat den »Schwindel«, wie es heißt, den »Betrug« beendet, der in unserem ewigen Wiedervergelten besteht. Es gibt heute sogar sehr kluge Leute, die uns empfehlen, auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Wir sollten nur um uns schlagen, wenn wir geschlagen würden. Das mache uns gesund! – Das ist der Schwindel, der Betrug, der in Christi Munde nicht gefunden wurde, wie unser Text sagt. Mit diesem Spuk hat er ein für allemal aufgeräumt. Er hat nicht auf die eigene Gerechtigkeit geachtet, sondern auf die der anderen – wenn wir es ganz genau sagen wollen: auf die Gerechtigkeit Gottes. So hat er auf seine verzichtet, und darum ist er uns allen gerecht geworden. Das ist das Vermächtnis an uns. Er hat alles Gott »übergeben«, alles Gott »anheimgestellt«. Denn sein Recht – das hat er gelernt – das ist nichts zum Durchsetzen. Sein Recht soll Gott sprechen, das ist nichts zum Erzwingen. Diese Hinterlassenschaft darf nicht in den Kirchen liegenbleiben. Sie gilt auch auf den Rathäusern und in den Familien. Das Recht ist nichts, mit dem man sich selbst bedienen kann wie im Laden. Das Recht ist für alle da, auch für die anderen. Das ist eine wichtige Lehre und Botschaft an uns heute. Kürzlich hat ein Kollege zu mir gesagt: Das Leben wird immer aggressiver. Jeder sucht sein Recht zu erzwingen – im Straßenverkehr, in der Nachbarschaft, in der Schule, im Beruf. Wohin soll das führen? Auch für uns nach Los Angeles, der »Stadt der Engel«, wie es so schön heißt? Laßt uns nicht klagen und jammern über soviel Unrecht in dieser schönen und geplagten Stadt. Laßt uns lieber Gott darum bitten, er möge seine Engel senden, die dort Frieden schaffen. Und laßt uns das im Blick auf unsere Städte tun! Recht kann man nicht erzwingen, sondern nur gewähren. Erzwungenes Recht würde neues Unrecht schaffen. Das gilt auch für die verschiedenen Gruppen in unserem Land. Da werden die Fußstapfen gerne übersehen, die Christus in unserer Welt zurückgelassen hat.
Unser Wort richtet sich an solche, die darunter leiden, daß ihnen zu wenig Recht gewährt wird. Und da wird ihnen gesagt: klagt nicht an, schlagt nicht zurück, das wäre der falsche Weg! Denkt an das Kreuz. Das Unrecht sollt ihr nicht unterstützen, aber euch euer Recht auch nicht selbst holen mit Gewalt.
Hört auf, immer »ich« zu sagen, oder gar »ich bin ich« oder »ich bin okay«, »ich bin ganz prima«. Das sind verführerische Sätze. Aber die Welt fängt nicht mit euch, sondern mit Gott an.
Ihr seid nämlich nicht allein: Ihr habt einen Hirten, einen Schäfer, einen der auf Euch sieht! Er hat seine Augen überall, keines von Euch geht verloren. Macht euch nicht kaputt mit dem Suchen Eures Weges – geht seinen Fußstapfen nach …! Ihr habt in der Gemeinde Gemeinschaft gefunden. Ihr irrt nicht mehr herum – oder tut Ihr es doch noch? Meint Ihr immer noch, den Weg allein finden zu müssen? Denkt darüber nach, ob man das überhaupt kann.
Ihr kennt das: So ein Schäfer hat ein Auge auf jedes Tier. Und die Tiere scheinen das zu wissen. Sie haben kein großes Interesse an Alleingängen gefährlicher Art. Und wenn sie sich schon einmal verlaufen haben, sieht man, wie wohl sie sich fühlen, wenn die vertraute Umgebung wieder da ist. Wer irrt, soll umkehren, umkehren zum Hirten. Er ist voller Erbarmen. Wir spüren das, wenn ein Kind getauft wird. Er lockt es zu sich, und es ist ganz da, ohne Vorbehalte. Schön für die Heiliggeist-Herde, wenn wieder ein Zuwachs herfindet! Der Badische Katechismus sagt: »Durch die Taufe werden wir in den Gnadenbund Gottes und in die Gemeinschaft der christlichen Kirche aufgenommen« (Frage 60).
Das ist schön, denn da schaut der Hirte nach uns und hat wirklich ein Auge auf uns. Da ist einer, dem wir nicht gleichgültig sind. Und das ist für Kinder schon so wichtig! Kehren auch wir Erwachsenen um – zu unserer Taufe! Das ist eine wichtige Erinnerung, die Tauferinnerung! Gott erinnert sich sehr genau an uns.
Dann beginnen wir, die Fußstapfen plötzlich zu entdecken.
Gehalten am 3. Mai 1992 in der Heilig-Geist-Kirche in Heidelberg.
Quelle: Rudolf Landau (Hrsg.), Calwer Predigtbibliothek, Bd. 3, Stuttgart 1997, S. 224-226.