Jan Twardowski, Nicht erhört: „Gebete – lang und nicht erhört / um Gesundheit des Kindes, um Treue und Frieden / dann, wenn die Jahre in vollem Strom entfliehen / und man sich keinen Augenblick zurückerbitten kann / sieht Gott mehr, wenn auch selbst unsichtbar / und der Abend ist immer schneller als der Morgen …“

Nicht erhört

Gebete – lang und nicht erhört
nachts unterm Kreuz auf nacktem Boden
im Wartesaal des Hospitals, wo dem Herzen bangt
dass der Arzt den Tod abliest vom federleichten Zelluloid
auf allen Wegen, die am Ende sich verlieren

auf denen Liebe fortgeht und nicht wiederkehrt –
obschon sie geradeaus geht, trifft sie nicht auf dich
(nur auf dem Mond ist der Erdschatten rund,
hier sind Gefühle haarscharf ungewiss)

Gebete – lang und nicht erhört
um Gesundheit des Kindes, um Treue und Frieden
dann, wenn die Jahre in vollem Strom entfliehen
und man sich keinen Augenblick zurückerbitten kann
sieht Gott mehr, wenn auch selbst unsichtbar
und der Abend ist immer schneller als der Morgen …

Da ist in euch dann endlich dieses kluge Schweigen
weil alle großen Dinge über uns vonstatten gehen
weil unsre Bitten immer allzu klein
die allerreinsten doch die nie erhörten sind

Jan Twardowski

Quelle: Jan Twardowski, Geheimnis des Lächelns. Gedichte, übertragen von Karin Wolff, Graz-Wien-Köln: Styria, 1982, S. 6.

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