Siegfried Kettling über die Auferstehung der Toten: „Auferstehung sagen, heißt den Horizont unserer Welt grundsätzlich überschreiten ins »Eschaton« (»Letzte«) hinein. Hier kann man nicht gegenständlich beschreiben, sondern nur das uns Verheißene hinweisend »bedeuten«. Das geschieht im Neuen Testament in der Sprache des Gleichnisses: Die griechischen Wörter nehmen den allmorgendlichen Vorgang des »Aufweckens« bzw. »Aufstehens« als Bild. Unsere deutschen Wörter »Auf-er-weckung« und »Auf-er-stehung« sind schon theologische Fachsprache. Dabei ist grundlegend das Wort, das Gott die Aktivität beilegt: Wir können nur »auferstehen«, weil Gott »auferweckt«.“

Auferstehung der Toten

Von Siegfried Kettling

1. Zur Sprache

Auferstehung sagen, heißt den Horizont unserer Welt grundsätzlich überschreiten ins »Eschaton« (»Letzte«) hinein. Hier kann man nicht gegenständlich beschreiben, sondern nur das uns Verheißene hinweisend »bedeuten«. Das geschieht im Neuen Testament in der Sprache des Gleichnisses: Die griechischen Wörter nehmen den allmorgendlichen Vorgang des »Aufweckens« bzw. »Aufstehens« als Bild. Unsere deutschen Wörter »Auf-er-weckung« und »Auf-er-stehung« sind schon theologische Fachsprache. Dabei ist grundlegend das Wort, das Gott die Aktivität beilegt: Wir können nur »auferstehen«, weil Gott »auferweckt«.

2. Biblische Grundlagen

Wenn – wie schon die jüdische Apokalyptik es tut – die Auferstehung als entscheidendes Heilsereignis erwartet wird, dann wird daran Wesentliches für die bibl. Gesamtsicht deutlich. Im Blick auf Gott: Der »lebendige Gott« ist selbst Urheber und Inbegriff des Lebens. Scheidung von Gott und Tod gehören deshalb ebenso zusammen wie Vergebung der Sünde und Überwindung des Todes. So gewiß der Tod Gottes Werkzeug, gleichsam sein »Gerichtsvollzieher« ist, so gewiß ist er zugleich »der letzte Feind«, der abgetan werden muß (1Kor 15,26). Wer den Tod absolut setzt und die Auferstehung bestreitet (so die Sadduzäer), verneint damit Gottes Gottheit, erweist sich als praktischer Atheist (Mk 12,24.27).

Ebenso wichtig ist ein Denken von der Auferstehung her im Blick auf den Menschen: Er ist von Gott als Ganzheit entworfen (1Mo 2,7). »Auferweckung« ist von daher ein Protestwort gegen eine Scheidung des Menschen in einen materiellen, wesenhaft minderwertigen und deshalb vergänglichen Körper und eine geistige, wesenhaft gottähnliche und darum an sich unsterbliche Seele (Platonismus). Als Schöpfer des ganzen Menschen und der ganzen Welt ist Gott auch Erlöser und Vollender des Ganzen. Auferstehung sagt: Ich werde mit Leib und Seele erlöst, – nicht meine Seele vom Körper.

3. Die alles entscheidende Gottestat

Mit der Auferweckung und Erhöhung des für unsere Sünde gekreuzigten Jesus bricht die Vollendung, das »Eschaton«, an. Mit ihr ist die »alte Welt« wesenhaft überwunden. Jesu Osterleib ist das »erste Stück« der neuen, vollendeten Wirklichkeit, Unterpfand für das Ganze. Wie Jesu Sterben das Ende dieses ganzen »Weltschemas« (1Kor 7,31) als Konsequenz nach sich zieht, so Jesu Auferweckung die radikale Verwandlung der Schöpfung in die Vollendungsgestalt.

4. Jesu Auferweckung – Grund unserer Auferweckung

Jesu Auferweckung ist nicht ein (vorgezogener) Sonderfall der allgemeinen Totenauferstehung (wie sie die Apokalyptiker für das Ende der Tage erwarten); sie ist nicht »ein privates Ostern für einen privaten Karfreitag« (Formulierung nach J. Moltmann), sondern Fundament für das Heil aller. Entsprechend zieht Paulus aus dem Satz »Wäre Christus nicht erstanden« wahrhaft nihilistische Konsequenzen: Predigt, Glaube, Sündenvergebung, ewiges Leben wären Lüge und Illusion (1Kor 15,14-19).

Von dieser Konsequenz der Auferweckung Jesu spricht das Neue Testament in zwei Aussagenreihen, die einander aspekthaft zugeordnet werden. Die eine Blickrichtung zielt auf die Christen (klassisch in 1Kor 15); die andere auf die ganze Menschheit, die vor ihren Richter gestellt wird (»allgemeine Totenauferstehung«). Im ersten Fall gilt: Die Auferweckung ist als solche heilshaft, weil sie aus der Christusgemeinschaft herauswächst: Wer ein Glied am (österlichen) Leib Christi ist (1Kor 12,27), wer mit denn »Erstling« Christus verwachsen ist (1Kor 15,20), wer im Glauben bereits »neue Kreatur« heißt; (2Kor 5,17) und so bereits dem »Eschaton« (Endgültigen) zugehört, das der Tod nicht mehr erreichen kann, für den ist das »Mit-Christus-Auferstehen« (Röm 6,8) nichts als folgerichtig. Bei dem vierten Evangelisten ist die Konzentration auf die Christusgemeinschaft noch stärker: Die Auferstehung als zukünftiger Vorgang tritt ins zweite Glied. Jesus, als Person, »ist die Auferstehung und das Leben« (Joh 11,25). Wer an ihn glaubt, der »hat« das ewige Leben (Joh 6,47), »der wird leben, auch wenn er stirbt«, ja der wird (im geistl. Sinn) »nimmermehr sterben« (Joh 11,25f), »der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit« (Joh 8,51). Grund der Auferstehung ins ewige Leben ist die Christusverbundenheit jetzt und hier. [155]

Im zweiten Fall wird unterstrichen, daß Jesus das universale »Schicksal« aller Menschen ist. Der Tod muß ausnahmslos alle herausgeben und sie vor den Richterstuhl Christi »befördern« (Offb 20,11-15). Hier geht es um eine letzte Entscheidung und Scheidung: Heilshaft ist diese Auferstehung für alle, die »im Buch des Lebens« stehen, also »in Christus« sind (vgl. die erste Linie); die andern verfallen »dem zweiten Tod«. Diesen beiden Linien entspricht sachlich die Rede von einer (nicht primär zeitlich, sondern qualitativ gemeinten) »ersten« und einer »zweiten Auferstehung« (Offb 20,5f) wie vom »zweiten Tod«: Er ist gegenüber dem biologischen Ende von anderer Qualität: Wer zu diesem Tode »aufersteht«, ist im Wortsinn »verloren«, d.h. er ist seiner geschöpflichen Bestimmung entfremdet, von dem Retter Christus geschieden.

Ein weiterer Aspekt ist zu nennen: »Leibliche Auferstehung« schließt ein, daß wir mit dem Ergebnis, der »Frucht«, der Wirkungsgeschichte unseres Lebens vor Gott gestellt werden (nicht als isolierte Seelen!): Was von unserm Tun und Lassen in das Werk Christi eingezeichnet ist, was zu seiner Ehre geschah, wird mit eingehen in die Ewigkeit. Die Arbeit »im Herrn« war »nicht vergeblich« (1Kor 15,58); dieses Werk »bleibt« und empfängt »Lohn« (1Kor 3,14; vgl. Offb 14,13: Die Werke öffnen keineswegs die Himmelstür, aber »sie folgen nach«). Andererseits gehört das christusfremde, selbstbezogene Werk zur Konkursmasse der Verlorenen, es »verbrennt« (1Kor 3,13).

5. Jesu Auferweckung – Maß unserer Auferweckung

Aus der Art der Auferstehung Jesu ergeben sich wichtige Konsequenzen für das christl. Gesamtverständnis:

  1. Jesu Grab erweist sich als leer, Jesus begegnet leibhaft; damit ist der platonische Dualismus (Körper-Seele) überwunden.
  2. Jesus erscheint in einer ganz neuen Leiblichkeit, hat eine tiefe Verwandlung erfahren, muß immer neu seine Identität mit dem Gekreuzigten bezeugen; damit wird die »naive Sicht« (der Pharisäer wie auch der meisten Stammesreligionen heute) verneint, das neue Leben sei einfach eine gesteigerte Fortsetzung des alten‘ (vgl. die Kategorie der »Verwandlung« bei Paulus 1Kor 15,51).
  3. Jesu Auferstehung hat Anteil an dem streng einmaligen Charakter aller geschichtlichen Gottestaten: Gerade so ist sie ein für allemal und ganz umfassend gültig (die Ostererscheinungen haben ein unwiderrufliches Ende!); damit ist jeder Lehre von einem »Rad der Wiedergeburten«, von »Seelenwanderung« und »Reinkarnation« ein deutliches Nein entgegengestellt.

6. Grenzfragen

Der Frage nach dem »Wie« der Auferstehung (etwa nach Stoff, Gestalt, Lebensweise des österlichen Leibes) stellt Paulus sein schroffes »Du Narr« entgegen (1Kor 15,36). Hier können wir uns nur »versteigen«, hier greifen unsere Begriffe nicht. Auf eine Identität der Atome kommt es gewiß nicht an (die frühe Christenheit hat es nicht erschreckt, wenn man die Asche ihrer Märtyrer verstreute); unsere Identität liegt »in Christus«. Paulus nennt den neuen Leib »pneumatisch« (1Kor 15,44), d.h. der Schöpfer-Geist wird ihn ganz gott-, ganz ewigkeitsgemäß formen. Weil es bei der Auferstehung um die Vollendung der Christusgemeinschaft geht, werden wir individuell gestaltet sein, zur Kommunikation befähigt (nicht – wie der Hinduismus lehrt – Tautropfen, die im All-Göttlichen auf- und untergehen). So werden wir uns gewiß auch »wiedererkennen«; besser: Wir werden als solche, bei denen Gottes Entwurf endlich voll verwirklicht ist, uns erstmalig wahrhaft erkennen, so wie wir in Gott »erkannt«, d.h. erwählt und geliebt sind (1Kor 8,3; 13,12; Gal 4,9).

Lit.: P. Althaus: Die letzten Dinge, 61956; G. Greshake, J. Kremer: Resurrectio mortuorum. Zum theologischen Verständnis der Auferstehung, 1986; S. Kettling: Du gibst mich nicht dem Tode preis, 21990, Teil A.V; H. Lamparter: Die Hoffnung der Christen, 21977, 67ff.

Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, Bd. 1 (1992), 154f.

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