Eberhard Jüngel, Bibelarbeit zu 1.Korinther 11,17-34 (1999): „Freiheit aber – das ist nach einer treffenden philosophischen Definition das Vermögen, etwas anzufangen. Die christliche Freiheit ist im eminenten Sinne das uns von Gott geschenkte Vermögen, mit uns und mit der Welt und mit Gott etwas anzufangen: etwas Neues, etwas Besseres als das hoffnungslos Veraltete. Christen sind Anfänger im ursprünglichsten Sinne des Wortes, nämlich Anfänger zum Besseren.“

Bibelarbeit zu 1.Korinther 11,17-34

Von Prof. Dr. Eberhard Jüngel D.D., Tübingen

Liebe Kirchentagsgemeinde!

Lassen Sie uns diesen Tag beginnen mit der Erinnerung an den Tag der Tage, an den Ostermorgen und gemeinsam singen den im Gottesklang unter Nr. 10 abgedruckten Osterchoral Christ ist erstanden:

Christ ist erstanden von der Marter alle;
des solln wir alle froh sein,
Christ will unser Trost sein.
Kyrieleis.

Wär er nicht erstanden,
so wär die Welt vergangen;
seit dass er erstanden ist,
so loben wir den Vater Jesu Christ.
Kyrieleis.

Halleluja, Halleluja, Hallejuja!
Des solln wir alle froh sein,
Christ will unser Trost sein.
Kyrieleis.

Laßt uns beten:
Lieber himmlischer Vater!
Du gibst uns täglich unser Brot.
Dafür danken wir Dir, indem wir nicht aufhören, Dich zu bitten:
gib uns und allen Deinen Menschenkindern jeden Morgen neu,
was unser Leib zum Leben braucht.
Herr Jesus Christus!
Du bist das Brot des Lebens, vom Himmel gekommen.
Wir preisen Dich, weil Du Dich für unseren Lebenshunger dahingegeben hast.
Wir preisen Dich, indem wir Dich bitten:
ernähre unsere Seele und stärke sie mit Deinem heiligen Geist!
Gott, Heiliger Geist!
Komm Du jetzt zu uns und erfülle uns mit Freude und Lust am Leben!
Laß die weltlich und geistlich Lebenssatten wieder hungrig werden.
Und die allzu Begierigen erfülle mit dem rechten Augenmaß:
daß wir sehen, wo wir zu geben haben, statt zu nehmen;
aber auch, wo wir ungeniert nehmen und bitten, ja betteln dürfen;
Unser tägliches Brot gib uns heute. Amen.

Der Apostel Paulus schreibt nach Korinth (1.Kor 11,17-34):

17 Ich ordne an; (denn) loben kann ich nicht, daß Eure Zusammenkünfte nicht zum Besseren, sondern zum Schlimmeren führen. 18 Höre ich doch (gleich) zuerst, daß es Spaltungen gibt, wenn Ihr in der Gemeinde zusammenkommt, und zum Teil glaube ich das auch. 19 Denn es muß ja wohl Cliquen unter Euch geben, damit die Erprobten unter Euch offenbar werden. 20 Wenn Ihr nun (auf diese Weise) zur Versammlung zusammenkommt, ist das (gar) nicht das Herrenmahl. 21 Denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine hungert, der andere dagegen ist betrunken. 22 Habt Ihr denn keine Häuser zum Essen und Trinken? Oder verachtet Ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben? Was soll ich Euch (dazu) sagen? Soll ich Euch loben? (Nein,) darin lobe ich Euch nicht. 23 Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich auch Euch überliefert habe:

Der Herr Jesus, in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, 24 nahm das Brot, dankte, brach es und sprach: Das ist mein Leib – für Euch. Dies tut zu meinem Gedächtnis. 25 Ebenso (nahm er) auch den Becher nach dem Mahl und sagte: Dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut. Dies tut, sooft Ihr (daraus) trinkt, zu meinem Gedächtnis.

26 Denn sooft Ihr dieses Brot eßt und (aus diesem) Becher trinkt, verkündigt Ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. 27 Wer daher unwürdig das Brot ißt oder den Becher des Herrn trinkt, wird schuldig am Leib und Blut des Herrn. 28 Der Mensch prüfe sich aber selbst und esse (dann) vom Brot und trinke aus dem Becher. 29 Denn wer ißt und trinkt, der ißt und trinkt es sich zum Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet. 30 Deshalb sind unter Euch viele Kranke und Schwache, und manche sind entschlafen. 31 Würden wir uns selbst prüfen, würden wir nicht gerichtet. 32 Werden wir aber vom Herrn gerichtet, so werden wir gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden. 33 Also, meine Brüder, wenn Ihr zum Essen zusammenkommt, wartet aufeinander. 34 Wenn jemand (bloß) Hunger hat, soll er zu Hause essen, damit Ihr nicht zum Gericht zusammenkommt. Das übrige aber werde ich anordnen, sobald ich komme.

I

Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Schwestern und Brüder!

Was ist los in Korinth? Was geht dort vor bei den Christen, so daß Paulus, der Gründer der korinthischen Gemeinde, sich seinen Ärger mit einem apostolischen Brief vom Hals schreiben muß? Was ist los in der Kirche jener Hafenstadt, die den deutschen Bildungsbürgern mehr noch als durch apostolische Briefe aus Schillers Gedicht von den Kranichen des Ibykus bekannt sein dürfte: als Ort in jener „Landesenge“, die „zum Kampf der Wagen und Gesänge … der Griechen Stämme froh vereint“?

Froh vereint waren offensichtlich auch die im Heiligen Geist versammelten korinthischen Christen, wenn sie zum Essen und Trinken zusammenkamen und das Mahl des Herrn feierten. Zu froh vielleicht? So froh, daß der Apostel nicht nur streng, sondern ausgesprochen feierlich werden und den Korinthern die hochheilige Abendmahlsliturgie in Erinnerung rufen mußte, um ihrem gar zu turbulenten Verhalten Einhalt zu gebieten? Was ist los in Korinth?

Die Antwort fordert etwas Geduld. Denn in den Gemeindeversammlungen zu Korinth geht einiges durcheinander. Man ist zusammengekommen, um Gott zu erfahren und erfährt in Wahrheit sich selbst – und wie! Man will die Gegenwart des Herrn feiern und feiert doch in Wahrheit die eigene Entrückung: man zelebriert die Erfahrung der unerhörten Leichtigkeit des eigenen Seins, „und des ird’schen schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt …“. Man will sich selbst vergessen, um ganz und gar beim Herrn zu sein, und vergißt in Wahrheit den anderen, den notleidenden Nachbarn. Und man merkt es nicht einmal. Dicht beieinander liegen in Korinth der rechte Gebrauch der christlichen Freiheit und ihr enthusiastischer Mißbrauch, der sakramentale Sinn des Herrenmahls und sakramentalistischer Unsinn, die herrliche Wahrheit des Evangeliums und ihre egoistische Usurpation. Wie oft im Leben, so verwirrt und vermischt sich auch bei der überaus lebendigen Gemeinde in Korinth, was doch um Gottes willen und um unserer Seelen Seligkeit willen unbedingt unterschieden werden muß. Unsere Bibelarbeit wird also vor allem Unterscheidungsarbeit sein. Und dazu braucht es, wie gesagt, etwas Geduld, braucht es vor allem die Geduld des Verstehens. Man kann ja nicht glauben, ohne zu verstehen, was man glaubt. Rechter Glaube ist sogar überaus begierig, zu verstehen. Denn rechter Glaube lebt von der Wahrheit. Und die Wahrheit will verstanden sein.

In unserem Fall geht es um die Wahrheit des Evangeliums. Und das ist eine überaus lebendige, ja eine festliche Wahrheit: eine Wahrheit, die gleichermaßen verstanden und gefeiert zu werden verlangt. Und feiern – das können die Korinther. Das können sie nur zu gut. Jedenfalls ein Teil von ihnen. Ein anderer Teil aber guckt in die Röhre. Und das in ein und derselben Gemeinde! Ein Teil der Kirche – ein anderer Teil: da fängt die Notwendigkeit des Unterscheidens schon an.

Wer die festliche Wahrheit des Evangeliums verstehen will, der muß zunächst einmal auseinanderhalten, was bei der Feier der evangelischen Wahrheit alles zusammenkommt: nicht um das Zusammenkommen zu verhindern, sondern umgekehrt, um ein rechtes Beisammensein zu ermöglichen. Schauen wir also genauer hin und sortieren wir, was da alles zusammenkommt, wenn Paulus der das Herrenmahl feiernden Gemeinde zu Korinth einen apostolischen Brief schreibt.

Fangen wir mit dem Elementarsten an! Da sind Brot und Wein, zwei elementare Lebensmittel. Sie stehen stellvertretend für alles, was der Mensch zum Leben braucht, und werden eben deshalb seit alters bis zum heutigen Tag mit dichterischen Worten bedacht: „Brot ist der Erde Frucht, doch ists vom Lichte gesegnet, und vom donnernden Gott kommet die Freude des Weins“ heißt es in einer der denkwürdigsten Elegien, die die deutsche Sprache kennt. Brot und Wein!

Da sind sodann Menschen, glaubende Menschen, die für Brot und Wein dankbar sind und eben deshalb ihrem Schöpfer dafür danken, daß sie genug davon haben. Dank heißt auf Griechisch Eucharistie. Der Name wurde in der christlichen Kirche auf das Herrenmahl übertragen. Denn auch in diesem sakramentalen Mahl genießen die Glaubenden unter Danksagung Brot und Wein. Genießende, dankende Menschen!

Doch sie genießen nicht nur diese irdischen Lebensmittel. Da ist, da geschieht noch etwas anderes, zutiefst Geheimnisvolles. Beim eucharistischen Mahl repräsentieren Brot und Wein zugleich den gekreuzigten Jesus Christus, den Herrn der Kirche. In seinem Mahl teilt er sich selber den Glaubenden mit. Unter Brot und Wein, diesen irdischen Lebensmitteln, wird der gekreuzigte und auferstandene Herr auf geheimnisvolle Weise gegenwärtig, um sein ewiges Leben mit uns zu teilen. Geheimnis des Glaubens!

Und dann sind da auch Menschen, die nicht teilen können. Sie essen und trinken und lassen andere darben. Sie ignorieren den elementaren Tatbestand, daß Brot und Wein und nicht nur Brot und Wein, sondern alle Lebensmittel zum Teilen da sind. Und diese erbärmliche, egoistische Ignoranz ignoriert nicht nur die Bedürfnisse der Habenichtse, sie ignoriert mit den Bedürftigen zugleich den, dem sie Brot und Wein verdanken: „So ist der Mensch; wenn da ist das Gut, und es sorget mit Gaben selber ein Gott für ihn, kennet und sieht er es nicht“ heißt es in derselben Elegie Friedrich Hölderlins. Ignoranten, gotteslästerliche und menschenverachtende Ignoranten!

Und da ist nicht zuletzt ein Apostel, ein abwesender Apostel, der Briefe schreiben muß: Briefe, in denen er seine Gemeinde am liebsten loben möchte, sie aber zu seinem eigenen Verdruß hart tadeln muß. Ein apostolischer Brief und viel apostolischer Ärger!

Und schließlich sind da auch noch wir. Wir, die wir fragen: was ist los in Korinth? Und die wir doch allen Grund haben, uns selber zu fragen: was ist los bei uns? Was ist los bei uns Christen, die wir in unterschiedlichen Konfessionen und Kirchen das Herrenmahl feiern und noch immer nicht vereint sind am Tisch des Herrn? Hätte der Apostel Anlaß, auch uns einen Brief zu schreiben?

Brot und Wein, genießende, dankbare Menschen, das eucharistische Geheimnis des Glaubens, gotteslästerliche und menschenverachtende Ignoranten, der Apostel und wir – das alles gehört also dazu, wenn man verstehen will, was es mit der Feier des heiligen Mahles, was es mit der Eucharistiefeier auf sich hat, zu der die Korinther – wie die Christen in aller Welt – zusammenkommen, bei der sie aber offensichtlich nicht in rechter Weise beieinander sind. Das Verstehen wird hier, wie gesagt, auf ein Geheimnis stoßen, eben auf das eucharistische Geheimnis. Doch dieses Geheimnis ist nicht dunkel, nicht unverständlich, nicht abweisend. Ganz im Gegenteil: es will verstanden werden, und je besser wir es verstehen, desto geheimnisvoller wird es. Das unterscheidet das Geheimnis von einem Rätsel. Wer des Rätsels Lösung kennt, für den hat das Rätsel seine Rätselhaftigkeit verloren. Wer aber ein Geheimnis versteht, dem wird das Geheimnis noch geheimnisvoller. Aus dem Mysterium der Liebe ist uns das ja durchaus vertraut: je tiefer Liebende einander verstehen, desto geheimnisvoller werden sie sich. Und das eucharistische Geheimnis hat durchaus etwas mit dem Geheimnis der Liebe zu tun. Denn Gott, der Gott, der um unsertwillen zur Welt gekommen und in dieser Welt für uns gestorben ist – er ist die Liebe. Im eucharistischen Mysterium wird das erfahrbar, daß Gott nichts als Liebe, daß – wie Martin Luther pointiert formuliert hat – Gott ein glühender Backofen voller Liebe ist.

Doch neben dem Mysterium lauert das Mysteriöse. Und neben dem eucharistischen, dem sakramentalen Geheimnis lauert das sakramentalistische Mißverständnis, der sakramentalistische Mißbrauch des Sakraments. In Korinth muß dergleichen geschehen sein. Um zu verstehen, was geschehen ist, müssen wir Klarheit über das Herrenmahl selbst gewinnen. Was feiern wir eigentlich, wenn wir zum Abendmahl, zur eucharistischen Feier zusammenkommen?

Aber auch die Rolle des Apostels gilt es zu klären. Wie kommt dieser unscheinbare Mann dazu, sich mit einer Autorität sonders gleichen zu Worte zu melden. Mit welchem Recht kann er erwarten, daß man in Korinth auf ihn hört? Was gibt dem Apostel seine unvergleichliche Vollmacht und Autorität? Und was haben wir mit dem Apostel, was hat er mit uns zu tun? Ist der Apostel nur eine archaische Autorität, long, long ago? Oder, gibt es auch heute so etwas wie apostolische Autorität? Und wenn ja, wo ist sie? Und in welcher Gestalt ist sie da? Wie und wo ereignet sich wahre apostolische Sukzession?

Etwa im nächsten Jahr, im Jahr 2000, wenn der Papst in Rom die Jahrtausendwende zum Anlaß nimmt, um mit apostolischer Autorität ein Jubeljahr, ein Erlaßjahr zu proklamieren, das die befreiende Kraft des Evangeliums bezeugen soll? Mag sein … Oder ereignet sich apostolische Sukzession bereits hier und jetzt? Also in diesem Augenblick, in dem wir uns auf einem evangelischen Kirchentag von Gottes Wort ansprechen lassen? Ereignet sich apostolische Sukzession da, wo wir uns um Gottes Wort versammeln, um uns von der Wahrheit des Evangeliums wirklich sammeln, also konzentrieren zu lassen: so sehr, daß nicht nur unsere intellektuelle Aufmerksamkeit, sondern unsere ganze Existenz auf Wahrheit hin konzentriert wird? Und wir wenigstens für einige Augenblicke gesammelte, konzentrierte, wahre Menschen werden?

Keine Frage, unser Text wirft Fragen auf. Und deren erste lautet: was ist los in Korinth?

Es war offensichtlich keine Bagatelle, was dem Apostel aus Korinth zu Ohren gekommen ist: keine quantité négligeable, auf die Paulus allenfalls mit hochgezogener apostolischer Braue oder nur eben mit leicht erhobenem apostolischen Zeigefinger zu reagieren hätte. Nein, das, was sich die Christen zu Korinth in ihren gottesdienstlichen Versammlungen geleistet haben, das war schon eher ein handfester kirchlicher Skandal: ein Skandal inmitten der christlichen Gemeinde, auf den der Apostel mit apostolischem Ärger reagiert: „ich kann das nicht loben, daß Eure Zusammenkünfte statt zum Besseren zum Schlimmeren führen“. Der Apostel, man merkt es, ist offensichtlich zutiefst verärgert.

Dabei würde er die von ihm selber gegründete Gemeinde viel lieber loben. Denn dann wäre er in seinem eigenen Element. Loben, das ist des Apostels Amt, und zwar nicht nur Gott loben, sondern eben auch uns Menschen. Wer niemals einen Menschen loben kann, der kann ganz gewiß auch Gott nicht loben, dessen Gotteslob wäre hohl und gotteslästerlich.

Denn jemanden loben – das heißt soviel wie ihn anerkennen. Und Anerkennung braucht der Mensch, Anerkennung braucht jeder von uns. Schon die kleinsten Kinder brauchen die im Lob versteckte Anerkennung, um jene Ich-Stärke zu gewinnen, die man zum Leben nun einmal bitter nötig hat. Doch auch der erwachsen gewordene Mensch ist darauf angewiesen, anerkannt und wenigstens hin und wieder gelobt zu werden. Wer ohne jede Anerkennung leben muß, der verkümmert. Und wer andere Menschen niemals zu loben bereit ist, der verweigert ihnen die lebensnotwendige Anerkennung, der gönnt offensichtlich nur sich selbst, nur dem eigenen Ego die Chance, ein starkes, lebensfähiges Ich zu werden und zu bleiben. Und wer nur selber ein starkes Ich sein will, alle andern aber möglichst schwach sehen will, der verdient wahrhaftig ein Egoist genannt zu werden.

Ganz anders der Apostel. Er will loben. Seine Gemeinde zu loben – das paßt offensichtlich sehr viel besser zu seinem Amt, als dem apostolischen Ärger freien Lauf zu lassen.

Und vom Apostel gelobt zu werden – das wäre immerhin etwas. Denn ein Apostel – das ist wortwörtlich übersetzt ein Gesandter, ein Botschafter – in gewisser Hinsicht durchaus vergleichbar den politischen Gesandten und Botschaftern heutiger Staaten. Die Funktion dieser politischen Exzellenzen, die wir mitunter im Fernsehen sehen, ist es, ihren Souverän zu vertreten. So vertritt der britische Botschafter z. B. die Queen, der russische Botschafter Präsident Jelzin und der deutsche Botschafter das deutsche Volk. Wer den Botschafter ehrt, ehrt den Souverän, der ihn entsandt hat. Und wer den Botschafter beleidigt oder gar verletzt, der beleidigt und verletzt eigentlich den Souverän, den er repräsentiert.

Repräsentieren heißt auf Deutsch: darstellen. Ein Botschafter stellt in seiner Person den dar, der ihn gesandt hat: eben sein Volk, seinen Präsidenten, seine Königin. Und genau das gilt nun auch von dem Apostel Jesu Christi. Auch der Apostel ist der Repräsentant eines Souveräns – freilich eines Souveräns ganz besonderer Art. Der Apostel stellt Jesus Christus dar. Und das ist nun allerdings ein seltsamer, ein überaus eigenartiger Souverän. Während der irdische Souverän erwartet, daß jeder Bürger und jede Bürgerin für ihn da ist und ihn notfalls auch unter Einsatz des eigenen Lebens verteidigt, gilt für den Souverän, den der Apostel repräsentiert, das genaue Gegenteil: er ist für uns da. Und er ist so für uns da, daß er sein Leben gerade nicht verteidigt oder verteidigen läßt. Petrus muß das zur Verteidigung seines Herrn gezückte Schwert wieder in die Scheide stecken. Denn ein Schwert hier provoziert Schwerter dort. Das ist die Logik des Schwertes. Jesus hat die Logik des Schwertes beendet. Petrus mußte sein Schwert in die Scheide stecken, damit nicht nur das Leben, sondern auch der Tod des Herrn einer alt gewordenen, einer hoffnungslos alt gewordenen Welt zugute kommen kann. Der Souverän, den Paulus repräsentiert, geht in den Tod, damit für jedermann erfahrbar wird: das ist mein Leib – für Euch.

Eine Person voller Hingabe – das ist der Souverän, den Paulus zu repräsentieren hat. Voller Hingabe für alle, die mit sich selber nicht fertig werden. Und die deshalb mit sich selber nicht fertig werden, weil sie mit sich selber nichts anfangen können. Und die mit sich selber nichts anfangen können, weil sie viel zu sehr mit sich selber beschäftigt, ja, weil sie mit sich selber belastet sind. Schwerer als mit sich selbst kann das menschliche Ich nicht belastet werden. Was schleppen wir alles mit uns herum an unaufgearbeiteter Vergangenheit, an alten und sich immer wieder erneuernden Lebenslügen, an verdrängter Schuld, aber auch an verfehlten Chancen! Selbst junge Menschen schleppen bereits Altlasten mit sich herum, oft genug drückende, deprimierende Altlasten. Und ein jeder von uns schleppt seinen alten Menschen, seinen hoffnungslos veralteten alten Adam mit sich herum und schämt sich seiner und wird ihn nicht los.

Wirklich nicht? Der Apostel widerspricht solcher Selbsteinschätzung. Und er widerspricht im Namen seines Herrn. Denn der Souverän, den Paulus repräsentiert, hat den alten Menschen und mit ihm zugleich alle unsere Altlasten entsorgt: er hat alles, was an mir hoffnungslos veraltet ist, er hat alles, was dem neuen Menschen, was unserer Zukunft im Wege steht, dem Tod, dem Vergehen überantwortet. Das ist sein souveränes Geheimnis, das mit ihm auch ich gestorben bin, um mit ihm neues Leben zu gewinnen. Dieser Tod ist also alles andere als ein trauriges Ereignis. Wer mit Christus gekreuzigt, gestorben und begraben ist, der ist sich selber, der ist seine eigene Vergangenheit definitiv los; der ist – wie die Mystiker sagen – seiner selbst ledig geworden. Endlich befreit von sich selbst – das ist die Erfahrung, die beim Mahl des Herrn gefeiert wird. Hier ereignet sich wirklich so etwas wie die Leichtigkeit des Seins.

Doch diese unvergleichliche Freiheit, diese unerhörte Leichtigkeit verdankt sich einem überaus harten, einem bitteren Ereignis: sie verdankt sich der im Namen des Gesetzes vollzogenen Kreuzigung des Herrn, sie verdankt sich der Gottverlassenheit des Gekreuzigten. Denn das ist der Tod im Urteil der Tora, im Urteil des Gesetzes: das Ereignis völliger Gottverlassenheit.

Um das zu verstehen, muß man sich klarmachen, was nach biblischem Urteil Leben heißt. Das Leben baut sich auf aus Beziehungen. Wahres Leben ist immer ein beziehungsreiches Leben. Und die fundamentalen Lebensbeziehungen – das sind die Beziehung des Menschen zu Gott, seine Beziehung zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt und seine Beziehung zu sich selbst. Doch die Beziehungen zerbrechen, sie sterben ab, wenn das menschliche Ich nur noch selbstbezogen existiert, wenn es seine Selbstbezogenheit rücksichtslos durchsetzt. Dann beginnt bereits mitten im Leben der Tod. Rücksichtslose Selbstbezogenheit führt immer in die Beziehungslosigkeit und also in den Tod. Und die schlimmste aller Beziehungslosigkeiten, das ist der fehlende Kontakt mit Gott. Die schlimmste aller Beziehungslosigkeiten ist die Gottverlassenheit.

Diese unsere Gottverlassenheit hat der Gekreuzigte im Tode mit uns geteilt. Nein, nicht geteilt, er hat sie uns abgenommen, er hat sie an unserer Stelle erlitten – verkündet das Evangelium. Er ist für uns gestorben: „Das ist mein Leib – für Euch“. Deshalb verkündigt die Gemeinde, so oft sie das Herrenmahl feiert, seinen Tod. Paulus erinnert daran: „Sooft Ihr dieses Brot eßt und (aus diesem) Becher trinkt, verkündigt Ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“

In Korinth hatte man das offensichtlich vergessen. Oder verdrängt. Den Korinthern ist der Apostel mit seiner penetranten Rede vom Tode Jesu Christi offensichtlich auf die Nerven gegangen. Und irgendwie kann man das ja auch verstehen. Wer will schon ständig an den Tod erinnert werden? Den Tod – den möchte man doch, statt ihn ständig vor Augen zu haben, viel lieber hinter sich haben, siegreich hinter sich haben. In Korinth hatte man das offensichtlich geschafft. In Korinth war man der Meinung, daß man den Tod bereits ein für allemal hinter sich hat. In Korinth setzte man auf den Auferstandenen, und das ohne Wenn und Aber: so sehr und so radikal, daß man auf den Tod, den alle anderen Menschen noch vor sich haben, bereits zurückblicken, siegesgewiß zurückblicken zu können meint. „Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?“ (1Kor 15, 55). Hat nicht Paulus selber dieses österliche Lied angestimmt? Hat er nicht selber die stolze These proklamiert: „Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden“ (2Kor 5, 17)? Hat er den Christen nicht eingeredet, daß sie frei sind, in einem unüberbietbaren Sinn freie Menschen? Ist ein Christenmensch nicht ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan? Ist Paulus nicht der Apostel der christlichen Freiheit?

Er ist es. Daran ist nicht zu rütteln, das ist nicht zu ermäßigen. Und der Christenmensch ist ein freier Herr, eine freie Frau über alle Dinge und niemandem untertan. Jawohl, auch die Frau. Und eben deshalb müssen auch ihr alle kirchlichen Ämter offen stehen. Alle! Also auch die sogenannten Spitzenämter. Also auch das Amt einer hannoverschen Landesbischöfin. Auch dann, wenn sie die Mutter von vier Kindern ist. Ja, dann erst recht! Was ist los in unserer Kirche, wenn sie einerseits die Familie als eine gar nicht hoch genug zu schätzende Gabe Gottes preist und uns andererseits durch den Mund eines Altbischofs wissen läßt, eine Mutter würde durch das Bischofsamt überfordert werden? Was ist los bei uns mit der christlichen Freiheit?

Freiheit aber – das ist nach einer treffenden philosophischen Definition das Vermögen, etwas anzufangen. Die christliche Freiheit ist im eminenten Sinne das uns von Gott geschenkte Vermögen, mit uns und mit der Welt und mit Gott etwas anzufangen: etwas Neues, etwas Besseres als das hoffnungslos Veraltete. Christen sind Anfänger im ursprünglichsten Sinne des Wortes, nämlich Anfänger zum Besseren.

Anfänger zum Besseren aber kann man nur loben. Und das hätte auch der Apostel gegenüber den Christen in Korinth nur zu gerne getan.

Doch statt dessen gibt es apostolischen Ärger. „Ich kann das nicht loben, daß Eure Zusammenkünfte statt zum Besseren zum Schlimmeren führen“. In Korinth sind die Christen offensichtlich, statt Anfänger zum Besseren zu werden, rückfällig geworden. Statt in die Zukunft voranzuschreiten, ist wieder alles beim Alten. Was ist los in Korinth?

Bevor wir uns der Antwort nähern, wollen wir jedoch erst einmal selber das Beste beginnen, das man im Himmel und auf Erden überhaupt anfangen kann, nämlich Gott loben. Und wir wollen das in der Gemeinschaft mit allen Menschen, ja mit allen Völkern tun: Laudate omnes gentes, Laudate Dominum – lobet alle Völker, lobet den Herrn. Im Gottesklang ist es das Lied Nr. 5.

II

Manchmal, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ist mit einem einzigen Wort alles gesagt. Oder so gut wie alles.

Auch in unserem Text fällt gleich am Anfang ein solches Wort, mit dem bereits so gut wie alles gesagt ist. Vom Zusammenkommen ist da die Rede. Es steht gleich dreimal da. Und am Ende der apostolischen Belehrung über die rechte Abendmahlspraxis fällt dasselbe Wort dann noch zweimal.

Zusammenkommen ist ein technischer Ausdruck, den die älteste Christenheit zur Bezeichnung ihrer gottesdienstlichen Versammlungen gebraucht hat. Das waren allerdings schon ganz äußerlich recht ungewöhnliche Zusammenkünfte. Da kamen Menschen zusammen, die sonst wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben: Menschen, die sonst einander eher aus dem Wege gehen. Sie kommen zusammen, weil sie glauben, daß sie zusammengehören. Und sie gehören zusammen, weil sie daran glauben, daß da noch etwas ganz anderes zusammengekommen ist, nämlich der Himmel Gottes und unsere Erde. In der Person Jesu Christi ist zusammengekommen, was keiner von uns zusammenzubringen vermag: „Gottheit und Menschheit vereinen sich beide“, um von nun an bis in Ewigkeit zusammen zu sein. Und dieses Zusammenkommen und Zusammensein von Himmel und Erde, von Gott und Mensch – das feiern die Christen, das feiern wir. Und wir feiern es, indem wir die Geschichte Jesu Christi zusammen mit zwei elementaren Lebensmitteln, mit Brot und Wein auf uns wirken lassen.

Zusammenkommen – Zusammensein: darum geht es. Darum geht es nicht nur im elften Kapitel des Korintherbriefes. Darum geht es in unserem ganzen Leben. Darum geht es in Gottes ganzer Schöpfung. Um mit uns zusammen zu sein, hat der Schöpfer die Welt geschaffen. Und er hat sie so geschaffen, daß auch die Kreatur nur sein kann, solange sie mit anderen Kreaturen zusammen ist. Was wir Natur nennen, existiert nur in der Weise des Zusammenseins, mitunter eines gefährlichen Zusammenseins, aber eben des Zusammenseins. Und was wir Geschichte nennen, ereignet sich nur in der Weise des Zusammenkommens und Zusammenlebens, oft genug eines spannungsvollen Zusammen­­lebens, aber eben des Zusammenlebens. Wenn es doch alle Politiker, wenn es doch die auf „ethnische Säuberungen“ fixierten Pseudopolitiker endlich begreifen würden: Leben heißt allemal: Zusammenleben. Sein heißt allemal: Zusammensein. Das Gegenteil ist tödlich. Wer nur für sich selber lebt, der beginnt auch schon zu sterben. Wer in splendid isolation und nur auf sich selbst bezogen da ist, der fängt auch schon an, zugrundezugehen. Das gilt für das einzelne Ich, und das gilt genauso für Gruppen, Kollektive und Völker.

Damit wir nicht zugrundegehen, müssen wir zusammenkommen. Und nicht nur wir. Damit die Schöpfung nicht zugrundegeht, muß sie mit dem Schöpfer zusammenkommen. Und zusammenbleiben.

Zusammenkommen – Zusammensein – Zusammenbleiben. Wo der Schöpfer mit seinem Geschöpf zusammenkommt und seine Geschöpfe zusammenruft, so daß auch sie zusammenkommen, um im Frieden zusammen zu sein, wo das geschieht, da ereignet sich Gottesdienst.

Sollte man meinen. Doch in Korinth ereignet sich mitten im Gottesdienst das genaue Gegenteil. Auch hier kommt man zusammen. Man trifft sich zur Feier des heiligen Mahles. Und driftet hoffnungslos auseinander. Die Christen kommen zusammen und sind schon in Cliquen gespalten. Was ist los in Korinth?

Das ist los: die Christen kommen in Korinth wie überall Tag für Tag abends zu einer Gemeindeversammlung zusammen, deren Höhepunkt die Feier des Herrenmahles bildet. Ein gemeinsames Essen gehört dazu, ein Liebesmahl, auf griechisch: Agape. Es heißt so, weil jedes Gemeindeglied für dieses gemeinsame Mahl die notwendigen Lebensmittel mitbrachte, jeder nach seinem Vermögen, um den anderen davon abzugeben. Wer wenig oder gar nichts hatte, wer tagsüber hungern mußte, der wurde hier auf Kosten der Wohlhabenderen versorgt: sein Hunger wurde gestillt. Arme, Kranke, Sklaven, Witwen und Waisen – hier hörten sie auf, Minderbemittelte und Ausgegrenzte zu sein. Hier wurden sie Menschen. Hier wurden sie satt.

Am Anfang dieses Liebesmahles wurde – wie bei einem rituellen jüdischen Gemeinschaftsmahl – das Brot betend gesegnet, und am Ende des Mahles wurde der Weinbecher, bevor er die Runde machte, ebenfalls mit Danksagung gesegnet. Und mit Brot und Wein waren zugleich alle Nahrungsmittel, die während der Agape verzehrt wurden, gesegnet. Sakramentales Herrenmahl und weltliches Sättigungsmahl gehören aus gutem Grunde zusammen. Denn in beiden Fällen werden Menschen gesättigt: mit irdischen Lebensmitteln im Sättigungsmahl, mit Leib und Blut Christi im eucharistischen Mahl.

Wir satten Europäer haben in der Regel den Sinn dafür verloren, was es heißt, gesättigt zu werden. Erst wenn das Notwendige fehlt, wenn es am Allernotwendigsten mangelt – wie jetzt im Kosovo -, entdeckt man, was es heißt, gesättigt zu werden. Satt werden – das hat selbstverständlich zuerst und vor allem etwas mit unserem Leib zu tun. Doch was man dem Leib zufügt oder vorenthält, das wird dem ganzen Menschen zugefügt oder vorenthalten. Daß die Würde des Menschen unantastbar ist, das fängt beim Leib, das fängt mit dem täglichen Brot an. Und zum täglichen Brot gehört alles das, was jetzt im Kosovo fast völlig fehlt. Zum täglichen Brot gehört dort nicht nur das, was man essen und trinken kann, sondern auch die Wiederherstellung der Zivilisation. Um der Menschenwürde willen haben unsere westlichen Staaten gegen die Verbrechen der Diktatur militärische Gewalt aufgeboten. Wir wollen jetzt nicht darüber streiten, ob das der richtige Weg war. Wenn man nun, am Ende der Bombardements, wahrnehmen muß, daß die Infrastruktur des Kosovo zerstört ist, daß, um nur ein Beispiel zu nennen, das Eisenbahnnetz zerstört ist, daß aber die Armee der Mörder sich nach wie vor kraftstrotzend zurückziehen kann, weil man offensichtlich vor allem Panzer aus Pappmaché zerstört hat, dann kann man wohl seine Zweifel haben. Zweifel! Nicht absolute Gewißheit! Wer hier allzu sicher ist, ein Gewissen, das hier überhaupt nicht in Nöten, geschweige denn in höchsten Nöten war und nicht mehr aus noch ein wußte – oh, das muß ein beneidenswertes Gewissen sein, unheimlich beneidenswert, unheimlich… Doch noch einmal: wir wollen jetzt nicht darüber streiten, ob der von der NATO gewählte Weg der gebotene Weg war. Aber dafür wollen wir streiten, daß am Ende dieses nicht erklärten Krieges kein Pfennig weniger in den Frieden investiert wird als der Krieg gekostet hat. Selig sind, die Frieden machen. Gesegnet das Geld, das Hungernde satt macht. Es gibt ihrem Leben die Gegenwart zurück.

Denn satt werden heißt: gegenwärtig werden und die Gegenwart genießen zu können. Wer Hunger leidet, der wird um die Gegenwart betrogen. Wer zu verdursten droht, hat Glück, wenn er noch irgendwie über die Runden kommt. Die Gegenwart genießen, selber ganz präsent zu sein, vermag er nicht. Satt werden aber heißt: ganz und gar präsent werden und also zu beginnen, ein ganzer Mensch zu werden. Und genau das verspricht, genau das verheißt der christliche Gottesdienst: daß wir schon jetzt wenigstens für eine gewisse Zeit das werden, was wir dermaleinst für immer sein werden: nämlich ganz und gar gegenwärtige Menschen, ganz und gar präsent: weltlich präsent kraft der irdischen Lebensmittel und geistesgegenwärtig kraft der Gegenwart dessen, der sich in Brot und Wein uns selber mitteilt. Und zwischen dieser weltlichen Gegenwart und der geistlichen Gegenwart, zwischen den irdischen Lebensmitteln und dem ewigen Lebensmittel herrscht ein strenger Zusammenhang. Deshalb macht sich Jesus Christus unter Brot und Wein gegenwärtig. Der himmlische Herr hält der Erde die Treue.

Doch in Korinth ist es anders. Die christliche Gemeinde dieser Hafenstadt bestand vor allem aus der sozial schwachen Bevölkerungsschicht. Viele mußten sich aus ihrer harten Arbeit regelrecht davonschleichen, wenn sie an der gottesdienstlichen Versammlung teilnehmen wollten. Kein Wunder, daß sie nicht selten zu spät kamen.

Es gab aber auch wohlhabendere Gemeindeglieder, die über ihre Zeit selber verfügen konnten. Sie waren just in time. Und sie waren gut versorgt mit Speisen und Trank. Doch statt auf die verspätet Eintreffenden zu warten und Zeit und Lebensmittel mit ihnen zu teilen, genossen sie die sakramentale Gegenwart des Herrn in vollen Zügen. Und nicht nur das. Sie genossen rücksichtslos. Und im rücksichtslosen Genuß des Sakramentes beginnt dessen sakramentalistischer Mißbrauch. Sie aßen, so viel sie hatten, und sie tranken, so viel sie konnten. Und sie kamen in Stimmung, in eine himmlische Stimmung, wie sie meinten. Der Himmelskönig, der Auferstandene und zu Rechten Gottes Erhöhte war ja mitten unter ihnen. Ach was, nicht er war mitten unter ihnen, sondern sie waren oben, ganz oben, sie wußten sich, wie er, zur Rechten Gottes erhöht. Kurzum: sie waren high.

Eia, wär’n wir da. Eia, wär’n wir doch auch da – mögen die später Kommenden sich gedacht haben. So hatten sie sich das Zusammenkommen mit den wohlhabenderen Brüdern und Schwestern nicht vorgestellt. Sie wollten mit ihnen essend und trinkend zusammen sein. Doch statt dessen waren jene bereits in einen höheren Chor entrückt. Und von dorther hörten sie sie seltsame Lieder lallen, während ihnen der Magen knurrte und die Kehle vertrocknete. Und angesichts leergegessener Teller und leergetrunkener Becher entleerte sich ihnen auch der Sinn des eucharistischen Mahles. Sie blieben weltlich und geistlich ungesättigt. Und wurden erneut um die Gegenwart betrogen: um die geistliche Gegenwart des Herrn inmitten ihrer elenden Existenz und zugleich um ihre eigene weltliche Gegenwart bei einem sie sättigenden irdischen Mahl.

Paulus, der Apostel Jesu Christi, kommentiert die Vorgänge in Korinth mit bitterer Ironie: „Es muß ja wohl Cliquen unter euch geben …“ Doch Cliquenwirtschaft macht das Zusammenkommen der Christen zu einer Farce. Denn zusammenzukommen, um dann doch nicht zusammen zu sein – das widerspricht dem heiligen Mahl, das spricht dem eucharistischen Geheimnis Hohn. Wer das Sakrament derart sakramentalistisch mißbraucht, daß er die irdischen, die oft peinlichen irdischen Verhältnisse aus dem Blick verliert und sich der Solidarität mit den Hungernden entziehen zu können meint, dem wird das eucharistische Mahl, das ihn zum Himmel zu führen verspricht, zur Höllenfahrt. Er ißt es sich zum Gericht. Er mißachtet die Souveränität des Gekreuzigten. Und damit ruft er den Apostel, den Repräsentanten des Gekreuzigten, auf den Plan.

Der Apostel aber bietet gegen den unsolidarischen Sakramentalismus das Sakrament selber auf. Er ruft den Korinthern und so auch uns die wahre Bedeutung des eucharistischen Geheimnisses in Erinnerung. Und darauf können wir uns kaum besser vorbereiten als durch einen erneuten Lobgesang. Also noch einmal: Laudate omnes gentes, laudate Dominum.

III

Eigentlich müßten wir den Enthusiasten in Korinth für ihren sakramentalistischen Mißbrauch des Sakramentes ja dankbar sein. Denn nur dieser Mißbrauch hat den Apostel veranlaßt, auf das Herrenmahl einzugehen, um der Gemeinde in Erinnerung zu rufen, was sich eigentlich ereignet, wenn das eucharistische Geheimnis gefeiert wird. Und selbst in dessen Mißbrauch war ja noch ein starkes Wahrheitsmoment zur Stelle. Die ungeheure Leichtigkeit des eigenen Seins, die die Korinther offensichtlich erfahren haben, verrät ja etwas von der großen Entlastung, die das heilige Mahl bewirkt. Und wenn die Enthusiasten sich selber vergessen, wenn sie nicht mehr ganz bei sich sind, sondern eben high, dann lassen sie doch noch immer etwas davon erkennen, daß die feiernden Christenmenschen in der Tat nicht bei sich selbst sind: sursum corda – die Herzen empor – erhebet Eure Herzen: das wird ihnen ja während der eucharistischen Feier zugerufen. Und die jubelnde Antwort lautet: habemus ad Dominum – wir haben sie, wir haben unsere Herzen beim Herrn. Zum eucharistischen Mahl gehört dieser eucharistische Jubel. Die Apostelgeschichte berichtet denn auch, daß die älteste Gemeinde mit jubelnder Freude das Mahl feierte.

Dieser eucharistische Jubel ist wesentlich für die Feier des Abendmahls. Er ist nicht etwa nur eine liturgische Zutat, sondern er entspringt dem eucharistischen Mysterium selbst. Die Glaubenden jubeln über Christi geheimnisvolle Gegenwart im Brot, das während dieses Mahles gegessen wird, und im Wein, der während dieses Mahles getrunken wird.

In unseren protestantischen Abendmahlsfeiern hat man das über Jahrhunderte hinweg vergessen. Und es ist das große Verdienst der jungen Generation, es ist nicht zuletzt das Verdienst der jugendlichen evangelischen Kirchentage, die protestantischen Abendmahlsfeiern von ihrer gespenstischen Pseudoernsthaftigkeit befreit zu haben. Ich bin ein alter Professor und rede der Jugend nicht gern nach dem Mund. Aber dieses Lob gebührt ihr: daß sie in die evangelischen Abendmahlsfeiern den eucharistischen Jubel zurückgebracht haben. Wohl dem, der eine solche Jugend hat!

Schon Brot und Wein zu haben und genießen zu können, ist wahrlich ein Anlaß zur Freude. Brot und Wein – das ist ja nicht nur das Minimum, das wir zum Leben brauchen, sondern wenn Brot und Wein beieinander sind und wenn Menschen beieinander sind, die beides genießen, dann steigert sich das geschöpfliche Leben zur Lebensfreude.

Doch während des eucharistischen Mahles erinnern Brot und Wein nicht nur an die Freundlichkeit des Schöpfers. Im eucharistischen Mahl stellt sich mit Brot und Wein der Herr selber ein, wird Jesus Christus selber gegenwärtig. Darüber jubelt die Gemeinde. Sie jubelt darüber, daß der Gekreuzigte lebt und daß sie mit ihm, mehr noch, daß sie von ihm leben darf. Die Abendmahlsgemeinde jubelt darüber, daß der in dieser Welt Abwesende jetzt anwesend ist, daß der dieser Welt durch seinen Tod, durch seine Auferstehung und durch seinen Heimgang zum Vater in jeder Hinsicht Entzogene sich uns in diesem Mahl auf neue Weise zugänglich macht: er ist da, er ist für uns da. Die christliche Kirche jubelt darüber, daß Jesus Christus zum Festmahl einlädt, um die Mühseligen und Beladenen zu erquicken, und daß er jeden, der nach der Lebensgemeinschaft mit Gott hungert und den nach menschlicher Gemeinschaft dürstet, zu sättigen verspricht: Nimm hin und iß … Nimm hin und trink …

Es geht also darum, etwas zu nehmen, etwas zu sich zu nehmen: so wie man eben Lebensmittel zu sich nimmt. Es geht darum, Jesus Christus als elementarstes Lebensmittel zu sich zu nehmen. Es geht wirklich nur darum, etwas zu nehmen. Niemand muß da etwas tun, niemand wird da gefordert, niemand muß etwas leisten. Am Tisch des Herrn findet die Leistungsgesellschaft ihre Grenze. Hier sind wir nur eben Feiernde, also Personen, die weder Gott noch der Welt gegenüber irgend etwas zu tun oder irgend etwas zu leisten haben. Das genaue Gegenteil ist der Fall: der ständig geforderte und nur zu oft überforderte Mensch wird in der Feier des Abendmahls nicht auf eine von ihm geforderte Tat, er wird hier nicht auf von ihm erwartete Leistungen, sondern er wird nur auf sein Dasein angesprochen, auf sein neues Dasein als Glaubender. Im Herrenmahl schweigt das gebietende Gesetz, hier regiert allein der Gnade ausströmende souveräne Indikativ des Evangeliums. Und das ist ein Indikativ, der uns aus Tätern zu Empfangenden, der uns aus Geforderten und Überforderten wieder zu Seienden macht, zu Seienden, die sich dessen freuen, daß sie da sein und mit Jesus Christus zusammen sein können.

Einen solchen souveränen Indikativ kennt die Welt nicht. Die Welt kennt nur problematische Indikative, sie kennt aber keinen absolut verläßlichen Indikativ, auf den man sich unter allen Umständen, auf den man sich im Leben und im Sterben verlassen kann. Die Welt wird von Imperativen und Optativen beherrscht. Die Welt setzt uns unter Druck. Und in der Welt setzen wir uns selber unter Druck, unter den Druck hoch moralischer Imperative und nicht selten auch unter den Druck ganz und gar unmoralischer Imperative. Doch aus Imperativen gehen immer nur sehr zerbrechliche Indikative hervor. Sie haben ihre Zeit. Und oft genug zerbrechen sie sogar vor der Zeit. Nicht so der souveräne Indikativ der Gnade. Auf ihn ist Verlaß, jetzt und in alle Ewigkeit. Und im Herrenmahl wird dies erfahrbar. Dort regiert schon jetzt der Indikativ des Friedens, der das Leben in Gottes himmlischem Reich bestimmen wird. Deshalb sursum corda – erhebet Eure Herzen.

Der eucharistische Jubel bewegt also etwas, er bewegt unsere Herzen, er bewegt das Zentrum unserer Existenz. Und er bewegt das Zentrum unserer Existenz so, daß wir bei unserem Herrn erst richtig zu uns selbst kommen. So lebt nun, schreibt Martin Luther an den Papst, „ein Christenmensch … nicht in ihm selbst, sondern … durch den Glauben fährt er über sich (hinaus) in Gott“. Doch Luther fährt fort: „Und aus Gott fähret er wieder unter sich durch die Liebe“. Denn man kann nicht privat bei Gott sein. Man kann nicht bei Gott sein, ohne den Anderen neben sich und – wichtiger noch – unter sich wahrzunehmen und ihm in seinem Anderssein gerecht zu werden.

Unwürdig nennt Paulus das Verhalten jener Christen, die im rechten Glauben zu Gott emporfahren, um bei ihm und nur bei ihm zu sein, und dabei vergessen, zum anderen Menschen neben sich und unter sich zurückzukehren. Und mit äußerster Schärfe erklärt der Apostel, daß sie das eucharistische Geheimnis profanisieren und daß sie sich zum Gericht essen, was sie selber zu ihrer eigenen Seligkeit zu genießen meinen. Denn wem der andere auf Erden gleichgültig ist, der nimmt auch den ganz anderen, der nimmt auch Gott nicht ernst. Und er hält es wohl für einen Mythos, daß der Sohn Gottes den hohen Platz zur Rechten Gottes verlassen hat, um die fragwürdigsten Gestalten, um Samariter, Heiden, Zöllner, Huren an seinen Tisch zu laden und ihnen schon auf Erden himmlische Freuden zu bereiten. Wohlgemerkt: schon auf Erden. Der Weg dem Herrn entgegen führt immer tiefer in die irdische Welt hinein. Und wer sich ihr und ihren Problemen verschließt, dem verwandelt sich der eucharistische Jubel zu höllischem Gelächter. Wer seine eigene Identität verwirklichen will, ohne beim anderen zu sein und sich durch den anderen in Frage stellen zu lassen, der ist fehl am Tisch des Herrn.

Die anderen, das sind im Blick auf die eucharistische Gemeinschaft ganz konkret die anderen Konfessionen, also die Katholiken, die Protestanten, die Orthodoxen. Der Gekreuzigte ruft sie alle an seinen Tisch. Denn er ist für sie alle, er ist für alle Gottlosen, für alle Sünder gestorben. Und Sünder sind wir alle. Sünder sind Katholiken, Protestanten und Orthodoxe gleichermaßen. Also gehören wir auch alle an denselben Tisch, an dem Sünden vergeben und Sünder gerechtfertigt werden. Das ist mein Leib – für Euch: diese Zusage gilt dem ganzen Erdkreis, gilt der Oikumenae. Und es ist ein unerträglicher theologischer Skandal, daß die Christenheit ausgerechnet am Tisch des Herrn gespalten ist. Das „Herrenmahl ist ökumenisch oder nicht mehr Herrenmahl, sondern Sektenfeier … denn wer Gäste des Gekreuzigten nicht bei sich duldet, duldet den Gekreuzigten selber nicht mehr in seiner Mitte“ – hat der große Neutestamentler Ernst Käsemann bereits vor 20 Jahren auf dem Nürnberger Kirchentag gesagt. Es sollten nicht noch einmal 20 Jahre in’s Land gehen, bevor alle Christen gemeinsam Abendmahl feiern.

Das ist der apostolische Brief an uns, liebe Kirchentagsteilnehmer. Er ist kurz, aber eindeutig: Ihr lebt doch als Glaubende bereits vom souveränen Indikativ der Gnade – schreibt uns der Apostel. Wie könnt Ihr da Andere kirchenrechtlich ausschalten! Oder dogmatistisch gleichzuschalten versuchen, um ihnen erst dann, wenn sie Euch gleichgeschaltet sind, volle Kirchengemeinschaft zu gewähren! Der souveräne Indikativ der Gnade schließt dergleichen souverän aus. Denn Gnade gilt immer dem Anderen. Gnade heißt: mit dem Anderen in seinem Anderssein zusammensein zu wollen. Gnade will von Uniformität nichts wissen.

Das heißt nicht, daß sie alles beim Alten läßt. Ganz im Gegenteil. Der souveräne Indikativ der Gnade versetzt uns ja an einen anderen Ort, an dem alles ganz anders ist. Im Glauben, hatte Luther gesagt, fähret der Mensch über sich hinaus in Gott. Und dieser Mensch, das ist der sündige, das ist der sich selbst entstellende, der erzhäßliche Mensch, das bin ich. Doch bei Gott, am Tisch des Herrn, da wird auch der häßlichste Mensch schön, in einem ganz ursprünglichen Sinne schön. Denn wen Gott liebevoll anblickt, der wird durch die Liebe des Anderen schön, ganz und gar schön. So schöpferisch, so kreativ ist die Liebe. Gottes Liebe, sagt Luther, entzündet sich nicht am Liebenswerten, sondern sie macht das ganz und gar nicht Liebenswerte der Liebe würdig, liebenswürdig und also schön.

Es gibt einen jiddischen Schlager aus dem Berlin der 20er Jahre, in dem das singende Ich einem anderen, einem offensichtlich sehr häßlichen Du versichert: „bei mir biste scheen, bei mir biste scheen“. Triviale Poesie, gewiß! Aber bei aller Trivialität doch ein ausgesprochen schöpferisches, ein ausgesprochen kreatives Kompliment! Hier wird auf trivialpoetische Weise genau das ausgedrückt, worum es beim eucharistischen Mahl geht. Den das Herrenmahl Feiernden wird genau dies von Gott selbst zugesprochen: „bei mir biste scheen, bei mir biste scheen“. Und wenn dieses überaus kreative Kompliment dann auch noch aus einem menschlichen Mund zu hören ist, wenn wir das auch zueinander zu sagen vermögen: Bei mir bist Du schön, dann ist was los, dann ist wirklich was los in Korinth und überall, wo Christen zusammenkommen. Ja, dann geht es in der christlichen Gemeinde richtig los.

Und nun lassen Sie uns Gott noch einmal loben und zwar mit dem ambrosianischen Lobgesang, dem Te Deum laudamus, das unsere katholische Schwestern und Brüder genauso singen wie wir. Es steht im Gottesklang unter der Ziffer 49:

Großer Gott, wir loben dich;
Herr, wir preisen deine Stärke.
Vor dir neigt die Erde sich
und bewundert deine Werke.
Wie du warst vor aller Zeit,
so bleibst du in Ewigkeit

Alles, was dich preisen kann,
Cherubim und Seraphinen,
stimmen dir ein Loblied an,
alle Engel, die dir dienen,
rufen dir stets ohne Ruh:
„Heilig, heilig, heilig!“ zu.

Heilig, Herr Gott Zebaoth!
Heilig, Herr der Himmelsheere!
Starker Helfer in der Not!
Himmel, Erde, Luft und Meere
sind erfüllt von deinem Ruhm;
alles ist dein Eigentum.

Alle Tage wollen wir
dich und deinen Namen preisen
und zu allen Zeiten dir
Ehre, Lob und Dank erweisen.
Rett aus Sünden, rett aus Tod,
sei uns gnädig, Herre Gott!

Bibelarbeit auf dem 28. Evangelischen Kirchentag am Freitag, 18. Juni 1999, in der Matthäuskirche in Stuttgart.

Hier der Text als pdf.

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