Karl Barth, Jesus Christus ist auferstanden (Ostern 1947): „Wenn in einer Versammlung eines unserer Interessenverbände auf einmal jemand aufstehen, das Wort verlangen und in aller Ruhe, aber jedermann sofort verständlich nur das sagen würde: «Jesus Christus ist auferstanden»! Wenn in einer Pfarrer-Konferenz – vielleicht in der Woche nach Ostern, wenn sie alle begreiflicherweise etwas müde und etwas zum Unglauben geneigt sind – jemand durchs offene Fenster von außen dieses Wort hereinriefe! Oder wenn es jetzt eben vor mir selbst so aufstünde, wie es lautet und gemeint ist, so dass ich es zur Kenntnis nehmen und mich von jetzt an daran zu halten hätte, dass es so ist, wie dieses Wort sagt! Wenn …“

Jesus Christus ist auferstanden (Ostern 1947)

Von Karl Barth

Man schämt sich tief, wenn man sich vor Augen hält, wie kümmerlich wenig wir mit diesem «Jesus Christus ist auferstanden», mit der Osterbotschaft also, anzufangen wissen. Man schämt sich für sich selbst, wie wenig man doch dieser Botschaft gewachsen ist: mit dem Kopf nicht und mit dem Herzen und Gewissen erst recht nicht und mit seinem Leben schon gar nicht. Man schämt sich für so viele Osterpredigten landauf, landab, und für die Osterartikel auch in den christlichen Blättern, um von den anderen schon gar nicht zu reden. Um überhaupt nicht zu reden von dem, was sich (ähnlich wie an der «Weihnacht») unter dem Titel von «Ostern» in den Zeitungen, in den Schaufenstern, in den Vergnügungsstätten zu Stadt und Land breit machen darf. Es ist alles so matt und ungenügend und kindisch neben dem, was die Botschaft «Jesus Christus ist auferstanden» für die christliche und nicht-christliche Menschheit eigentlich zu bedeuten hat.

Man könnte freilich auch fast erschrecken, wenn man sich vorstellte, wie es wäre, wenn das plötzlich auskäme und bekannt würde. Wenn irgendeinem der Auslands- oder Inlandsredakteure einer unserer Zeitungen diese Erkenntnis plötzlich hineinführe in seine Betrachtungen zur Lage: Jesus Christus ist auferstanden! Wenn sich das auf einer unserer Großbanken etwa kurz vor Bureauschluß auf einmal in seinem wahren Sinn herumspräche vom Direktorszimmer bis zu den Schaltern für das Publikum! Wenn in einer Versammlung eines unserer Interessenverbände auf einmal jemand aufstehen, das Wort verlangen und in aller Ruhe, aber jedermann sofort verständlich nur das sagen würde: «Jesus Christus ist auferstanden»! Wenn in einer Pfarrer-Konferenz – vielleicht in der Woche nach Ostern, wenn sie alle begreiflicherweise etwas müde und etwas zum Unglauben geneigt sind – jemand durchs offene Fenster von außen dieses Wort hereinriefe! Oder wenn es jetzt eben vor mir selbst so aufstünde, wie es lautet und gemeint ist, so daß ich es zur Kenntnis nehmen und mich von jetzt an daran zu halten hätte, daß es so ist, wie dieses Wort sagt! Wenn … aber der Leser mag sich weitere Situationen (und seine eigene) selbst ausmalen. Wenn er dann nicht ein wenig erschrickt, so kann es nur eben daran liegen, daß er das Wort noch nicht verstanden hat und darum seine wirklich revolutionäre Bedeutung für das menschliche Leben nicht zu ermessen weiß.

Geht man nämlich dieser Sache bis zu ihrer Quelle nach, so sieht man, daß dieses Wort bei den ersten Christen, aber dann doch sofort auch in ihrer Umgebung eine Wirkung hatte, die man eigentlich nur beschreiben könnte, indem man sich vorstellte, es ginge uns eines Morgens eine ganz andere und viel mächtigere Sonne auf, vor der die alte Sonne gänzlich verblaßte und deren Strahlen alles, was uns jetzt dicht scheint, völlig durchdringen und also alles Verborgene erhellen würden, so daß wir in ihrem Licht dieselbe Welt, in der wir jetzt leben, auf einmal in ihrer Tiefe und also ganz anders und neu sehen müßten und insofern in einer ganz anderen neuen Welt leben würden. Aber das ist nur ein schwaches Bild für die in der Osterbotschaft angezeigte Veränderung. «Jesus Christus ist auferstanden» heißt nämlich: «Das Alte ist vergangen, siehe da, es wurde zu einem Neuen» (2. Kor. 5,17). Nicht, wie es jedes Jahr wieder Frühling wird. Nicht, wie wir jeden Morgen zu einem neuen Tag erwachen. Nicht, wie es nach bösen Zeiten (wenigstens manchmal) auch wieder besser zu gehen pflegt. Und nicht, wie wir nach Kummertagen auch wieder ein wenig Mut schöpfen mögen. Da vergeht ja das Alte nicht, da wird es ja nicht zu einem Neuen. Das sind ja bekanntlich nur Teilstrecken in einem großen Kreislauf. «Jesus Christus ist auferstanden» bedeutet aber eine endgültige und gänzliche Veränderung aller Dinge infolge dessen, daß sie in ein ganz neues Licht gekommen sind.

Ich nenne ein paar von den Dingen, die im Lichte der Auferstehung Jesu Christi endgültig und gänzlich verändert sind: Was wir das Böse nennen, hat wie eine Wespe, nachdem sie einmal gestochen hat, von da an keine Macht mehr. Wer nach der Auferstehung Jesu Christi noch Böses will und tut, der will und tut etwas, was schon passé, überholt ist. Und so kann man das Böse in sich selbst und in anderen nur noch so bekämpfen, wie man eine solche gefährlich gewesene Wespe verscheuchen muß. Die Anklage gegen uns Menschen – wir denken zwar in der Regel ziemlich gut von uns selbst, aber wir wissen schon, daß wir irgendwo alle angeklagt sind –, diese Anklage ist durch Jesu Christi Auferstehung hinfällig, gegenstandslos geworden. Es ist uns also erlaubt und geboten, uns selbst und die anderen als Freigesprochene anzusehen, selbst als Freigesprochene zu leben und auch die anderen als Freigesprochene und nicht immer noch als Angeklagte zu behandeln. Unseres Lebens Enttäuschungen, Unvollkommenheiten und Rätsel sind schon da, aber sie haben durch die Auferstehung Jesu Christi ihr spezifisches Gewicht verloren, und sie sind in der Waagschale, in der sie liegen, durch das, was in die andere gelegt ist, weit aufgehoben. Es hat keinen Sinn mehr, in die Abgründe unseres Daseins – und wären sie noch so tief und schrecklich – zu starren, als ob sie uns verschlingen könnten. Der Tod? Hier muß man das Stärkste sagen, wenn man es recht sagen will: In der Auferstehung Jesu Christi ist es besiegelt, daß wir schon gestorben sind (vgl. Kol. 3,3) und daß das «Sterben», das wir noch vor uns haben, nur die Bestätigung sein wird, daß alle Verlegenheit und Bitterkeit, alle Finsternis des Todes schon erledigt ist und hinter uns liegt. Die ganze Melancholie, das ganze schwarze Trauerwesen, mit dem wir das Sterben umgeben zu müssen meinen, ist uns geschenkt und erlassen.

Als das nationalsozialistische Deutschland vor zwei Jahren kapitulierte, da hat die Besatzung der Insel Helgoland noch ein paar Tage weitergeschossen und -gekämpft, als ob das Spiel nicht aus wäre. Die Nachricht hatte sie noch nicht erreicht, oder sie wollten es noch nicht glauben, daß es wirklich aus sei. Genau so wie diese unentwegten Nazis auf Helgoland halten wir es mit der Auferstehung Jesu Christi, mit der Veränderung aller Dinge, die durch sie geschehen ist. Vielleicht hat uns die Nachricht noch nicht richtig erreicht. Vielleicht glauben wir sie noch nicht. Jedenfalls haben wir noch nicht realisiert, was geschehen ist. Und so leben wir weiter, als wäre nichts geschehen. Was sind wir für kuriose Leute!

Ich sage das vor allem im Gedanken an uns Christen, die gewiß nicht unter diesen kuriosen Leuten sein sollten und die doch unter den Kuriosen öfters die Kuriosesten sind: die, die es am wenigsten begreifen und am wenigsten sich danach einrichten wollen, daß am ersten Ostertag (als es noch kein Ostergeläute, keine Osterpredigten noch all die anderen schönen Ostersachen gab) das Alte vergangen und zu einem Neuen geworden ist, eine Umdrehung um 180 Grad in allem, was wir für Lebenswahrheit und Lebenswirklichkeit halten, stattgefunden hat. Wir müssen uns schon merken, daß wir dann – wenn wir womöglich Angst davor haben, daß das wahr sein könnte – auch an die Ostergeschichte von dem leiblich aus dem Grab hervorgegangenen Herrn Jesus Christus vergeblich glauben. An diese Geschichte glaubt man nur dann wirklich, wenn man realisiert, daß, eben indem sie geschehen ist, das Alte vergangen und zu einem Neuen geworden ist.

Gesucht sind ein paar fröhliche Christen und ein paar fröhliche Weltkinder, die keine Helgoländer sein, die also ohne Angst, daß jene Veränderung wahr sein könnte, realisieren wollen, was damit geschehen ist. Die böse Zeit, in der wir leben, hat ein paar solche Menschen nötig, die für das Licht der «Sonne der Gerechtigkeit» (Mal. 3, 20), wie Jesus Christus in alten Tagen genannt wurde, dankbar sein, die in diesem Licht leben und dieses Lichtes Zeugen sein möchten.

Ursprünglich veröffentlicht in: Leben und Glauben, 22. Jg., Heft 14 (5.4.1947), S. 2.

Quelle: Karl Barth, Predigten 1935-1952, hrsg. von Hartmut Spieker und Hinrich Stoevesandt, (GA I.26), Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 1996, S. 451-455.

Hier der Text als pdf.

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