Vom Nutzen der Historie. Zu Römer 4,17b-25 (Der Römerbrief, 1922)
Von Karl Barth
V 17b Abraham ist unser aller Vater (4, 16) vor Gott, an den er glaubte: der die Toten lebendig macht und das Nicht-Seiende anspricht als Seiendes.
„Vor Gott, an den er glaubte“, ist Abraham unser aller Vater. Nie ist die Geschichte, nie die geschichtliche Persönlichkeit des Menschen ganz ohne dieses ungeschichtliche Oberlicht: „vor Gott, an den er glaubte“. In diesem Oberlicht verliert sich die Vereinzelung des Einzelnen, die Vergangenheit des Gewesenen, die Entlegenheit des Fernen, die Getrenntheit des Besonderen, die Zufälligkeit des Persönlichen. In diesem Oberlicht erscheint die Gleichzeitigkeit, die einheitliche Wichtigkeit und Würde alles Geschehens. In diesem Oberlicht gesehen redet die Geschichte als überlegene Meisterin mit dem Leben (historia vitae magistra). Um dieses Oberlichts willen, nur um seinetwillen, lauschen wir der Stimme der Geschichte. „Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt, um mit der Vernichtung dieser Atmosphäre wieder zu verschwinden … Wo finden sich Taten, die der Mensch zu tun vermöchte, ohne vorher in jene Dunstschicht des Unhistorischen eingegangen zu sein? … Sollte einer imstande sein, diese unhistorische Atmosphäre, in der jedes große geschichtliche Ereignis entstanden ist, in zahlreichen Fällen auszuwittern, so vermöchte ein solcher vielleicht als erkennendes Wesen sich auf einen überhistorischen Standpunkt zu erheben, … er wäre davon geheilt, die Historie von nun an noch übermäßig ernst zu nehmen; hätte er doch gelernt, an jedem Menschen, an jedem [117] Erlebnis, unter Griechen oder Türken, aus einer Stunde des ersten oder des neunzehnten Jahrhunderts, die Frage sich zu beantworten, wie und wozu gelebt wird“ (Nietzsche). Mythisch oder auch mystisch nennt die Ängstlichkeit des linearen Denkens dieses Oberlicht der Geschichte, die „unhistorische Atmosphäre“ des Lebens, wir aber möchten gerade auf der kritischen „Linie, die das Übersehbare, Helle von dem Unaufhellbaren und Dunklen scheidet“ (Nietzsche), die ungeschichtliche, d. h. aber ur-geschichtliche Bedingtheit aller Geschichte, das Licht des Logos aller Geschichte und alles Lebens erkennen. „Vor Gott, an den er glaubt,“ ist Abraham unser aller Vater. Glaube als absolutes Wunder, als reiner Anfang, als ursprüngliche Schöpfung, d. h. aber die unbekannte Bezogenheit bekannter Hergänge und Zustände auf den unbekannten Gott, das ist das Erkenntnisprinzip und die zeugende Kraft der Gestalt Abrahams, das Erkenntnisprinzip und die zeugende Kraft der Geschichte (als Geschehen und als Gesicht und Bericht vom Geschehenen). Daß Abraham „unser Vater nach dem Fleische“ ist (4, 1), das bewährt und erfüllt sich nicht wiederum im Fleische, im Anschaulichen, sondern in dem Unanschaulichen, daß er unser aller Vater ist vor Gott.
Vor Gott, „der die Toten lebendig macht und das Nicht-Seiende anspricht als Seiendes“. Dadurch unterscheidet sich der Glaube als Erkenntnisprinzip und zeugende Kraft der Geschichte vor aller Hinterweltlichkeit des Mythus und der Mystik. Ihm handelt es sich nicht um eine jener Überhöhungen, Vertiefungen und Bereicherungen des Diesseits durch das Jenseits einer „innern“ oder auch „höhern“ Welt, nicht um eine jener kosmisch-metaphysischen Verdoppelungen, Verdrei- oder Versiebenfachungen des gegebenen Bestandes unsres Lebens und Daseins, sondern um den letzten und einzigartigen, weil übergangslosen Kontrast des Lebens zum Tode, des Todes zum Leben, des Seienden zum Nicht-Seienden, des Nicht-Seienden zum Seienden. Jenseitiges Leben und Sein ist für ihn das, was von diesseitigen Leben und Sein aus nur Tod und Nicht-Sein, und wiederum diesseitiges Leben und Sein das, was vom jenseitigen Leben und Sein aus nur Tod und Nicht-Sein heißen kann. Im Oberlicht dieser kritischen Linie haben wir die Gestalt Abrahams gesehen. Ein Übergang, eine Entwicklung, ein Aufstieg, oder gar Aufbau von hier nach dort ist grundsätzlich ausgeschlossen. Denn das hierseitige Anheben solcher Bewegung kann von „dort“ aus nur Tod und Nicht-Sein bedeuten. Und das dortseitige Endigen solcher Bewegung ist von hier aus gesehen nichts als Tod und Nicht-Sein. Es bleibt zwischen diesen [118] beiden rein negativen Möglichkeiten nur die Unmöglichkeit des „Minus mal Minus gleich Plus“: die Beziehung beider Negationen aufeinander, die Aufhebung der einen durch die andre als ihrer beider Sinn und Kraft, ihre überlegene ursprüngliche Position. Die „Lebendigen“ müssen sterben, damit die „Toten“ lebendig gemacht werden, das „Seiende“ muß als Nicht-Seiendes erkannt sein, damit das Nicht-Seiende als Seiendes angesprochen werden kann. Das ist die Unmöglichkeit der Erkenntnis, die Unmöglichkeit der Auferstehung, die Unmöglichkeit Gottes, des Schöpfers und Erlösers, in welchem „Diesseits“ und „Jenseits“ eins sind. Eben die Beziehung auf diese Unmöglichkeit ist Abrahams Glaube, der darum selber als jenes Unmögliche und Ungeschichtliche (und zugleich als das allein Ermöglichende, Geschichte begründende!) in völliger Unanschaulichkeit am Rande der Genesishistorie auftaucht (in dieser Historie immer nur als Krisis und darum in den Formen des Mythus und der Mystik darstellbar), wie es am Rande der Philosophie Platos, am Rande der Kunst Grünewalds und Dostojewskis, am Rande der Religion Luthers aufgetaucht ist. Erkenntnis, Auferstehung, Gott ist keine zufällige, keine bedingte, keine an den Gegensatz von hier und dort gebundene, sondern die reine Negation und darum das Jenseits des „Diesseits“ und des „Jenseits“, die Negation der Negation, die das Jenseits für das Diesseits und das Diesseits für das Jenseits bedeutet, der Tod unsres Todes und das Nicht-Sein unsres Nicht-Seins. Er „macht lebendig“, er „spricht an“ und – „ihm leben sie alle“. Eben dieser Gott und die Umkehrung aller Dinge in ihm („Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“) ist Abrahams Glaube, das Oberlicht (vom ungeschaffnen Lichte) der Genesishistorie, der Logos aller Geschichte.
V 18 Er hat ohne Hoffnung auf Hoffnung hin geglaubt, daß er der Vater vieler Völker werde nach dem Wort: So groß soll dein Stamm werden (Gen. 15, 5).
Wir sehen Abraham finden, wo er offenbar nur zu verlieren hat – verbinden, wo offenbar alles zerrissen ist – stehen, wo man offenbar nicht stehen kann. Wir hören ihn Ja sagen, wo offenbar von unten wie von oben nur das Nein übrig bleibt. Und das eben ist sein Glaube: das Glauben „ohne Hoffnung auf Hoffnung“, der Schritt hinaus über des Menschen Eigenheit und Gottes Fremdheit, über die Sichtbarkeit des Sichtbaren und die Unsichtbarkeit des Unsichtbaren, über die subjektive und objektive Möglichkeit – dahin wo nur Gottes Wort ihn halten kann. Diesen Schritt sehen wir Abraham tun. Wir sehen? Nein wir sehen nur, daß alle seine sonstigen Schritte [119] auf diesen Schritt hinzielen, von diesem Schritt herkommen. Diesen Schritt selbst sehen wir ihn nicht tun.
„Diese Kunst kommt von Gotte Gunst.
Wenn’s Gott nicht gunnt, so ist’s umsunst,
Ein Jeder dieses Werk Gottes loben sot,
Denn diese Kunst kommt von Gott.“
V 19 Und ohne im Glauben schwach zu werden, dachte er an seinen erstorbenen Leib, er der wohl Hundertjährige, und an den erstorbenen Mutterleib der Sara.
Er täuscht sich nicht über die Wirklichkeit. Er ist kein Optimist und Enthusiast. Er ist ehrlich bis zur höhnenden Skepsis: „Da fiel Abraham auf sein Angesicht und lachte und sprach in seinem Herzen: Soll mir hundert Jahre alt ein Kind geboren werden und Sara, neunzig Jahre alt, gebären?“ (Gen. 17, 17). Soweit das, was wir an Abraham sehen können, was an ihm aus Analogien verständlich, nur zu verständlich ist, was sich in die Kontinuität sonstigen Geschehens einreihen läßt. Aber jenseits dessen, was wir sehen können, die Tatsache, daß Gott ihm zu stark geworden und daß er darum im Glauben nicht schwach werden kann, jenseits des Begreiflichen das Unbegreifliche, daß er der Versuchung, die ihm die Wirklichkeit bereitet, widersteht, jenseits der Geschichte das Ungeschichtliche, daß er bei offenen Augen und Ohren sieht und hört, was nicht ist, noch sein kann.
V 20 Er kritisierte die Verheißung Gottes nicht mit ungläubigem Zweifel, sondern war stark im Glauben und gab Gott die Ehre.
„Was uns umgibt, das ist alles im Widerspruch mit Gottes Verheißungen. Er verspricht uns Unsterblichkeit, wir aber sind von Sterblichkeit und Verderblichkeit umhüllt. Er verkündigt, daß wir vor ihm gerecht seien, wir aber sind mit Sünden bedeckt. Er bezeugt uns seine Gnade und seinen guten Willen, während alle Zeichen seines Zornes uns bedrohen. Was sollen wir tun? Uns ziemt es wohl, an uns selbst und all unserm Eigenen mit geschlossenen Augen vorüberzugehen, damit nichts uns hindere oder auch nur aufhalte, an Gottes Wahrheit zu glauben“ (Calvin). „Solches ist der Vernunft unmöglich zu tun, allein der Glaube tut es, darum ist er, also zu sagen, wohl ein Schöpfer der Gottheit: nicht daß er an dem göttlichen ewigen Wesen etwas schaffe, sondern in uns schaffet er es. Denn wo der Glaube nicht ist, da mangelt auch Gott seine Ehre in uns, daß er nicht für weise, gerecht, treu, wahrhaft und barmherzig gehalten wird. Wo kein Glaube ist, da behält Gott nichts weder von seiner Gottheit noch [120] Majestät bei uns; darum liegt es alles am Glauben. So fordert auch unser Herr Gott nicht mehr von uns Menschen, denn daß wir ihm allein seine schuldige Ehre geben und ihn halten für unsern Gott, d. i. daß wir ihn nicht für einen eitlen und losen Götzen, sondern für einen rechten wahrhaftigen Gott halten…. Darum solche Ehre von Herzen Gott geben können, ist gewiß eine Weisheit über alle Weisheit, eine Gerechtigkeit über alle Gerechtigkeit, ein Gottesdienst über alle Gottesdienste, ein Opfer über alle Opfer…. Wer nun Gottes Wort glaubt und traut, wie Abraham getan hat, derselbe ist gerecht vor Gott; denn er hat einen solchen Glauben, der Gott seine gebührende Ehre gibt, d. i. er gibt Gott, was er ihm schuldig und pflichtig ist…. Denn also sagt der rechtschaffene Glaube: Mein lieber Gott, ich glaube dir gern alles, was du sagst. Was sagt aber Gott? Soll hier die Vernunft für sich antworten, so sagt sie, es seien nur eitel unmögliche, erlogene, närrische, schwache und geringe, ungereimte, ja greuliche, ketzerische und teuflische Sachen, davon Gott redet. Denn was könnte vor der Vernunft so lächerlich, töricht und unmöglich sein wie das, was Gott zu Abraham sagt? … Also sind alle Artikel unsres christlichen Glaubens, so uns Gott durch sein Wort eröffnet hat, vor der Vernunft stracks unmöglich, ungereimt, erlogen…. Der Glaube aber ist also geschickt, daß er der Vernunft den Hals umdreht und erwürgt die Bestie, welche sonst die ganze Welt samt allen Kreaturen nicht erwürgen können. Wie aber? Er hält sich an Gottes Wort, lässet es recht und wahr sein, wenn es noch so närrisch und unmöglich lautet. Also hat Abraham seine Vernunft gefangen genommen … also tun auch alle andern gläubigen Menschen so mit dem Abraham in das Dunkel und verborgene Finsternis des Glaubens eingehen, erwürgen die Vernunft und sagen: Hörest du wohl, Vernunft? eine tolle blinde Närrin bist du, verstehest von Gottes Sachen kein Meitlein nicht, drum mache mir nicht viel Possen mit deinem Widerbellen, sondern halte dein Maul und schweig! untersteh’ dich nicht, über Gottes Wort Richterin zu sein, sondern setze dich, höre, was dir dasselbige sage und glaube ihm! Also würgen die Gläubigen diese Bestie, welche sonst die ganze Welt nicht erwürgen kann und tun damit unserm Herr Gott den allerangenehmsten Gottesdienst, so ihm immermehr geschehen mag. Gegen diesem Opfer- und Gottesdienst der Gläubigen sind allerlei Opfer und Gottesdienste, so je gewesen sind bei allen Heiden samt allen Werken aller Mönche und Werkheiligen auf Erden ein eitel Nichts“ (Luther). Wer’s fassen mag, der fasse es: Das ist das Ende und der Anfang der Geschichte. [121]
V 21 Und er war ganz erfüllt davon: was Gott verheißt, das hat er Kraft, auch zu tun.
„Erfüllt“ von einem religiösen Erlebnis, von einer Intuition, von prophetischem Sendungsbewußtsein? Ja, vielleicht auch, warum sollte die Fülle des Unhistorischen nicht begleitet sein von historischer Fülle. Aber vielleicht auch nicht, wahrscheinlicher nicht, wahrscheinlicher erfüllt von Mangel, Unsicherheit und Gebrochenheit. Aber – auch das ist’s nicht! Auch die „Plerophorie“ des Entbehrens, des Hungerns und Dürstens ist nur historischer Begleitumstand. Der Reichtum der Gnade (Eph. 1) liegt so gut wie die Armut im Geiste (Matth. 5) jenseits des historischen Habens und Entbehrens. Abrahams „Fülle“ ist ganz und gar die des Empfängers göttlicher Verheißung. Daß er ein solcher ist, wie sollte das anschaulich, wie sollte das historisch sein? Wie sollte das anders verständlich sein, denn als Leben aus dem Tode (4, 13 f.)?
V 22 Darum wurde es ihm als Gerechtigkeit angerechnet.
„Darum“, weil Abrahams Glaube sein „Glaube vor Gott“ ist (4, 17b), weil er nicht als ein Teil seiner Haltung, sondern als ihre absolute Begrenzung, Bestimmung und Aufhebung das absolute Wunder, der reine Anfang, die ursprüngliche Schöpfung ist, darum weil sein Glaube sich nicht erschöpft in einem historischen Geschehen, sondern zugleich die reine Negation alles historischen Geschehens und Nicht-Geschehens ist, darum ist er von Gott qualifiziert als Gerechtigkeit, darum nimmt Abraham – allein durch den Glauben – in Gott teil an der Negation der Negation, am Tode des Todes, darum ist sein Glaube durch das an ihm, was historisches Geschehen ist, nicht gehindert, als Licht vom unerschaffenen Lichte zu leuchten.
V 23-25 Was da geschrieben steht, geht aber nicht nur ihn an, sondern auch uns, denen es auch angerechnet werden soll: uns, die wir glauben an den, der Jesus unsern Herrn von den Toten erweckte – welcher dahingegeben ist wegen unsres Fallens und auferweckt wegen unsrer Gerechtigkeit.
„Das geht nicht nur ihn an, sondern auch uns.“ Die Historie kann einen Nutzen haben. Die Vergangenheit kann reden zur Gegenwart. Denn in Vergangenheit und Gegenwart ist ein Gleichzeitiges, das die Stummheit der Vergangenheit, die Taubheit der Gegenwart heilen, das jene zum Reden und diese zum Hören bringen kann. Dieses Gleichzeitige in seinem die Zeit aufhebenden und erfüllenden Selbstgespräch, es verkündigt und vernimmt das Unhistorische, Unanschauliche, Unbegreifliche, das aller Geschichte Ende und Anfang ist. Die Genesishistorie öffnet ihren Mund und sagt das Unhistorische, daß dem Abraham sein Glaube [122] als Gerechtigkeit angerechnet wurde. Sofern sein Fall auch unser Fall ist, können sich unsre Ohren öffnen und dieses Unhistorische hören. In solchem Selbstgespräch, in dem sich die Gegenwart der Bedeutung menschlichen Geschehens in seiner Einheit bewußt wird, bringt die Historie den von ihr zu erwartenden Nutzen. Abgesehen von diesem Unhistorischen dagegen bleibt die Vergangenheit stumm und die Gegenwart taub. Die deutlichsten Zeugnisse und Urkunden können nichts sagen und die schärfste historische Aufmerksamkeit kann nichts hören, wo das Selbstgespräch des Gleichzeitigen nicht in Fluß kommt. Abraham abgesehen vom Oberlicht des Unhistorischen geht uns nichts an, er sagt uns nichts und wir hören ihn nicht. Wo nicht abgesehen von den Quellen und abgesehen von ihrem Studium das Bewußtsein von jener Bedeutung menschlichen Geschehens in seiner Einheit lebendig ist, wo Geschichte bloßes Nebeneinander von Kulturen oder Nacheinander von Epochen ist, bloße Mannigfaltigkeit verschiedener Unmittelbarkeiten, verschiedener Individuen, Zeiten, Verhältnisse und Institutionen, zentrifugales Wimmeln und Geschleudertwerden bloßer Erscheinungen, da ist sie Unsinn. Denn „wirklich“ ist nicht dasselbe wie wahr, „interessant“ ist nicht dasselbe wie sinnvoll und eine in einer Fülle von Gesichten uns anschauende Vergangenheit ist darum noch keine redende, verstandene und erkannte Vergangenheit. Sofern die Historie impotent ist, mehr zu bieten, ist sie nutzlos. Sie ist als kritische Materialsammlung, und wenn die antiquarische Liebe und Akribie noch so groß, die „Einfühlung“ in den Stimmungsgehalt alter Tage und Situationen noch so gewandt, die zufällig angewandten Gesichtspunkte noch so geistreich wären, nicht „Geschichte“, sondern photographiertes und analysiertes Chaos. Geschichte ist synthetisches Kunstwert, Geschichte kommt von Geschehen, Geschichte hat ein einziges und einheitliches Thema. Wo dieses Kunstwerk, dieses Geschehen, dieses Eine nicht ursprünglich im Geschichtsschreiber ist, da ist keine Geschichte. „Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart dürft ihr das Vergangene deuten; nur in der stärksten Anspannung eurer edelsten Eigenschaften werdet ihr erraten, was in dem Vergangenen wissenswert und bewahrungswürdig und groß ist. Gleiches durch Gleiches! Sonst zieht ihr das Vergangene zu euch nieder…. Geschichte schreibt der Erfahrene und Überlegene. Wer nicht einiges größer und höher erlebt hat als alle, wird auch nichts Großes und Hohes aus der Vergangenheit zu deuten wissen. Der Spruch der Vergangenheit ist immer ein Orakelspruch: nur als Baumeister der Zukunft, als Wissende der Gegenwart werdet ihr ihn verstehen“ (Nietzsche). Daß in der Mannigfaltigkeit des Einen, [123] Vergangenen – wohlzuverstehen: in der Mannigfaltigkeit des Einen Vergangenen das Zeugnis vom Sinn unsres Daseins Gegenwart werde, daß das Selbstgespräch des Gleichzeitigen in Vergangenheit und Gegenwart belauscht sei und menschliche Stimme bekomme, daß das Unhistorische am Ende und Anfang aller Geschichte unübersehbar und unüberhörbar werde, das kann der „Nutzen der Historie“ sein – der Historie nämlich, die sich zuerst und vor allem, aller „Kritik“ prinzipiell vorgängig, in der Krisis, in der Krankheit zum Tode befindet. Sie sieht, indem sie versteht und sie versteht, indem sie verkündigt. Sie schaut Geschichte, indem sie Geschichte schreibt, und sie schreibt Geschichte, indem sie Geschichte macht. Sie schöpft ihre Erkenntnis aus „Quellen“, die erst dadurch zu Quellen werden, daß sie sie durch ihre Erkenntnis erschließt. Von solcher Art ist die Historie der Genesis. Sie ist hörende und redende Historie. Sie ist voll Gleichzeitigkeit. Sie ist des Hörens und Redens fähig, weil sie selbst in der Ohren und Lippen öffnenden Krisis begriffen ist. Sie sieht und verbreitet Oberlicht, weil sie selbst darin steht. Sie bietet „unhistorische“ Geschichte – gewiß, weil ihr gerade am Unhistorischen als dem Wesen und Gehalt alles Historischen gelegen ist, weil sie selbst vom Unhistorischen aus und auf das Unhistorische hin lebt und alles Historische nur als Zeugnis von seinem unhistorischen Ende und Anfang kennen und bieten will. Sie sagt uns darum von Abraham das, „was nicht nur ihn sondern auch uns angeht“.
„Uns, die wir glauben an den, der Jesus unsern Herrn von den Toten erweckte – welcher dahingegeben ist wegen unsres Fallens und auferweckt wegen unsrer Rechtfertigung.“ „Gleiches durch Gleiches“ und – Gleiches zu Gleichem. Kein redender Mund der Vergangenheit ohne das hörende Ohr der Gegenwart. Das Werk der Weisheit in der Genesis könnte ja auch rückgängig gemacht, das Oberlicht, das auf ihr liegt, wieder abgeblendet, das Nacheinander der Zeiten, das Nebeneinander der Verhältnisse, die Mannigfaltigkeit des Verschiedenen in den historischen Menschen, die an sich wirkliche und vielleicht interessante Fülle stummer Gesichte wiederhergestellt, der Beduinenhäuptling Abraham könnte wieder in unendliche räumliche und zeitliche Ferne und Fremdartigkeit gerückt werden. Das Selbstgespräch des Gleichzeitigen bricht dann zunächst ab, weil die Gegenwart offenbar in der Vergangenheit keine ihrer würdige Partnerin gefunden hat – oder auch umgekehrt. Warum nicht? Die bloße Analyse ist auch ein Weg, wenigstens in Zeiten großer Geistesarmut. Irgend einmal [124] wird ja auch sie ihre Grenze erreichen, z. B. feststellen müssen, daß Abrahams Persönlichkeit – unhistorisch ist und damit steht sie selber wieder vor der gebieterischen Notwendigkeit der Synthese, von der die Genesis ausgeht. Wir haben letztlich gar nicht die Möglichkeit, eine andere Art von Historie als die der Genesis, eine bloß analytische Historie zu treiben und besser wäre es, daran von vornherein zu denken. Wir sind nun einmal in das Selbstgespräch des Gleichzeitigen in Vergangenheit und Gegenwart verwickelt. Die Genesis sagt uns nun einmal von Abraham das, was uns angeht, auch wenn unser Bewußtsein davon sehr schwach ist und was wir werden hören müssen, auch wenn unsere Betrachtungsweise einer solchen Gestalt eine sehr andere ist als die der Genesis. Denn „wir glauben an den, der den Herrn Jesus von den Toten erweckte“. Wir stehen schon in der Problematik, die uns die Genesis als die Problematik des Lebens Abrahams zeigt: auf der Grenze zwischen Tod und Leben, zwischen dem tiefen Gefallensein des Menschen, das die Verneinung Gottes bedeutet, und der Gerechtigkeit Gottes, die die Verneinung des Menschen bedeutet. Wir stehen mit dem Abraham der Genesis, der noch viel „unhistorischer“ ist als die Analytiker sich träumen lassen, vor der Unmöglichkeit der Erkenntnis, vor der Unmöglichkeit der Auferstehung, vor der Unmöglichkeit der in Gott begründeten und von Gott zu erwartenden Einheit von Diesseits und Jenseits. Wir glauben – und wir wissen, daß wir hinzufügen müssen: wir wissen von unserm Glauben nur das, daß er immer auch Unglaube ist. Wir wissen aber auch, daß er als Glaube, als das, was wir nicht wissen, mit dem Glauben Abrahams die Umkehrung aller Dinge ist, der Tod unsres Todes, das Nicht-Sein unsres Nicht-Seins (4,17). Sofern wir alle nicht glauben, bleibt auch uns allen unter andern möglichen Möglichkeiten die der analytischen Kritik, die sich bewußt an den Abraham hält, der uns nichts angeht noch angehen kann. Sie zu verdächtigen oder zurückbinden zu wollen, wird uns nicht einfallen. Auch sie wird ja schließlich die Krisis, die Krankheit zum Tode, in der wir uns befinden, nicht aufhalten können, sondern in ihrer Weise beschleunigen müssen. Sie wird ja schließlich nur bewähren können, daß der historische Abraham uns wirklich nichts angeht. Und in dem Maße, als sie das wirklich tut, eröffnet sie den Ausblick auf den unhistorischen Abraham der Genesis, auf die Notwendigkeit der Synthese, auf die unmögliche Möglichkeit, daß wir es alle auch wagen dürften, mit unserm Glauben zu rechnen.
Quelle: Karl Barth, Der Römerbrief (1922), Zürich: Theologischer Verlag 121978, S. 116-124.