Nachruf des Fachbereichs Theologie der FAU auf Prof. Dr. Hans Günter Ulrich: „Hans Günter Ulrich gehörte zu jener Art von Theologen und Intellektuellen, die selten geworden sind. Er nahm sich Zeit zum Hören. Er hörte Menschen, Texten und Konflikten aufmerksam zu. Er dachte über Gelesenes und Gehörtes gründlich nach, bevor er sich zu Wort meldete. Und wenn er sprach, geschah dies klug, bedacht und mit einer Ruhe, die nicht Distanz, sondern Konzentration auf die Sache und für die Menschen erkennen ließ. In einer Zeit der schnellen Positionierung und der zugespitzten Urteile stand Hans Günter Ulrich für eine andere Form intellektueller Präsenz: für Aufmerksamkeit, Wahrhaftigkeit und Urteilskraft. Wer ihn so kennenlernen durfte, weiß, warum Hans Ulrich einen so großen Freundes- und Schülerkreis um sich scharen konnte.“

24. März 2026

Nachruf auf Prof. Dr. Hans Günter Ulrich

Der Fachbereich Theologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg trauert um Prof. Dr. Hans Günter Ulrich, der am 19. März 2026 im Alter von 83 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist. Er war von 1982 bis 2008 theologischer Ethiker an der Fakultät und später am Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Mit Hans Günter Ulrich verliert der Fachbereich einen Gelehrten, der in seltener Weise theologischen Scharfsinn, ethische Urteilskraft und menschliche Zugewandtheit mit einer tiefen Verankerung im Glauben und Engagement in der Kirche verbunden hat und dessen Stimme weit über Erlangen hinaus Gewicht hatte. Sein Tod erfüllt uns mit großer Trauer.

Geboren am 5. November 1942 in Stettin, wurde Hans Günter Ulrichs Kindheit durch Krieg, Verlust und Neuanfang geprägt. Der frühe Tod des Vaters, Flucht und Nachkriegserfahrung gehörten zu jenen biografischen Erschütterungen, die seiner Theologie einen bleibenden Ernst verliehen. Die Erfahrung einer verwundeten Welt machte ihn empfindsam für Verletzlichkeit, geschichtliche Brüche und die Fragilität menschlicher Ordnungen. Diese biografische Tiefenschicht blieb seinem theologischen Denken eingeschrieben, ohne je auf die eigenen Erlebnisse eingeschränkt zu sein. Sie verlieh ihm – gedeutet aus der geglaubten Zusage Gottes – jene besondere Sensibilität für Menschen in Krisen, für Ambivalenzen des Handelns und für die Notwendigkeit einer Ethik, die sich nicht an der Wirklichkeit vorbeientwickelt.

Nach Schule und Abitur an einem humanistischen Gymnasium in Kitzingen 1962 und einer Vorbereitungszeit in Neuendettelsau begann er 1963 sein Studium der Evangelischen Theologie und alten Sprachen in Heidelberg. Dort prägten ihn Seminare von Hans-Georg Gadamer und Karl Löwith; zudem wurde er unmittelbar in Debatten darüber hineingezogen, wie mit der nationalsozialistischen Vergangenheit eines Teils des Lehrkörpers umzugehen sei. Ähnlichen Konflikten sah er sich auch in Göttingen ausgesetzt, wohin er 1965 gewechselt war und wo er 1968 das Fakultätsexamen ablegte. Hier empfing er nicht nur prägende Einflüsse von Ernst Wolf, sondern lernte auch Seinen Lehrer, Mentor und Freund Gerhard Sauter kennen. Ihm folgte er nach Mainz, wo er von 1970 bis 1973 wissenschaftlicher Assistent von Dietrich Ritschl war. Danach ging er erneut mit Sauter nach Bonn, wo er von 1973 bis 1981 wirkte.

In der Mainzer Zeit wurde er promoviert. Seine 1973 angenommene Dissertation wurde 1975 unter dem Titel „Anthropologie und Ethik bei Friedrich Nietzsche. Interpretationen zu Grundproblemen theologischer Ethik“ veröffentlicht. Am Ende der Bonner Zeit habilitierte er sich mit der Arbeit „Eschatologie und Ethik. Die theologische Theorie der Ethik in ihrer Beziehung auf die Rede von Gott seit Friedrich Schleiermacher“, die 1988 erschien. In Bonn absolvierte er von 1973 bis 1975 auch sein Vikariat und heiratete dort Karin Eschemann, die ihm über fünf Jahrzehnte Herzensmensch, Gesprächspartnerin in ethischen Fragen und Kollegin im Hochschuldienst war. Unmittelbar nach der Habilitation erfolgte der Ruf auf eine Professur für Christliche Sozialethik nach Erlangen, die 1999 in einen Lehrstuhl für Systematische Theologie (Ethik) umgewandelt wurde. An der Fakultät und am Fachbereich der Friedrich-Alexander-Universität wirkte Hans Günter Ulrich bis zu seinem Ruhestand 2008 und blieb der Universität durch eigene Lehrtätigkeiten und rege Teilnahme an Veranstaltungen und Seminaren bis zu seinem plötzlichen Tod verbunden.

Bleibend in Erinnerung ist in diesen Jahrzehnten sein vielfältiges Engagement in universitären, kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Bereichen: so seine Gründungsaktivität und Mitgliedschaft im Klinischen Ethikkomitee des Universitätsklinikums Erlangen von 1990 bis 2021 (sowie in einer Nachfolgeorganisation bis zu seinem Tod), sein langjähriger Austausch mit dem renommierten Genetiker und Virologen Prof. Walter Doerfler zu Fragen der Bioethik sowie seine Mitarbeit im universitären Gremium zu Ethik und Politik der Nuklearabfalltechnologie. Er leitete Workshops zur Wirtschaftsethik für Führungskräfte im Rahmen des von ihm mitgegründeten Instituts für Persönlichkeit & Ethik. Zugleich setzte er sich für die ethisch verantwortliche Gestaltung der Arbeitswelt ein – sowohl im Rahmen des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) als auch durch die Begleitung des Industrie- bzw. Arbeitsweltpraktikums von Theologiestudierenden. Ulrichs Engagement für die Förderung begabter und sozial engagierter Studierender zeigte sich auch in seinem langjährigen Kursangebot zur Technikethik im Rahmen der von der TU München, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Universität Stuttgart veranstalteten Ferienakademie im Südtiroler Sarntal. Ulrich setzte sich auch wie sein Fakultätskollege Friedrich Mildenberger konsequent für die Verbindung wissenschaftlicher und kirchlicher Theologie ein: Ende der 1990er-Jahre initiierte er in Erlangen eine bilaterale Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der theologischen Fakultät und der Kirchenleitung der ELKB. Ziel der mehrjährigen Zusammenarbeit war eine engere Verzahnung der ersten und zweiten Ausbildungsphase.

Zu erwähnen sind ferner Ulrichs Mitgliedschaft in der Liturgischen Kommission der VELKD zur Arbeit am neuen Gesangbuch sowie in der EKD-Arbeitsgruppe „Woche für das Leben“ (1989-1991 und 1996-1997). Auch im Lutherischen Weltbund brachte er sich von 2003 bis 2005 in einer Kommission zum Verständnis lutherischer Ethik ein, ebenso wie über viele Jahre in einem ökumenischen Arbeitskreis am Johann-Adam­Möhler-Institut (Paderborn). Ganz besondere Beachtung verdient seine Präsidentschaft der Societas Ethica, der europäischen Vereinigung theologischer und philosophischer Ethikerinnen und Ethiker, die er von 2003 bis 2007 innehatte. Hier organisierte und leitete er mit Unterstützung seines Lehrstuhlteams die Jahrestagungen und publizierte die jeweiligen Konferenzbände.

Überhaupt war ihm der internationale Austausch ein Herzensanliegen. Mit seinem Lehrer Ritschl zog es ihn früh in den angloamerikanischen Raum. Schon 1974 und 1975 lehrte er am Department of Religious Studies an der Rice University (Houston, Texas). Dank seines intensiven Interesses an angloamerikanischer Theologie erschienen ausgewählte Arbeiten von Stanley Hauerwas und George A. Lindbeck in deutschen Übersetzungen. Er machte diese weltweit einflussreichen Theologen in Deutschland bekannter – zu einer Zeit, als Englisch in der Theologie noch nicht selbstverständlich war. Gerade mit Stanley Hauerwas verband ihn eine jahrzehntelange Freundschaft. Zwei seiner Schüler wurden im angloamerikanischen Raum Professoren. Mitte der 1990er-Jahre formierte sich um das Thema „Worship and Ethics“ eine langjährige Forschungsgruppe deutscher und britischer Theologen (u. a. Oswald Bayer und Dan Hardy). Hans Ulrich trug maßgeblich zu den Ergebnissen bei, die 1996 im Band „Worship and Ethics. Lutherans and Anglicans in Dialogue“ veröffentlicht wurden. Um umgekehrt das Werk Hans Ulrichs in der englischsprachigen Welt bekannter zu machen, stellte sein Freund Brian Brock (Aberdeen) 2021 eine englische Sammlung seiner wichtigsten Aufsätze unter dem Titel „Transfigured not Conformed. Christian Ethics in a Hermeneutic Key“ zusammen. Weitere Würdigungen erfolgten durch zwei Sammelbände anlässlich seines 75. Geburtstags: Im Jahre 2017 ehrten Schüler, Weggefährten und Freunde Hans Günter Ulrich mit einer Festgabe. In ihr wurden unter dem seine Theologie paradigmatisch zusammenfassenden Titel „Sagen, was Sache ist!“ – eine Formulierung, die ein berühmtes Wort Luthers aus der Heidelberger Disputation aufgriff – verschiedene Aspekte des Ulrich’schen Werkes beleuchtet. Etwas später, 2019, erschien der Band „Die Tradierung von Ethik im Gottesdienst“, der den Zusammenhang von Liturgie und Ethik im Gespräch mit Hans Günter Ulrichs Ansatz theologischer Ethik zu entdecken sucht.

„Sagen, was Sache ist“, der Gottesdienst als Erschließungsort und das „entdeckende Wahrnehmen“ sind Schlüssel zum Verständnis seines Ansatzes, den Hans Günter Ulrich selbst als „explorative Ethik“ bezeichnete. Neben zahlreichen Herausgeberschaften und über zweihundert Einzelartikeln ist vor allem sein fast 750-seitiges Hauptwerk „Wie Geschöpfe leben“ (2005) einschlägig. 2007 fand in Oxford dazu ein Internationales Symposium mit Beiträgen u.a. von Oliver O’Donovan und John Webster statt, die in einem Sonderband der „Studies in Christian Ethics“ (20.2/2007) unter dem Titel: „The Theological Ethics of Hans G. Ulrich“ veröffentlicht wurden. In „Wie Geschöpfe leben“ entfaltet Ulrich in der Einleitung die Grundzüge seiner Ethik: Sie beginnt hörend, gründet im biblischen Ethos des Trostes und bezeugt die Hoffnung, die sich in der Sehnsucht nach Gerechtigkeit erweist. Schon in der Dissertation zu Nietzsche hatte Ulrich aller moralischen wie dogmatischen Selbstgewissheit und Systematizität abgeschworen. In der Habilitation hat er im kritischen Gespräch mit Schleiermacher die Bedeutung der Eschatologie für die theologische Ethik herausgearbeitet und dabei vor allem auf die Bezeugung des in Gegenwart hineinwirkenden Geistes seinen Fokus gelegt. Prägend für Ulrichs Ethik ist einerseits eine tiefe Kenntnis der philosophischen und soziologischen Traditionen, vor allem der Gegenwart, die er ernst nimmt, die er aber immer wieder mit den tröstenden, vergebenden, verheißenden Worten des biblisch bezeugten Gottes, den Erfahrungen liturgischen Feierns wie diakonischer Praktiken konfrontiert. So entstand eine unprätentiöse Form theologischer Ethik, die nicht auf Gebote setzt, sondern Wirklichkeit im Lichte der Erzählungen des Glaubens erkundet: viatorisch, involviert und adventlich, wie es die Herausgeber seiner Festgabe präzise auf den Punkt brachten.

Hans Günter Ulrich gehörte zu jener Art von Theologen und Intellektuellen, die selten geworden sind. Er nahm sich Zeit zum Hören. Er hörte Menschen, Texten und Konflikten aufmerksam zu. Er dachte über Gelesenes und Gehörtes gründlich nach, bevor er sich zu Wort meldete. Und wenn er sprach, geschah dies klug, bedacht und mit einer Ruhe, die nicht Distanz, sondern Konzentration auf die Sache und für die Menschen erkennen ließ. In einer Zeit der schnellen Positionierung und der zugespitzten Urteile stand Hans Günter Ulrich für eine andere Form intellektueller Präsenz: für Aufmerksamkeit, Wahrhaftigkeit und Urteilskraft. Wer ihn so kennenlernen durfte, weiß, warum Hans Ulrich einen so großen Freundes- und Schülerkreis um sich scharen konnte.

Hans Günter Ulrich hinterlässt seine Frau Prof. Dr. Karin Ulrich-Eschemann und die Töchter Dr. Christine Ulrich und Dr. Eva Marie Ulrich-Riedhammer mit ihren Familien.

Mit Hans Günter Ulrich verliert der Fachbereich Evangelische Theologie und die Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg nicht nur einen herausragenden Vertreter der theologischen Ethik. Sie verliert einen Theologen, für den Wissenschaft, kirchliche Verantwortung und menschliche Zugewandtheit untrennbar zusammengehörten. Sein Werk bleibt und in ihm gibt es noch viel zu erkunden. Seine Art zu lehren, zu denken und zu sprechen ist vielen von uns weiterhin Vorbild. Wir sind dankbar für sein Wirken, für die gemeinsame Zeit, für die Gespräche, die Impulse und die Weggemeinschaft. Wir werden Hans Günter Ulrich als Menschen und als Theologen sehr vermissen.

Der Sprecher des Fachbereichs Theologie
Prof. Dr. David du Toit

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar